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Sarek und Padjelantaleden
Sarek und Padjelantaleden
Rundweg von / bis Ritsem durch den Sarek und auf dem Padjelantaleden
Geschrieben von Icelady
25.07.2010
Standard Sarek und Padjelantaleden

Vorbereitung
Wie in jedem Jahr stellte sich auch 2009 die Frage: Wohin geht’s im Sommerurlaub?
Dass Timo und ich wieder auf Wandertour gehen, war klar. Dass es im nächsten Jahr wieder nach Island geht, ist auch klar, aber was machen wir in diesem Jahr?
Eigentlich war schon seit 2 Jahren geplant, den Arctic Circle Trail in Grönland zu gehen. Aber die Anreise ist recht kompliziert und da wir keine 5 Wochen Urlaub haben, um die Anreise mit dem Schiff zu machen, die Propellermaschinen von Island aus nur fliegen, wenn sie Lust haben und der ACT an sich nur 160km lang ist, haben wir das ganze wieder verworfen. Dazu kam noch, dass es viele Mücken gibt.
Ein neuer Plan muss her:
Zuerst fassten wir den Bärenpfad in Finnland ins Auge. Doch da dieser unterhalb der Baumgrenze verläuft und es dort ebenfalls eine Unmenge Mücken hat, haben wir ihn wieder gestrichen.
Die nächste Überlegung war der Bärentrek in der Schweiz. Bekannte von uns waren im letzten Jahr dort und die Bilder haben uns fasziniert. Trotzdem haben wir ihn aus drei Gründen auch von der Liste gestrichen: 1) viel zu viele Menschen, 2) könnte man auch mal über ein langes Wochenende machen und 3) man kann kaum zelten. Hüttenübernachtungen wollten wir auf keinen Fall.
Der dritte Vorschlag war der Nordkalottleden. Er startet in finnisch Lappland, geht ein Stück durch Norwegen, wieder nach Finnland und dann nach Schweden. Bei Abisko geht er ein Stück in den Kungsleden über. Hätte ja schon was, so ein 3-Länder-Trip zu Fuß. Aber die Anreise wäre so aufwendig und zeitraubend gewesen, dass wir das auch verwerfen mussten, leider.
Jetzt wurde es echt schwer.
Doch dann meinte Timo: „Wie wärs mit dem Sarek?“ Auf unserer Kungsleden-Tour 2007 hatten wir einige Wanderer getroffen, die entweder in den Sarek wollten oder aus diesem kamen und total begeistert waren von der „letzten Wildnis Europas“. So fingen wir an Informationen zusammen zu suchen. Die Anreise sollte zwar auch nicht gerade einfach sein, aber das nahmen wir dann doch in Kauf.
Voller Enthusiasmus begann ich Bücher und Reiseberichte zu lesen, die Fjällkartan BD 6 zu kaufen und war schon total im Sarek-Fieber.
Doch dann standen wir vor dem nächsten Problem: Timo konnte nicht arbeiten und somit stand unser Sommerurlaub knapp vor dem Aus. Aber so einfach lass ich mir meinen Urlaub nicht ausreden und kurzerhand schenkten Timos Eltern und ich Timo die Anreise zum Geburtstag.
Die Essensplanung war in diesem Jahr wieder extrem spannend. Im Sarek können wir nicht einkaufen, das wussten wir. Geplant im Sarek waren ca. 80-100km, also ca. 5 Tage. Dafür mussten wir das Essen auf jeden Fall mitnehmen. Da wir beim Ausstieg aus dem Sarek an der Tarraluopal (Hütte mit Übernachtungsmöglichkeit) ankommen würden, waren eigentlich nur die ersten 5 Tage interessant. Laut Internet www.padjelanta.com und dem Outdoor-Buch „Der Weg ist das Ziel – Padjelantaleden“ vom Conrad Stein Verlag gab es auf dem Padjelantaleden in den Hütten Einkaufsmöglichkeiten. Trotzdem wollten wir uns nicht darauf verlassen und kauften Nahrungsmittel für 10 Tage ein. Außer Müsli, Schokolade und Kekse. Denn das hofften wir, wie auf dem Kungsleden, in den Hütten zu bekommen. So starteten wir mit ca. 4kg Essen. Es konnte endlich losgehen.


1. Tag (So. 09.08.2009)
Anreise Teil I

Sonntag Morgen. Packen ist angesagt. Dank perfekt geplanter Packliste, ist der Rucksack sehr schnell gepackt. Denkste. Die letzten beiden Jahre hat alles prima funktioniert, dieses Jahr aber hab ich irgendwie zu viele Kaffee-Sticks, Nudeln und überhaupt. Das Futter will einfach nicht in die Seitentaschen meines Rucksacks passen. Haben wir mehr dabei als die letzten Jahre? Eigentlich nicht. Hilft alles nix. Der Kaffee muss mit. Also ab damit in den Küchenbeutel. Dann folgt der Hebetest. Uff!!! Was ist denn alles im den Drecksack drin? So schwer war der doch noch nie. Gefühlte 250kg. Es folgt ein kurzer Abgleich mit der Packliste. Nein, es ist nur das drin, was auch auf der Liste steht. Ok,vielleicht nur kurzfristige Empfindung.
Um 14 Uhr holt mich meine Mutter ab, die sich mal wieder bereit erklärt hat uns nach Frankfurt / Main zum Flughafen zu fahren. Danke Mama. Wir holen Timo ab und los geht’s. Die Autobahn ist frei und wir sind viel zu früh am Flughafen. Macht nix, lieber zu früh, als zu spät. Das sinnlose Rumsitzen sollte am nächsten Tag noch viel schlimmer werden.
Um 19.50 Uhr hebt unser Flieger der Scandinavian Airlines (SAS) endlich ab. Es ist nicht das modernste Flugzeug und auch keine Luxusmaschine, aber sie bringt uns heil und pünktlich um 21.40 Uhr in Stockholm / Arlanda an. Leider klappt der Anschlussflug nach Kiruna in diesem Jahr nicht so gut, wie 2007. Da der früheste Flug von Frankfurt um 7.40 Uhr geht, 9.45 Uhr in Stockholm landet und der Anschlussflug nach Kiruna bereits 10.35 Uhr geht, blieb uns für den Hinweg nichts anderes übrig, als den Abendflug nach Stockholm zu nehmen und am Flughafen zu übernachten.
Wir holen unsere Rucksäcke vom Band und machen uns auf die Suche nach unserem Hotel „restandfly“ direkt im Flughafen. Auf dem leeren Flughafen haben es sich schon einige Reisende auf den Bänken gemütlich gemacht. So im Nachhinein hätten wir das wohl auch besser getan. Auf der Suche nach dem Hotel witzeln wir, dass es sicher kein gemütliches Zimmer sein wird, sondern dass wir in solche Pathologieschubladen in der Wand geschoben werden.
Nach einigem Suchen werden wir endlich fündig. Sieht ganz nett aus, das Hotel im Erdgeschoss des Flughafens. Wir erhalten 2 Schlüsselkarten, gehen den Gang entlang zu unserem Zimmer, öffnen die Tür und was sehen wir? Pathologieschubladen. Naja, nicht ganz so schlimm, aber das Zimmer ist so 2,50m auf 2,50m. Wir können gerade so zusammen drin stehen, die Rücksäcke abstellen wird schon eng. An der hinteren Wand befindet sich ein Stockbett, das wir noch selbst überziehen müssen (bereits bezogen hätte extra gekostet). Das Zimmer hat auch kein Fenster, dafür läuft die Klimaanlage die ganze Zeit. Das kann ich ja leiden. Dass kein Fenster drin ist, macht schon Sinn, da es sich um ein Stundenhotel handelt. Nein, nicht um so ein Stundenhotel – im klassischen (erotischen) Sinne! Aber wenn man am Tag ankommt, einen Jetlag hat und auf einen Anschlussflug warten muss, weiß man in dem Zimmer sicher nicht, ob hell oder dunkel draußen ist. Wie dem auch sei. Sowohl das Zimmer, als auch die sanitären Einrichtungen sind sehr sauber.
Die Nacht ist zwar nicht wirklich erholsam, weil die Wände schätzungsweise 1cm dünn sind und wir jeden Laut aus den Zimmern rechts und links von uns, sowie aus den Zimmern, die an der hinteren Wand an unseres grenzen, hören. Unser rechter Nachbar schnarcht, hinten dran sind kleine Kinder, die Krach machen, etc. Mitten in der Nacht erschreck ich beinah zu Tode. Es klopft. Welcher Vollidiot will um diese Uhrzeit was von uns? Bis ich kapiere, dass es nicht bei uns, sondern beim schnarchenden Nachbar geklopft hat. Vermutlich muss er aufstehen, um seinen Flug zu kriegen. Hervorragend.



2. Tag (Mo. 10.08.2009)
Anreise Teil II und 9km von Änonjálme Richtung Kisuris

Um 7 Uhr ist auch für uns die Nacht vorbei. Ich mach die Tür auf und bin fast blind. Direkt vor unserer Tür befindet sich eine meterhohe Fensterfront, aus der uns die Sonne entgegen lacht. Fühl mich wie ein Maulwurf. Bin völlig geblendet nach dem dunklen Zimmer.
Frühstück nehmen wir in einem Café auf dem Flughafen ein. Und was sollte es anderes geben, als Princess-Torte?
Um 10.35 Uhr hebt unser Flugzeug der norwegian.no ab und landet gegen 12 Uhr in Kiruna. Von dort aus geht es mit dem Bus in die Innenstadt an den Bahnhof. Und um 13.50 Uhr mit dem Zug nach Gällivare, wo wir 15.15 Uhr ankommen. Wir können direkt in den Bus nach Ritsem umsteigen. 3 Stunden Bus fahren liegen vor uns. Um 19 Uhr kommen wir in Ritsem an und dort wartet auch schon die Fähre des Samen auf uns.
Bereits auf dem Weg über den See Akkajaure fasziniert uns die Akka, ein Gebirgsmassiv mit 6 Gipfel, der höchste davon ist 2.015m hoch. Akka bedeutet „altes Weib“ und ist die Heimat der Gänse aus „Nils Holgerson“.
Gegen 20 Uhr kommen wir in Änonjálme an. Hier ist Ende der Zivilisation. Als das Boot wieder ablegt, wird uns erst richtig bewusst, dass wir ab jetzt auf uns allein gestellt sind. Auf der Fähre haben wir uns mit 2 jungen deutschen Männern unterhalten, von denen der eine seine erste Tour macht, der andere schon erfahren ist. Sie wollen den Padjelantaleden gehen. Im Scherz sage ich noch: „ Mal sehen, ob wir euch auf unserem Rückweg wieder treffen.“ Das ist natürlich sehr unwahrscheinlich, weil der Weg nach Tarraluopal auf dem Padjelantaleden kürzer ist, als unsere Tour durch den Sarek nach Tarra.
Nun stehen wir 4 an der ersten und letzten Sami-Hütte. Aber lange stehen wir da nicht, denn die Kriebelmücken lassen nicht lang auf sich warten. Wir schmieren uns mit Muskol ein und rennen los. Weit wollen wir eigentlich nicht mehr. Die Anreise war doch anstrengend und die letzte Nacht in der Schublade nicht wirklich erholsam. So 3-4 km, dann Zelt aufbauen und schlafen. Denkste. Der Weg führt uns über einen sehr ausgetretenen Pfad und über Bohlen durch den Wald. Keine Chance auf Zelten, denn auch die Mücken sind unerträglich. Bloß nicht stehen bleiben. Die erste Hütte kommt nach 2 km, das wissen wir. Doch auch an der Akkastugorna ist es nicht möglich ein Zelt zu stellen. Also rennen wir weiter. Das Wetter ist trocken und dunkel wird es so schnell auch nicht. Nach weiteren 2 km kommen wir an der Brücke über den Vuojatädno an. Danach geht es aufwärts und wir hoffen, dass es bis über die Baumgrenze bei 700m hinaus geht, damit die Mücken weg sind. So war das zumindest auf dem Kungsleden. Auf dem Plateau angekommen, wird es leider nicht wirklich besser. Die Aussicht auf den Fluss, der im Sonnenuntergang glitzert, ist schon gigantisch. Aber genießen können wir die Landschaft leider nicht richtig. Sie sind noch immer hinter uns her. Abwechselnd führt uns der Weg über Bohlen, die über Moor liegen und durch Wald. Nach 2 Stunden haben wir dann aber endlich genug. Es wird nicht besser mit den Mücken und so beschließen wir bei der nächsten Zeltmöglichkeit es für heute gut sein zu lassen. Nach einem sehr langen Stück Wald kommen wir endlich an eine freie, nicht moorige Fläche, auf der wir im Eiltempo unsere „Hütte“ aufbauen. Loch auf, Rucksäcke rein, selbst rein, Loch zu. Puh, geschafft. Kochen? Nee, vergiss es. Hunger haben wir eh nicht, da wir auf der Busfahrt eine Packung Knäckebrot gegessen haben. Timo fragt:“Weißt du, wie weit wir gelaufen sind?“ „Schätze so 3-4 km“ „Nee, 9 km“ Ui, da waren wir aber ganz schön schnell. Wir packen nacheinander die Isomatten und Schlafsäcke aus und schlafen auch sofort ein.





3. Tag (Di. 11.08.2009)
20km bis zum Nijak

Gegen 7.30 Uhr wachen wir auf. Ausgeschlafen und voller Tatendrang kriechen wir aus dem Zelt, um Kaffee zu kochen. Das Frühstück erweist sich jedoch als ein sehr ungemütliches Unterfangen, da die Mücken es rasend schnell kapiert haben, dass potentielle Opfer vorhanden sind. Muskol aufsprühen, Müsli runter stürzen, Sachen packen und weiter rennen. Hoffentlich geht das die nächsten 14 Tage nicht so weiter.
Der Padjelantaleden setzt sich auf Bohlen fort, wie auch durch Wald und über steinige Pfade, die Mücken immer im Schlepptau.
Nach ca. 4,5 km erreichen wir die Abzweigung Padjelantaleden / Sarek in Form der Brücke über den Fluss Sjnjuftjutisjakka. Rechts über die Brücke geht es zur Kisurisstugan, geradeaus geht es ins Nirgendwo. Wir wählen den Weg geradeaus. Raus aus der Zivilisation und wir sind gespannt, wie viele Menschen uns ab hier noch begegnen. Die Sonne scheint, unser Weg führt uns über ein Plateau, auf dem ein paar vereinzelte Birken wachsen. Links unter uns begleitet uns der Sjnjuftjutisjakka in einem strahlenden, in der Sonne glitzernden Türkis. Der einzige Störfaktor in dieser Idylle sind unsere ständigen, schwarzen, kleinen Begleiter. Trotz der Überschreitung der magischen 700m Höhenmeter sind sie noch immer da. Komisch, vor 2 Jahren hat das geklappt. Die Bäume werden weniger, die Landschaft weiter und hügeliger. Wir kommen immer weiter in den Sarek. Auf einem Hügel steht ein grünes Tunnelzelt. Um die Uhrzeit? Es ist 11 Uhr. Aus dem Zelt kommen 2 Gestalten gekrabbelt, die von weitem sehr seltsam aussehen. Als wir bei ihnen ankommen, wissen wir auch, warum: Sie haben Mückennetze über dem Kopf. So schlimm sind die Mücken auch wieder nicht, dass ich meinen Urlaub nur als Karomuster durch ein Netz sehen will. Dann lieber Mücken. Wir unterhalten uns kurz und das Paar erzählt uns, dass sie heute ausgeschlafen haben und dann so im Lauf des Tages weiter wandern wollen. Sie erzählen uns auch, dass die Mücken in diesem Jahr extrem sind, die letzten Jahre wäre es nicht so schlimm gewesen. Wir verabschieden uns und setzen unseren Weg, oder besser gesagt, die instinktive Wegführung, fort. Von Weg keine Spur mehr. Such selbst wo es lang geht. Wir haben ja das GPS, das uns zeigt, wohin wir müssen. Da aber immer geradeaus, sollte das kein Problem sein. Und da ist sie auch schon: Unsere erste Furt für diese Tour. Der Bach ist nicht sehr breit, vielleicht 2,50 m und auch nicht wirklich tief. Es liegen zudem Steine drin und so geben wir uns den Aufwand mit Sandalen anziehen nicht, sondern wollen den Bach über die Steine hüpfend überqueren. Timo geht als erster. Kaum hat er den Fuß auf den ersten Stein gesetzt, lässt es einen Platscher. Timo liegt mitsamt dem Rucksack in dem flachen Bach. Das fängt ja gut an. Hose nass, Unterhose nass und Schuhe nass. Hose und Unterhose sind kein Problem, sind ja schnell-trocknende Materialien, aber Wasser in den Schuhen ist echt eklig. Wanderschuhe trocknen innen sehr schlecht. Aber so ist das jetzt nunmal. Timo kanns nicht ändern und muss da durch. Die Steine erweisen sich als unendlich glatt. Komischerweise ist das Wasser wohl doch nicht so leblos, denn die Steine sind mit braunen Algen bewachsen, die den Stein rutschig machen. Damit hatte Timo beim ersten Schritt leider nicht gerechnet. Auf dem Kungsleden waren die Steine im Wasser nie glatt, da in den Bächen und Flüssen keine Pflanzen gewachsen sind.
Anfangs ist das querfeldein nur nach GPS Wandern echt lustig, doch nach und nach wird es immer anstrengender, da das Gelände nicht flach, sondern hügelig ist. Immer auf und ab, auf und ab. Unser blauer Begleiter hat sich in der Zwischenzeit auch verabschiedet und so sind wir ganz allein auf weiter Flur. Rechts von uns geht es abwärts in ein ausgetrocknetes Flussbett. Ich bin mit Stapfen durch die spärliche Vegetation des Sarek beschäftigt, als Timo sagt: „Guck mal da runter“. Ich tu wie mir geheißen und da liegt es: Das Rentier-Skelett. Gruselig. Die Knochen sind noch in der gleichen Anordnung, wie sie im lebenden Tier waren, nur, dass sie blank liegen. Nur noch Knochen und Geweih sind von dem Tier übrig. Aber dennoch als Rentier zu identifizieren. Solange es „nur“ Rentiere sind...
Vor uns ragt der Nijak mit seinen 1.922 m auf. Vorne geht er nahezu senkrecht nach oben, die Rückseite dagegen läuft sehr flach aus. In der Zwischenzeit hat es angefangen zu nieseln und wir haben schon die Regensachen ausgepackt. Es ist zwar erst 15.30 Uhr, dennoch beschließen wir für heute aufzuhören und uns einen Zeltplatz zu suchen. Recht weit oben, so hoffen wir, sind die Mücken nicht mehr so arg. Bäume hat es ja schon eine ganze Weile nicht mehr. Wir finden ein schönes Plätzchen auf einer flachen Anhöhe mit Blick auf den Nijak und den Fluss Nijakjagasj, der von links einen kleinen Zufluss bekommt. Dieser Zufluss ist sehr flach und glasklar, so dass wir dort unser Trinkwasser holen. Nachdem das Zelt gestellt ist, bauen wir den Kocher windgeschützt hinter einem Stein auf und kochen. Es gibt Nudeln mit Soße und danach den obligatorischen Tee. Doch schon während des Essens wird der Regen stärker und wir ziehen mit dem heißen Tee ins Zelt um. Es wird glücklicherweise dann auch wieder weniger, so dass wir wenigstens die Chance kriegen uns am Bach zu waschen. Muss sein. Timo verspricht, morgen früh auf den Nijak zu klettern und Brötchen mitzubringen. Gerne. Ich schlaf dann noch ein bisschen weiter Langweilig ist es schon, so den ganzen Abend im Zelt zu verbringen. Normalerweise wandern wir um diese Uhrzeit noch. Wobei wir schon froh sind, so früh abgebrochen zu haben, sonst wären wir jetzt doch sehr nass.
In der Nacht erweist sich unser toller Zeltplatz auf der Anhöhe als totale Pleite. Mücken hat es keine mehr, dafür fegt uns ein schöner Wind um die Ohren, der das Zelt zum Flattern und Rütteln bringt. Prima. Ich seh uns schon, wie damals an der schottischen Küste, das Zelt mitten in der Nacht abzubauen und weiter zu wandern. Aber so stark wird der Wind dann doch nicht, die Nacht allerdings ist bei dem Krach nicht wirklich sehr erholsam. Also dann doch auf der weiteren Tour eher ein windgeschütztes Plätzchen, als Schutz vor Mücken. Einen Tod muss man wohl sterben. Kann nur besser werden und aus Fehlern lernt man.





4. Tag (Mi. 12.08.2009)
24km vom Nijak zur Mikkastugan

Da der Bäcker auf dem Nijak leider zu hat, frühstücken wir doch Müsli und gehen um 08.40 Uhr weiter. Der Regen hat auf aufgehört. Wir folgen immer weiter dem Nijakjagasj an dessen Ufer entlang, das teilweise durch den Regen so aufgeweicht ist, dass wir nach rechts über Anhöhen ausweichen müssen. Die Landschaft an sich ist typisch Fjäll: grün und mit viel Geröll, über das wir auch drüber müssen. Auch diese Geröll-Steine sind mit grünen Flechten überzogen, die sehr glatt sind durch die Feuchtigkeit.
Der Weg an sich existiert hier auch nicht, sondern wir nutzen Rentierpfade, die allerdings sehr schmal und auf einmal ganz verschwunden sind.
Huch, was ist das denn? Ach ja, fast hätten wir sie vergessen, unsere Furten. Da fällt uns doch wieder der Running-Gag vom Kungsleden ein: „There`s no bridge! How can this be???“ Haha.
Der Bach ist durch den Regen der letzten Nacht sehr breit geworden. Bis zur Mitte ist alles flach, Steine schauen raus, die trocken sind. Doch dann kommen wir zum eigentlichen Bach, der für Wanderschuhe zu tief ist. Aber ein Versuch ist es wert. Wir gehen etwas flussaufwärts, dann etwas flussabwärts, um eine geeignete Stelle zu finden, die mit Wanderschuhen passierbar ist. In der Zwischenzeit ist auch das Paar am Bach angelangt, das wir gestern kurz nach dem Rentierskelett überholt hatten. Er ist etwa 2 m groß, seine Begleiterin ca. 1,60 m. Er denkt anscheinend überhaupt nicht über das Furten mit Sandalen nach, sondern latscht einfach durch den Fluss durch. Tja, jetzt sind seine Schuhe auch innen nass, da der Fluss einfach zu tief ist. Seine Begleiterin zieht dann doch lieber die Sandalen an und wir tun das Gleiche. Hosen hoch gekrempelt bis zum Knie und in Sandalen setze ich den ersten Fuß ins Wasser. Abgestorben. Zweiter Fuß rein, auch abgestorben. Keinerlei Gefühl mehr. Dann kann es ja losgehen. Der Fluss ist problemlos zu durchwaten, da die Steine keineswegs glatt sind und die Strömung auch nicht stark ist. Aber wo um Himmels Willen sind meine Füße? Ich suche mit Blicken den Fluss ab, ob ich sie irgendwo verloren habe. Nix. Aber dann finde ich sie: sie sind wider Erwarten noch an meinen Beinen dran, denn sie fangen an zu pochen und ganz heiß zu werden. Herr Kneipp muss auch hier gewesen sein, bevor er die Kneipp-Kur alltagstauglich gemacht hat. Timo ist ebenfalls ohne Sturz oder sonstigen Komplikationen durch den Fluss gekommen. Nun wieder Wanderschuhe an und weiter.
Ein Stück nach der Furt entdecken wir auf einem Hügel eine Hütte. Sind wir schon bei der Mikkastugorna? Kann nicht sein. Aber wenn die Hütte offen ist, will ich da erst mal ein Päuschen machen. Als wir näher kommen, sehen wir wehende Handtücher. Wohnt dort etwa jemand? Dort angekommen entdecken wir eine Familie, die gerade ihre Sachen in die Rucksäcke packt. Wir unterhalten uns mit dem Mann, der aus Upsala (Südschweden) kommt, aber sehr gut deutsch spricht. Er erzählt uns, dass er, seine Frau und sein Sohn eine 3-4 Tages-Tour durch den Sarek machen. Die Hütte ist nicht offen, sondern ist eine sogenannte Renvaktarstuga, eine Hütte für die Rentierhirten. Die Familie hat nur davor gezeltet. Schade. Keine Mittagspause im Trockenen.
Wir folgen weiter dem Ruothesvágge über Geröllfelder und durch matschige Wiesen. Um 13 Uhr machen wir eine kleine Pause, um ein Stück Käse und einen Müsliriegel zu essen. Kaum sitzen wir auf einem Stein, fängt es an zu regnen. OK, ok, wir gehen ja weiter. Im Regen sitzen ist doof. Völlig eingepackt in Regensachen und mit dicken Wolken über dem Kopf lässt sich die Schönheit der Landschaft wie sie bei Sonnenschein wäre nur erahnen. Als es wieder aufhört zu regnen, bestehe ich darauf, die abgebrochene Pause nachzuholen. Wir setzen uns wieder auf einen Stein und kaum ist das Futter ausgepackt, fängt es wieder an. Es scheint, als dass wir dem Regen davon laufen, aber sobald wir eine Pause machen, holt er uns ein.
Nicht, dass Wasser von oben schon genug wäre: Vor uns liegt die nächste Furt, bzw. die nächsten Furten. An dieser Stelle teilt sich der Gletscherfluss Smájllájahka, der trüb und saukalt ist, in mehrere Arme. Zwischen den Armen befinden sich Sandbänke. Am einfachsten wäre es wohl durch den eigentlichen Fluss zu waten. Nach näherem Hinsehen, verwerfen wir die Idee aber wieder. Er ist zu trüb, tief und die Strömung ist enorm. Hilft alles nix: Sandalen müssen an. Durch den ersten Arm kommen wir noch problemlos. Das Finden einer geeigneten Stelle der nächsten beiden Arme erweist sich etwas schwieriger, aber das GPS hat mal wieder recht mit der Anzeige der besten Furtstelle. Durch den zweiten Arm geht gut, dann gehen wir auf der Sandbank ein Stück flussaufwärts und finden beim dritten Arm auch eine passierbare Stelle. Tiefer als bis Mitte Wade ging das Wasser nicht, die Strömung war dementsprechend auch nicht dramatisch. Am anderen Ufer angekommen, ziehen wir die Wanderschuhe wieder an und entdecken auf der anderen Seite drei weitere Paare. Wir setzen uns, um dem Schauspiel zuzuschauen. Das erste Paar hat uns gut zugeschaut und entscheidet sich nach ein bisschen Suchen für den gleichen Weg wie wir. Das zweite Paar zieht erst mal die Hosen komplett aus und watet in Shorts, bzw. String auch den gleichen Weg. Das Ausziehen war eigentlich sinnlos, da sie ja sehen konnten, dass das Wasser nicht höher als bis zur Wade geht. Aber es trug zur Unterhaltung bei. Das dritte Paar ist das Paar, das wir die letzten zwei Tage getroffen hatten. Zur Erinnerung: Er 2 m groß, sie 1,60 m. Dieses Mal hat auch er einsehen müssen, dass er um Sandalen nicht herum kommt. Durch die ersten beiden Arme nehmen sie die gleichen Stellen wie wir anderen 6. Doch grad beim letzten Arm nimmt er eine Stelle, die etwa 3 m weiter flussabwärts liegt, als die, die alle anderen genommen haben. Und siehe da: Er steht bis über die Knie im Wasser. Aber das war noch nicht alles. Seine Begleiterin scheucht er ebenfalls an dieser Stelle durch, nimmt ihr vorher aber sogar noch den Rucksack ab. Mit Rucksack hätte sie einen besseren Halt, da das Gewicht höher ist. Nun ja. Doch das Beste kommt noch. Da sie um einiges kleiner ist als er, geht ihr das Wasser bis zur Hüfte und die Strömung reißt sie bald weg. Meine Güte, die Frau tut uns echt leid. 3 m weiter oben, wo alle durch sind, wäre auch sie trocken geblieben.
Könnte stundenlang hier sitzen bleiben und anderen beim Furten zuschauen, aber nun müssen wir weiter. Eine Furt kommt noch, aber die ist harmlos. Die vom GPS angezeigte weitere Furt existiert nicht. Puh, Glück gehabt.
Der Weg ist nun wieder Weg und das Wetter ist auch besser geworden. Es regnet nicht am Stück, sondern immer mal wieder. Vor uns sehen wir schon die Mikkastugan. Das ist eine kleine Hütte, in der nur ein Satellitentelefon zu finden ist. Reinsitzen oder sogar drin schlafen ist nicht möglich. Aber das wollen wir auch gar nicht. An der Hütte sind bereits drei andere Paare angekommen, die sich um die Hütte herum gute Zeltplätze sichern. Geradeaus an der Hütte vorbei gibt es eine Brücke über den mittlerweile reißenden, in eine tiefe Schlucht eingegrabenen Smájllájåhka. Über diese geht es ins Rapadalen, dem gängigsten Weg durch den Sarek. Wir tippen, dass die anderen drei Paare diesen Weg nehmen, wir wollen diesen aber nicht gehen, sondern wir biegen an der Mikkastugan nach rechts ab, folgen der Schlucht des Smájllájåhka, steigen über einen Rentierzaun und suchen uns dort einen Zeltplatz. Es ist 16.15 Uhr. Wir finden auch einen, mit einem kleinen Bach. Bereits beim Aufstellen des Zelts fängt es wieder an zu regnen. Schnell, schnell, rein ins Zelt. Und was ist mit essen? Gut, kochen wir eben im Vorzelt. Nach dem Essen will ich mich eigentlich noch waschen gehen, aber es regnet ja noch immer. Timo will echt nimmer raus und frotzelt: „Wenn du nackig an den Bach rennst, zieh ich mit.“ Tja, das hätt er nicht sagen sollen. Schwuppdiwupp bin ich ausgezogen und renn im Regen zum Bach. Da muss er dann halt doch nachziehen. Klamotten an zu lassen wär ja auch völliger Blödsinn gewesen, denn die wären eh nur nass geworden. Und was nicht tötet, härtet ab. Lustig wars allemal.





5. Tag (Do. 13.08.2009)
21km von der Mikkastugan durchs Álgavágge bis zum Niejdariehpvágge

Es regnet nicht mehr. Blick nach links: Das Rapadalen-Delta. Nein, da wollen wir nicht hin. Sieht matschig und feucht aus. Wir machen uns um 9 Uhr auf die Socken und suchen im Guohpervágge mal wieder den Weg. Irgendwo zwischen Blaubeersträuchern und Flechten muss er doch sein! Nee, Fehlanzeige. Also immer dem GPS nach. „Ah, da unten ist der Weg“. Also geht es Abwärts durch die Botanik auf den Weg. Allerdings nur um festzustellen, dass er nach ein paar Meter wieder endet. „Guck, da oben ist der Weg jetzt. Und da unten ist auch einer.“... Das Spiel spielen wir eine Weile mit, dann wird es uns doch zu blöd. Auf- und absteigen, nur um ein paar Meter auf einem Rentierpfad zu gehen, ist zeitraubender, als direkt durch die Büsche zu stapfen. Die Landschaft ist herrlich. Grünes Fjäll, rechts und links von uns sind Berge und vor uns liegt unendliche Weite. Links unter uns glitzert der Guohperjåhka im Sonnenlicht. Wunderschön.
Das Abbiegen nach Süden ins Álgavágge hat die Überquerung des Guohperjåhka zur Folge. Unsere erste Furt für diesen Tag. Ein sehr trüber Fluss bei dem man den Grund nicht sehen kann. Weder Steine noch sonst irgendetwas Bodenartiges lässt sich in der Brühe erkennen. Keine Ahnung, wie tief das ist. Zudem hat es die Strömung echt in sich. Das Suchen nach einer besser passierbaren Stelle als da, wo wir jetzt stehen, ist absoluter Blödsinn, denn der Fluss ist überall gleich breit und überall gleich schnell. Wie war das gestern? Hosen ausziehen und nur in Unterhosen furten? Genau, das machen wir jetzt auch. Wir wissen ja nicht, ob Hosen hochkrempeln bis zum Knie reicht. Na dann: Hose aus, Sandalen an und ab ins kalte Nass. Ins saukalte Nass. Nachdem die Füße taub geworden sind, geht es eigentlich. Die Steine sind nicht glatt und es lässt sich gut voran tasten. Auf der anderen Seite angekommen, müssen wir erst mal lachen. Der Fluss ist gerade mal etwas mehr als Knöchel tief gewesen. Aber Hauptsache die Hosen ausgezogen. Timo meinte, er wisse jetzt, warum auf dem Hügel vor uns Sami-Hütten stehen. Das Schauspiel, wenn blöde Touristen ohne Hosen durch den Fluss waten, muss zu schön sein. Hoffentlich hat uns niemand gesehen. Ich stelle meinen Rucksack ab und schwupps ist meine eine 0,5l PET Trinkflasche in einer Felsspalte verschwunden. Klasse. Und genau so ungeschickt rein gefallen, dass man sie auch nicht mehr heraus bekommt. Bin eh schon fix und alle nach der Wegsucherei von heute morgen, dass mir das auch noch super rein läuft. Bin total angenervt. Bringt halt auch nix, es muss ab jetzt nun mit nur 0,5l gehen. Timo hat ja auch noch eine Literflasche und bunkern müssen wir Wasser hier eh nicht. Es gibt genug an jeder Ecke und von oben auch noch.
Nachdem wir unsere Hosen und Wanderschuhe wieder angezogen haben, geht es den Hügel hinauf, an den Hütten vorbei und durch einen Rentierzaun. Wir sind im Álgavágge. Das Tal erstreckt sich scheinbar unendlich weit geradeaus und wir wandeln weiter auf Rentierpfaden. Diese wechseln sich ab mit Geröllfeldern und Mooren. Moore sind prima schon von Weitem erkennbar, nämlich am Wollgras. So können wir frühzeitig den Bogen ansetzen, um es zu umgehen. Geröllfelder sind auch schon früh zu erkennen, nur ein Ausweichen ist meist nicht möglich. Durch den Regen sind die mit Flechten bewachsenen Steine sehr glatt. Ebenfalls wechselt sich Regen mit Sonne ab. Das GPS zeigt uns den Weg rechts oben an, wir ziehen es aber vor, so weit wie möglich am Fluss Gálmmejåhka entlang zu laufen, da dort besser voran zu kommen ist, als über die Hügel weiter oben. Als sich die Sonne blicken lässt, bekommt das Tal etwas sehr Mystisches. Rechts von uns ragt das Härrábákte (langgezogenes Bergmassiv) mit 1.704m auf, dessen Gipfel aussehen, wie Zinnen einer Burg. Diese Zinnen liegen in den Wolken und ein Raubvogel zieht seine Kreise. Gigantisch!
Dann setzt der Dauerregen ein. Der Untergrund weicht komplett auf, ein Vorankommen wird immer schwieriger. Die Trampelpfade sind mittlerweile knöcheltief, wir müssen immer öfter ins Gebüsch ausweichen. Der Boden ist hier durch das Wurzelwerk der Pflanzen nicht so matschig und man sinkt dementsprechend nicht ein. Die Regenhosen leiden, da sie an den Ästen hängen bleiben. Timos Hose hält dem Gezerre nicht mehr Stand. Loch drin. Zum Glück nur ein kleines. Auch läuft ihm das Wasser in die Schuhe, da sie (nach 10 Jahren Einsatz) undicht geworden sind. So kann wenigstens das Wasser, das noch vom zweiten Tag drin steht, auch wieder raus laufen. Was ist das da vorne? Menschen? Ui, schon lange nicht mehr gesehen. Wir unterhalten uns kurz mit den beiden uns entgegenkommenden Frauen und sie nehmen uns jede Hoffnung, dass der Weg besser wird. Kann man nix machen. Wir wollen heute auf jeden Fall noch durch das Álgavágge bis zum Niejdariehpvágge, damit wir uns morgen früh gleich an den Aufstieg machen können. Es ist auch nicht mehr weit. Der Abzweig ins Tal ist schon zu sehen. Doch zwischen uns und unserem potentiellen Zeltplatz liegt noch ein Fluss. Nass sind wir eh schon, also macht die Furt auch nix mehr. Regenhose aus, Hose hoch, Sandalen an und ab durchs Wasser. Kennen wir ja schon. Auf der anderen Seite Regenhosen und Wanderschuhe wieder an. 2,5 m laufen, sehen, dass da noch ein Flussarm kommt und das ganze geht von vorne los. Regenhose lass ich jetzt aus, da es nicht mehr stark regnet und wir eh gleich das Zelt stellen. Falsch gedacht. Auf der anderen Seite des Flusses gehen wir ein Stück den Hügel hinauf, da zelten am Flussufer nur dann eine tolle Idee ist, wenn man morgens direkt aus dem Schlafsack heraus schwimmen will. Von unten sehen wir auch schon ein tolles Plätzchen. Das weckt neue Kräfte.Voller Vorfreude auf ein trockenes Plätzchen will ich den Rucksack abwerfen, als Timo meinen Enthusiasmus zunichte macht: auf unserem auserkorenem Zeltplatz wohnt schon jemand: ein See. Mist. Also muss ich doch wieder die Regenhose anziehen, wenn ich nicht komplett durchweichen will. Ich kann nicht mehr und will nicht mehr. Seit 3 Tagen Regen, der heutige Tag mit dem Gestapfe durch Matsch, das ist einfach zu viel. Doch es bringt nix. Das weiß ich. Wir suchen weiter. Leider gibt es nicht wirklich tolle Zeltmöglichkeiten. Entweder ist das geschützte Plätzchen hinter einem Hügel eine Feuchtwiese, zu abschüssig oder der Hügel ist zu klein, um Wind abzuhalten, der von vorne durchs Tal bläst. Schließendlich finden wir aber was, auch wenn der Hügel nicht gerade arg hoch ist, hinter dem wir die Hütte aufstellen, aber er muss reichen. Wassertechnisch sieht es auch nicht rosig aus (von dem, das von oben kommt mal abgesehen). Dann muss es eben die Gletschermilch tun, die in einem Affenzahn durch die Schlucht neben unserem Zelt fließt. Knirscht beim Trinken etwas zwischen den Zähnen.
Nach dem Essen und dem echt hart verdienten heißen Tee kuscheln wir in die Schlafsäcke und schlafen in der Hoffnung auf besser Wetter für die morgige Passüberquerung ein.



6. Tag (Fr. 14.08.2009)
21km durchs Niejdariehpvágge und Sarvesvágge

Rechtes Auge auf. Linkes Auge auf. Rechtes Ohr? Bist du taub? Linkes Ohr, du auch? Puh, nein, ich höre Timo in seinem Schlafsack rascheln. Pssst. Tatsächlich. Stille. Das mittlerweile vertraute und gleichzeitig gefürchtete,gleichmäßige Trommeln der Tropfen auf dem Zeltdach fehlt. Es regnet nicht mehr. Welch ein Glück. Reißverschluss vom Innenzelt auf, dann den vom Außenzelt. Blick nach draußen: grau, aber trocken.
Nach dem Frühstück packen wir zusammen und machen uns an den Anstieg. Von ca. 600 Höhenmeter auf 1.200 und das auf geschätzten 5-7km. Kaum sind wir gestartet, bekommen wir ganz unerwarteten Besuch. Die Sonne kommt raus. Es wird so warm, dass wir sogar im T-Shirt laufen können. Rechts von uns geht es steil abwärts in die Schlucht, die sich der Niejdariehpjågåsj im Laufe der Jahre gegraben hat. Auf der anderen Seite der Schlucht turnen Rentiere so unbeschwert an der recht steilen Felswand herum, dass man glatt neidisch werden könnte. Was die Tiere wohl denken, als sie uns sehen? „Schon wieder solche Menschen, die sich mit einer Unmenge Gepäck den Berg hinauf quälen. Versteh ich gar nicht, geht doch ganz leicht.“ Rechts und links der Schlucht erheben sich der Niejdariehpphe (1.816m) und der Sarvestjåhkkå (1.830m) mit zwei Gletschern. Die Landschaft an sich wird im Lauf des Aufstiegs immer karger, von grünem Fjäll zu grauem Geröll, zwischen dem sich aber noch einige kleine grüne Stellen, wie Moos, behaupten können. Von rechts kommen uns die Gletscher entgegen. Wir gehen immer am Fluss entlang, der mit zunehmender Höhe immer flacher und breiter wird. Der Weg wechselt von Moosen und Flechten zu Steinen und dann zu sehr großen Steinen. Am Gipfel angekommen wollen wir Pause machen, aber kaum sitzen wir auf den Steinen, fängt es wieder an zu regnen. Ist ja nix neues. Noch ein bisschen Schokolade gönnen, Regensachen an und weiter. Am höchsten Punkt des „Tales“ befindet sich eine Wasserscheide, die mich vor zwei Tagen schon so fasziniert hat. Wir sind gegen den Strom des Flusses gewandert, auf einmal fließt der Fluss mit uns. Hä? Timo klärt mich auf: Eine Wasserscheide, an der ein Fluss sich durch Geländeabfall teilt, z.B. ein Gletscherfluss kommt vom Berg herunter und genau da, wo er unten ankommt, gibt es ein Gefälle des Geländes nach rechts und links. Die Wassermassen teilen sich. So ist das oben auf dem Pass auch. Ab hier geht es abwärts. An der Wasserscheide angekommen können wir ins Sarvesvágge schauen. Mit allem haben wir für den Abstieg gerechnet, mit Geröll oder Steilhang, aber nicht mit einem Schneefeld, das sich bis runter ins Tal zieht. Könnte lustig werden. Rechts und links des Schneefeldes ist Steilwand, meiden ist also nicht möglich. Dann bleibt nur die Flucht nach vorne. Wie wir sehen, haben bereits Rentiere den Abstieg übers Feld gemacht und diesen Spuren folgen wir. Am linken Rand des Schneefeldes fließt ein Bach durch, das Feld schmilzt und wir wissen nicht, ob es komplett unterspült ist, wie dick es ist und wie tief es runter geht. Aber wir haben keine andere Wahl. Erster Schritt...hält, zweiter Schritt...hält auch. Vorsichtig tasten wir uns über den Schnee. Vor uns tut sich ein See auf, der von dem unterirdischen Fluss gespeist wird. Sieht klasse aus, der strahlend blaue See im weißen Schnee. Da kommt auch schon das Ende des Schneefeldes in Sicht – Geröll. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Doch der weitere Abstieg geht über ein weiteres Schneefeld, dann über eine Wiese, immer begleitet vom Fluss. Es wird grüner und weniger felsig. Wir kommen ins Tal. Ein Herrlicher Ausblick ist das ins Sarvesvágge. Die Sonne lässt sich blicken und das Tal erstrahlt in einem tollen Grün. Wir biegen nach rechts ab und steigen hinab bis zum Ufer des Sarvesjåhkkå. Laut GPS müssen wir am Fluss entlang, aber verlaufen ist eh nicht möglich: es geht immer geradeaus, zwischen schroffen Berghängen hindurch, auf der rechten Seite der Skáidetjåhkkå mit einer Höhe von 1.830m. Nach einem Blick auf die Uhr sind wir echt überrascht, dass es erst 12.30 Uhr ist. Eigentlich hatten wir den ganzen Tag für das Niejdariehpvágge eingeplant, aber es hat doch besser und schneller geklappt, als gedacht. So gönnen wir uns eine Pause, sitzen in der Sonne, schauen ins Tal und beobachten Rentiere, die locker flockig an den Hängen entlang rennen, mitten im Lauf um 180° drehen, weil sie irgendwo etwas zu fressen gesehen oder gerochen haben.
Der Weg durchs Sarvesvágge sieht toll aus: ein unendlich weites Tal liegt vor uns. Doch es sieht nur von Weitem so idyllisch aus. Vor uns befinden sich viele wunderschöne grüne, aber tückische Wiesen, im Wechsel mit Geröllfeldern. Gegen 14 Uhr fängt es wieder an zu regnen. Die mit Flechten bewachsenen Steine der Geröllfelder werden rutschiger, die moorigen Wiesen tiefer. Kommen wir durch? Gibt es genügend Steine oder Grasnaben zum Hüpfen oder gehen wir lieber gleich obenrum? Fragen über Fragen.
So gegen 17 Uhr kommen wir an einer Furt an. Es folgt die übliche Prozedur: Sandalen an, Hosen hoch und geeignete Stelle suchen. Der Fluss ist sehr klar, aber auch recht tief mit Strömung. Aber wir finden recht schnell eine gute Stelle. Auf der anderen Seite angekommen, zeigt das GPS zwar noch eine weitere Furt, aber erst in einiger Entfernung. So ziehen wir die Wanderschuhe wieder an, denn mit Sandalen wandern ist zu riskant. Kaum ein paar Meter gelaufen, kommt die nächste Furt. Hm, wegen den 50m hätten wir die Sandalen an lassen können. Also das Ganze wieder von vorne. Diese Furt weist eine neue Herausforderung auf: Das gegenüberliegende Ufer ist Abbruchkante und es lässt sich nicht an jeder Stelle aussteigen. Wir gehen ein Stück flussaufwärts und auch ein Stück abwärts und finden auch hier eine passierbare Stelle. So, das war die letzte Furt für heute. Wir wollen noch den vor uns liegenden Hügel rauf und uns einen Zeltplatz suchen. Hinter einem kleinen Hügel werden wir schließlich fündig, mit Blick aufs Delta, das wir morgen entlang gehen wollen. Aber erst mal gibt es Futter. Heute stehen Nudeln mit Tomatensoße auf dem Speiseplan.





7. Tag (Sa. 15.08.2009)
18km vom Sarvesvágge nach Tarraluopal

Als wir aufwachen, regnet es noch immer. Ist ja nix neues mehr. Frühstück? Gerne, aber wo ist das Müsli? Stimmt, das ist aufgefuttert. Was frühstücken wir dann? Nudeln, Couscous, Kartoffelpü? Neue Kreation: Couscous mit Schokoladenstückchen. Klingt prima. Der Couscous mag aber in den Tassen nicht wirklich gut quellen und so werden die Tassen kurzerhand in den Topf mit Wasser gestellt und erhitzt. Funktioniert. Und? Wie schmeckts? Nach gar nix. Brrr. Schade eigentlich.
In der Hoffnung, dass doch noch die Sonne raus kommt und unser Zelt etwas trocknet, warten wir noch eine Weile. Doch dann müssen wir die Sinnlosigkeit dieser Aktion einsehen, packen mit noch immer nassem Zelt um 9 Uhr unsere Sachen und gehen um 9.24 Uhr los in Richtung Tarra. Ich dachte, dass wir wieder absteigen, am Flussdelta entlang gehen und am Ende des Sarvesvágge ins Tarradalen abbiegen. Die Route, die Timo am PC geplant hat, sieht allerdings etwas anderes vor: Ab über die Hügel querfeldein. Macht definitiv mehr Sinn, zumal das Delta von oben sehr grün und somit sehr moorig aussieht. So nehmen wir die Abkürzung über die Hügel Richtung Tarra. Oben begegnen wir einigen Rentieren, die ganz komisch gucken. So oft haben die hier oben wohl noch nicht Wanderer gesehen. Es geht auf und ab, auf und ab. Das Wetter wird besser, der Dauerregen ist einem leichten Nieselregen gewichen. Ich habe mittlerweile die Orientierung total verloren. Erst als wir einen Rentierzaun passieren müssen, seh auch ich, dass wir nicht mehr am Sarvesjåhkkå entlang gehen, sondern schon vor einer ganzen Weile nach Süden abgebogen sind. Tarra kommt näher. Beim Abstieg kommen uns zwei andere Wanderer entgegen. Es ist 12 Uhr. So weit kann es dann bis Tarra nicht mehr sein. Wir kommen mit den beiden Männern ins Gespräch, scheinen Engländer zu sein. Sie erzählen uns, dass sie gestern mit dem Helikopter in Tarra angekommen sind. Also weiter geht’s.
Laut GPS liegen noch 2 Furten vor uns. Rechts unten sehen wir Menschen, die gerade eine Furt bewältigen. Aber das scheint nicht unsere zu sein. Unser Weg geht geradeaus. Wir rätseln, ob wir über den Hügel vor uns müssen oder doch rechts abbiegen. GPS zeigt geradeaus. Dann kommt auch schon der See in Sicht, dessen beide Arme wir furten müssen. Aber irgendwie sieht der See in Wirklichkeit anders aus, als der auf dem GPS. Als es uns dann anzeigt, dass wir rechts abbiegen müssen, wird es klar: Auf der Karte ist der See spiegelverkehrt. Wir hätten uns den Weg um den Hügel sparen und gleich absteigen können, denn die Furt der beiden Wanderer vorhin ist auch unsere. Vom See fließen zwei Arme ab, die sich vor uns zu einem vereinen. Nachdem wir uns beide angesehen haben, entscheiden wir uns beide Arme zu furten und nicht den Zusammenfluss. Da ist die Strömung zu stark. Ui, erster Fuß ist im Wasser, der Halt aber nahezu null. Die Steine sind alle bewachsen mit toten Algen. Die sind sowas von glatt. Beim zweiten Arm ist es noch schlimmer, aber wir kommen trocken am anderen Ufer an. Und jetzt haben wir drüben was vergessen. Zum Glück nicht.
Weiter geht es durch das hügelige Lappland bis gegen 15.30 Uhr die Hütten von Tarraluopal in Sicht kommen. Unter uns. Für den Abstieg durch Blaubeer- und sonstige Sträucher brauchen wir eine halbe Stunde. Tarraluopal besteht aus 7 kleinen Hütten, in denen Gäste übernachten können, einer großen Hütte, in der sich der Gemeinschaftsraum befindet und der Hütte des Hüttenwarts. Die große Hütte ist abgeschlossen und so machen wir uns auf den Weg zum Hüttenwart. Auf halbem Weg sprechen uns zwei ältere deutsche Herren an. Wir fragen sie, ob sie wissen, ob man beim Hüttenwart was einkaufen kann. Nee, wissen sie nicht. Ich frage, ob man sich hier irgendwo rein setzen kann und Kaffee trinken. Der eine der Männer fängt an zu lachen und meint: „Ja klar, das Café ist da drüben“. Haha. „Kaffee hab ich selbst, will nur ins trockene sitzen“. Aber so ist das, wenn man von Hütte zu Hütte mit dem Heli fliegt und keine Ahnung hat, wie das ist, wenn man nach 18km querfeldein wandern gerne unter einem Dach einen Kaffee kochen würde. Wir gehen weiter zum Hüttenwart. Tür ist abgeschlossen und auf einem Zettel steht, dass er morgen um 18 Uhr wieder da ist. Nur: ist morgen, morgen oder heute? Keine Angabe, wann er gegangen ist. Und warum ist er überhaupt weg? Also fällt einkaufen flach.
Die beiden Männer geben uns auf dem Rückweg noch den Tipp, dass wir für 250 SEK eine der Hütten für 4 Stunden nutzen könnten. Wozu? Zudem sind alle Hütten belegt. So machen wir es uns unter dem Vordach der großen Hütte gemütlich, kochen Kartoffelpü und beratschlagen, was wir nun machen. Die nächste Hütte ist 10km entfernt. Timo würde die 10km noch laufen, damit wir morgen wieder Müsli oder Brot zum Frühstück haben. Nee, 10km will ich heute nicht mehr laufen. So überqueren wir den Vássjájåhkkå über eine Hängebrücke und suchen uns einen Zeltplatz. Mit Blick auf die Hütten stellen wir unseren Luxustempel auf. Die Sonne kommt raus. Der erste Abend der Tour, an dem es nicht regnet. Die Gelegenheit packen wir sogleich beim Schopf, machen den „Spider“ aus unserem Zelt (Wechsel Forum 4 2), in dem wir alle 4 Türen aufmachen. So kann es endlich mal durchtrocknen. Auch alle anderen Ausrüstungsgegenstände hängen wir übers Zelt zum Trocknen. Sieht aus wie bei den „fahrenden Händlern“. Auf der anderen Seite erwachen die Hütten zum Leben. Wasser muss mit Eimern aus dem Fluss geholt werden, ebenso die „Dusche“ - ist Waschen am Fluss. Für was dann Geld zahlen, fragen wir uns. Der eine Deutsche von heute Mittag zieht aus der einen Hütte aus und stellt sein Zelt am Flussufer. Immerhin hat er ein Zelt dabei. Der andere scheint in der Hütte zu übernachten. Ein weiterer Mann marschiert unzählige Male mit Trekkingstöcken zwischen den Hütten hin und her. Komische Menschen gibt es.
Die Sonne muss auch noch in anderer Hinsicht genutzt werden, außer zum Trocknen der Sachen. Waschen ist angesagt. Ab in die Fluten.
Zum Kochen haben wir ein kahles Plätzchen zwischen Blaubeersträuchern auserkoren. Es liegt etwas tiefer und somit windgeschützt. Endlich mal wieder draußen kochen. Herrlich in der Sonne sitzen, kochen, Tee trinken,... Wunderbar. So könnte es bleiben.
__________________
Grüße
Natide

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