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Vollständige Version anzeigen : Das tibetische Lebensrad


Hans-Wien
15.07.2006, 21:23
Das Speichenrad ist ein uraltes indisches Symbol und wurde im frühen Buddhismus zum Sinnbild des universellen Gesetzes und der Lehre (Dharma).

In abgewandlter Form findet man das Rad als Mahnmal für die „Sechs Wiedergeburtsbereiche“ der Lebewesen. Damit steht das „Rad der Existenz“ in engem Zusammenhangt mit dem tib. Totenbuch (Bardo Thödol), der Erscheinung in den 49 Tagen zwischen zwei Verkörperungen.

Aufbau:
Das Lebensrad wird von einem zähnefletschenden Ungeheuer in den Klauen gehalten; dafür gibt es in der Fachwelt verschiedene Meinungen. Einerseits wird es als Mara gedeutet, in Umklammerung der illusionären Welt, andererseits als Yama der Totengott, einige meinen, es sei der dämonische Riese Rakshasa (tib. Srinpo).

In der Mitte die drei „Symbole des Grundübels“:
Der Hahn versinnbildlicht die Gier,
Die Schlange den Hass,
Das Schwein die Verblendung.

Im äußeren Kreis, zwölf Szenen für die Folge von Ursache und Wirkung, des „Kausalnexus“.

1. Nichtwissen (Avidya)– alte blinde Frau.
Der Glaube an die Unvergänglichkeit und die „Ich-Illusion“ bedingt die Kausalkette von Abhängigkeit.

2. Triebkräfte(Sanscara) – Töpfer mit Gefäß.
Jeder Mensch formt durch seine Taten sein Schicksal und bestimmt die Ebene der nächsten Wiedergeburt.

3. Bewußtsein (Vijnana) – Früchte verzehrender Affe.
Das Bewusstsein ist das Verbindungsglied zwischen den einzelnen Existenzen.

4.Name und Form (Namarupa) – Schiff mit Besatzung.
Wahrnehmung, Triebkräfte und Bewusstsein, untrennbar miteinander verbunden im Strom des Lebens.

5. Sechs Sinne (Sadayatana) – Haus mit fünf Fenstern und Tür.

6. Berührung (Sparsha) – Liebespaar.

7. Gefühle (Vedana) – Mann mit Pfeil im Auge.

8. Begierde (Trishna) – Mann trinkt Wein.
Hieraus resultiert das Verlangen nach angenehmen Gefühlen.

9. Abhängigkeit (Upadana) – Mann pflückt Obst.
Entwickelt sich das Gefühl, entsteht Abhängigkeit und der Wusch nach neuem Leben.

10. Schaffen eines neuen Karma (Bhava) – schwangere Frau.

11. Geburt (Jati) – Gebärende.

12. Alter und Tod (Jarmavana) – Greis, Kranker und Leichenzug.
Das angedeutete Wissen hebt sich vom Nichtwissen der ersten Spalte ab, dadurch entsteht ein Durchbrechen des „Kausalnexus“.


Die sechs Daseinsebenen.
(Wobei manchmal Götter und Halbgötter sich eine Ebene teilen.)

Jeder der sechs Bereiche der Wiedergeburt und des Leidens gilt es zu überwinden, damit der Weg der Befreiung „der höchsten Erlösung im Nirwana“ zu erreichen ist.

WICHTIG: In jeder der sechs Welten erscheint der mitleidsvolle Bodhisattva Avalokitesvara (tib. Chen Rezig) in Gestalt eines Buddhas, mit Attributen in den Händen und in derselben Farbe wie die Silben des großen Mantras:
„Om man i pad me hum“.

Götter (Silbe: om)
Leiden: Rückfall in Untugend
Ursache des Leidens: Stolz
Weg der Tugend: Meditation
Buddha: Weißer Buddha (Lha-dbang-rgya-byin)
Symbole: Laute
Halbgötter (Silbe: ma)

Leiden: Streitsucht
Ursache des Leidens: Neid
Weg der Tugend: Sittliche Zucht
Buddha: Grüner Buddha (Thag-bzang-vis)
Symbole: Rüstung, Schwert
Menschen (Silbe: ni)

Leiden: Alter, Krankheit, Tod
Ursache des Leidens: Begehren, Leidenschaft
Weg der Tugend: Energie
Buddha: Gelber Buddha (Sakyamuni)
Symbole: Palva und Bettelstab
Tiere (Silbe: pad)

Leiden: Stumpfsinn
Ursache des Leidens: Unwissen
Weg der Tugend: Vollkommenheit
Buddha: Blauer Buddha (seng-gerab-brtyan)
Symbole: Buch der Weisheit
Pretas, Hungergeister (Silbe: me)

Leiden: Hunger und Durst
Ursache des Leidens: Geiz und Habgier
Weg der Tugend: Freigiebigkeit
Buddha: Roter Buddha (kha-bar-ma)
Symbole: Gefäß mit Nektar
Hölle (Silbe: hum)

Leiden: Hitze und Kälte
Ursache des Leidens: Haß
Weg der Tugend: Geduld
Buddha: Indigofarbener Buddha (Chos-kyi-rgyal-po)
Symbole: Feuer und Wasser
Viel Freude bei der Betrachtung des Lebensrades!

Tashi Delek
Hans-Wien

Andreas
16.07.2006, 18:24
Vielen Dank für den interessanten Artikel, lieber Hans!

Leider bin ich ja noch nicht dazu gekommen, dir dein entsprechendes Mail zu beantworten! Aber, wie ich sehe, bist du bestens zurecht gekommen!

Beste Grüße,
Andreas