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Vollständige Version anzeigen : Ojos del Salado – Großer Berg im Kleinen Norden Chiles


matis
27.06.2006, 09:35
1295 (Bild1 mit Teilnehmer vor Refugio Atacama) Ein Aufruf hier im Forum hat mich ganz kribbelig werden lassen. Habe ich Zeit für 4 Wochen im Februar? Wir wollen uns einen Pick-Up mieten und zum Ojos del Salado fahren. Klar, ich gehe mit! Darauf folgen die Wochen der Vorbereitung mit vielen E-Mails an die andere Teilnehmer . Ein Treffpunkt war schnell vereinbart: Um 11 Uhr am McDonalds Terminal de Buses Alameda in Santiago de Chile. Von dort soll es losgehen zum 600km entfernt liegendem Copiapo.

1301 (Bild2 Abendlicht an Laguna Verde) Zwei Monate später sitze ich vor meinem Zelt an der Laguna Verde in 4300m und blicke auf dem Berg hinter dem der Mond zum Vorschein kommt und den mächtig sich auftürmenden Ambosswolken am Paso de San Francisco. Morgen geht es auf dem gleichnamigen Berg Nevado de San Francisco. Ein leicht zu besteigender 6000er? Denkste! Die Beine wollen nicht so recht. Ich höre in meinen Körper rein. Mit der Atmung geht es gut. Meine Lungen fühlen sich wie aufgeblasene Froschbacken an, die im nächsten Moment Luft ablassen werden. Aber ohne zu rasseln oder zu blubbern. Das kenne ich bereits und will es nicht noch einmal erleben. Immerzu „Ein Schritt, ein Stock, ein Regenschirm und vorwärts, rückwärts, seitwärts ran, Hacke, Spitze, hoch das Bein“. Step-by-step immerzu. Auf welche Gedanken ich hier komme? Lass sie nur laufen. Die Gedanken sind frei. Akklimatisieren ist eine Frage der Langsamkeit. Letztendlich bin ich mit Joe oben gestanden. Nebelschwaden jagten über unsere Köpfe hinweg bei schlechtem Wetter. Dazu ein kalter Wind. Der erste Test für unsere Ausrüstung und für uns selber. Wer weiß, was einem 1000m höher erwartet? Udo ist am letzten Steilhang zurückgeblieben.

1302(Bild3 im warmen Wasser) Wie aus heiterem Himmel hat sich ein Münchner zu uns an die Laguna Verde gestellt. Mit seinem Bus ist er unterwegs und sucht Anschluss an eine Gruppe, die den Ojos del Salado besteigen wollen. Nach dem Ausfall von Holger nahm er dessen Permit und drängte uns tags darauf zum Refugio Atacama zu fahren. Erst einen Tag bei uns übernimmt er wie selbstverständlich die Führung. Einen Tag hier und gleich weiter? Von Laguna Verde 4200m nach einem Tag zum Refugio Atacama in 5200m und wiederum einen Tag weiter zum Refugio Tejos in 5800m. Ob das gut geht? Ich war mir sicher, dass sich die gemeinsame Vorbereitung mit Olaf in den Bergen Santiagos auszahlen würde. Er hat sich den Aconcagoa vorgenommen und ist mit mir zehn Tage durch die Hochtäler gewandert. Klasse, wenn man mit seinem Freund auf diese Weise einmal zusammen kommt. Jedenfalls habe ich die Nacht am Plateau in 5200m gut geschlafen. Udo und Joe halten sich ebenso klaglos, obwohl ihre Vorbereitungsphase erheblich kürzer war als meine.

1296 (Bild4 Blick auf Ojos del Salado) „Wegen des zu erwartenden Wetterumschwungs müssen wir unbedingt Morgen zum Gipfel hochsteigen.“ sagt Schorsch, der drahtige Münchner Frührentner, der es ja wissen muss als staatlich geprüfter Bergführer. Ich vertraue meiner längerem Akklimatisierung und möchte mich nicht kontraproduktiv zeigen. Obwohl wir anderes vereinbart hatten (langsame Anpassung) widerspricht keiner. Als wir in der letzten Hütte auf 5800m ankommen, trinken wir soviel wir können. Jeder von uns an die drei Liter. Die Nacht war kurz und kalt. Sternenklarer Himmel als wir um 4Uhr vor die Hütte treten. Mit eingeschalteten Stirnlampen geht es dem Steilhang entgegen. Zunächst bleiben wir zusammen, doch nach längerem Gehen findet jeder seinen eigenen Rhythmus. Kniehoher Neuschnee lässt mich nur sehr langsam aufsteigen. Joe entscheidet sich für die Querung zum Kraterrand während ich mich direkt zwischen den Felsrippen in der Firnflanke nach oben kämpfe. Ich glaube es nicht! Oben angekommen muss ich runtersteigen in den Krater. Kein Weg führt oben am Kraterrand entlang wie am Kilimanjaro.

1306 (Bild5 mit Joe im Krater bei Schneesturm) Jetzt hat das Wetter hat umgeschlagen. Es pfeift ein eisiger Sturm. Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Fahnen von Eiskristallen wehen 10m in die Höhe. Wir sind vollkommen ausgepumpt. Wir geben auf. Das schnelle Vordringen in diese Höhe hat uns aller Kräfte beraubt. Ich hole meine mechanische Kamera aus dem Rucksack, mache zwei Aufnahmen und verständige mich mit Joe für den sofortigen Abstieg. Wer weis, ob und wann ich die Höhe von 6700m nochmals erreichen werde?

Rückblick: Udo gibt auf wegen erfrorenen Füßen und Händen. Und Schorsch? Der hat sich schnurstracks abgesetzt. War er doch so fit bei den Messungen des Sauerstoffgehaltes und des Pulses. Oder hat er nur so getan? Schnell mal einen Berg besteigen – so geht das nicht. Ich frage mich nur: wie wird er eine Gruppe auf den Pik Lenin führen? In den nächsten Tagen versuchen sich andere Bergsteiger von namhaften Reiseveranstaltern, aber sie haben keinem Erfolg. Am Wetter und Schnee kann es nicht liegen. Aber sie haben ein so straffes Programm, dass für einen zweiten Versuch keine Zeit bleibt. Klar, das liest sich gut im Katalog: vier Wochen Chile mit den höchsten Bergen. Schreiben kann man es ja, aber der Bergführer entscheidet vor Ort, wo die Gruppe aufsteigt. Tja und da werden manche Träume nicht wahr. Einer meiner Gründe für eine selbstorganisierte Tour. Mir ist bewusst, dass es bei den Bergen im Himalaya nicht geht. Oder doch? Lese das Buch: Die Herausforderung von Hans Dieter Sauter.

Wir erholen uns langsam in den nächsten drei Tagen. Viel Zeit sich mit Ranger Sebastian anzufreunden. Er ist hier der Hütten- und Wegewart und gibt uns zu verstehen: Eine meteorlogische Besonderheit: im Februar, dem Sommermonat in Chile, kommt vom Altiplano Boliviens der Winter vom Norden über die Anden und bringt viel Niederschlägen mit sich. Ein Phänomen äußerst seltener Begebenheit. Dieses Jahr scheint es mal wieder so zu sein. Das Wetter bleibt instabil. Morgens windstill bei Sonnenschein und am Nachmittag starker Wind mit Schneefall. (Bilderserien 6 – 8 vom Wetterumschwung)
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Joe und ich wollen noch einmal einen Versuch wagen. Wenn es uns gelingt, Mittags auf den Gipfel zu stehen, dann schaffen wir den Rückweg über die Flanke bevor uns das schlechte Wetter wieder einholt. Diesmal treten wir eine Stunde früher vor die Hütte und nehmen Anlauf zum zweiten Versuch. Nicht weit kommend hinter der ersten Erhebung gibt Joe auf. Ihn plagt eine starke Erkältung. Es sei, als ob es ihn drehen würde. Schwindel und Erbrechen komme hinzu. Die Folge ist ein starker Leistungsabfall. Die Vernunft zwingt ihn zur Aufgabe. Wir trennen uns. Er wünscht mir viel Glück. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber, ist doch jeder hier am Berg auf sich allein gestellt. Hochlaufen muss ein jeder auf seinen eigenen Füßen und Händen (ja, die werden auch eingesetzt). So stapfe ich in den Hang hinein. Der Schnee ist unten fester geworden, aber in den oberen Höhenlagen immer noch weich. Leider ist der Weg nicht ausgetreten. An der langen Querung entscheide ich mich diesmal für Joes Variante. Spart es mir möglicherweise Kraft? Langsam, immer langsamer bewege ich mich auf den Kraterrand zu. Es ist früher Nachmittag geworden als ich im Krater stehe und mich auf die letzte Passage zu bewege. Plötzlich blitzt es über mir. Unmittelbar im selben Moment kracht es ohrenbetäubend. Ich suche Schutz zwischen drei großen Felsen, die mir wie eine überdimensionale Sitzbank ihren Platz unter ihnen anbieten. Direkt im Kessel entlädt sich das Gewitter. Ich bleibe erstarrt vor Angst und kleingekauert unter dem Vorsprung sitzen. Ich zähle die Abstände zwischen Blitz und Donner. Nach zwei Stunden ist es vorbei. Vorbei ist es auch mit mir, da meine Beine eingeschlafen und steifgefroren sind. Mit staksigem Gang geht es runter. Meine Spuren sind vom Neuschnee zugeweht worden. Der Wind bläst immerzu einem ins Gesicht. Die kleinen Kristalle treffen einen wie Nadelstiche. Wie es der Fakir auf seinem Nagelbett aushalten kann? Nee, das ist nix für mich. Abends komme ich im Basislager Refugio Atacama erschöpft in 5200m an. Während ich mir meinen ersten Tee koche, klärt mich Joe auf, was sich seither zugetragen hat. Ich bin nicht bei der Sache, denke nur ans Schlafen und trinke meinen heißen Tee.

1300 (Bild9 Tagebuchaufzeichnung) Als ich am nächsten Morgen aufstehe, habe ich zugeschwollene Augen. Doch nicht etwa ein Lungen- oder Hirnödem? Es rappelt in der Kiste, aber es rasselt nicht in meinen Lungenflügeln. Black Bull, nur lungenflügeln ist schöner! Mh... schreibe ich in mein Tagebuch, was hier für Stilblüten entstehen. Rest days are the best days . Joe und Udo sind mittlerweile abgereist. Das einzigste Zelt weit und breit – drei, zwei, eins ... ja meins. Fairerweise haben mir die anderen aus unserer gesprengten Gruppe die Wasservorräte überlassen. Auch mit den Essen gibt es keinen Mangel, weil im gemeinsamen Kochzelt genügend von den Gruppen zurückgelassen wird. Sebastian betrachtet mich kopfschüttelnd und dennoch mit einem Lachen im Gesicht. Er habe noch keinen Bergsteiger gesehen, der so ausdauern war und beharrlich auf den Gipfelanstieg gewartet hat. Er habe gute Nachrichten: aller Voraussicht nach wird endlich stabiles Wetter angekündigt. Ich kann es nicht glauben bei den Wetterkapriolen hier.

Nach nur einem Tag Pause bin ich wieder auf dem Weg zur oberen Hütte. Am Nachmittag angekommen gehe ich noch ein Stück den Weg entlang und es fällt mir schwer, angesichts der endlich wieder so herrlich bevorstehenden Möglichkeit des Gipfelaufstieges über das Leben zu sinnieren. Aber was soll's, wir nähern uns ja eh der Phase der Unterweltreise. - Wozu über Dinge sinnieren, die keinen interessieren? Es ist Zeit, zu reagieren! (poetry slam) - Ich kann kaum schlafen. Drehe mich ständig hin und her. Schaue mehrmals auf die Uhr. Ich halt es nicht mehr aus. Raus aus dem Schlafsack!

1303 (Bild10 Morgenlicht) Um 3 Uhr begebe ich mich auf den Weg. Es hat minus 15 Grad. Langsam aber stetig bewege ich mich. Nach Stunden des Anstiegs kommt endlich die Sonne hervor. Ich lege eine Pause ein. Mit dem Stativ mache ich Fotos hinüber auf die angestrahlten rotglühenden Hänge und Spitze.
Unter mir dunkle Schatten und über mir blauer Himmel mit verschwindenden Sternen. Noch einen kräftigen Schluck Tee, dann geht es weiter. In der Querung kann ich meine Spuren finden, aber die Sonne hat in den letzten Tagen am Nachmittag ganze Arbeit geleistet. Oben eisig glatt angefroren und darunter sinkt man tief bis zu den Knien ein. Ich schaue immer wieder nach oben, wie weit es noch ist. Langsamer als die Versuche zuvor gelange ich an den Kraterrand. Mit festem Blick steuere ich hinüber auf die andere Seite zum Einstieg. IIer Kletterei an die 20m hoch, dann am Grat 30m zum Gipfel längs hinausquerend. Wie in Trance steige ich hinauf immer auf gute Beintechnik achtend. Und dann stehe oder besser liege ich am Gipfel. Heureka! (übersetzt: Ich habe es gefunden!)

1304 (Bild11 Gipfelfoto) Ich bringe den Schnappverschluss der Kassette für das Gipfelbuch nicht auf. Eingeeist! Ich merke, wie meine Unterarme verkrampft sind vom Festhalten am Felsen. Automatisch trinke ich, esse meinen Müsliriegel, baue mein Stativ auf und gönne mir ein Panoramafoto. Welch herrlicher Sonnentag. Und windstill dazu. So bleibe ich eine ganze Weile hier sitzen und sauge meine Eindrücke von diesem langen Aufstieg in mich hinein. Was hätte ich denn bei Schlechtwetter hier oben gemacht? So ist es doch ein unbeschreibliches Gefühl. Die Leidenschaft der Qual löst sich auf in eine überkommende Freude. Am Gipfel zu sitzen, dass ist erst die halbe Miete, denn der Abstieg bringt manche Gefahren mit sich. Letztes mal wird höchste Konzentration gefordert. Denn wer fällt schon gerne runter?

1305 (Bild12 Refugio Tejos) Am Refugio Tejos angekommen, treffe ich auf eine volle Hütte. Meine überschwellende Freude während meiner kleinen Teepause trifft auf fragende mürrische Blicke der anderen Anwärter. Missgunst oder fehlende Anerkennung? Sind die Deutschen immer so auf sich bedacht? Oder ist das bergsteigertypisch? Oder ist es jene Klientel von Bergsteigern, die mit dem größten Deutschen Reiseunternehmen in Sachen Bergsteigen unterwegs sind und sich so benehmen? In sich hinein gesprochene Kommentare nehme ich war wie z.B: „Da sind wir gleich oben. Es sind doch nur ein paar Höhenmeter. Am Kilimanjaro war es genauso einfach.“ Mit dem Bergführer aus Venezuela verstehe ich mich jedenfalls auf Anhieb ausgezeichnet. Ich laufe mit mächtigen Schritten zum Refugio Atacama zu. Sebastian hat mich in den Morgenstunden mit seinem Fernglas beobachtet bei der Querung und freut sich mit mir auf meine Ankunft. Gemeinsam feiern wir die Besteigung des höchsten Gipfels Chiles. Mit 6893m liegt er 60m niedriger als der Aconcagua. Es ist der 22te Februar. Ich bin in Santiago mit dem Nachtbus angekommen. Mein Flug geht Anfang März. Es bleibt Zeit, um den Aconcagua einen Besuch abzustatten. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Lieber Leser, der du bis zum Schluss den Zeilen folgen konntest, hast es sicher bemerkt: es ist eine blumige, übertriebene Sprache mit Hang zur Selbstironie oder Selbstdarstellung. Mögest du es mir nachsehen. In Wirklichkeit sind wir alle ein bisschen dada, oder nicht?
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Autor: Matis, der Junge aus Norwegen