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Vollständige Version anzeigen : Wie ist die Situation in Kathmandu?


Andreas Khanal
20.04.2006, 21:43
Liebe Freunde,

so richtig aufatmen kann man leider noch nicht.

Zur Situation:

Die Ausgangssperre wurde heute von den Sicherheitskraeften durchgezogen. Demonstranten liessen sich erwartungsgemaess jedoch nicht davon abhalten, 'auf die Strasse zu gehen'.

Brennende Reifen, fliegende Backsteine von Seiten der Demonstranten; Gummigeschosse, Traenengas und Schlagstoecke von den Sicherheitskraeften, kamen zum Einsatz. Es ist die Rede, dass bis zu 100.000 Menschen ihren Protest an verschiedenen Orten zum Ausdruck brachten. Die wirkliche Anzahl von Verletzten kann wohl kaum genau beziffert werden, mit Sicherheit waren es aber viele, die durch die Staatsgewalt gepruegelt und beschossen wurden. Selbst vor Kindern wurde nicht halt gemacht. Es gab mindestens drei Tote (wahrscheinlich noch mehr!). Darunter soll ein Junge sein, der leblos davongetragen wurde. Zwei der Opfer wurden durch Kopfschuesse getoetet.

Man muss fast froh sein, dass bisher nicht noch mehr passiert ist, jedoch spielten sich an den Orten, an denen es zu Zusammenstoessen zwischen Demonstranten und Sicherheitskraften kam, herzzerreissende, dramatische Szenen ab. Den Gesichtern der Demonstranten ist - nach den Bildern in den Medien - anzusehen, wie verbittertaber auch entschlossen sie sich gegen die Obrigkeit wehren.

Es ist leider so - die Staatsgewalt kennt keine Gnade!

Reisende kann man gar nicht genug davor warnen, sich nicht an Demos zu beteiligen !!!

Waehrend die Auseinandersetzungen im Gange waren, traf sich der indische Delegationsfuehrer Karan Singh, dessen Ehefrau mit Koenig Gyanendra verwandt ist, zu einem Vieraugengespraech, in dem er offensichtlich unmissverstaendlich klar machte, dass der Koenig den Weg nun fuer die Demokratie freimachen muss. Er uebergab einen Brief des indischen Premieministers, der sicher eindeutig formuliert war.

Die Gefahr fuer weitere Gewalteskalationen ist im Moment noch nicht gebannt. Die Ausgangssperre wurde durch die Regierung verlaengert und die Parteien haben hingegen angekuendigt, ihren moeglichst gewaltfreien Kampf gegen die Monarchie am morgigen Freitag bis auf unbestimmte Zeit fortzufuehren.

Es sind nun nicht mehr nur die Parteien und die Maoisten, die sich zur Wehr setzen, sondern es ist innerhalb der letzten Tage zu einer Volksmassenbewegung geworden. Das Volk wird nun so lange kaempfen, bis es zu seinem Recht kommt.

Auch am morgigen Freitag ist mit unverminderter Gewalt zu rechnen. Da der Koenig aber stark unter Druck gesetzt ist, kann es morgen auch zu einer entscheidenden Rede an das Volk kommen.

Ihm bleibt nun keine Wahl mehr. Er muss zuruecktreten. Wenn er es nicht schnellstens tut, wird Indien in irgendeiner Weise eingreifen. Vielleicht schwenken auch einige Generaele um, jedoch ist das sicherlich nicht sehr wahrscheinlich.

Da der Koenig ein grosser, an Schlitzohrigkeit kaum zu ueberbietender Taktiker ist, kann es natuerlich sein, dass er nicht so richtig nachgibt, sondern dies nur Portionsweise tut.
Das wird allerdings nicht genuegen.

Die Durchsetzungskraft liegt nun auf der Seite des Volkes.

Die Zeit in der der Koenig an der Macht ist, laeuft definitiv ab. Er ist einfach zu weit gegangen.

Die Situation im Jahr 1990 war sehr aehnlich. Koenig Bhirendra konnte ebenfalls nicht standhalten. Gyanendra ist zwar unnachgiebiger und haerter wie sein Bruder, aber auch er wird es nicht schaffen, auf Dauer gegen das Volk und die vorhandene demokratische Verfassung zu regieren.

Man darf nicht vergessen, dass der Focus zwar derzeit auf den Koenig gerichtet ist, das Maoistenproblem jedoch weiter besteht. Momentan haben die Maoisten allerdings eine grosse Chance, zurueck in den politischen Mainstream zu finden. Wenn sie nun geschickt sind, koennen sie mit zurueckgewonnenen Sympathien beim Volk aus der Sache hervorgehen und sich in einem neu zu waehlenden Parlament neu formieren.

Das geht natuerlich nur, wenn sie Kompromissbereitschaft zeigen und ihrem Absolutheitsanspruch abruecken, was noch immer Zweifelhaft ist.

Die Maoisten sind nicht mehrheitsfaehig und das Volk wird sich nicht von einer Monarchie in eine proletarische Diktatur zwingen lassen. Das Volk moechte politische Freiheit.

Zu befuerchten ist, dass das Land seit 1990 nur einen kleinen Schritt weitergekommen ist und die Probleme vom fast gleichen Ausgangspunkt begangen werden muessen, wie damals.

Nur wenn das Land und seine politischen Kraefte aus den gemachten Fehlern lernen und die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen, wird es die Chance fuer Verbesserungen geben.

Die politischen Streitereien muessen ein Ende haben und es muessen gemeinsame Ziele gesetzt werden. Ansonsten gibt es kein positives Fortkommen.

Hoffen wir weiterhin, dass die Gewalt nicht so stark eskaliert und ein schnelles Ende findet. Die Sache muss jedoch nun ausgefochten werden. Daran fuehrt kein Weg vorbei.

Alles Gute dem Volk -

mit herzlichem Gruss
Andreas

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Soshin
20.04.2006, 22:43
Ich kann mich der hervorragenden Analyse von Andreas Khanal nur vollinhaltlich anschließen, und hoffe mit ihm, daß die Tage des Königs gezählt sind.

Viel fehlt jedenfalls nicht mehr. :)

Hochachtung diesem großartigen Volk!

Namaste,

Soshin

chrispe
21.04.2006, 06:23
hallo allerseits,
heute ist wieder ausgangssperre,die nat.fluglinien fliegen nicht und in den internationalen linien wird nur das abgefertigt,was schon ein ticket hat. tickets kaufen oder umschreiben ist fruehestens ab 20.00 moeglich. solange dauert die ausgangssperre. in thamelist alles ruhig, polizisten und militaer patroulieren durch die strassen. die ein und ausfallstrassen in die stadt sind gesperrt, nur tourist-busses duerfen passieren. da die demonstrationen auf der ring road stattfinden,ist es aber auch fuer touris fast unmoeglich in die stadt zukommen oder sie zu verlassen. esfindetsich einfach fast kein bus oder taxi driver der bereit ist es zu versuchen.
sowohl polizisten als auch demonstranten sind pro-touristen, jedoch weiss keiner was passiert wenn die volksseele kocht (oder die der polizisten!). ich moechte mich in der analyse der situation andreas anschliessen (sehr gut!).
ich hoffe das der koenig bald einlenkt, er war allerdingsschon vor 16 jahren dafuer den aufstand blutig niederzuschlagen. ich hoffe das nicht erst 300 tote geben muss wie damals!

in hoffnung auf frieden und ein baldiges einlenken des koenigs

chris