ThomasFFM
25.02.2006, 19:42
Durch die Lienzer Dolomiten
„Im Wallis, an der Dent Blanche, gibt es einen Anstieg, den man ‚Viereselweg’ nennt“, sagte ich an einem heißen Tag Ende Juli 1994 japsend zu meinem BEgleiter. „Das kommt daher, dass einer der Erstbesteiger gesagt haben soll: ‚Wir waren doch vier Esel, hier aufzusteigen!’ Analog dazu wird wohl der Zabarotsteig in Zukunft ‚Zweieselweg’ heißen!“
„Was heißt hier ‚Zweieselweg’“, protestierte dieser. „Lass meinen Kopf aus dem Spiel! Wer hat mich denn zu diesem Weg überredet – gestern Nachmittag im Lienzer Schwimmbad, als ich an nichts Böses dachte?“
Viel Aufregung um nichts – denn eigentlich sind Esel doch sehr intelligente Tiere; sie gelten als störrisch, sind aber in Wahrheit bedächtig. Pferde kann man in einen Abgrund treiben, Esel kaum. Und was spricht eigentlich gegen diesen Zabarotsteig als Auftakt einer Durchquerung der Lienzer Dolomiten, die bei Bergwanderern bei weitem nicht so hoch im Kurs stehen wie die „echten“ italienischen Dolomiten, die Tauern oder der Karnische Höhenweg?
Nichts. Im Gegenteil: Im August 2005, in diesem Sommer, der teilweise eher ein nasskalter Winter war, habe ich die Durchquerung wiederholt. Erstens, weil sie so schön ist. Und zweitens, weil man in den Lienzer Dolomiten oft auch bei unsicherem Wetter noch Touren unternehmen kann, während da speziell die Schober- und Großglocknergruppe in dicken Wolken steckt.
Den Zabarotsteig ließen wir 2005 allerdings weg, nicht, weil er unlohnend wäre, sondern aus Zeit- und Wettergründen; vielmehr ließen wir uns im strömenden Regen gleich zur Unholdenalm hinauf chauffieren. Gehen würde ich diesen abenteuerlichsten aller Hüttenwege in Osttirol schon gerne noch einmal. Er beginnt direkt am Bahnhof Nikolsdorf an der Linie Lienz – Spittal-Millstättersee. Eine halbe Stunde mäßig, dann bald extrem steil, fast senkrechte Waldhänge überwindend und, wo es nicht anders geht, auf Holzleitern hinauf, die teilweise nicht den allersolidesten Eindruck machten – aber bis jetzt haben sie ja gehalten… Auf diese Weise werden satte 1250 Höhenmeter überwunden, mit schwerem Gepäck trotz der spannenden Wegführung kein ganz ungetrübtes Vergnügen. Kein Mensch begegnete uns damals – drüben fährt ja das Hüttentaxi zu den beiden Unterkünften auf der Unholdenalm. Daher genossen wir diesen Aufstieg in vollen Zügen. In fast vollen Zügen – wenn der Zabarotsteig statt mit Holzleitern doch nur mit Rolltreppen ausgestattet wäre…
805Die Unholdenalm, die man, mehr oder weniger durch das Anzapfen einiger Kraftreserven, letztlich doch noch erreicht, liegt herrlich auf einer Bergschulter in 1790 m Höhe. Ich persönlich würde das Hochstadelhaus des Österreichischen Touristenklubs (ÖTK) der privaten Kalser Hütte vorziehen. Herrlicher Tiefblick ins 1200 m tiefer gelegene Drautal, eine sehr freundliche Wirtin, gute Küche, das Hirschgulasch und der Kärntner Reindling sind sogar vorzüglich. Duschen gibt’s auch, allerdings ist das Wasser nur bei Sonnenschein warm. Als wir im August 2005 oben waren, hatten wir 4 Grad plus, Sturm, Regen – aber keine Sonne und somit auch nur eisiges Wasser. Und das nannte sich dann Hochsommer in den Südalpen – brrr…
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Sowohl 1994 als auch 2005 war der nächste Tag dem Hochstadel vorbehalten. Die Besteigung dieses immerhin 2680 m hohen Berges, des östlichen Hochgipfels der Lienzer Dolomiten mit gigantischer Aussicht vor allem nach Osten, ist einfach obligatorisch. An einigen Stellen muss man ein ganz klein wenig trittsicher sein, Landschaft und Steig werden immer rauer, je höher man kommt, im August 2005 tropfte Schmelzwasser vom Gipfelkreuz, von dem man in die 1500 m hohe Nordwestwand, angeblich nach der Watzmann-Ostwand die zweithöchste Wand der Ostalpen, hinabschauen kann… Abgesehen von den Launen des Wetters ist diese Tour wirklich einfach und auch für Familien mit größeren Kindern geeignet, denen man allerdings ruhig eine Übernachtung im urigen Hochstadelhaus bieten sollte. In gut zweieinhalb Stunden ist man dann oben.
804Der bekannte Dreitörlweg, mehr gelobt als begangen, stand jeweils am nächsten Wandertag auf dem Programm. 1994 eine Genusstour bei herrlichem Wetter, 2005 eine schon anstrengendere Unternehmung bei eisigem Wind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt – nun gut, es regnete nicht, ich will nicht klagen... Aber einfach traumhaft ist dieser Übergang, sofern man trittsicher und nicht zu früh im Jahr unterwegs ist. Zunächst geht es in lang gezogenem Aufstieg südlich um den Hochstadel herum bis auf gut 2300 m Höhe, wobei die Sicht auf Drautal und Karnischen Hauptkamm immer umfassender werden. Dann langes Queren in Kammnähe zum Baumgartentörl, wo der Weg über eine sehr steile nordseitige Geröllhalde hinunter führt. Wehe, wenn da noch Schnee liegt – auch bei trockenem Wetter und mit Teleskopstöcken verlangt einem dieser Steilschutt einiges ab! Und wir wissen schon, warum wir den Dreitörlweg nicht in umgekehrter Richtung gegangen sind…Unten kurze Erholungspause, Queren eines Geröllkars, kurzer Aufstieg zum Kuhleitentörl – das jenseits mit einem noch steileren Geröllhang aufwartet. Also wieder mit größter Vorsicht hinunter, ein kurzes Stück sogar eben in ein Hochtal und wieder hinauf, über fast 500 Höhenmeter.
806Dieses Stück drückt bei manchen auf die Stimmung, aber der Steig ist gut angelegt und in einer weiteren guten Stunde erreicht man, wenn man gleichmäßig steigt und sich Zeit lässt, das letzte der heutigen Törl, das 2497 m hohe Laserztörl. Jenseits erblickt man den Laserzsee und die Karlsbader Hütte wie eine rettende Oase, aber um dorthin zu kommen, muss man – ja, richtig! – eine steile Geröllflanke überwinden. Zum Glück wird der Steig bald bequemer und je nach Hunger und Durst schlendert oder rennt man vollends zur Karlsbader Hütte hinunter.
Warum also die ganze Plackerei? Weil der Dreitörlweg nicht nur anstrengend ist, sondern auch herrliche Landschaftsbilder bietet. Freilich muss man – um keine falschen Erwartungen zu hegen und hinterher etwas enttäuscht zu sein – wissen, dass die Lienzer „Dolomiten“ gar keine „richtigen“ Dolomiten sind; geologisch gehören sie zu den Nördlichen Kalkalpen, haben jedoch die Verschiebung zum nördlichen Alpenrand nicht mitgemacht. Der Landschaftscharakter ähnelt daher eher dem Karwendel oder – von den Felsformationen her – auch dem Wilden Kaiser, nur mit südalpinem Flair. Wer sich diesen Pseudo-Dolomiten jedoch unvoreingenommen nähert, wird die viel berühmteren „echten“ Dolomiten mit ihren Menschenmassen ganz und gar nicht vermissen. Trotz der zuweilen sehr brüchigen Felsen und des vielen Gerölls.
A propos Menschenmassen: So sehr ich die anderen Hütten der Lienzer Dolomiten mag, so gespalten ist mein Verhältnis zur Karlsbader. Sicher, die Bewirtschaftung ist tadellos, das Preisniveau allerdings recht hoch und zwei kleine Waschbecken für die Männer unter den Schlafgästen (die Hütte verfügt über ca. 100 Schlafplätze und ist, da im Zentrum eines wahren Kletterparadieses liegend, oft überfüllt) sind auch nicht gerade üppig.
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Also nach dem Dreitörlweg gleich noch zwei Stunden zum Kerschbaumeralm-Schutzhaus weitergehen? Das ist nur Bergwanderern mit sehr guter Kondition zu empfehlen. Zudem besitzt die Karlsbader Hütte einen Hüttenberg, der für trittsichere Bergwanderer wie auch so genannte Genusskletterer geradezu Pflicht ist: die Laserzwand. Die Kletterer gehen meistens die berühmte „Bügeleisenkante“ an (Schlüsselstelle IV-) und freuen sich über den gerölligen Steig auf der Südseite. Diesem folgten wir bei nun endlich Bilderbuchwetter – eineinhalb Stunden höchstens, dann ist man oben, sofern man es nicht noch auf das kleine Felsköpfl mit dem „Schöttnerkreuz“ abgesehen hat (Schwindelfreiheit nötig, die letzten Meter dürften II- sein). 2000 m tiefer liegt der Talboden von Lienz, der Blick auf Deferegger Alpen Großvenediger, Großglockner und Schobergruppe ist frei, hinter den Lienzer Dolomiten sind einige Gipfel der Sextener erkennbar – besser kann man einen Ruhetag nicht ausfüllen! Und nach dem Abstieg steht einem Sonnenbad am Ufer des Laserzsees (und für Todesmutige auch einem Sprung ins kalte Nass) nichts im Weg.
807Der wenig begangene Übergang über das Kerschbaumer Törl zum Kerschbaumeralm-Schutzhaus des ÖTK ist kurz und morgens wenig begangen (Wanderer sind in der Karlsbader Hütte absolut in der Minderheit); ich habe ihn und diese einzigartige Hütte schon im Thread „Noch ’ne Kulthütte (http://www.trekkingforum.com/forum/showthread.php?t=4062)“ beschrieben und brauche mich hier nicht zu wiederholen. Bei einer Rast sonnte sich praktisch in unseren Schatten ein Murmeltier, ohne sich auch nur im Geringsten stören zu lassen…
Hat die Karlsbader Hütte einen „Pflichtgipfel“ (die ebenfalls für Bergwanderer machbare Leitmeritzer Spitze kann man sich schenken), so hat die Kerschbaumeralm zumindest deren zwei, wenn nicht drei. Beim Abstieg vom Kerschbaumer Törl kommt man an der Abzweigung zur Großen Gamswiesenspitze vorbei: von Norden steile Felswände, auf der Südseite steile Wiesenhänge, die bei Trockenheit (aber nur dann!) auf einem Steig gut zu überwinden sind. Die Weittalspitze, 2538 m, ist ein herrlicher, eher wenig besuchter Gipfel, freilich erfordert der Normalweg schon gute Trittsicherheit im steilen Geröll, das auch einige an sich unschwierige Schrofen bedeckt. Unangefochtene Nummer 1 ist jedoch der Spitzkofel, 2718 m hoch und praktisch von jeder Straße von Lienz aus zu sehen. Mit etwas Klettergewandtheit kommt man gut hinauf; allerdings sind einige gesicherte Passagen im Schwierigkeitsgrad II – noch dazu im brüchigen Fels – zu überwinden, so dass man im Zweifelsfall einen Klettergurt mitnehmen sollte (Helm ist nicht erforderlich). Dafür genießt man vom Gipfel aus einen atemberaubenden Tiefblick und ein fast grenzenloses Panorama.
809Und dann? 1994 zog es mich über den Zochenpass zum Tuffbad bei Maria Luggau im Lesachtal und zum Karnischen Hauptkamm, genauer, zum Monte Peralba, einem meiner absoluten Lieblingsgipfel. 2005 stiegen wir vom Kerschbaumeralm-Schutzhaus nach Lienz ab – ein langer Hatscher, hätten wir uns nicht ein Taxi bis zum Gepäckdepot des Hüttenwirts auf 1560 m Höhe bestellt, wodurch uns der große Regen, der in großen Teilen der Alpen so verheerende Überflutungen verursachte, erspart blieb. Bei gutem Wetter kann man die Durchquerung der Lienzer Dolomiten aber abrunden, indem man zu Hallebach- und Kühbodentörl geht und jenseits 1700 Höhenmeter zum Luggauer Brückl im Drautal absteigt – landschaftlich sicher noch einmal großartig und sehr einsam, aber technisch problemlos. So oder so, von den Strapazen dieser Tour kann man sich wunderbar in der Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz erholen, sei es im Schluss Bruck mit seiner sehr ansprechenden Gemäldeausstellung (der Maler Albin Egger-Lienz ist durchaus nicht nur in Lienz bekannt und für etwas Kunstinteressierte unbedingt attraktiv) oder auf dem Hauptplatz mit seinen Palmen, Kakteen und Straßencafés oder im sehr schönen Schwimmbad, wo man – noch eine Kuriosität – ausgerechnet im Schwimmbad-Restaurant die wohl beste Küche in ganz Lienz vorfindet. Fast schon ein Schlemmer-Tipp!
„Im Wallis, an der Dent Blanche, gibt es einen Anstieg, den man ‚Viereselweg’ nennt“, sagte ich an einem heißen Tag Ende Juli 1994 japsend zu meinem BEgleiter. „Das kommt daher, dass einer der Erstbesteiger gesagt haben soll: ‚Wir waren doch vier Esel, hier aufzusteigen!’ Analog dazu wird wohl der Zabarotsteig in Zukunft ‚Zweieselweg’ heißen!“
„Was heißt hier ‚Zweieselweg’“, protestierte dieser. „Lass meinen Kopf aus dem Spiel! Wer hat mich denn zu diesem Weg überredet – gestern Nachmittag im Lienzer Schwimmbad, als ich an nichts Böses dachte?“
Viel Aufregung um nichts – denn eigentlich sind Esel doch sehr intelligente Tiere; sie gelten als störrisch, sind aber in Wahrheit bedächtig. Pferde kann man in einen Abgrund treiben, Esel kaum. Und was spricht eigentlich gegen diesen Zabarotsteig als Auftakt einer Durchquerung der Lienzer Dolomiten, die bei Bergwanderern bei weitem nicht so hoch im Kurs stehen wie die „echten“ italienischen Dolomiten, die Tauern oder der Karnische Höhenweg?
Nichts. Im Gegenteil: Im August 2005, in diesem Sommer, der teilweise eher ein nasskalter Winter war, habe ich die Durchquerung wiederholt. Erstens, weil sie so schön ist. Und zweitens, weil man in den Lienzer Dolomiten oft auch bei unsicherem Wetter noch Touren unternehmen kann, während da speziell die Schober- und Großglocknergruppe in dicken Wolken steckt.
Den Zabarotsteig ließen wir 2005 allerdings weg, nicht, weil er unlohnend wäre, sondern aus Zeit- und Wettergründen; vielmehr ließen wir uns im strömenden Regen gleich zur Unholdenalm hinauf chauffieren. Gehen würde ich diesen abenteuerlichsten aller Hüttenwege in Osttirol schon gerne noch einmal. Er beginnt direkt am Bahnhof Nikolsdorf an der Linie Lienz – Spittal-Millstättersee. Eine halbe Stunde mäßig, dann bald extrem steil, fast senkrechte Waldhänge überwindend und, wo es nicht anders geht, auf Holzleitern hinauf, die teilweise nicht den allersolidesten Eindruck machten – aber bis jetzt haben sie ja gehalten… Auf diese Weise werden satte 1250 Höhenmeter überwunden, mit schwerem Gepäck trotz der spannenden Wegführung kein ganz ungetrübtes Vergnügen. Kein Mensch begegnete uns damals – drüben fährt ja das Hüttentaxi zu den beiden Unterkünften auf der Unholdenalm. Daher genossen wir diesen Aufstieg in vollen Zügen. In fast vollen Zügen – wenn der Zabarotsteig statt mit Holzleitern doch nur mit Rolltreppen ausgestattet wäre…
805Die Unholdenalm, die man, mehr oder weniger durch das Anzapfen einiger Kraftreserven, letztlich doch noch erreicht, liegt herrlich auf einer Bergschulter in 1790 m Höhe. Ich persönlich würde das Hochstadelhaus des Österreichischen Touristenklubs (ÖTK) der privaten Kalser Hütte vorziehen. Herrlicher Tiefblick ins 1200 m tiefer gelegene Drautal, eine sehr freundliche Wirtin, gute Küche, das Hirschgulasch und der Kärntner Reindling sind sogar vorzüglich. Duschen gibt’s auch, allerdings ist das Wasser nur bei Sonnenschein warm. Als wir im August 2005 oben waren, hatten wir 4 Grad plus, Sturm, Regen – aber keine Sonne und somit auch nur eisiges Wasser. Und das nannte sich dann Hochsommer in den Südalpen – brrr…
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Sowohl 1994 als auch 2005 war der nächste Tag dem Hochstadel vorbehalten. Die Besteigung dieses immerhin 2680 m hohen Berges, des östlichen Hochgipfels der Lienzer Dolomiten mit gigantischer Aussicht vor allem nach Osten, ist einfach obligatorisch. An einigen Stellen muss man ein ganz klein wenig trittsicher sein, Landschaft und Steig werden immer rauer, je höher man kommt, im August 2005 tropfte Schmelzwasser vom Gipfelkreuz, von dem man in die 1500 m hohe Nordwestwand, angeblich nach der Watzmann-Ostwand die zweithöchste Wand der Ostalpen, hinabschauen kann… Abgesehen von den Launen des Wetters ist diese Tour wirklich einfach und auch für Familien mit größeren Kindern geeignet, denen man allerdings ruhig eine Übernachtung im urigen Hochstadelhaus bieten sollte. In gut zweieinhalb Stunden ist man dann oben.
804Der bekannte Dreitörlweg, mehr gelobt als begangen, stand jeweils am nächsten Wandertag auf dem Programm. 1994 eine Genusstour bei herrlichem Wetter, 2005 eine schon anstrengendere Unternehmung bei eisigem Wind und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt – nun gut, es regnete nicht, ich will nicht klagen... Aber einfach traumhaft ist dieser Übergang, sofern man trittsicher und nicht zu früh im Jahr unterwegs ist. Zunächst geht es in lang gezogenem Aufstieg südlich um den Hochstadel herum bis auf gut 2300 m Höhe, wobei die Sicht auf Drautal und Karnischen Hauptkamm immer umfassender werden. Dann langes Queren in Kammnähe zum Baumgartentörl, wo der Weg über eine sehr steile nordseitige Geröllhalde hinunter führt. Wehe, wenn da noch Schnee liegt – auch bei trockenem Wetter und mit Teleskopstöcken verlangt einem dieser Steilschutt einiges ab! Und wir wissen schon, warum wir den Dreitörlweg nicht in umgekehrter Richtung gegangen sind…Unten kurze Erholungspause, Queren eines Geröllkars, kurzer Aufstieg zum Kuhleitentörl – das jenseits mit einem noch steileren Geröllhang aufwartet. Also wieder mit größter Vorsicht hinunter, ein kurzes Stück sogar eben in ein Hochtal und wieder hinauf, über fast 500 Höhenmeter.
806Dieses Stück drückt bei manchen auf die Stimmung, aber der Steig ist gut angelegt und in einer weiteren guten Stunde erreicht man, wenn man gleichmäßig steigt und sich Zeit lässt, das letzte der heutigen Törl, das 2497 m hohe Laserztörl. Jenseits erblickt man den Laserzsee und die Karlsbader Hütte wie eine rettende Oase, aber um dorthin zu kommen, muss man – ja, richtig! – eine steile Geröllflanke überwinden. Zum Glück wird der Steig bald bequemer und je nach Hunger und Durst schlendert oder rennt man vollends zur Karlsbader Hütte hinunter.
Warum also die ganze Plackerei? Weil der Dreitörlweg nicht nur anstrengend ist, sondern auch herrliche Landschaftsbilder bietet. Freilich muss man – um keine falschen Erwartungen zu hegen und hinterher etwas enttäuscht zu sein – wissen, dass die Lienzer „Dolomiten“ gar keine „richtigen“ Dolomiten sind; geologisch gehören sie zu den Nördlichen Kalkalpen, haben jedoch die Verschiebung zum nördlichen Alpenrand nicht mitgemacht. Der Landschaftscharakter ähnelt daher eher dem Karwendel oder – von den Felsformationen her – auch dem Wilden Kaiser, nur mit südalpinem Flair. Wer sich diesen Pseudo-Dolomiten jedoch unvoreingenommen nähert, wird die viel berühmteren „echten“ Dolomiten mit ihren Menschenmassen ganz und gar nicht vermissen. Trotz der zuweilen sehr brüchigen Felsen und des vielen Gerölls.
A propos Menschenmassen: So sehr ich die anderen Hütten der Lienzer Dolomiten mag, so gespalten ist mein Verhältnis zur Karlsbader. Sicher, die Bewirtschaftung ist tadellos, das Preisniveau allerdings recht hoch und zwei kleine Waschbecken für die Männer unter den Schlafgästen (die Hütte verfügt über ca. 100 Schlafplätze und ist, da im Zentrum eines wahren Kletterparadieses liegend, oft überfüllt) sind auch nicht gerade üppig.
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Also nach dem Dreitörlweg gleich noch zwei Stunden zum Kerschbaumeralm-Schutzhaus weitergehen? Das ist nur Bergwanderern mit sehr guter Kondition zu empfehlen. Zudem besitzt die Karlsbader Hütte einen Hüttenberg, der für trittsichere Bergwanderer wie auch so genannte Genusskletterer geradezu Pflicht ist: die Laserzwand. Die Kletterer gehen meistens die berühmte „Bügeleisenkante“ an (Schlüsselstelle IV-) und freuen sich über den gerölligen Steig auf der Südseite. Diesem folgten wir bei nun endlich Bilderbuchwetter – eineinhalb Stunden höchstens, dann ist man oben, sofern man es nicht noch auf das kleine Felsköpfl mit dem „Schöttnerkreuz“ abgesehen hat (Schwindelfreiheit nötig, die letzten Meter dürften II- sein). 2000 m tiefer liegt der Talboden von Lienz, der Blick auf Deferegger Alpen Großvenediger, Großglockner und Schobergruppe ist frei, hinter den Lienzer Dolomiten sind einige Gipfel der Sextener erkennbar – besser kann man einen Ruhetag nicht ausfüllen! Und nach dem Abstieg steht einem Sonnenbad am Ufer des Laserzsees (und für Todesmutige auch einem Sprung ins kalte Nass) nichts im Weg.
807Der wenig begangene Übergang über das Kerschbaumer Törl zum Kerschbaumeralm-Schutzhaus des ÖTK ist kurz und morgens wenig begangen (Wanderer sind in der Karlsbader Hütte absolut in der Minderheit); ich habe ihn und diese einzigartige Hütte schon im Thread „Noch ’ne Kulthütte (http://www.trekkingforum.com/forum/showthread.php?t=4062)“ beschrieben und brauche mich hier nicht zu wiederholen. Bei einer Rast sonnte sich praktisch in unseren Schatten ein Murmeltier, ohne sich auch nur im Geringsten stören zu lassen…
Hat die Karlsbader Hütte einen „Pflichtgipfel“ (die ebenfalls für Bergwanderer machbare Leitmeritzer Spitze kann man sich schenken), so hat die Kerschbaumeralm zumindest deren zwei, wenn nicht drei. Beim Abstieg vom Kerschbaumer Törl kommt man an der Abzweigung zur Großen Gamswiesenspitze vorbei: von Norden steile Felswände, auf der Südseite steile Wiesenhänge, die bei Trockenheit (aber nur dann!) auf einem Steig gut zu überwinden sind. Die Weittalspitze, 2538 m, ist ein herrlicher, eher wenig besuchter Gipfel, freilich erfordert der Normalweg schon gute Trittsicherheit im steilen Geröll, das auch einige an sich unschwierige Schrofen bedeckt. Unangefochtene Nummer 1 ist jedoch der Spitzkofel, 2718 m hoch und praktisch von jeder Straße von Lienz aus zu sehen. Mit etwas Klettergewandtheit kommt man gut hinauf; allerdings sind einige gesicherte Passagen im Schwierigkeitsgrad II – noch dazu im brüchigen Fels – zu überwinden, so dass man im Zweifelsfall einen Klettergurt mitnehmen sollte (Helm ist nicht erforderlich). Dafür genießt man vom Gipfel aus einen atemberaubenden Tiefblick und ein fast grenzenloses Panorama.
809Und dann? 1994 zog es mich über den Zochenpass zum Tuffbad bei Maria Luggau im Lesachtal und zum Karnischen Hauptkamm, genauer, zum Monte Peralba, einem meiner absoluten Lieblingsgipfel. 2005 stiegen wir vom Kerschbaumeralm-Schutzhaus nach Lienz ab – ein langer Hatscher, hätten wir uns nicht ein Taxi bis zum Gepäckdepot des Hüttenwirts auf 1560 m Höhe bestellt, wodurch uns der große Regen, der in großen Teilen der Alpen so verheerende Überflutungen verursachte, erspart blieb. Bei gutem Wetter kann man die Durchquerung der Lienzer Dolomiten aber abrunden, indem man zu Hallebach- und Kühbodentörl geht und jenseits 1700 Höhenmeter zum Luggauer Brückl im Drautal absteigt – landschaftlich sicher noch einmal großartig und sehr einsam, aber technisch problemlos. So oder so, von den Strapazen dieser Tour kann man sich wunderbar in der Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz erholen, sei es im Schluss Bruck mit seiner sehr ansprechenden Gemäldeausstellung (der Maler Albin Egger-Lienz ist durchaus nicht nur in Lienz bekannt und für etwas Kunstinteressierte unbedingt attraktiv) oder auf dem Hauptplatz mit seinen Palmen, Kakteen und Straßencafés oder im sehr schönen Schwimmbad, wo man – noch eine Kuriosität – ausgerechnet im Schwimmbad-Restaurant die wohl beste Küche in ganz Lienz vorfindet. Fast schon ein Schlemmer-Tipp!