ThomasFFM
21.02.2006, 06:53
Man spricht so viel über alle erdenklichen Krankheitserreger, die man sich in Fernost oder sonst wo einfangen kann – aber in diese Aufzählung gehört auch ein speziell in Osttirol beheimateter Bazillus, der so genannte Lama-Bazillus. Man denkt an nichts Böses, schaut Vittorio, Soriso oder einem anderen Oberlienzer Lama mal tief in die großen dunklen Augen, führt es vielleicht ein paar Minuten spazieren – und schon ist man infiziert. Dagegen helfen dann kein Antibiotikum und kein Zaubertrank.
795Aber im Unterschied zu den üblen, zuweilen lebensgefährlichen Infektionen, die in zunehmendem Maß aus exotischen Ländern eingeschleppt werden, ist gegen den Lama-Bazillus auch kein scharfes chemotherapeutisches Geschütz nötig. Man lasse einfach den Lama-Bazillus in sich arbeiten – im schlimmsten Fall wird man Lama-süchtig, kommt jedes Jahr nach Oberlienz und besteht entschieden darauf, gerade Vittorio, Soriso oder ein anderes dort ansässiges Lama durch die Osttiroler Berge zu führen – dieses oder keines! Oder man wird anderswo in Österreich fündig und süchtig; dort dürfte es inzwischen schon mehrere Hundert Lamas geben, mit denen man losziehen kann. Lama-Trekking ist offenbar inzwischen „in“, was mir persönlich allerdings ziemlich gleichgültig ist.
Auch meine Frau und ich sind infiziert und wie bei vielen anderen Menschen fing es völlig harmlos an. Eines Tages vor zwei Jahren entdeckten wir zu unserer Verwunderung im Tourismusbüro in Lienz einen Prospekt, der für Lama-Trekking warb, und studierten gleich darauf auch die entsprechende Internetseite, worauf ich sofort kund und zu wissen gab, dass ich diese Lamas unbedingt einmal kennen lernen wollt, sehr zur Belustigung meiner Frau. Einige Tage später wurde der Wunsch Wirklichkeit. Sie führte Vittorio, ich Soriso zur Ranach-Alm über dem Iseltal. Eine Halbtagestour, eine reine Waldwanderung.
Kurzweilig und lustig war es von Anfang an, und das lag nicht nur an Karl-Peter Schneeberger, dem Herrn und Meister dieser Anden-Kamele, sondern vor allem an den Lamas selbst. Gerade Vittorio versuchte erst einmal auszuloten, wer wen führe – er meine Frau oder meine Frau ihn. So blieb er bald stehen und begann Gras zu fressen, worauf sie geduldig wartete, bis er weiterzugehen geruhte. Da könne sie warten bis zum Jüngsten Tag, erklärte Karl-Peter; in einer solchen Situation fresse ein Lama, ohne Hunger zu haben, einfach um seinen Kopf durchzusetzen. Mit sanftem Druck (Brachialgewalt bewirkt bei Lamas überhaupt nichts) wurde Vittorio zum Weitergehen bewegt – und war fortan ganz brav.
Später gab er ständig seltsame Klagelaute von sich, beim Abstieg redete meine Frau öfter mit ihm, worauf er jedes Mal den Kopf schüttelte. Meine Bewunderung für die Intelligenz dieser Tiere wuchs ins Unermessliche – aber nicht lange, denn ausgerechnet Karl-Peter nahm mir sämtliche Illusionen: Die vermeintlichen Klagelaute, erklärte er, seien Sympathiekundgebungen! Na, dann…
796Intelligent sind die Lamas jedoch zweifellos, freilich auf eine – sagen wir – infantile Weise. Wie schon angedeutet, soll ein Lama, solange es geführt wird, nicht fressen. Aber gerade Soriso und bei einer späteren Gelegenheit erst recht Guy, einer seiner Artgenossen, machten sich eine Art Sport daraus, andauernd wie ein Luchs aufzupassen, ob ich sie beim Gehen vielleicht einen Augenblick aus den Augen ließe, und sobald sie diesen Eindruck gewannen, rupften sie schnell ein paar Blätter von irgendeinem Busch, mampften sie genüsslich und schienen sich diebisch zu freuen. Speziell Guy bewies in diesem Sport großes Geschick; freilich regnete es ununterbrochen, als ich ihn führte, und wir benutzten einen schmierigen Weg. Dass ich mein Hauptaugenmerk darauf richtete, mich nicht in den Schlamm zu setzen, ist sicher verständlich. Aber Guy, dieses Schlitzohr, nutzte das geradezu gnadenlos aus: rupf, rupf, rupf… Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist es mir völlig unmöglich, einem Lama wegen solcher Kindereien auch nur im Entferntesten böse zu sein! Das ändert aber nichts daran, dass diese Tiere raffinierte Schlawiner sind.
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Eine andere Episode ist mir ebenfalls noch bestens im Gedächtnis. Als wir bei unserer ersten Lama-Tour in der damals noch als Jausenstation betriebenen Ranach-Alm einkehrten und Karl-Peter die Lamas an einem Zaun angebunden hatte, erregten diese natürlich rasch die Aufmerksamkeit einiger Kinder. Die gingen auf die Lamas zu und streichelten sie – und die Lamas blieben liegen! Die Kinderfreundlichkeit dieser Tiere ist tatsächlich bekannt; Karl-Peter meinte, Lamas passten auf Kinder besser auf als viele Eltern.
797Und was hat es mit dem berüchtigten Spucken der Lamas auf sich? Ganz einfach, erklärte uns Karl-Peter – Lamas spucken sich untereinander an, wenn sie ihre Rangkämpfe austragen, was fast täglich vorkommt. Wenn der Speichel nicht ausreicht, dann würgen sie als Wiederkäuer halb verdaute Nahrung hervor, die natürlich fürchterlich stinkt. Spuckt ein Lama einen Menschen an, so ist dies ein Fehlverhalten, das durch zu viele Kontakte zwischen Lama und Mensch in den ersten eineinhalb Lebensjahren des Tiers verursacht wird: Das junge Lama gewöhnt sich dann nämlich an, Menschen als Artgenossen und somit Rivalen anzusehen. Die Gefahr, im Verlauf eines Lama-Trekkings angespuckt zu werden, ist – zumindest bei Vittorio, Soriso, Danilo, Pantaloni, Gregorio, Guy und Honesto Nero – gleich Null. Wie diese Tiere gegenüber Menschen überhaupt denkbar friedfertig sind, sie treten und beißen nie.
Nun ist es aber nicht so, dass sich Lamas nur für Spaziergänge auf Wald- und Promenadenwegen eignen. Das wurde mir eindrucksvoll Anfang August 2005 demonstriert, als ich mit Karl-Peter, dessen Familie sowie den Lamas Vittorio, Soriso und Gregorio den Bockstein in den von Karl-Peter besonders geliebten Deferegger Alpen bestieg. Bockstein – nie gehört!? Tatsächlich tun die Deferegger Alpen auf den ersten Blick einiges, um Touristenmassen fernzuhalten. Kein Gipfel dieser südlichen Ausläufer der Hohen Tauern erreicht die „magische“ 3000m-Marke, es fehlt teilweise an Hütten und an spektakulären Bergformen oder gar Modegipfeln und Gletscher gibt’s ohnehin nicht. Und so findet man dort mitten in den angeblich so übererschlossenen Alpen ein Stück Einsamkeit.
Wer mit Karl-Peter zum 2805 m hohen Bockstein geht, kommt in den Genuss eines großen Vorteils. Der Zustieg von Norden ist sehr lang; die ersten drei von insgesamt sechs Stunden muss man auf einem 9,5 km langen Almsträßchen vom Schlaitener Ortsteil Göriach, 1155 m, durch das freilich herrliche Michelbachtal gehen, bis auf etwa 2000 m Höhe ein Steig die zweite Halbzeit dieser Gipfeltour einläutet. Wer mutet sich schon einen sechsstündigen Aufstieg über 1650 Höhenmeter zu – ohne gastronomischen Stützpunkt unterwegs!? Da wäre in der Regel auch der anfängliche Prachtblick auf Schobergruppe und Großglockner kein Trost. Allenfalls für Mountainbiker wäre diese Tour interessant – aber die waren in diesem weltabgeschiedenen Tal nicht zu sehen. So wird der Bockstein, wenn überhaupt, von Süden bestiegen, vom Vergein an der Pustertaler Höhenstraße bzw. vom Linderkaser, 1750 m, im Kristeiner Tal aus: stundenlanges Steigen auf freien, sonnigen, im Hochsommer brütend heißen Südhängen. Aber Karl-Peter besitzt einen Schlüssel für die Schranke, die die Zufahrt ins Michelbachtal versperrt; so konnten wir bis ans Ende des Fahrweges fahren und erst dort starten. Lang genug ist die Tour auch so noch.
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Aber nie langweilig, im Gegenteil, geradezu traumhaft schön. Zuerst geht es ein grünes Tal bergauf – typische Urgesteinslandschaft, nur ohne reißenden Gletscherbach. Die ganze Gegend strahlt ebensoviel Ruhe aus wie die Lamas selbst, die brav hinter uns her trotteten. Ein steileres, bei Nässe auch rutschiges Wegstück erforderte schon etwas Trittsicherheit, dann erreichten wir den herrlichen, 200-300 m langen Zagoritsee in 2343 m Höhe – nicht ohne die für viele sicher überraschende Trittsicherheit der Kühe zu bewundern, die hier oben weideten. Weiter ging es, nur noch mit Soriso (die anderen Lamas ließen wir bei Karl-Peters Familie zurück, die nur bis zum See gehen wollte), stiegen über karge, blockdurchsetzte Bergwiesen zum kleinen Bocksteinsee, 2515 m, dann zu einem breiten Joch – und danach begann erst so richtig das große Staunen. Da windet sich ein herrlicher kleiner Steig durch die Südflanke des Gipfels, rechts ragen senkrechte Felsen auf, links fallen grasige und blockige Steilhänge (mit Edelweiß direkt am Weg!) viele hundert Höhenmeter ins Kristeiner Tal ab, man muss schon ziemlich trittsicher und schwindelfrei sein und – jedenfalls als Gelegenheits-Bergwanderer aus dem Flachland – konzentriert gehen, zumal da der Weg teilweise auch etwas schmierig ist. Aber Soriso trottete mit der größten Selbstverständlichkeit weiter, mit unserem nicht gerade knapp bemessenen Proviant auf dem Rücken, wohl bemerkt – so etwas wie Schwindel kennen Lamas nicht. Lediglich vor dem letzten Steilstück vor dem Gipfel, wo man stellenweise auch ein wenig die Hände braucht, ließen wir ihn zurück. „Das geht er nur bei Schnee“, erklärte Karl-Peter – und brachte mich damit einmal mehr zum Staunen. Immerhin gibt’s hier eine kurze Einser-Stelle.
798Das Gipfelpanorama ist irgendwie auch typisch für die unscheinbaren Deferegger Alpen. Wenig Spektakuläres, aber viel unberührte Natur, viel Einsamkeit – und vor allem Blicke in mehrere grüne Hochtäler mit Bergseen, die es hier dutzendweise gibt. Und erst recht gibt’s viele Gipfel, die auch ausgefuchste Osttirol-Kenner oft nicht einmal dem Namen nach kennen. Ziele en masse auch für zukünftige Osttirol-Urlaube – „wanderbar“ und ideal für ein- und mehrtägige Lama-Trekkings geeignet. Wem’s hier irgendwann doch einmal zu unspektakulär wird, für den bietet sich schließlich als Alternative der eine oder andere Tauern-Dreitausender an, etwa das Böse Weibele bei Kals oder gar der Hochschober, der im Gipfelbereich allerdings schon ein „Zweier“ ist. Oder die bei Kletterern beliebte, aber auch dem trittsicheren Bergwanderer zugängliche Laserzwand in den Lienzer Dolomiten (evtl. mit Abstecher zum Roten Turm, dies freilich am Seil und ohne Lamas). Ziele für ein ganzes Leben! Ja, ja, der Lama-Bazillus in seiner verschärften Osttiroler Form…
Also – ciao, Vittorio, ciao, Soriso! Seid mittlerweile schön brav und vergesst nicht, wer Chef ist! Nächstes Jahr geht’s wieder auf Tour!
795Aber im Unterschied zu den üblen, zuweilen lebensgefährlichen Infektionen, die in zunehmendem Maß aus exotischen Ländern eingeschleppt werden, ist gegen den Lama-Bazillus auch kein scharfes chemotherapeutisches Geschütz nötig. Man lasse einfach den Lama-Bazillus in sich arbeiten – im schlimmsten Fall wird man Lama-süchtig, kommt jedes Jahr nach Oberlienz und besteht entschieden darauf, gerade Vittorio, Soriso oder ein anderes dort ansässiges Lama durch die Osttiroler Berge zu führen – dieses oder keines! Oder man wird anderswo in Österreich fündig und süchtig; dort dürfte es inzwischen schon mehrere Hundert Lamas geben, mit denen man losziehen kann. Lama-Trekking ist offenbar inzwischen „in“, was mir persönlich allerdings ziemlich gleichgültig ist.
Auch meine Frau und ich sind infiziert und wie bei vielen anderen Menschen fing es völlig harmlos an. Eines Tages vor zwei Jahren entdeckten wir zu unserer Verwunderung im Tourismusbüro in Lienz einen Prospekt, der für Lama-Trekking warb, und studierten gleich darauf auch die entsprechende Internetseite, worauf ich sofort kund und zu wissen gab, dass ich diese Lamas unbedingt einmal kennen lernen wollt, sehr zur Belustigung meiner Frau. Einige Tage später wurde der Wunsch Wirklichkeit. Sie führte Vittorio, ich Soriso zur Ranach-Alm über dem Iseltal. Eine Halbtagestour, eine reine Waldwanderung.
Kurzweilig und lustig war es von Anfang an, und das lag nicht nur an Karl-Peter Schneeberger, dem Herrn und Meister dieser Anden-Kamele, sondern vor allem an den Lamas selbst. Gerade Vittorio versuchte erst einmal auszuloten, wer wen führe – er meine Frau oder meine Frau ihn. So blieb er bald stehen und begann Gras zu fressen, worauf sie geduldig wartete, bis er weiterzugehen geruhte. Da könne sie warten bis zum Jüngsten Tag, erklärte Karl-Peter; in einer solchen Situation fresse ein Lama, ohne Hunger zu haben, einfach um seinen Kopf durchzusetzen. Mit sanftem Druck (Brachialgewalt bewirkt bei Lamas überhaupt nichts) wurde Vittorio zum Weitergehen bewegt – und war fortan ganz brav.
Später gab er ständig seltsame Klagelaute von sich, beim Abstieg redete meine Frau öfter mit ihm, worauf er jedes Mal den Kopf schüttelte. Meine Bewunderung für die Intelligenz dieser Tiere wuchs ins Unermessliche – aber nicht lange, denn ausgerechnet Karl-Peter nahm mir sämtliche Illusionen: Die vermeintlichen Klagelaute, erklärte er, seien Sympathiekundgebungen! Na, dann…
796Intelligent sind die Lamas jedoch zweifellos, freilich auf eine – sagen wir – infantile Weise. Wie schon angedeutet, soll ein Lama, solange es geführt wird, nicht fressen. Aber gerade Soriso und bei einer späteren Gelegenheit erst recht Guy, einer seiner Artgenossen, machten sich eine Art Sport daraus, andauernd wie ein Luchs aufzupassen, ob ich sie beim Gehen vielleicht einen Augenblick aus den Augen ließe, und sobald sie diesen Eindruck gewannen, rupften sie schnell ein paar Blätter von irgendeinem Busch, mampften sie genüsslich und schienen sich diebisch zu freuen. Speziell Guy bewies in diesem Sport großes Geschick; freilich regnete es ununterbrochen, als ich ihn führte, und wir benutzten einen schmierigen Weg. Dass ich mein Hauptaugenmerk darauf richtete, mich nicht in den Schlamm zu setzen, ist sicher verständlich. Aber Guy, dieses Schlitzohr, nutzte das geradezu gnadenlos aus: rupf, rupf, rupf… Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Selbstverständlich ist es mir völlig unmöglich, einem Lama wegen solcher Kindereien auch nur im Entferntesten böse zu sein! Das ändert aber nichts daran, dass diese Tiere raffinierte Schlawiner sind.
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Eine andere Episode ist mir ebenfalls noch bestens im Gedächtnis. Als wir bei unserer ersten Lama-Tour in der damals noch als Jausenstation betriebenen Ranach-Alm einkehrten und Karl-Peter die Lamas an einem Zaun angebunden hatte, erregten diese natürlich rasch die Aufmerksamkeit einiger Kinder. Die gingen auf die Lamas zu und streichelten sie – und die Lamas blieben liegen! Die Kinderfreundlichkeit dieser Tiere ist tatsächlich bekannt; Karl-Peter meinte, Lamas passten auf Kinder besser auf als viele Eltern.
797Und was hat es mit dem berüchtigten Spucken der Lamas auf sich? Ganz einfach, erklärte uns Karl-Peter – Lamas spucken sich untereinander an, wenn sie ihre Rangkämpfe austragen, was fast täglich vorkommt. Wenn der Speichel nicht ausreicht, dann würgen sie als Wiederkäuer halb verdaute Nahrung hervor, die natürlich fürchterlich stinkt. Spuckt ein Lama einen Menschen an, so ist dies ein Fehlverhalten, das durch zu viele Kontakte zwischen Lama und Mensch in den ersten eineinhalb Lebensjahren des Tiers verursacht wird: Das junge Lama gewöhnt sich dann nämlich an, Menschen als Artgenossen und somit Rivalen anzusehen. Die Gefahr, im Verlauf eines Lama-Trekkings angespuckt zu werden, ist – zumindest bei Vittorio, Soriso, Danilo, Pantaloni, Gregorio, Guy und Honesto Nero – gleich Null. Wie diese Tiere gegenüber Menschen überhaupt denkbar friedfertig sind, sie treten und beißen nie.
Nun ist es aber nicht so, dass sich Lamas nur für Spaziergänge auf Wald- und Promenadenwegen eignen. Das wurde mir eindrucksvoll Anfang August 2005 demonstriert, als ich mit Karl-Peter, dessen Familie sowie den Lamas Vittorio, Soriso und Gregorio den Bockstein in den von Karl-Peter besonders geliebten Deferegger Alpen bestieg. Bockstein – nie gehört!? Tatsächlich tun die Deferegger Alpen auf den ersten Blick einiges, um Touristenmassen fernzuhalten. Kein Gipfel dieser südlichen Ausläufer der Hohen Tauern erreicht die „magische“ 3000m-Marke, es fehlt teilweise an Hütten und an spektakulären Bergformen oder gar Modegipfeln und Gletscher gibt’s ohnehin nicht. Und so findet man dort mitten in den angeblich so übererschlossenen Alpen ein Stück Einsamkeit.
Wer mit Karl-Peter zum 2805 m hohen Bockstein geht, kommt in den Genuss eines großen Vorteils. Der Zustieg von Norden ist sehr lang; die ersten drei von insgesamt sechs Stunden muss man auf einem 9,5 km langen Almsträßchen vom Schlaitener Ortsteil Göriach, 1155 m, durch das freilich herrliche Michelbachtal gehen, bis auf etwa 2000 m Höhe ein Steig die zweite Halbzeit dieser Gipfeltour einläutet. Wer mutet sich schon einen sechsstündigen Aufstieg über 1650 Höhenmeter zu – ohne gastronomischen Stützpunkt unterwegs!? Da wäre in der Regel auch der anfängliche Prachtblick auf Schobergruppe und Großglockner kein Trost. Allenfalls für Mountainbiker wäre diese Tour interessant – aber die waren in diesem weltabgeschiedenen Tal nicht zu sehen. So wird der Bockstein, wenn überhaupt, von Süden bestiegen, vom Vergein an der Pustertaler Höhenstraße bzw. vom Linderkaser, 1750 m, im Kristeiner Tal aus: stundenlanges Steigen auf freien, sonnigen, im Hochsommer brütend heißen Südhängen. Aber Karl-Peter besitzt einen Schlüssel für die Schranke, die die Zufahrt ins Michelbachtal versperrt; so konnten wir bis ans Ende des Fahrweges fahren und erst dort starten. Lang genug ist die Tour auch so noch.
[break=Seite 3]
Aber nie langweilig, im Gegenteil, geradezu traumhaft schön. Zuerst geht es ein grünes Tal bergauf – typische Urgesteinslandschaft, nur ohne reißenden Gletscherbach. Die ganze Gegend strahlt ebensoviel Ruhe aus wie die Lamas selbst, die brav hinter uns her trotteten. Ein steileres, bei Nässe auch rutschiges Wegstück erforderte schon etwas Trittsicherheit, dann erreichten wir den herrlichen, 200-300 m langen Zagoritsee in 2343 m Höhe – nicht ohne die für viele sicher überraschende Trittsicherheit der Kühe zu bewundern, die hier oben weideten. Weiter ging es, nur noch mit Soriso (die anderen Lamas ließen wir bei Karl-Peters Familie zurück, die nur bis zum See gehen wollte), stiegen über karge, blockdurchsetzte Bergwiesen zum kleinen Bocksteinsee, 2515 m, dann zu einem breiten Joch – und danach begann erst so richtig das große Staunen. Da windet sich ein herrlicher kleiner Steig durch die Südflanke des Gipfels, rechts ragen senkrechte Felsen auf, links fallen grasige und blockige Steilhänge (mit Edelweiß direkt am Weg!) viele hundert Höhenmeter ins Kristeiner Tal ab, man muss schon ziemlich trittsicher und schwindelfrei sein und – jedenfalls als Gelegenheits-Bergwanderer aus dem Flachland – konzentriert gehen, zumal da der Weg teilweise auch etwas schmierig ist. Aber Soriso trottete mit der größten Selbstverständlichkeit weiter, mit unserem nicht gerade knapp bemessenen Proviant auf dem Rücken, wohl bemerkt – so etwas wie Schwindel kennen Lamas nicht. Lediglich vor dem letzten Steilstück vor dem Gipfel, wo man stellenweise auch ein wenig die Hände braucht, ließen wir ihn zurück. „Das geht er nur bei Schnee“, erklärte Karl-Peter – und brachte mich damit einmal mehr zum Staunen. Immerhin gibt’s hier eine kurze Einser-Stelle.
798Das Gipfelpanorama ist irgendwie auch typisch für die unscheinbaren Deferegger Alpen. Wenig Spektakuläres, aber viel unberührte Natur, viel Einsamkeit – und vor allem Blicke in mehrere grüne Hochtäler mit Bergseen, die es hier dutzendweise gibt. Und erst recht gibt’s viele Gipfel, die auch ausgefuchste Osttirol-Kenner oft nicht einmal dem Namen nach kennen. Ziele en masse auch für zukünftige Osttirol-Urlaube – „wanderbar“ und ideal für ein- und mehrtägige Lama-Trekkings geeignet. Wem’s hier irgendwann doch einmal zu unspektakulär wird, für den bietet sich schließlich als Alternative der eine oder andere Tauern-Dreitausender an, etwa das Böse Weibele bei Kals oder gar der Hochschober, der im Gipfelbereich allerdings schon ein „Zweier“ ist. Oder die bei Kletterern beliebte, aber auch dem trittsicheren Bergwanderer zugängliche Laserzwand in den Lienzer Dolomiten (evtl. mit Abstecher zum Roten Turm, dies freilich am Seil und ohne Lamas). Ziele für ein ganzes Leben! Ja, ja, der Lama-Bazillus in seiner verschärften Osttiroler Form…
Also – ciao, Vittorio, ciao, Soriso! Seid mittlerweile schön brav und vergesst nicht, wer Chef ist! Nächstes Jahr geht’s wieder auf Tour!