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Vollständige Version anzeigen : Expedition in Jrian Jaya zu den KOROWEIS


Hans-Wien
11.02.2005, 18:58
Hallo Peter Baeuerle!
Nachfolgend ein Bericht über meine "vorzeitig beendete Expedition" zu den Koroweis im Okt. 2000.
Nach meinen Informationen hat sich auch inzwischen nicht viel geändert.
Viel Glück!
Hans-Wien


Die Geschichte einer vorzeitig beendeten Expedition.

Nieselregen und dunkle Wolken ziehen über Wien, der Herbst ist die richtige Zeit, um abzureisen. Mein Partner Wolfgang war schon sechsmal im östlichsten Teil des Vielvölkerstaats Indonesien, in der Provinz Irian Jaya, und auch ich kenne einen Teil der Insel vom Trekking.

Doch die Vorzeichen haben sich geändert: seit Juni 2000 hat die rückständige Region einen neuen Namen, West Papua - natürlich in Anlehnung an den unabhängigen Nachbarn weiter im Osten, Papua Neu Guinea.

Die erste Station in West Papua ist zwangsläufig der Flughafen Sentani bei der größten Stadt der Insel, Jayapura. Hier fühlt man sich ganz in Indonesien, sowohl was die hässlichen Häuser als auch die Bürokratie und den zugewanderten Menschenschlag betrifft.

Ganz eine andere Situation findet man im Hinterland, wie wir aus unseren bisherigen Besuchen wissen: Es gibt zwar größere Ansiedlungen, etwa das heute touristische Zentrum der Dani, Wamena und an der Südküste die Städte Agats und Merauke im Siedlungsgebiet der Asmat. Eine Reise ins Landesinnere mutet trotz des Abenteuertouristenbooms der Neunziger-Jahre wie ein Sprung in die ferne Vergangenheit an.

Gold- und andere Minen trugen zur punktuellen „Entwicklung" bei, der größte Teil der Insel ist trotzdem mit undurchdringlichem Urwald überzogen, im Süden breiten sich riesige Sumpflandschaften aus. Gebirgsketten ragen mit über fünftausend Meter hohen, schneebedeckten Gipfeln über die grüne Wildnis.

Wegen den Aktivitäten der Unabhängigkeitsbewegung Organansi Papua Merdeka (OPM) herrscht seit geraumer Zeit Unruhe bei vielen Papuas. Wir wollen trotzdem hinein. Einige Gebiete im Landesinneren und besonders an der Grenze zu Papua Neuguinea sind aus militärischen Gründen gesperrt. Wir benötigen für unseren Marsch daher eine besondere Erlaubnis der Behörde (Polisi Kantor) in Jayapura. Man will unseren Zeitplan und unsere genaue Route wissen - viel Bürokratie, bis wir endlich das Papier in der Hand halten. Man läßt uns also in das östliche Hochland, nach Suntamon fliegen! Unser Plan wird konkret: in einigen Tagesmärschen möchten wir den 4600m hohen Gunung Madala erreichen.

Für Wolfgang ist es bereits der zweite Anlauf, diesen dritthöchsten Berg Neuguineas zu bezwingen. Unsere weitere Route sieht ein rund fünfwöchiges Trekking in das südliche Tiefland vor, wobei wir das Gebiet der Korowei durchqueren wollen. Die Korowei sind ein kriegerischer Stamm, über den in der westlichen Welt noch wenig bekannt ist. Jedenfalls leben sie in Sippen und wohnen in Baumhäusern, die sie in schwindelerregender Höhe in den Kronen erbauen.

Schließlich wollen wir zu einer der wenigen Missionsstationen gelangen, wo der Rückflug nach Jayapura organisiert werden kann.

Am Ausgangspunkt werden wir freundlich empfangen und bestens umsorgt. Vor einem großen, uns nicht unbekannten Problem stehen wir trotzdem: Nach wie vor wollen die Einheimischen nicht längere Zeit von daheim weg und in fremdes Stammesland. Ohne Träger und vor allem Führer besteht aber keine Chance, unser Ziel zu erreichen. Nach längeren Verhandlungen finden wir sechs Männer, die uns bis zum Rand des Tieflandes führen wollen.

Wir erklären den Burschen eindringlich, genügend Proviant in Form von Tarowurzeln und Süßkartoffeln einzupacken. Für sie sind solche Exeditionen völlig unbekannt, die Träger würden ohne jeden Vorrat in den Dschungel marschieren (und „rechtzeitig"umkehren).

Mit gemischten Gefühlen -wie lange werden die sechs wirklich bei uns bleiben? -geht es bei strömenden Regen los. Die Topographie hilft nicht gerade: einen dichtbewachsenen Steilhang hinauf, den Sattel überqueren, ebenso steil wieder hinunter, einen Fluß durchwaten und da capo. Ein Tagesmarsch bis an den Rand der Erschöpfung bringt uns etwa 5 km Luftlinie weiter!

Nachtlager! Zelt? Wo denn? Das Gelände ist uneben und mit so dichtem Gestrüpp überwachsen, dass an den Aufbau unseres Unterschlupfes nicht zu denken ist. Also kriechen wir hundemüde zu unseren Trägern in eine improvisierte Laubhütte und verbringen die Nacht mit unzähligen Insekten um uns. Der beißende Rauch des Feuers aus nassem Holz scheint das Getier nicht zu stören, uns macht es das Atmen schwer.

Alle Träger sind noch mit dabei, als nach ein paar äußerst anstrengenden Wandertagen, meist bei strömenden Regen, eines Morgens die Wolkendecke aufreißt. Wir blicken auf „unseren" Berg! Vor uns ragt eine rund 2000m hohe Felswand aus dem Urwald empor, gekrönt mit einem von Eis und Schnee bedeckten Gipfel. Zwischen riesigen Moosbüschen können sich Farne an den Felsen halten. Eine Besteigung kommt nur bei trockenem Wetter in Frage, das ist klar. Wir warten und geben die Hoffnung nicht auf, aber umsonst. Bei Regen und Nebel diesen Berg zu besteigen wäre zu gefährlich - wir scheitern an den unberechenbaren äußeren Bedingungen auf dieser Insel.

Die Bedingungen verbessern sich auf unserem Weg weiter südwärts in die sumpfige Ebene gar nicht, denn es erreicht uns eine beunruhigende Nachricht: Im Gebiet der Korowei gebe es schwere Stammeskämpfe, heißt es. Die erst seit kurzem dort tätigen Missionare werden mit Helikoptern ausgeflogen.

Wir müssen nun sehr vorsichtig sein, denn die Träger weigern sich, uns weiter zu begleiten. Und sollten wir alleine wirklich die Station finden, aber keine Missionare mehr antreffen, dann hätten wir weitere fünf Wochen Fußmarsch vor uns. Unmöglich! Weder Kraft, noch Proviant, noch Ortskunde wären ausreichend. So beschließen wir schweren Herzens, unsere Expedition frühzeitig zu beenden und mit den Trägern umzukehren. Dies führt auf ihrer Seite zu Freudentänzen. Noch sind es aber viele harte Tagesmärsche zurück in ihr Dorf...

Zwischen den Hütten des Heimatdorfes herrscht große Aufregung! Alle Männer hier sind jetzt bewaffnet, über Funk wird gerade die Nachricht verbreitet, dass in Wamena, der wichtigsten Stadt im Hochland, heftige Kämpfe im Gang sind!

Zwischen den steinzeitlichen Danis und dem modern ausgerüsteten indonesischen Truppen kommt es zur ungleichen Auseinandersetzung mit Hunderten von Toten, vor allem auf der Seite der Papua. Die Soldaten sind drauf und dran, alle Landungspisten in Irian Jaya bzw. West-Papua zu besetzten, dagegen wollen unsere Dorfbewohner kämpfen.

Hier auf ein Flugzeug nach Jayapura warten? Vergeblich, so wie es aussieht. Einen Bürgerkrieg im Busch zu erleben, malen wir uns auch nicht besonders angenehm aus... Uns ist klar, wir müssen schnellstens raus aus dieser Gegend und weg von dieser Insel.

Unsere Gastgeber erzählen, was sie von der indonesischen Besetzung wissen, über die starke Zuwanderung von anderen Inseln, vom Raubbau am Urwald und der Ausbeutung riesiger Minen. Nach Tagen ungehörter Funksprüche, erhalten wir endlich Antwort von einem amerikanischen Hubschrauberpiloten. Erst nach Verhandlungen, die zur Bezahlung eines höheren Dollarbetrags führen, ist er bereit, uns an Bord zu nehmen. Unter uns bleibt eine weitgehend unberührte Landschaft mit einfachen, freundlichen Menschen, die bald die Brutalität eines Krieges spüren könnten.

Inzwischen sind auch schon in der Provinzhauptstadt und am Flughafen Sentani Kämpfe ausgebrochen, wir erwischen gerade noch eine Maschine, die uns in Sicherheit bringt. Während der raschen Abreise erfahren wir noch, dass am 1. Dezember ein Kongress mit Abgesandten der verschiedenen Stämme und aus Papua Neuguinea stattfinden soll. Dunkle Wolken am Horizont...

Die Besteigung des Traumberges Gunung Madala wird uns wohl für längere Zeit verwehrt bleiben. Erst langsam realisieren wir, wie knapp wir aus der Gefahrenzone entkommen sind und freuen uns, bei Regen und Nebel wieder heimatlichen Boden zu betreten.

PS: Mitte Dezember: Der Führer der Unabhängigkeitsbewegung wird in Sentani verhaftet, schwere Kämpfe toben im Inneren der Insel. Ein Großaufgebot des indonesischen Militärs versucht, die Unruhen zu unterdrücken, denn man befürchtet ein Ausbreiten der Unabhängigkeitsbestrebungen auf andere Inseln. Nachrichten dringen kaum nach außen. Und abgesehen davon, Boris & Babs oder Taxi Orange liegen „uns" ja viel näher als das Schicksal dieser Menschen... –H. K.-


Indonesien Aktuell:

Ein TCA-Mitglied lebt in Jakarta, wir haben ihn um aktuelle Infos über Indonesien gebeten (Ende Nov.2000). Politisch ist's momentan kein Honiglecken; es geht drunter und drüber. Die Leute an der Macht sind extrem inkompetent und die Rufe nach der Ablöse des Präsidenten Wahid (der übrigens kaum weniger korrupt ist als Soharto) werden lauter. Wahid antwortet: „Wenn ich abgelöst werden sollte, dann brennt Indonesien!" - und er meint sicher nicht die berüchtigten Waldbrände auf Sumatra...

Ein Riff ist besonders erwähnenswert: Es liegt vor Sohartos ehemaliger Privatinsel und ist fast unzerstört, da sich dort wegen der Marine-Bewachung niemand mit Dynamit zu fischen getraute. Unter der Woche sind die Ressorts auf den Inseln komplett leer und man kann relativ billig auf seiner „eigenen" Insel entspannen.

Meine Lieblingsgegend ist die Umgebung von Bandung bis hin zur Stadt Garut. Da gibt's endlose Teeplantagen, dazwischen malerische Vulkankegel mit schönen Kraterseen, die Landwirtschaft zaubert geometrische Muster zwischen die Berge. Auch hier gilt: unter der Woche ein einsames Paradies, am Wochenende eher überlaufen, aber wenn man eigenen Transport hat, kann man dem sehr gut entkommen.

Außerhalb Jakartas ist das Land billig zu bereisen. Die Preise liegen liegen weit unter den in Reiseführern angegebenen Peisen. –Gernot-

PeterBaeuerle
11.02.2005, 19:55
Hallo Hans-Wien,

das sind wirklich dramatische Erlebnisse, die man nicht wiederholen möchte. Allerdings - wie in meinem Beitrag angemerkt - waren wir vor zwei Jahren, also 2003, in Wamena und Trecking im Baliem-Valley. Von Unruhen konnten wir nichts spüren und besagte Tour wurde uns von einem dortigen Führer angeboten, nicht umgekehrt. Vielleicht - so hoffen wir - haben sich die Zeiten etwas geändert. Das bedeutet nicht, dass es besser geworden ist und keine Unabhängigkeitsbestrebungen mehr im Gange sind. Es bedeutet vielmehr und das ist vielleicht das traurige daran, dass die indonesiche Herrschaft die Oberhand behalten hat. Wir haben zwar Polizei und Militär zur Kenntnis genommen, die machten aber eher einen verschlafenen Eindruck. Man weiß natürlich nie, was hinter den Kulissen los ist, aber auch von Seiten der Führer und Träger konnten wir keine Berichte über altuelle kriegerische Auseinandersetzungen entnehmen. Ich denken, wir werden an unserem Plan zunächst festhalten und weiter versuchen, aktuelle Informationen zu aquirieren. Kannst du dich noch an den Namen des Führeres erinnern, oder näher beschreiben, wie du zu diesem gekommen bist? Das würde mich noch sehr interessieren!
Gruß aus Frankfurt,
Peter

Hans-Wien
14.02.2005, 10:56
Hallo PeterBaeuerle !


Das breite,besiedelte Baliemtal mit Wamena ist natürlich touristisch total erschlossen da es viele westliche Reisegruppen besuchen und es vom indon. Militär leicht zu kontrollieren ist (deshalb auch kein Permit erforderlich ).
Anders schaut es in den unzugänglichen Urwaldgebieten aus,in denen immer wieder Stammeskämpfe ausbrechen.Die vereinzelten Missionsstationen sind nur mit dem Kleinflugzeug erreichbar,und die Missionare sind keinesfalls über ankommende Touristen erfreut.
Wir waren bei unseren Expetitionen nicht mit Touristenguides unterwegs,sondern organisierten die Träger immer direkt in ihrem Stammesgebiet,in dem sie gute Ortskenntnisse im Dschungel besitzen.Allerdings kommt es immer wieder vor,dass die Träger nicht in feindliche Gebiete mitgehen,sondern in ihre Dörfer zurück kehren ( dann heißt es,Gepäck selber schleppen).
Mein Partner,Arzt mit indon. Sprachkenntnissen,möchte die 5 Wochentour in das Tiefland wieder versuchen(ich bleibe lieber im tibetischen Hochland ), erfuhr aber in neueren Nachrichten,dass es im Gebiet der Koroweis weiterhin Unruhen gibt,und die Missionare nicht in ihre zerstörten Stationen zurück kehren.


Viel Glück Hans-Wien