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Vollständige Version anzeigen : Bhutan: Maoisten drohen mit Untergrundkrieg


Andreas
24.04.2003, 17:59
Bhutan: Maoisten drohen Untergrundkrieg gegen König an / Monarch "verrät Interessen des Landes an Indien"

Kathmandu - Maoisten im kleinen Himalayastaat Bhutan haben einen Untergrundkrieg gegen König Jigme Singye Wangchuk angedroht. Geplant sei ein langfristiger "Volkskrieg", hieß es in einer Erklärung, die am Donnerstag in der nepalesischen Zeitung "Nepal Samacharpatra" veröffentlicht wurde und die von bhutanesischen Maoisten stammen soll. Im buddhistischen Bhutan leben knapp 700.000 Menschen. Parteien gibt es nicht, die Macht liegt zum größten Teil beim König.

Vorbild Nepal

Die Rebellen wollen die Methoden der nepalesischen Maoisten anwenden, die seit 1996 gegen die Monarchie in Nepal gekämpft hatten. Sie überfielen Polizeiposten, erzwangen "Streiks" mit Gewalt und erpressten Schutzgelder. Fast 8000 Menschen kamen ums Leben. Seit Jänner gilt ein Waffenstillstand zwischen Armee und Maoisten in Nepal.

Die bhutanesischen Maoisten warfen dem König vor, die Interessen des Landes an Indien zu verraten. Sie befürchteten, das kleine Bhutan könne, ähnlich wie das frühere Königreich Sikkim 1975, zu einem indischen Teilstaat werden. Zugleich warfen sie dem König vor, die nepalesischstämmige Hindu-Minderheit zu Flüchtlingen gemacht zu haben.(APA/dpa)

Quelle: http://derstandard.at/standard.asp?id=1280069

Ist das »letzte Paradies« gefährdet? Oder haben die bhutanesischen Maoisten recht, und der König »verkauft« sein Land an Indien? Kennt jemand die aktuelle sozio-politische Situation in Bhutan?

Grüße,
Andreas

Navyo
24.04.2003, 18:42
Glaube nicht, das der König sein Land an Indien verkauft, mit den nepalesen wird's stimmen.

Inzwischen hat Gingme seine Macht (theoretisch) zum größten Teil an das parlament und Regierung abgegeben.

Navyo

Andreas
24.04.2003, 19:18
Das »Nepalesen-Problem« ist nachvollziehbar! Bhutan droht da sicher eine Überfremdung durch diese ehemaligen Gastarbeiter. Man braucht sich ja nur die Situation in den West-Bengal Hills ansehen, wo Nepalesen einst von den Briten als billige Arbeitskräfte für ihre Teeplantagen angesiedelt wurden. Die einheimische Bevölkerung (Lepchas?) ist quasi ganz verschwunden. Und in Sikkim ist es wohl ähnlich! Ist es da nicht legitim, dass man versucht, die kulturelle (und damit auch religiöse) Überfremdung durch die Nepalis in Bhutan damit Herr zu werden, dass man versucht, sie »los zu werden« oder schöner gesagt zu repatrieren?
Sind die Maoisten Bhutans eigentlich Nepalis oder Bhutanesen (Bhotias)?

Andreas

Bjoerk
25.04.2003, 15:35
Ich kann vielleicht etwas sozio-ökonomisches zu Bhutan sagen:

Bhutan hat in den letzten Jahren mit der Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes immer knapp über den magischen 5 Prozent gelegen. Allerdings betrug des Bevölkerungswachstum um 3 Prozent, so das sich der Lebensstandard der Bhutanesen nicht wesentlich erhöht hat.
Trotzdem haben sie einen höheren Lebensstandard als der Durchschnitt in Nepal und Bangladesh.

Bhutan hat allerdings das Problem eines quasi nicht vorhandenen formalisierten Bildungssystems. Sie werben massiv Arbeiter aus Indien an, für sog. „white-collar-professions“. Aha, Anwerben von Arbeitern, das hatten wir doch schon mal.

Bhutan hat keine eigene Armee, wird diesbezüglich von Indien versorgt. Ebenso Außenhandel. Bhutan hat also praktisch keine eigenständige Wirtschaft. Indien wickelt einen großen Teil der Außenhandelsangelegenheiten ab.

Nochwas fällt mir ein. Ich meine mal gelesen zu haben das seinerzeit ca. 30 Prozent eingewanderte Nepalesen im Land waren, die ja Bhutans Hügelland urbar machen sollten. Die Zahl hat sich ja schon wieder drastisch reduziert. Jetzt plötzlich hat man Angst vor einer Überfremdung. Was auf einer ganz alten Geschichte basiert. Shah-Dynastie um 1770, glaub ich. Wo kurz Mal die Idee eines „Greater Nepal“ auftauchte.

Und überhaupt. Man kann nicht Gastarbeiter ins Land holen und sie dann vertreiben, wenn man sie nicht mehr braucht.

Übriegens halte ich Bhutan nicht für das letzte Paradies, sondern für eine absurde Ökodiktatur.

Grüße Björk

Andreas
29.04.2003, 08:31
Hallo Björk,
absurde ÖkodiktaturErläutere das bitte mal. Ich kann mir zwar vorstellen, was du damit meinst, denn ein wenig hatte ich mich in das Thema Bhutan schon eingelesen, aber ich glaube, dieser Ausdruck hat Erklärungsbedarf.

Es ist mir angesichts des politischen Sytems in Bhutan schon klar, dass die Macht in den Händen weniger liegt, und man insofern den Ausdruck 'Diktatur', wenn auch mit Vorsicht, verwenden kann, aber andererseits sind den Bhutanesen all die sozialen und religiösen Unruhen Nepals, Pakistans, Indiens und Tibets erspart geblieben, was angesichts der prinzipiell instabilen regiopolitischen Lage schon ein kleines Wunder ist.

'Öko'-Diktatur? Hmm, die Lösung vieler hausgemachter Probleme in Nepal und Indien, wie z. B. Abholzung und Ressourcenausbeutung, sei es Wasser oder Bodenschätze, ohne die Regulativen einer EU oder UNO, läge meiner Meinung nach in mehr Ökologie. Immer noch besser, in einer Ökodiktatur in einem Land zu leben, das sehr sensibel auf eine Änderung der jahrhundertelangen, traditionellen Landwirtschaft reagieren würde (klassisches Monsunland), als in einer neoliberalen Demokratie westlichen oder maoistischen (sic!) Vorbilds. Eine totale und plötzliche Öffnung von Bhutan würde unweigerlich zu einer Katastrophe führen, das ist meine Überzeugung! Natürlich kann sich ein Land in der heutigen, zusammenwachsenden Welt nicht mehr total abschotten, aber der Übergang muss sensibel vor sich gehen, langsam und mit viel Fingerspitzengefühl. Resentiments gegen die nepalesische Minderheit aufzubauen ist sicher der falsche Weg, ich unterstütze das nicht, aber ich habe Verständnis.

Ein Wort noch zur Rolle Indiens. Ich weiß schon, dass Bhutan zu nahezu 100% wirtschaftlich und politisch von Indien abhängig ist. Aber ohne 'starken' Freund wäre es wohl schon in den Rachen von China gefallen. Wähle das kleinere Übel! Es ist wohl der sensiblen Politik Bhutans zuzuschreiben, dass es weder das Schicksal Tibets, noch jenes Sikkims erlitt.

Schöne Grüße,
Andreas

Bjoerk
02.05.2003, 23:19
Ich gebe zu, ein etwas reißerischer Begriff.
Was ich damit meine: Nun mit Ökologie und Ressourcenschutz hat es nichts zu tun. Es war ja mal so, das Satellitenschüsseln verboten waren, damit niemand sich vom ausländischen Fernsehen beeinflussen lassen kann. (Worauf hin das Geschäft mit Videoverleih aufblüte.) Die Leute waren gezwungen sich traditionell zu kleiden, zu leben. Autos waren nur bestimmten Leuten erlaubt. So weit ich weiß wurde viel liberalisiert. Bin da aber ehrlich gesagt nicht auf dem neusten Stand.
Kurzum, eine Diktatur, die ihre Untertanen zwingt an alten Traditionen festzuhalten, sie von Einflüssen abschirmt. Und nicht alles was das Label „Tradition“ hat ist gut!

Ich habe eigentlich nur geantwortet weil du schriebst: „Das »Nepalesen-Problem« ist nachvollziehbar!“ Und: „Überfremdung durch die Nepalis in Bhutan damit Herr zu werden, dass man versucht, sie »los zu werden« oder schöner gesagt zu repatrieren?“ Auf beide Fragen von mir ein klares NEIN!

Nachvollziebar in dem sinne, das Bhutan ja nicht das einzige Land ist, das sich im nachhinein versucht seiner Gastarbeiter zu entledigen. Aber nur weil andere das auch tun ist es noch lange nicht richtig.
Egal ob es in Deutschland, in Bhutan, oder sonst wo passiert. Ich persönlich finde so was abscheulich. >:(

Grüße