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Vollständige Version anzeigen : Shimshal Berg- und Filmexpedition 2011


tremendopunto
17.07.2011, 09:31
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Am 15.06.2011 ging es endlich los…nach Monaten der Planung, des Kopfzerbrechens, und der Vorbereitung….ein Erstbesteigungsversuch an einem namenlosen Berg in Pakistan soll es werden. In Kooperation mit drei einheimischen Bergsteigern – darunter Samina Baig, die erste Frau Pakistans, die in solche Höhen vordringt.

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Damit liegt der Fokus dieser Expedition nicht nur auf einem einzelnen Berg, einem Gipfel, sondern auch auf dem Wunsch einer jungen muslimischen Frau nach Gleichberechtigung und Anerkennung in einer von Männern dominierten Gesellschaft in einem streng islamischen Land – Pakistan.
Die erst 20jährige pakistanische Bergsteigerin, Samina Baig, macht sich in Seilschaft mit ihrem Bruder – Mirza Ali – auf einen noch unbestiegenen 6.000er zu bezwingen, in einer Höhe, in der außer ihr noch nie eine pakistanische Frau vorgedrungen ist.5776
Das Ziel ihrer Mission ist größer als jeder Berg, denn Sie möchte die Frauen eines ganzen Landes zu einer aktiveren Teilnahme in einer nach Außen hin von Männern dominierten Gesellschaft inspirieren.
Ihre Nachricht ist an alle Frauen gerichtet. Denn wenn jemand wie sie die Gipfel der höchsten noch unbestiegenen Berge im tiefsten Karakorum bezwingen kann, dann kann sich jede Frau nicht nur in Pakistan sondern auf der ganzen Welt mit Selbstbewusstsein in der Gesellschaft durchsetzen.
Bereits im Alter von nur 19 Jahren stand sie auf dem mit 6.400m bis dato noch unbestiegenen Chashkin Sar, heute nach ihr benannt – Samina Peak.
Dieser Erfolg weckte das Medieninteresse an Samina´s Mission. GeoTV Pakistan dokumentierte diese Expedition und strahlte eine Reportage landesweit aus. Fernsehinterviews und viele Zeitungsartikel folgten. Samina Baig wurde 2011 für den Azme Alishan (AZM) Award nominiert - für einen signifikanten Beitrag zur Verbesserung Pakistans. Samina steht auch im Mittelpunkt des UIAA Berichtes „Female Pakistani Climber Inspires Women and Youth“ vom 14.02.2011 (http://www.theuiaa.org/news_291_Female-Pakistani-climber-inspires-women-and-youth).
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Unser Plan sieht wie folgt aus:
Jenseits der letzten Siedlungen des Shimshal Tals, tief im Karakorum Gebirge, begleiten wir unsere zwei pakistanischen Protagonisten mit ihren Trägern auf einer dreiwöchigen Kleinstexpedition mit möglichst geringem Materialaufwand. In mehreren Tagesmärschen überschreiten wir über 5000m hohe Gebirgspässe, um tief in das Grenzgebiet zwischen China und Pakistan vorzudringen - ein Land der namenlosen Bergriesen, größtenteils unbekannt, unbestiegen und unbestimmt. Zielort ist der Ghuzerav Gebirgszug, an dessen Fuß das Basislager errichtet werden soll.

Unser Berg-Team: neben Samina noch Gosia, Mirza, Arshad, Jens und Chris
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tremendopunto
17.07.2011, 10:02
Soweit der Plan…..aber Pläne sind da um geändert zu werden.
In Islamabad angekommen (16.06), folgt die erste Überraschung auf dem Fuß: PIA (unter Einheimischen auch gerne „Problems in air“ genannt) begrüßt uns am Check-In Schalter mit der Ansage, wir könnten leider nicht an Board, der Flug sei überbucht. Wir lassen uns auf die Warteliste setzten – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und eine 20h Busfahrt zum Aufwärmen für alle noch folgenden Strapazen würden wir gerne um jeden Preis verhindern.
Großes Geschrei am Check-In Schalter, ca. 20 weitere Leute versuchen mit Gewalt auf den Flug zu kommen…..man braucht Geduld in Pakistan, manchmal liegt auch in der Ruhe die Kraft – die Startzeit ist bereits überschritten, da kommt der glückliche Wink für uns, wir dürfen mit. Schnell das Gepäck aufgegeben und dann werden wir wir auf das Flugfeld gelotst. Wir rennen über die Piste des internationalen Flughafens Islamabad und springen quasi in das startende Flugzeug, nur um festzustellen, dass noch sechs weitere Sitze frei sind….Mismanagement deluxe! Das Volk am Check-In hätte viel für diese vergeudeten Plätze gegeben. Muss man nicht verstehen.
Freude, wir haben´s noch mal geschafft….zu früh, in Gilgit werden wir von gefühlten 38Grad begrüßt und unser Gepäck bleibt aus. „No Problem, tomorrow next flight!“ wird und versichert. Gut, wir haben 20h Busfahrt gespart, kein Problem. Wir sind guter Dinge.
Am nächsten Morgen (17.06) dann die nächste Überraschung, nur ein Gepäckstück. „No Problem, next flight at 12:00“ werden wir vertröstet……dieser Flug wurde dann wegen schlechtem Wetters abgesagt ;-)
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(Flüge in den Norden müssen am Nanga Parbat auf Sicht vorbei, wenn sich dort wie so häufig starke Wolken bilden werden die Flüge abgesagt.)
„No problem…“ ich kann es nicht mehr hören „….tomorrow next flight!“.
Am nächsten Tag (18.06) kommt dann endlich das fehlende Gepäck an – 2 Tage verloren, vielleicht wäre der Bus doch die bessere Lösung gewesen. (Aber dazu kommen wir noch auf dem Rückweg, denn da wurde der Flug wegen schlechten Wetters komplett abgesagt, die Busfahrt nach Rawalpindi hatte dann 18h in Anspruch genommen.)
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Jetzt aber, endlich, kann es los gehen. Per Jeep über den KKH via Karimabad, umgeben von den fantastischen 7000ern wie Rakaposhi, Diran, Ultar und Fernsicht auf Spantik. (Fotos: Ultar, Golden Peak wird seinem Namen gerecht a.k.a Spantik´s Westwand und Hunza Peak mit Ladyfinger im letzten Abendlicht/-lila)
In Karimabad organisieren wir uns das gerade neu eingeführte Permit für die Attabad Lake Überfahrt – man erklärt sch damit einverstanden, dass die Überfahrt auf eigene Gefahr begangen wird. Hier wird die Unbeherrschbarkeit der lebendsfeindlichen Bergwelt Pakistans eindrücklich sichtbar: Seit 2010 blockiert ein riesiger Erdrutsch den Hunza Fluss in dem engen gleichnamigen Tal und durchtrennt seither die einzige Lebensader der Region, den Karakorum Highway, der Pakistan auch mit China verbindet. Viele Ortschaften am Oberlauf sind von den türkisfarbenen Wassermassen verschluckt worden.
57825783579257935784Der daraus resultierende natürliche Stausee mit einer Länge von über 20km und einer Tiefe von bis zu 100m muss von dem Team per Boot überwunden werden, um überhaupt erst zum Ausgangspunkt der Expedition, dem Eingang zum Shimshal Tal zu gelangen. Eine Jeeppiste kämpft sich durch Erdmassen bis zu dem Bootsanleger – zur unserer Zeit von einer 20cm dicken Feinstaubschicht überdeckt – der Staub dringt in alle Poren, Kameramaterial muss luftdicht versiegelt werden, Mundschutz ist obligatorisch. Einheimische Träger, die sich ihren Lohn mit Auf- und Abladen der Transportgüter jeglicher Art verdienen, sehen aus wie graue Gespenster unter dieser Staubschicht.
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Wir springen auf ein wartendes Boot auf – 30-40 Personen an Board. Der Kapitän nimmt auf einem Autositz hinter einem Lenkrad platz. Die Fahrt dauert 1,5h und kostet uns 100 Rs pro Person (habe gerade gelesen, dass auch schon 500 Rs p.P. gezahlt wurden).
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tremendopunto
17.07.2011, 11:16
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Mit dem Jeep geht es weiter, durch Pasu auf den mächtigen Tupodan zu um kurz vorher rechts ab über die ausgesetzte Jeeppiste durch das versteckte Tal nach Shimshal zu gelangen. Diese Piste wurde größtenteils in Eigenleistung der Shimshali in über 20 Jahren Bauzeit errichtet um die Isolation Shimshals erst 2003 endgültig zu durchbrechen.
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Shimshal liegt auf 3.200m und unterteilt sich grob in drei Siedlungsgebiete entlang des Tals. Die Herkunft der Shimshali wird in Zentralasien vermutet, von wo aus sie in das heutige Pakistan eingewandert sind. Die Einheimischen sprechen Wakhi und sind Anhänger des ismailitischen Islam.
Wir kommen erst spät abends im Dunkeln an, werden aber herzlichst von unseren zwei in Shimshal geborenen und aufgewachsenen Protagonisten empfangen und von der gesamten Familie umsorgt.
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Es wird eine kurze Nacht und am nächsten Tag begrüssen wir das gesamte Team mit Trägern und einem Esel. Die Expeditionsausrüstung sortiert und verteilt und es kann losgehen.
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tremendopunto
17.07.2011, 12:27
Die auf dem Papier locker aussehenden 800Hm entpuppen sich als recht steile Rampe in steinschlaggefährdeten Geröllhängen.
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Wir erreichen schliesslich eine Hochweide namens Zadgarbin auf knapp 4000m und schlagen unser erstes Lager auf.
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Die Nacht tobt starker Wind mit Graupelschauer, morgens sieht die Welt aber schon wieder besser aus. Der zweite Anmarschtag wird eher kurz und gemütlich, nach mehreren kleineren Gletscherflussquerungen erreichen wir auf 4.250m die Hochalm Spordin als letzten Stop vor dem Boesam Pass – Namensgeber war hier überall wachsende Wildrhabarber (Spordin). Es gibt einen Hirtensteinverschlag unterhalb des Spordin Passes mit 4650m.
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Am nächsten Tag steht dann die erste Passüberquerung an: Boesam Pass mit 5.090m. Ein langer, konstanter Anstieg von mässiger Steilheit. Auf dem Pass angekommen geniessen wir den wunderschönen Ausblick über zwei Gletscherseen auf unser auserchorenes Ziel: der noch herrenlose, unbestiegene und namenlose Berg. Die Träger, allen voran Karim, feiern den Teilerfolg mit einem Lied.
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Aber der Abstieg lässt nicht lange auf sich warten. Einen Zwischenstop legen wir in Ptschor Washq ein, am Fuß des namenlosen Berges auf 4.580m. Wir einigen uns schnell darauf, dass dies noch zu hoch als Schlafhöhe für das dritte Lager wäre – ziehen die gute Lage mit zwei Gletscherflüssen aber gleich als künftiges Basislager in Betracht. Zur weiteren Erkundung des Berges – aber auch um für die Akklimatisierung ein niedrigeres Lager zu finden, steigen wir weiter ab.
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Die Nord-Nordwest-Flanke des Berges stellt sich mit dem Gletscherbruch und der Eisflanke als unüberwindbares Hindernis heraus.
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Für die kommenden Tage nehmen wir uns eine Besichtigung des Seitentales vor, aus dem der Hauptgletscher des Berges strömt. Vom Boesam Pass ließ sich dort eine Eisarena als vielversprechender Aufstieg zum Gipfelgrat erkennen.
Der dritte Tag endet mit einem Lager auf knapp 4.150m nach eignenen Messungen. Shimshali nennen die Weiden Mandliqshaq. Wir werden warmherzig von den Hirten empfangen. Zur Begrüßung wird Moledar gereicht – frischer Ziegenkäse mit Brotstücken vermengt, sowie Butter und viel, sehr viel Öl. Mit das Beste was ich auf dieser Expedition gegessen habe – ich kann meine Finger kaum von den Schalen lassen…..perfekt nach einem langen, anstrengenden Wandertag!
Auf der Suche nach etwas Abwechslung für die künftige Basislagerverpflegung begutachten wir die Ziegen- und Schafsherden. Mit dem Hirten werden wir uns schnell über einen kleinen aber feinen Ziegenbock handelseinig.
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tremendopunto
17.07.2011, 13:48
Am Folgetag ging es dann inklusive Ziegenbock wieder bergan nach Ptschor Wasq, wo wir unser endgültiges Basislager errichteten. Wohl ahnend was wir mit ihm vor haben, startete der Bock einen letzten Fluchtversuch, reisst sich los und suchte das Weite – aber auch sein starker Überlebenswille hilft ihm nicht weiter. Wir fingen ihn wieder ein und Karim bereitete die Reinigungszeremonie vor. Der Ziegenbock wird gen Mekka ausgerichtet, hinter Karim als Vorbeter versammelt sich das komplette Team zum Gebet. Danach wirde der Bock traditionell geschächtet und sachgemäß zerlegt. Die Porter bekommen den größten Anteil, aber auch unsere Küche wird gut versorgt – als Snack wirde gleich die Leber zubereitet. Alle freuen sich über diese Abwechslung auf dem Speiseplan. (Mein Versuch einmal eine Tour vegetarisch zu gestalten zerschlägt sich damit erneut.)
Das Festmahl wird noch bis spät in die Nacht ausgiebig von den Portern gefeiert
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Am nächsten Tag konnte dann die weitere Erkundung des Seitentals nach der besten Aufstiegsroute beginnen. Allerdings hatten wir den Aufstieg über die übelsten Schotterrampen über den Gletscher auf 5.200m völlig unterschätzt. Einen Schritt vor, zwei zurück…..endlich angekommen, in einer wunderschönen Eisarena, entschädigt uns der Blick auf einen ca. 200m Zustieg auf den Grat, der schliesslich zum Gipfel führen sollte für alle Mühen. Wir haben den richtigen Weg gefunden, die Zuversicht für den Gipfelerfolg steigt! Aber der Berg dämpft unsere Euphorie gleich mit einer Begrüßung durch Steinschlag – zu warme Temperaturen!
Wir deponieren die mitgeschleppte Ausrüstung für das spätere Hochlager und steigen wieder ab.
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Wieder im Lager angekommen, macht sich der Kraftaufwand allgemein bemerkbar.

Der Folgetag wird zum Ruhetag erklärt. In der Nacht hatte es geschneit, die pralle Sonne ließ aber schnell wieder alles im BC abschmelzen – insgesamt hatten wir wahnsinniges Glück mit dem Wetter. Fast jeden Tag strahlend blauer Himmel, fast schon viel zu warm!
Wir fühlen uns alle nicht besonders fit und entspannen am Vormittag. Morgens wurde der Großteil der Porter verabschiedet – bis auf zwei Träger plus unser F&B Team bestehend aus ebenfalls zwei Träger-Köchen. Wir leben ein wenig in den Tag hinein. Wäsche waschen und andere Tätigkeiten stehen auf dem Programm.
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Erst nach dem Mittagessen kommt die Motivation wieder leicht zurück. Vereinzelt steigen wir wieder Richtung Hochlager auf…..ganz langsam, für die erhoffte Akklimatisation. Das Hochlager erreicht an diesem Tag keiner mehr.

Aufbruch zum Hochlager
Jetzt werden auch die Zelte im BC abgebrochen und zusammen mit der restlichen, notwendigen Ausrüstung in das Hochlager getragen – diesmal schön gemütlich, man will nicht unnötig Kraft vergeuden. Die Zeltplätze werden eingeebnet und in der glühenden Sonne wird das Lager aufgebaut.
Spät am Nachmittag wollten Mirza und Arshad noch eine Akklimatisierungstour in der Eisarena unternehmen. Reichlich spät am Tag nach all der starken Sonneneinstrahlung arbeiteten sie sich den weichen Schnee hoch, brachen mit jedem Tritt ein – als sich plötzlich 200m weiter rechts eine Lawine löste und donnernd die Wand hinunter rast. Das war genug, Versuch abgebrochen.
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tremendopunto
17.07.2011, 14:59
26.06 Gipfeltag
Um 2:00 stehen wir auf, bereiten Tee&Frühstück vor….die Zeit vergeht, wir wollten um 3:00 gestartet sein, jetzt war´s schon 3:30, wirklich am Fuß des ersten Aufschwungs sind wir erst um 4:00 angekommen. Wir steigen das erste Couloir an und queren ein Felsband um schliesslich den Grat zu erreichen, der uns bis auf den Gipfel führen soll.
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Die Sonne hat den Grat auch schon ins Visier genommen. Es ist windstill und wir ahnen schon, dass dies ein sehr sehr warmer & sonniger Gipfeltag werden sollte – wir sind spät dran!
Der Grat ist durchsetzt mit steilen Aufschwüngen – nach jedem erhofft man endlich den Gipfel sehen zu können, doch begrüsst einen nur der nächste Aufschwung im Sichtfeld.
Schon im Aufstieg wird der Schnee immer weicher und mit jedem Schritt bricht man durch den Firn. Wir sind sehr langsam und verlieren viel Zeit, arbeiten uns sehr mühsam vor.
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Noch vor dem großen Vorgipfelplateau, der „Sonnen Terrasse“ bricht Mirza verdächtig tief mit einem Bein ein, bei dem Versuch den vermuteten Tiefschnee zu umgehen breche ich hüfttief in eine Spalte, die zum Glück sehr eng ist und ich mich schnell befreien kann. Wenig später bricht an anderer Stelle auch Samina hüfttief in eine Spalte – wir ziehen sie schnell wieder heraus.
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Endlich erreichen wir das Hochplateau und der Blick auf den Gipfel in Reichweite wird frei. Strahlend blauer Himmel und ein traumhafter Blick über dieses wahnsinnige Gipfelmeer des Karakorum ist der Wahnsinn!
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Doch da erwartet uns die nächste Überraschung, die Schlüsselstelle steht uns noch bevor: der letzte Gipfelaufschwung führt über einen extrem steilen ausgesetzten, schmalen Grat, der vom Gipfel überwächtet ist. Felsvorsprünge übelster Bruchqualität stechen stellenweise hervor. Am letzten Felsvorsprung bauen wir einen Stand, um gesichert den Aufschwung zu versuchen. (Ich opfere meine Schlingen dafür und vergesse sie später vom Letzten der den Stand beim Abstieg wieder abbaut, zurückzufordern – dies wird sich später im Abstieg noch rächen, dazu später mehr). Mirza steigt vor bis zur Wächte und schlägt einen Durchgang, fixiert das Seil – wir steigen nacheinander nach, um ca. 11:00 Uhr ist der Gipfel erreicht.
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Was für eine Aussicht – ein 360 Grad Panorama über dieses wahnsinnige Gipfelmeer des Karakorum, wohin man auch schaut bei diesem strahlend blauem wolkenlosen Himmel, Gipfel bis zum Horizont. Ultar, Batura I + II, Shispar, Dastaghir, White Horn und viele mehr. Ich glaube sogar die Spitze des K2 mit bloßem Auge erkennen zu können. Samina und Mirza breiten die pakistanische Flagge aus, auch an einen Wimpel vom Pakistan Alpine Club wurde gedacht.
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Aber zu lange wollen wir nicht auf dem Gipfel bleiben, es wartet noch ein langer Rückweg bei immer problematischer werdenden Bedingungen. Es ist windstill und durch die starke Sonne recht warm. Die Lawine vom Vortag ist mir noch gut in Erinnerung. Auch wird der Schnee immer weicher, die Tragfähigkeit der Schneebrücken über die Gletscherspalten von Minute zu Minute schwächer. Wir müssen uns beeilen. (Bilder unten: Rückblick auf den überwächteten Gipfelgrat von der Sonnenterrasse aus)
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Fredrik Sträng wird wenig später nach Abbruch seiner Nanga Parbat Expedition von den wärmsten Temperaturen im Karakorum seit 20 Jahren berichten. Er schreibt: ”Nanga Parbat is over. In camp 2 (6200 m) I decided to turn back. Constant bad weather (permanent avalanche danger) for 1 1/2 months, winds, snow, lightning and extremely dangerous rockfalls due to the warmest weather in 20 years makes such an decision easy!”

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Dem entsprechend gestaltete sich der Rückweg. Kurz hinter der „Sonnen Terrasse“ bricht Mirza in eine Spalte. Zurück am Grataufschwung stürzt Samina beim Abstieg im Steilhang und rauscht an uns vorbei, kann aber kurz vor dem Felsband gehalten werden. Am Fuß des Grataufschwungs, schon in Sichtweite des Hochlagers, erfolgt der schwerste Spaltensturz, ich stürze 3-4m, Schnee und Eis bricht nach, ich weiss nicht mehr wo oben und unten ist - bevor ich mit einem erlösenden Ruck zum Halt komme, unter mir noch gute 6m Luft. Eine breite, aber stark überhängende Spalte mit sehr filigranem, brüchigem Überhang. Trotz Eisgeräte seah ich mich nicht im Stande eigenständig hinauszuklettern. Kaum habe ich 1-2 Züge getan, ziehen die Seilpartner nach….und mich damit wieder aus der Wand – die Kommunikation war Null. Grösstes Problem ist aber der massive Überhang – extrem brüchig, kaum Halt, wenn ein größeres Stück abbrechen sollte hält mich nichts mehr.
Mein Schlingenmaterial hatte ich am Stand vor dem Gipfel verbaut und später nach Abbau vergessen zurückzuverlangen – somit fiel auch der Aufstieg am Seil flach. Da hilft auch kein Ropeman mehr. Ein Fehler der mir in meinem Leben nicht mehr passieren wird.
Erst durch ein zweites Seil gelingt die Rettung.
Zum Dank spendiere ich ein Schaf zur Feier des Tages, sowohl Gipfelerfolg als auch meine Spaltenrettung sollten entsprechend gewürdigt werden!

Wir bauen das Hochlager ab und beginnen den Abstieg zum Basislager. Durch die hohen Temperaturen ist auch der Gletscherbach, der mehrfach überquert werden muss, extrem angeschwollen.
Im BC angekommen werden wir herzlich empfangen und gefeiert – ein Träger wird nach Mandliqshaq geschickt um das fällige Schaf zu organisieren. Das Festessen muss auf den Folgetag verschoben werden, die Gipfelfeier wird auf zwei Tage gestreckt.
Entsprechend Samina´s „Gender Equality“ Mission beschließen wir den neuen Berg auf „KOH-I-BROBAR“ zu taufen, was auf Wakhi soviel heißt wie „Mt. Equality“.

Das Wetter schlägt am Folgetag um – zuerst Sturm, dann setzt Schneefall ein. Wir verschieben unser Lager auf den Boesam Pass, dort hatten wir auf dem Hinweg noch eine vielversprechende Eiswand gesehen. Diese war jetzt eingeschneit….aber die allgemeine Motivation hat nachgelassen, nicht zuletzt geben einem die vielen Spaltenstürze zu denken. Wir konzentrieren uns auf das gute Schafsessen und geben uns mit dem Erreichten zufrieden.

Auf dem folgenden Rückmarsch wandelt sich der Schneefall in tieferen Gefilden in Regen – aber in Shimshal angekommen gehen die Feierlichkeiten weiter. Wir werden herzlich von der Familie unserer zwei Protagonisten empfangen und zu bestem Essen genötigt. Ein passender Ausklang für eine erfolgreiche Tour. Shimshal zindabad!
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Harp Booth
17.07.2011, 18:21
Servus Chris,

gibt es zu diesem spannenden Bericht dann auch den zugehörigen Film auf Youtube? Bin sehr gespannt.

Gruss Harald

Mario
19.07.2011, 20:36
Toller Bericht und grandiose Fotos. Was mache ich noch hier - da muss ich hin !
Hoffe das war Deine letzte nähere Begegnung mit einer Gletscherspalte.
Schön das ihr alle wohlbehalten zurückgekomen seid.

Mario

marcus89
09.02.2012, 09:19
Da kann ich mich nur anschließen. Was für atemberaubende Aufnahmen.
Danke für den Bericht.