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Vollständige Version anzeigen : Durch das obere Dolpo


Hans im Glueck
25.02.2010, 01:21
Ferne Welten und anderes Leben
1:
Sabbat für ein Jahr!
Das bedeutet: heraustreten aus dem Gewohnten, über den Horizont der Arbeit und des vertrauten Alltags hinausblicken zu können. Ein Jahr Zeit! Für mich und meinen Mann endlich die Chance zu reisen.

Eine Reise nach Nepal sollte es sein. Für uns nichts Neues. Aber Nepal ist ein kleines großes Land und hat auch für uns noch Regionen, die wir noch nicht besucht haben. Wir hatten uns einen 30- Tage Trek ins „Dolpo“ ausgesucht und über eine nepalesische Agentur gebucht.

Was ist das Dolpo?
Das Dolpo ist ein Gebiet im Zenrum von Nepal, das im Norden bis an die tibetische Grenze, im Osten an das Königreich Mustang und die Dhaulaghiri- Annapurnaregion reicht. Hierher kommt man nur mit Mannschaft, Genehmigung, Lebensmittel und hohen Tagesgebühren.
Und wenn man dort ist, wie ist das dort? Eine schwierige Frage, die wir uns so beantworteten: Wir waren ganz woanders, in einer anderen Welt! Dolpo, das sind unendliche Berge, Weite, Schluchten, Enge, Kargheit. Flechten und niedere Dornbüsche, Staub, Dreck, Wind, Fels, Sand, Geröll, Gebirgszüge und Pässe. Erntearbeit, Dörfer, Menschen, Yaks, eine ganz andere Lebenswelt!

Mit sechs Mulis, einem Treiber, 3 Trägern und einem Guide starteten wir in unser Abenteuer. Los ging es auf 3500m Höhe in einem kleinen Ort namens Juphal. Unser Weg sollte uns durch das sogenannte untere Dolpo, zum oberen Dolpo bis hin zum Dhaulaghirimassiv führen. Dort wollten wir nicht wie üblich ins Khali Ghandaki Tal absteigen, sondern die Umrundung dieses Achttausenders durch das „Hidden Valley“ anschließen.
Eine lange Reise. Von den vielen Begegnungen und Erlebnissen möchten wir nur ein paar herausgreifen und blitzlichtartig erzählen.

2:
Arbeitsleben:
Von allen unseren Begleitern möchte ich einen vorstellen, der uns am meisten beeindruckte: Ram, unser Mulitreiber.
Die Mulis verspäteten sich um einen Tag und unser guide war alles andere als erfreut, als er sie endlich sah: Mulis mitsamt dem Treiber in einem mehr als förderwürdigen Zustand!! So war das wohl nicht abgemacht, aber er zahlte und war ab nun nicht nur unser guide, sondern auch der Mulitreiberlehrer!!
Ram, 19 Jahre alt, Analphabet und in den Diensten seines Onkels, trieb bislang die Tiere in den nur 500 hm tieferen Hauptort, um tägliche Handelsware zu transportieren. Weiter war er bisher noch nie gekommen und mehr Erfahrung hatte er mit sturen Mulis auch nicht. Ich weiß nicht was unser guide ihn alles genannt hat, aber er hat oft lautstark "unterrichtet". Nicht nur die Mulis. Ram war wohl jedoch härteres gewöhnt und sagte schlicht: „Angst habe ich keine vor dir, ich weiß, du willst mich nur unterrichten!" Das spricht für eine starke Persönlichkeit, die er im Laufe der Reise uns auch zeigte und zu einem beeindruckenden, starken und umsichtigen Mitglied der Mannschaft wurde.
Wir alle waren sehr traurig, als wir uns von ihm verabschieden mussten, weil ein Schneeeinbruch auf 5000m Höhe und 2 kranke Mulis dies notwendig machten. Und ich glaube, auch er war wehmütig, denn nun begann für ihn wieder der bekannte Arbeitsalltag in seinem Dorf. Er wirkte am Ende reifer und stärker als zuvor und das machte uns alle glücklich.

3:
Übergangswelten:
Pässe. Treffpunkt zwischen den Göttern und Menschen. Übergangswege. Die auf dem Scheitelpunkt aus Steinen aufgebaute „Chorten“ erinnert die Menschen an das Leben und an die Kraft, die Leben bewahrt und bewegt. Deshalb legen die Menschen dort Dinge ab, die ihnen wichtig sind. Sie hängen Gebetsfahnen und Schals für sich oder andere auf. Auf dass die Kraft, die Leben bewahrt darüber streichen möge und uns und die Welt immer wieder bewegt!
Jeder von diesen Pässen muss erarbeitet werden.
Einer dieser Pässe machte uns nach einer überraschenden Schneenacht mit Nebel heftig zu schaffen. Unsere armen Mulis mussten die Nächte ohne trockenen Unterstand verbringen und hatten in ihrem Leben noch nie Schnee gesehen! Dank dem untrüglichen Orientierungssinn unseres guide und einem kräftigen Zusammenarbeiten aller, meisterten wir auch diesen sausteilen Pass. Danach hatte ich trotz Nebel einen gewaltigen Sonnenbrand im Gesicht (vielleicht auch der affenkalte Wind?) und unser guide verblendete sich die Augen, da er zeitweise keine Sonnenbrille trug, um den Weg besser sehen bzw. spüren zu können.

Von einem anderen hatten wir einen der herrlichsten Blicke in die Gebirgszüge einer breiten Schlucht, in die wir absteigen sollten. Dieses Meer aus Bergen, Fels und Schnee, Licht und Schatten. Und plötzlich der Blick auf den Dhaulaghiri, einem der Achttausender Nepals!
Er erhob sich aus diesem Licht und Schatten und war flankiert von Eisriesen. Wie ein grinsender, dicker, schneebedeckter Buddha sass er da. Ein Koloss von Berg. Magie. Wenn alles andere Licht und Schatten ist, dann ist das die gebündelte Energie!
Von weitem wollte er uns sehen, aber nicht von nahem. Da schob er schwere Wolken vor und verbarg uns die Wege mit Schnee. Zwei Tage haben wir versucht den Weg zu erbitten und ihn zu überlisten, aber er schaute nur mitfühlend.
So sind sie eben, die Götter!

Dieser unvorhersehbarer Wetterumschwung Anfang Oktober änderte unsere Reisepläne dramatisch. Auf 5000m Höhe in tiefem Schnee konnten unsere Mulis nicht mehr weiter. Kurz vor dem Einschwung zur Dhaulaghiriumrundung mussten sie umdrehen und wir unsere Zelte aufschlagen.
Wir benötigten einen dreiköpfigen „Rettungstrupp“, sprich Träger aus einem Dorf, das zwei Pässe weiter lag. Diese Träger, die uns nach zwei minus-zwanzig-Grad-Nächten weiter halfen, ließen sich ihre Aktion reichlich bezahlen. Richtig verstanden, warum sie nicht bereit waren weiter mit uns mitzukommen und weshalb sie die große Geldsumme wollten, haben wir erst später, als wir sie mit ihren Familien mitten im Umzug von ihrem Sommer- ins Winterdorf antrafen.
Der Schnee verhinderte auch, dass wir unsere gewünschte Reiseroute über den Dhaulaghiri fortsetzen konnten. Da im Heimatdorf unserer „Retter“ keine Männer zu finden waren, die als Träger arbeiten wollten, musste unser guide bis in den entfernten Hauptort Jomsom springen, um neue Träger zu finden. Normalerweise braucht man drei lockere Tage, er rannte das in Einem hin und Einem weiteren wieder zurück. Ich habe grosse Hochachtung für diesen Einsatz.

4:
Wasserwelten:
Schluchten, mal mit Wasser, mal ohne. Mantras (Gebetssprüche) an den Felsen. Gebete für die Wassergötter und den Wind. Zum Segen für die Menschen. Der ist rar! Dieses Jahr regnete es so wenig, dass die Kartoffeln, die hier neben Gerste noch pflanzbar sind, zu klein ausfielen. Und da man sich gar nicht mehr zu helfen wusste, suchte man Rat beim Lama der Region. Jener musste kommen und einen Tag um Regen bitten. Und am nächsten Tag regnete es tatsächlich! Einen Tag lang. Wenigstens das.

Am Anfang unserer Reise stand der Phoksundosee. Ein Hochgebirgssee in knapp 4000 m Höhe. Ein leuchtend blaues Auge inmitten weißer Felsen. Mittelmeer? Kroatien? Korsika? Wo waren wir plötzlich? Gibt es hier Fische? Kann man hier Fisch essen? Oh, ihr dummen Langnasen! Dies ist ein heiliger See. Darin wohnen die Nagas, die Wassergötter. Diese Welt betritt man nicht, geschweige denn holt Fische raus!!!!
Auch unsere Mulis fürchten ihre Welt. Eine Engstelle wollen sie partout nicht passieren. Was also tun? Man lädt die Lasten ab, trägt sie um die nächste Ecke, begradigt die Stelle, kaschiert sie mit Büschen, lockt, schiebt, flucht und - resigniert. Schwer bepackte Yak gehen mühelos darüber. Also am Weg kanns nicht liegen. Es sind die Mulis. Schließlich wollen wir aufgeben, die Lasten zurückholen. Ram ist allein mit den Tieren. Und plötzlich gehts. Wie das? Ram grinst nur. Er ist der Held des Tages und stolz auf sich. Er muss ihnen ordentlich eingeheizt haben! Mehr und mehr haben die Mulis sich in ihre Aufgabe gefunden und mit ihnen Ram! Oder waren da doch die Wassergötter im Spiel?

5:
Dorfleben:
Dörfer. Menschenleben in mitten dieser 1001 Berge. Wir betraten eine harte Lebenswelt. Mitten in der Erntearbeit trafen wir die Menschen an. Gerste musste in Bündeln mit einer gezackten Sichel herausgerissen werden. Die kleinen Garben auf grosse Bündel gelegt oder gestellt werden. Nachdem sie einige Tage getrocknet hatten, wurde jeder Garbe die Ähren abgeschlagen und schließlich war alles dreschfertig. Zu dritt oder viert wurde mit grossen Dreschflegeln rhythmisch geschlagen. Johann hat auch einmal versucht mit zu dreschen. Es war ein guter Lacherfolg für die Einheimischen! Beim Worfeln hilft der Wind mit den Spreu von den Körnern zu trennen und der Rest ist für die Yaks oder Ziegen. Dolpo ist Tsampaland, geröstetes Gerstenmehl. Hauptmahlzeit neben Kartoffeln und vielleicht, so jemand hat, Gemüse aus dem Gewächshaus. Aber das ist selten. Die Leute leben so, wie die Natur es gestattet oder vorgibt. Maschinen wären unnütz. Dazu sind die Felder zu klein, der Boden zu mager und der Weg, um Benzin zu beschaffen, zu weit.
Der Tag und die Arbeit beginnen vor 6.00 Uhr und enden mit dem Sonnenuntergang gegen 18.00 Uhr. Dann ist es dunkel. Zu verkaufen haben die Leute nichts. Wir sehen auch niemanden andere Handwerksarbeiten verrichten. Aber das ist eigentlich auch klar, denn die Erntearbeit braucht jeden Helfenden. Es sind reine Bauern- und Viehzüchterdörfer. Kein Schneider, kein sonstiger Handwerker. Man hat Yaks, Ziegen, Schafe und kleine Pferde. Und dann ist man reich.

Wo Menschen leben, gibt es Müll. Was man dem Fluss nicht anvertrauen kann, verschwindet in einer Seitenschlucht, wo man nicht immer drüber stolpern muss. Was sollen die Leute auch machen? Einfach verbrennen? Mit welchem Rohstoff? Bäume gibt es keine, Yakdung, einer der Hauptbrennstoffe, braucht man für das tägliche Essensfeuer und den Häuserbau. Zivilisationsreste sind hartnäckig. Die Plastikschuhe aus China brennen schlecht, manche Kleidungsreste würden nur vor sich hinschmoren. Es sind wenige Menschen, der Güterumsatz ist gering und zu kaufen gibt es nichts. Der Müll hält sich in Grenzen. Er fällt uns nur unangenehm an “Ballungsorten” auf. Knotenpunkte an der Grenze zu Tibet/China. Haupthandelswege und Umschlagplätze für all das, wovon Menschen in einem besseren Leben träumen.
Die Wassergötter müssen doch sehr geduldig sein, denke ich mir. Auch das was den Menschen mal wertvoll und begehrenswert erschien landet bei ihnen: Batterien, Flaschen, Bierdosen …

6:
Kinderleben:
Ich hatte auch Kinderkleidung dabei, die wir nach und nach verschenkten. Für unsere Enkelin schrieb ich die Erlebnisse dazu auf:
Die ersten Sachen schenkte ich einer Frau in einem Dorf ganz im Norden von Dolpo. Leider kann ich dir kein Bild von ihrem Kind zeigen, denn es wird erst in ein oder zwei Monaten geboren. Aber dann wird es sicher sehr froh sein über deine Geschenke!
Der nächste, den ich traf, war Tsering. Seine blinde Tante brachte ihn zu uns auf den Acker, auf dem wir zelten durften. Sie trug ihn auf dem Rücken, weil er noch nicht laufen konnte, obwohl sie sagte, er sei schon ein Jahr in ihrer Familie. Aber ich sah in seinem fröhlichen Mund noch keine Zähne. Ich weiß nicht so recht. Was meinst du? Du kennst dich mit Zähnen doch schon bestens aus und bist nun schon seit März bei uns!?
Wie dem auch sei, Tsering ist da und ist ein prima Kerl. Er würde dir gefallen! Wir haben uns gleich gut verstanden. Ich habe ihm von dir erzählt und seiner Tante T-shirts von dir gegeben. Zwei Stunden später ist sie mit ihm wieder gekommen. Er trug schon dein T-shirt und sie hatte auch eine frische Hose dabei. So neu angezogen durfte er auch mal auf meinen Schoss und wir haben viel miteinander gelacht und erzählt. Auch die Nachbarinnen von Tsering waren dabei und die Tante wies sie auf das neue Shirt hin. Nicht mit der Hand, sondern mit der Nase! Denn, klar: das T-shirt roch nach fremder Seife! Ich zeigte Bilder von dir und nannte ihnen deinen Namen: Leni Marie. „Ah, Leni Marie. O, wie schön. Sieh nur das Fell auf dem sie liegt! Mhm wie das T-shirt riecht.“ Alle wollten an Tsering riechen und der fand das ziemlich witzig. Wollen wir ihm wünschen, dass es ihn wärmt und im Winter vor Krankheit bewahrt.

Purba Nam lernten wir in Charka kennen. Fünf Jahre und Sohn des dortigen Gastwirts. Keine arme Familie, sie haben im fernen Kathmandu ein grosses Mietshaus und Yaks, Gerstenfelder und den ein oder anderen Handel. Auf dem Dach ihres Hauses durften wir schlafen und weil wir das so toll fanden beschlossen wir ohne Zelt zu schlafen. Gegen Mitternacht froren wir so erbärmlich, dass wir das Innenzelt über unsere angefrorenen Schlafsäcke legen mussten. Die Wirtin und unser guide waren entsetzt, als sie das am nächsten Morgen sahen! Nein, auf was für Ideen diese Langnasen nur kamen!!
Ganz anders hatte es Purba Nam: er schlief mit seiner Familie im Wohn- Ess- und Gastraum. Beim Frühstück blinselte er uns, aus seinen vielen Kuscheldecken und auf seinem Ziegenfell liegend, an. Was essen denn die Fremden? “Aamo! Das will ich auch!” Eine durchdringende Stimme hatte er, als er nach seiner Aamo rief und gab nicht eher Ruhe bis er genau dasselbe hatte und von meinem Teller etwas abbekam. Klar doch, kleiner Purba, das mache ich gerne!
Der Lama, der ihm seinen Namen gab, musste gespürt haben, was für eine Kraft in ihm liegen konnte. Purba heisst Dorn oder Pfeilspitze. Er wird sicher seinem Namen gerecht.

Nicht immer ist es so gut und behütet.
“Was kommt denn da für ein Stolpervogel?”, sagt eines Morgens Johann beim Zusammenpacken unserer Sachen. Pema, wie sie mir später verriet, stolperte in unser Camp und wartete auf zurück Bleibendes. Sie wartete auf das, was sie doch eigentlich selber war. Ihre trüben und gelben Augen sagten: meine Leber und Nieren arbeiten schlecht, mein Platz ist nah am Feuer.
Ist dies der beste Platz oder der Geduldetste? Das weiß ich nicht. Wer hat hier schon die Möglichkeit und Energie ein Kind, wie sie zu fördern? Die Gemeinschaft, die sie trägt, gibt ihr bestes. Davon bin ich überzeugt! Mehr geht nicht. Ich schenke ihr eines meiner wertvollen Hustenbonbons. Mehr kann auch ich leider nicht für dich tun, Pema Stolpervogel.

In Tserings Dorf sah ich auch zum ersten Mal einen Jungen mit einer unoperierten offenen Mund- und Gaumenspalte. Ich sah ihn mühsam essen. Ich sah ihn aber auch fröhlich lachend mit anderen ausgelassen spielen. Getragen in dieser Gemeinschaft. eingebunden, gefördert so gut es geht.
Hier hat niemand Geld für eine OP, es gibt kein Hospital geschweige denn einen Arzt im Dorf. Ich hätte als Kind ein kurzes Leben hier gehabt, denke ich mir.

7:
Schulleben:
Ist ein saisonales Leben. “Im Winter ist es zu kalt für den Lehrer!” Deshalb werden sich die Jungen und Mädchen erst wieder im Frühjahr in Reihen und Klassen aufstellen, die tibetische Hymne schmettern und die nepalesische gleich hinterher trällern. Die Herzensheimat wird auch angezeigt: gesungen wird aus voller Kehle mit Hand auf dem Herzen für Tibet. Danach geht es ins Klassenzimmer um dort alles dem Lehrer nach zu sprechen. Wer zu spät kommt, den bestraft der Lehrer mit Kopfnüssen und Ohrenziehen. Den Stock gibts erst im Klassenzimmer. Aber wie gesagt: erst wieder im Frühjahr werden die Bildungssätze auswendig rezitiert. Wer so lange nicht warten kann oder das Geld dafür hat, geht nach der Grundschule ( mit 8 Jahren) in ein Internat in einer mehrere Tage entfernten Stadt. Oder wird vielleicht vom Lehrer in eine Familie in Kathmandu vermittelt, die ein Kind als Dienstboten gegen Schulgeld, Kost und Logis aufnimmt.

Was für eine andere Welt. Wir sehen nur diese aufgeweckten, fröhlichen, wissbegierigen Kinder, die immer wieder an unser Zelt kommen. Wie sie uns fragen, mit uns kommunizieren wollen. An einem Nachmittag beschäftigt uns eine kleine Schar und mir hat es besonders Pema Tsomo angetan. Sieben Jahre alt, die kleinste unter ihren Freundinnen. Sie hockt sich ganz selbstverständlich und neugierig hin. Am liebsten würde sie alles mal anfassen und untersuchen, überall reinkriechen, aber das darf man natürlich nicht. Das weiß sie. Sie kuschelt sich fast auf meinen Schoss und ist doch so verschämt, dass es mir fast leid tut sie nicht zu berühren. Aber seit meiner eigenen Läuseinvasion letztes Jahr, bin ich sehr zurückhaltend mit solchen Dingen.
Tja, kleine Pema Tsomo wie wird wohl dein Leben werden? Bald wirst du die Ziegen deiner Familie hüten, dabei Yakdung sammeln, groß genug sein um bei der Ernte zu helfen und sicher wird deine Familie einen Mann für dich finden. Deinen Kindern wirst du gestatten die Fremden zu besuchen …
Ich wünsche dir das Glück, das dir zum Leben verhilft.

8:
Zwischen den Welten:
Zwischen meiner und deiner Welt. Es gibt zwei Frauen, die mir Nähe gestatteten. Unvermutet und ganz ehrlich. Von beiden weiß ich keinen Namen und das finde ich sehr schade!
In einem Ort war ganz in der Nähe unseres Ackerzeltplatzes eine Quelle. Johann und ich beschlossen einen Waschtag für Leib- und Kleidung einzulegen. Johann hatte eben die „Dusche“ schon hinter sich und ich stand schon in Unterhose parat, da kam eine alte Frau aus dem Dorf mit einer kleinen Blechschüssel auf die Quelle zu. Ich war sehr verunsichert, weil ich hier so barhäutig dastand. Aber sie scherte sich nicht darum, zog ebenfalls ihre Bluse aus, holte aus den Tiefen ihrer Chuba (Kleid) das Waschpulver und fing an sich die Haare zu waschen. Das heißt: sie wollte, aber die Langnasenfrau blockierte die Quelle! Ja, sie weiß halt nicht, wie man sich hier eigentlich benimmt!
Sie redete ruhig auf mich ein und gab mir ihre Schale, deutete auf das Wasser und damit war klar, was ich tun sollte. Immer wieder musste ich ihre Schale füllen und bewunderte ihren ökonomischen Umgang damit. Sie war so klein und so alt und wirkte so zart. Wie alt magst du wohl gewesen sein, baju (Oma). 60, gar 65? Sie erscheint mir wie 80 oder 90, aber das ist gänzlich unmöglich.
Was mich berührt hat, war die vertraute Situation. Zwischen den Welten. Da gab es nichts was uns trennen würde. Da lernte ich neu dazu. Es war, als hätte sie mich an die Hand genommen und in ihre Welt gelassen.
Auch sie kommt auf einen kurzen Besuch am Camp vorbei. In der Küche gibt es immer etwas, und ich schenke ihr eine kleine Seife und ein Haargummi für ihr schütteres Haar. Kleinigkeiten. Mehr geht nicht. Aber das ist in Ordnung.

Die Menschen wohnen hier in einstöckigen Häusern. Von außen sind sie farblich kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Kleine, wenige Fenster an der ein oder anderen Seite. Meistens noch ein Oberlicht für die Räume im ersten Stock. Eine Mauer umschließt das Haus sowie den Hof. Wie mag es wohl darin sein, habe ich mich immer wieder gefragt.
Eine Frau gab uns Gelegenheit dazu dies zu erfahren. Schon tags zuvor am Nachmittag trafen wir sie mit anderen Frauen. Sie arbeiteten auf dem Feld neben unserem Camp. Wir campierten auf dem Dorfplatz, es gab sonst keine andere Möglichkeit. Also kommt Mann und Frau mal vorbei und schaut, was die Fremden da so machen!:
Die Bleichgesichter bauen ein Zelt auf und einer hat sogar eine bunte Matte, mit der er Strom macht! Johanns flexibles Solarpanel sorgt immer wieder für Aufmerksamkeit. Ach, ja und er hat einen Photoapparat!
Es ist eine Mischung zwischen Scheu und Neugier, mit der sich die Leute fotografieren lassen oder auch nicht. Natürlich wissen sie auch, dass man die Bilder gleich anschauen kann und das ist dann das Wichtigste. Grosses Gelächter und Gekicher: „Ah, sieh nur Pema! - Oh, wie ich aussehe!!” Und nicht nur die Frauen sind eitel!!
Jedenfalls, die arbeitenden Frauen vom Nachbarfeld ließen gleich alles stehen und liegen und vertrieben sich die Zeit mit den Touristen und alle hatten ihren Spass.

Am nächsten Morgen erkenne ich eine Frau, als sie auf dem Weg zum Wasserholen ist. Wir winken einander zu. Sie kommt gleich wieder, zuerst muss sie ihre Aufgabe erledigen, bedeutet sie mir. Gut. Ich freue mich über unsere Begegnung und richte kleine Geschenke für sie. Beschämt und erfreut geht sie nach Hause. Wir packen. Johann sieht sie zuerst. Schau, da steht die Frau wieder und winkt. Ich glaube, wir sollen kommen. Ja.

Wir betreten ihren Hof durch eine schwere Holztür. Wo bekommen sie nur das Holz her? Es gibt weit und breit keinen Baum. Alles von weit her. Der Räucheraltar, der die kleine Gebetsmühle antreibt, hat heute schon gebrannt. Sein Duft streicht noch durch die Luft. Durch einen kleinen Raum betritt man das Haus, um gleich über eine Baumstammleiter (längsseitig aufgeschnittener Stamm, aus dem Stufen ausgehöhlt sind) in den Wohnstock zu gelangen. Mir fällt die Stille auf. Hat das Haus die Ohrenschützer angelegt? Mir fällt auch auf, wie gut es hier riecht und wie sauber alles ist. Wir stehen in einer Art Schlafraum oder Wohnzimmer. Aber sie führt uns weiter in die gute Stube: Das ist der Raum für die Götter. Ein grosser Altar, Statuen und – zu meiner grossen Überraschung - Bücher. Peche, alte Gebets- und Weisheitsbücher von Bhudda! Jeden Morgen hält sie hier ihre eigene Puja. Ihre Andacht. Eine schöne Trommel hängt da, die Wasserschalen, die jeden Morgen neu gefüllt werden, die Butterkerzen. Es beschämt mich, dass ich das nicht vermutet habe oder lesen ihr nicht zugetraut hatte. Sie erzählt von ihren Kindern, manche sehen wir auf Photos. Sie kann kein Englisch, wir nur Bruchstücke Nepali. Dieses kann sie auch schlecht, denn hier hat man eine eigene Sprache. Aber irgendwie ist klar, was wir sagen, was sie sagt. Es gibt eine Sprache, die Welten überbrückt.
Wir trinken Buttertee und dürfen von ihrer Tsampa essen. Es kam mir vor, als hätte es mir nie besser geschmeckt! Ich verspürte eine grosse Lust mich hier niederzulegen und zu schlafen. Zumal unsere Nacht nicht so ruhig und gut war.
Lange noch denke ich an sie zurück, an das Haus. Wenn ich mich nach Schutz und Stille gesehnt habe, dann habe ich in Gedanken in ihrem Haus verweilt! Mit ihr Tsampa gegessen und gesprochen. Und das war gut so.
Möge dein Leben lang und glücklich sein, Frau aus Yangier Gompa.

Der Buddhismus ist ein Glaube, der für sich zu Hause gelebt wird oder in einem Kloster (Gompa). Davon haben wir viele gesehen und einige auch besucht.
Ein Gompa hat mich deshalb beeindruckt, weil sie plötzlich in einer Schlucht vor uns lag, scheinbar in den Fels geschlagen. Es war sehr einfach und doch reich an einem großen Schatz alter, handgeschriebener Weisheitsbücher. Jedes Jahr in den Wintermonaten kommen 15-20 Mönche und lesen diese Bücher. Uralt und mitten in den Bergen. Für die Welt. Für uns alle.
Möge der Wind reichlich wehen und ihre Worte bewegen!

9:
Innere und äußere Welt
Sammelsurium. So ist das mit den Innereien. Grenzwertigkeiten. Sie hängen oft mit Äusserem zusammen. Meine Nerven werden rasiermessermäßig gespannt, wenn Wind auf Dreck trifft und ins Zelt bläst. Das ist dann unangenehm, wenn die Reissverschlüsse nicht funktionieren wollen. Mal war es der äußere hintere, dann einer vom Innenzelt, dann der Eingang und ich weiss nicht welcher jetzt noch dran gewesen wäre. Johann bewies wahre Liebe, er tat sein Bestes um meine Nerven zu beruhigen!!

Gibt es auch Männer im Dolpo?, fragt ihr. Ja. Familienleben aber ist oft ein zerrissenes Leben. Saisonal. Die Männer müssen mit den Tieren auf entfernte Weiden oder zu Handelsgeschäften weit weg, oder haben überhaupt woanders Arbeit als Porter, Treiber, Guide, Hausbauer oder ähnliches. Auch außerhalb Nepals: die Golfstaaten und Indien zählen zu den häufigsten Arbeitsorten.

Saisonales Leben heißt auch: jetzt vom Sommerdorf ins Winterdorf umzuziehen. Oma, Opa, Kind und Kegel und die Hühner müssen aufs Yak gebunden werden und ziehen um. Im Frühjahr wieder zurück. Wir trafen einen der Träger beim Umzug, der uns Tage zuvor geholfen hatte aus unserem Zeltcamp in 5000 m Höhe in tiefere Gefilde zu gelangen. Seine ganze Familie war unterwegs. Deshalb hatte er auch kein Interesse damals uns weiter zu begleiten. Ich konnte dies nun plötzlich verstehen. Der hatte momentan was wichtigeres zu tun, als Langnasen bei ihren Abenteuern aus der Patsche zu helfen. Der Baje/Opa durfte reiten, die Baju/Oma ging mit kleinem Stöckchen und Turnschläppchen hinterher. Wie oft hast du diesen Umzug schon gemacht? Wie sah das Tal wohl in deiner Jugend aus? Hast du früher den Küchendoko (Korb), den jetzt die junge Frau trägt, getragen?
Das habe ich mich gefragt, als wir sie kurz vor dem Winterdorf treffen und ich mit Staunen ihre Kraft bewundere, als wir das Sommerdorf erreichen. Wow, diesen schluchtigen, steilen, unwegsamen Pfad ist sie gegangen!

Versprochenes Leben. Vermittelte Heiraten, sind hier üblich. Aber auch, dass das mittlere Kind für die Götter ist, sprich für die Gompa. Wir haben einen kennengelernt, der mit diesem Leben gebrochen hat. Eine unerfüllte Lebensaufgabe ist ein schweres Karma. Die Familie leidet und die Seele bleibt rastlos.

Männerarbeit, Frauenarbeit. Lässt sich manchmal nicht trennen. In einer Stadt wird, unserer Lodge gegenüber, ein Haus gebaut. Ein Paar arbeitet. Sie ersetzt den Kran und den Betonmischer. Säcke von 50-60 kg trägt sie ohne zu mucken. Betonmischen mit einer Schaufel, sonst nichts. Er macht den Rest, Verschalungen richten, den Beton verarbeiten. Von 9.00-18.00 Uhr für 300 Rupies, ca. 3 Euro.

10:
Tierwelt
Wir haben Herden von Yaks gesehen, waren stetig von Geiern begleitet und folgten zeitweise einer Schneeleopardenspur auf 5000 m Höhe. Ach übrigens: außer Kälte gab es dort die absolute Stille. Kein Laut, nichts. Unendliches Weiß. Genuß pur!
Geier sind hier auch deshalb üblich, weil es im Dolpo die Tradition der Luftbestattungen gibt. Dem Toten wird das Fleisch von den Knochen geschält, danach zerkleinert und die Knochen zertrümmert, damit die Geier dem Toten in den Lebenskreislauf verhelfen können. Wir haben davon nur gehört, aber nie etwas gesehen.
Nicht nur Menschen ändern saisonal ihren Lebensraum, auch Tiere. Über uns zogen große Kolonien von Wildgänsen hinweg. Laut schreiend, wenn der Wind ihre Formationen verwehte oder sie sich höher hinaufschrauben mussten, um über die hohen Pässe zu gelangen. Was für eine Kraft und welch ein Instinkt, der sie sicher in die richtige Richtung lenkt!

Und so gelangen auch wir nach knapp vier Wochen wieder zurück in die Zivilisation, Touristen in Scharen, Four-Wheel-Drive’s, Traktoren, Mopeds, guesthouses in großer Zahl bestürmen uns, zerren uns zurück in die geschäftige Touristenwelt Nepals.
Doch in unseren Herzen tragen wir unvergessliche Tage und Lebensmomente!

peti
25.02.2010, 07:40
Hallo Hans im Glück,
vielen Dank für diesen wunderbaren Bericht!
LG Peti

Harp Booth
25.02.2010, 08:10
Vielen Dank für diese berührende, lebendige Schilderung!

Mehr davon....!

Gruss Harald

Klaus
25.02.2010, 21:27
Hans im Glück,
Du trägst Dein Pseudonym zurecht,
nicht nur weil Du das erleben durftest,
mehr noch weil Du es so emfinden kannst!

Danke für den Bericht

Gruß

Jens
26.02.2010, 07:21
Sehr schöner Bericht Hans :up:

Gruß
Jens

PR1961
26.02.2010, 13:18
Hallo Hans,

es war eine Freude deinen Bericht zu lesen :up:
Ganz herzlichen Dank dafür :nicken:
Die Fotos der Menschen und teilweise die der Landschaft haben mich ein klein wenig an unsere Reise nach Ladakh erinnert.

Ich habe allerdings noch eine Frage dazu :
Beim lesen hatte ich den Eindruck, daß der Bericht von einer Frau (deiner Frau ?) geschrieben wurde, oder irre ich mich da ?

Grüße
Petra

Hannes33
26.02.2010, 13:20
@ Petra: "Für mich und meinen Mann endlich die Chance zu reisen."
LG, Hannes.

PR1961
26.02.2010, 13:23
Danke Hannes ;)......obwohl Hans für mich immer noch ein männlicher Vorname ist ;)

lg
Petra

Austriangirl
28.02.2010, 12:20
Doch in unseren Herzen tragen wir unvergessliche Tage und Lebensmomente!

Hallo Hans und Verfasserin dieses wunderbaren Berichtes!

Nach dem Durchlesen Eures Artikels hoffen wir umso mehr, auch einmal zu den Glücklichen zu zählen, die dem Dolpo näherkommen.

Herzliche Grüsse, Carmen

Austriangirl
08.05.2010, 10:44
Servus beinand!

Bald könnte es soweit sein.......
Das Ticket ist schon gekauft und am 1. 10. wird es von Wien losgehen.
Wir freuen uns schon total auf Pokshumdo, Shey Gompa...Hidden Valley.....Dhampus Peak!

:nicken::nicken::nicken:


LG, Carmen