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Vollständige Version anzeigen : Putha Hiunchuli 2009 – Besteigungsbericht


MarcusW
06.11.2009, 11:31
Im Rahmen einer AMICAL alpin Expedition war ich im Oktober 2009 Teilnehmer der Besteigung des Putha Hiunchuli, der manchmal auch Dhaulagiri VII genannt wird, da er mit seinen 7246 Metern Höhe den westlichsten markanten Gipfel der langgestreckten Dhaulagiri-Kette bildet.
Der Zufall wollte es, dass unser Anreisetermin genau mit dem Höhepunkt der Dashain-Festlichkeiten in Katmandu und Umgebung zusammenfiel, was zu völlig ungewohnten und gänzlich neuen Nepal-Eindrücken für mich führte.
Die Anreise zum Berg erfolgte per Flugzeug über Nepalgunj nach Juphal, wobei die Landepiste in Juphal in Kombination mit aktuellen örtliche Politstreitigkeiten das Fliegen dort eher zur Glücksache macht – vor unserem Rückflugtermin war die Piste vier Tage lang komplett gesperrt, am Tag danach wurde sie neuerlich blockiert…
Der Anmarschweg von Juphal steigt zunächst ins Tal in Richtung Dunai ab, wo kurz vor dem Ort eine Route ins Obere Dolpo abzweigt.
In Dunai kann man eines der ganz wenigen Bön-Kloster besuchen, die es in Nepal (wieder) gibt, und bei Bedarf sogar noch in fester Unterkunft übernachten (Tag 1). Außerdem gibt es Strom und Handy-Empfang - aber, so wie auch auf der gesamten restlichen Route, (noch) keinerlei motorisierten Verkehr.
Die Gegend um Tarakot (Tag 2) ist relativ dicht besiedelt mit ziemlich großen Dörfern ganz hoch oben an den Hängen und intensiver Landwirtschaft im Terrassenfeldbau. Die Bewohner dort sind offensichtlich ethnisch gemischt und es gibt neben kleinen Gompas auch noch Zeichen von Hinduismus.
Talaufwärts folgt bis zur Brücke bei Laisicap ein schluchtartiger Flussabschnitt, der sich hinter dieser Brücke in Richtung Kakot weiter fortsetzt und mit relativ dichtem Baumbestand entlang der Uferstreifen und Hängen teilweise wildromantische Landschaftsbilder liefert. Laisicap selbst ist ein fast magischer Kreuzungspunkt mit riesigen alten Manisteinen und zwei kleinen Weilern hoch am Hang. Ein großer Lagerplatz befindet sich hinter Laisicap bei Mushikola (Tag 3), dieser ist aber nicht nur extrem staubig, sondern auch eher problematisch, was die Wasserversorgung betrifft. Der Zugang zum Bach im Seitental ist ziemlich weit und teilweise recht steil.
Hinter Mushikola flussaufwärts in Richtung Kakot folgt nach dem Ende der Schlucht ein steiler Anstieg auf eine höher gelegene Schwemmebene, zu der sich das Tal hier weitet. Dort liegt dann auch das Dorf Kakot selbst (Tag 4), das einen rein tibetischen Eindruck macht, dessen Bewohner allerdings auch den Zugang zum Putha Hiunchuli "kontrollieren" wollen, was für Expeditionen nicht immer ganz konfliktfrei abläuft. Meist wird in Kakot ein Rasttag eingelegt und die Lasten werden umgeladen – in unserem Fall war das anders, da bei der Ankunft das gesamte Dort fast wie ausgestorben war: So gut wie alle erwachsenen Bewohner waren für mehrere Tage auswärts auf hochgelegenen Almen unterwegs, um Winterfutter für ihre Yaks zu sammeln.
Der Zustieg zum Base Camp (BC) von Kakot aus kann nicht entlang des eigentlich naheliegenden Seitentales nach Süden erfolgen, da dieses teilweise schluchtartig eng und daher unpassierbar ist. Somit steigt der „Almweg“ von Kakot aus zunächst bis ganz oben auf den Rücken, der direkt gegenüber des Dorfes auf der anderen Flussseite aufragt, um oben dann dem Gratverlauf nach Süden zu folgen, bis man nach rechts unten (nach Westen hin) zur „Alm Panzi“ absteigt, die im wesentlichen bloss ein Lagerplatz im Steilhang ist. Da der Höhengewinn ab Kakot hier bereits mehr als 1000 Meter beträgt, ist aus Akklimatisationsründen eine Übernachtung erforderlich (Tag 5). Anschließend geht es auf den Kamm zurück hinauf und auf der anderen Seite (östlich) den Hängen entlang bis zum sogenannten „German Base Camp“ (Tag 6), das an sich sehr schön gelegen ist, aber leider keinen einfachen Zugang zu Wasser bietet. Unsere Expedition legte hier einen Rast- und Akklimatisationstag ein (Tag 7), was zur ungeplanten Folge hatte, dass wir von einem heftigen Monsun-Spätausläufer erwischt und eingeschneit wurden. Der weitere Aufstieg zum BC wurde deshalb zu einem ernsten logistischen Problem und es dauerte volle zwei Tage, bis die gesamte Ausrüstung vom German BC bis zum BC transportiert war (Tag 8 und 9).
Unter „normalen“ Bedingungen kann man also davon ausgehen, dass der Anmarsch ab Juphal bis zum BC inklusive Akklimatisationstopp 8 Tage in Anspruch nimmt.
Das BC selbst liegt auf ca. 4900 m wunderschön auf einer weiten Schwemmterrasse, die von einem Bach durchzogen wird, der nur wenig oberhalb entspringt.
Um vom BC ins Lager 1 (L1) zu gelangen, folgt man dem tief eingeschnittenen V-Tal am Rande des BC eine kurze Strecke nach Westen, um dann nach Süden in Richtung des (ehemaligen) Gletschers abzuzweigen, dessen Reste in einem langen Trog am Fuße des Putha Hiunchuli liegen. Die Strecke zum L1 auf ca. 5400m verläuft dementsprechend zunächst am Grund des alten Gletschertales und später auf der Mittelmoräne, wobei sich darunter teilweise Alteis verbirgt. Wo dann am Talende der Gletscher als pittoresker Eisbruch von rechts (Westen) herunterkommt, während der weitere Aufstieg nach links verläuft, befindet sich die „natürliche“ Position für das L1. Die Aufstiegszeit vom BC beträgt je nach Bedingungen und Rucksackgewicht zwischen 3,5 und 5 Stunden.
Der weitere Aufstieg führt auf einem Seitengletscher nach links über eine kleine Schnee- bzw. Eisflanke in eine flache Mulde, von der es dann in beachtlicher Steigung nach rechst auf den nächsten Eisrücken hinaufgeht. In direkter Linie stößt man dabei wohl meist auf Blankeis im steilsten Abschnitt ganz oben, wie sich aus Resten alter Fixseilen schließen lässt. Mitte Oktober 2009 war jedoch der gesamte Gletscher bis hinauf zum Gipfel mit teilweise windverfrachtetem, meist aber recht gut verfestigtem Schnee bedeckt (das Ergebnis der starken Schneefälle eine Woche zuvor), sodass es möglich war, sogar bis zum L2 ohne Steigeisen aufzusteigen. Die übliche Position des L2 befindet sich auf dem oben erwähnten Rücken auf ca. 6100 Metern mit traumhafter Aussicht. Dort wurde auch bei unserer Expedition ein Depot angelegt. L3 würde dann weiter oben am Fuße des Gipfelhanges auf ca. 6600m angelegt werden. Aufgrund heftiger Höhenwinde wurde in unserem Fall jedoch entschieden, auf eine 2-Lager-Taktik umzuschwenken, sodass sich unser L2 schließlich auf ca. 6300mm befand, von wo aus auch der Gipfelversuch am 17.10.2009 direkt gestartet wurde. Der Wind war auch an diesem Tag ein Thema, v.a. wegen heftiger Schneeverfrachtungen in Bodennähe („Schneefegen“), welche alle Beteiligten eine extrem unruhige Nacht bescherten. In der Folge entschieden sich dann auch insgesamt nur mehr zwei Teilnehmer für den Aufbruch zum Gipfel, der schließlich um 3:30 Uhr stattfand. Da der Wind glücklicherweise nach oben hin jedoch nicht mehr stärker wurde, konnte nach einem traumhaft schönen Sonnenaufgang über den Dhaulagiris und 8 Stunden anstrengendem Aufstieg der Gipfel um 11:30 erreicht werden. Der allerletzte Abschnitt des Aufstieges erfolgt dabei über den Hauptrücken, der sich von Osten zum Gipfel zieht und auf den auch die (wesentlich schwierigere) Route von Süden einmündet. Am Gipfeltag machte ein heftiger Höhensturm von Südwest auf diesem Rücken und auf dem Gipfel selbst längeres Verweilen allerdings eher ungemütlich.
Aufgrund des langen Aufstieges erfolgte der Abstieg nur mehr bis zum L2 und erst am folgendem Tag zurück bis zum BC.
Der Rückweg vom BC bis Juphla sollte eigentlich in 4 Tagen erfolgen (mit den Etappen Kakot – Laisicap – Dunai – Juphal), aufgrund der Schneelage reichte jedoch die „Verhandlungsmacht“ der Einwohner von Kakot aus, um den Gepäcktransport und damit den Abstieg zurück ins Tal auf zwei Tage auszudehnen. Somit waren bis Juphal insgesamt neuerlich 5 Tage erforderlich.

Zusammenfassung:
Technisch gesehen ist der Putha Hiunchuli tatsächlich ein sehr einfacher 7000er, der in der Schwierigkeit des Weges in etwa mit dem Mera Peak vergleichbar ist. Je nach Schneeverhältnissen kann unter Umständen Blankeis ein Thema sein und möglicherweise an einigen Stellen auch Spaltengefahr - im Oktober 2009 war die Tour jedoch eine reine Hochgebirgsschneewanderung, die durchgehend seilfrei unternommen werden konnte.
Das Hauptproblem an diesem Berg ist wohl die Logistik des Anmarsches samt der entsprechenden „Koordination“ mit den Bewohnern des Dorfes Kakot, die verständlicherweise die Kontrolle über „ihren“ Berg nicht aus der Hand geben wollen.

Bilder von der gesamten Expedition finden sich unter http://bf.attacksyour.net/PuthaHiunchuli2009/ (http://bf.attacksyour.net/PuthaHiunchuli2009/)

Viel Spass beim Schmökern!

Wolfgang

felix95
07.11.2009, 08:20
Hi Wolfgang,

sehr schöner und interessanter Bericht! Die Bilder auf deiner HP sind auch sehr gelungen!

Gruß Felix

Austriangirl
14.11.2009, 21:40
Respekt.........gratuliere!!!! :up::up: