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Vollständige Version anzeigen : Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela Kapitel 4


jrampe
13.04.2009, 18:54
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela[
Meine Reisegeschichte

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20. Tag. Donnerstag, 18. Mai 2006 „Adiós Meseta“
Astorga – Santa Catalina de Somoza – El Ganso – Rabanal del Camino – Foncebadón – Cruz de Ferro - Manjarin – Molinaseca – Ponferrada – Vilela – Villafranca del Bierzo
90 Tageskilometer

Am Morgen wache ich durch das leise Piepsen meines Armbanduhr-Weckers gegen 6 Uhr auf. Ich drücke schnell die Stopp-Taste und schaue instinktiv in Richtung des Bettes meines Mitbewohners. Er muss irgendwann in der Nacht gekommen sein und schlief nun leise murmelnd noch den Schlaf des Gerechten. Weil es im ganzen Flur noch ruhig war (ich schien wirklich der erste Aufgewachte zu sein) schlich ich in den Waschraum, ließ mir unter der Dusche etwas Zeit und fand nach Rückkehr in meine „Parzelle“ den Kollegen Mitbewohner immer noch schlafend vor. Draußen im Flur befand sich eine Sitzbank. Ich trug all mein Hab und Gut dorthin und packte ohne Risiko, dass ich jemanden dabei wecken könnte, meine Sieben Sachen in die Taschen. Dann trug ich alles zu meinem Fahrrad und verzurrte, was zu verzurren war. Im Ausgangsbereich traf ich keine Menschenseele an und konnte mich somit von Niemandem verabschieden. Ich schob das Fahrrad nach draußen. Neugierig blickte ich Richtung Dach, wo gestern Abend noch die Störche ihr Stelldichein gegeben hatten. Doch sie schienen schon auf Achse zu sein.
Ich fahre auf einer ruhigen und kleinen Landstraße aus Astorga heraus Richtung Murias de Rechivaldo. Mir wird jetzt bewusst, dass ich seit Astorga die Hochebene verlassen habe und nun hinsichtlich Beinmuskulatur mehr gefordert sein werde. Die Meseta hatte mich zwei Tage lang auf ebenen Straßen fahrradtechnisch verwöhnt. Wäre nicht da der Westwind gewesen, der gegen Mittag auftauchte und mich je nach Fahrtrichtung voll ausbremste, so dass teilweise nur 8 oder 9 Stundenkilometer auf dem Tacho erzielbar waren. Nun, das lag jetzt hinter mir und bis Santiago de Compostela wird es nur ein „Auf und Ab unterschiedlicher Kategorien“ geben. Ich erreiche Murias de Rechivaldo. Hier verzweigt sich die Straße in drei verschiedene Richtungen. Ich wähle die linke Richtung Santa Catalina de Somoza. Der Himmel ist sommerlich blau mit ein paar harmlosen Wölkchen. Die Morgenfrische lässt mich nach einem Café con leche verlangen. Am Ortseingang steht ein älterer Mann und bietet Wanderstöcke, Jakobsmuscheln und Kalebassen an. Zwei Pilgerinnen scheinen seine ersten „Kundinnen“ an diesem frühen Morgen zu sein. Jetzt habe ich schon die ersten zehn Kilometer hinter mir gelassen, als ich in Santa Catalina in eine Bar einkehre. Ich bin nicht der einzige Gast. Drei spanische Mountainbiker sitzen schon an der Theke und trinken Kaffee. Mit „Kaffee“ ist dieses teufliche, dem Espresso ähnelnde Gebräu gemeint, dass einem die Zehnägel aus der Haut brennt. Die drei begrüßen mich wie einen Kumpel, den sie schon sehnsüchtig erwartet haben. Auch die Spanier sind als Radler untereinander solidarischer als man es von Deutschland gewohnt ist. Sie stempeln sich gerade in Selbstbedienungsmanier ihre Pilgerausweise ab. „Quieres el sello?“ Willst du auch den Stempel? fragt mich einer der Dreien. „Si, Hombre naturalmente“ antworte ich sportlich lässig und nehme den Stempel. Nun ist auch die Bar „San Blas“ in meinem Pilgerausweis per Stempel verewigt. Die drei wollen heute noch bis Ponferrada und fragen mich nach meinem Ziel. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich mir Villafranca del Bierzo als heutiges Tagesziel vorstellen könnte. „Ui, esto está muy lejos“ das ist sehr weit, meint einer der Dreien. Dann verabschieden sich die Drei, wünschen mir noch eine Gute Fahrt und eilen mit ihren Mountainbikes davon. Dass wir uns in Ponferrada wie alte Freunde wieder sehen würden, wusste noch keiner von uns.
Ich trank meinen café con leche auch aus, zahlte und fuhr weiter. Richtung El Ganso berkte ich zunächst nur in den Oberschenkeln, dass es leicht bergauf geht. Nach weiteren zwölf Kilometern kam ich in Rabanal del Camino an. Die Landschaft war schon karstiger, der Bewuchs spärlicher geworden. Rabanal del Camino ist im Prinzip der letzte Ort, bevor man endgültig den Monte Irago Richtung „Cruz de Ferro“ erklimmen kann. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich mir auch hier einen „Sello“ in meinen Ausweis drücken lasse. Dann fahre ich die ersten steiler werdenden Kehren. In einer Kurve rastet eine Gruppe Pilgerinnen. Ich trete etwas kräftiger in die Pedale und grüße mit „Buen Camino“. Die Mädels grüßen zurück. Kaum bin ich an ihnen vorbei, wispert eine den anderen zu „Oh, mein Gott, weißt Du wer das war?“ Ich bin irritiert, hatte ich die Gruppe doch auf meinem Weg vorher noch nicht zu Gesicht bekommen. Ich denke, dass die mich mit irgendjemand Prominenten verwechselt haben. Ich sollte aber nie erfahren, mit wem.
Ich erreiche das – noch verfallene – Dorf Foncebadón, das links der Straße liegt. Private Investoren und andere Gesellschaften restaurieren aber hier schon um die Wette die alten verfallenen Gemäuer. So nah am Cruz de Ferro wird hier in Richtung Jakobsweg-Tourismus wahrscheinlich „Goldgräberstimmung“ herrschen.
Jetzt wo jeder drittklassige Promi oder andere öffentlich bekannte Deppen, „den Weg gehen wollen“ wenn ihnen was anderes, als die eigene Leistung Erfolg bescheren sollte, kann ich mir schon vorstellen, dass sich die Investitionen lohnen werden. Ich habe Durst und mache eine kleine Pause in der „Taberna de Gaia“. Das Wort „Gaia“ steht für Gans. Ich trinke eine große Cola und komme in den Genuß kleiner Tapas, die die Wirtin jedem Gast zum Probieren reicht. Diese gut gewürzten Köstlichkeiten sorgen dafür, dass mein Durst nicht weniger geworden ist. Aber ich habe ja noch zu Trinken in der Tasche. Dabei fällt mir ein, dass ich die Reste meiner Abendmahlzeit in der Herberge in Astorga im Kühlschrank vergessen habe. Wenn sich keiner dem Brot und der Chorizo erbarmt, wird wohl jemanden merken, wenn das ganze anfängt zu „leben“. Ich schiebe mein rad aus dem Dorf auf die Strasse und steige noch mal in die Pedalen. Unterwegs lese ich noch einen Stein auf, den ich am Cruz de Ferro traditionsgemäß auf den schon vorhandenen Steinhaufen werfen will. Ich habe zwar keine Sorgen und Nöte. Aber schaden tuts ja auch nicht! Noch eine Kurve und ich sehe es in voller Pracht. DAS CRUZ DE FERRO! Der Platz wird gerade von einer Gruppe Bustouristen in Beschlag genommen. Ich stelle mein Fahrrad an ein Holzgeländer und komme mit drei holländischen Fahrradpilgern in Kontakt. Die amüsieren sich gerade köstlich über ca. 2 cm große rote gefleckte Käfer, die sich aufrichten und kaum hörbar zischen, wenn man sie ärgert. Hier, etwas abseits vom Kreuz krabbeln unzählige von diesen Käfern herum, die sich auch anzischen, wenn sie sich nicht einigen können, wer wen vorbei lässt. Ich bitte einen der Holländer, mich mit meinem Fotoapparat zu knipsen. Dafür fotografiere ich die Drei vor dem Kreuz. Hier ist zu viel Rummel, deshalb fahre ich schon nach zehn Minuten weiter. Den Stein habe ich auf den Haufen geworden, dabei leise all denen, die ich kenne viel Gesundheit und ein Schönes Leben gewünscht. Dann fahre ich weiter. Nach kurzer Fahrt komme ich in das verfallene Dorf Manjarin. Der selbsternannte letzte Tempelritter (zumindest hier in den Bergen) Señor Thomás hat hier eine rustikale kleine Herberge errichtet, die er auch selber bewohnt. Ich halte an dem, von vielen Fotos her bekannten Multiwegweiser und will ihn fotografieren als ein jüngerer Mann aus der Herberge kommt und mich auf Deutsch fragt, ob er mich fotografieren soll. Mehr erstaunt, dass er mich als „Deutschen“ erkannt hat sage ich zögerlich Ja und werde vor dem Anwesen fototechnisch verwewigt. Dann bittet er mich herein und spendiert einen Kaffee, der mir die Augen und die Stirn feucht werden lässt. Ein Schäferhundwelpe nebst „Mama“ begrüßen mich auch freundlich. Als sich dann auch noch eine Gans leise schnatternd dazu gesellt, ist die Harmonie perfekt. Die Gans zupft an meinen Schnürsenkeln rum. Der Schäferhund-Teenie leckt meine und Mama Schäferhund schaut zu. Der junge Mann kommt ursprünglich aus Düsseldorf, ist vor einem Jahr hier auf Thomás gestossen und entschloss sich, auf unbestimmte Zeit hier zu bleiben. Er bekam hier, wie er es nannte „einen Flash“. Dann kam auch der legendäre Thomás dazu. Ich erzählte von einem Fernsehbericht über den Jakobsweg, für den Dieter Kronzucker verantwortlich zeichnete und in dem er Thomás als weltfremden Spinner darstellte, der in einer Traumwelt das Brauchtum der Tempelritter wieder aufleben lassen will. Thomás verzieht keine Miene und sagt nur, dass er weiß, dass man ihn für einen Spinner hält. Dann geht er schon wieder, weil er gegen 15 Uhr einen Termin in Ponferrada in einer Außenstelle der Bezirksregierung hat. Dort nimmt man ihn aber schon ernst. Das Problem ist, dass man ihm nur den Status eines Freistaates zuerkennen will, in dem er die Gesetze Spaniens akzeptiert und steuerpflichtig bleibt. Doch Thomás will 100%ige Autonomie. Und das wird wohl für ihn ein ewiger Traum bleiben.
Übrigens konnte ich nach diesem Besuch hier in Manjarin nicht nachvollziehen, wie Hape K. in seinem Buch darauf kommt, dass hier die Hunde rostige Dosen, um ihren Durst zu stillen, auslecken würden. Ich sah unter einem Schatten spendenden Strohdach einen großen Topf mit Wasser, daneben einen Pott Frolics und die Gans teilte sich offenbar mit den beiden Hunden das kulinarische Angebot. Hape, da musst Du dich irren!
Der junge Mann warnte mich hinsichtlich Weiterfahrt noch vor den heimtückischen Kurven, der sehr steilen Abfahrt Richtung Molinaseca und dem Wind, der manchmal ganz hinterlistig auftaucht und genau so schnell wieder weg ist, so dass ein Sog Mensch und Material in Gefahr bringen kann. Es gab deshalb im Laufe der Jahre schon mehrere Todesfälle auf dem Weg Richtung Ponferrada. Ich beherzigte seine Warnungen. Dann bekam ich noch einen sehr schönen Stempel in den Ausweis und weil ihn mein Besuch besonders gefreut hätte, noch nein T-Shirt mit selbst entworfenem Bildnis geschenkt.
Das Erlebte hatte mich sehr beeindruckt und ich musste während der fahrt noch lange dran denken, wenn nicht gerade mal wieder meine volle Aufmerksamkeit den Straßenverhältnissen galt. Es stimmte tatsächlich. Schneller als 12 Stundenkilometer konnte ich nicht fahren. Erstens musste ich wegen dem kurvigen Gefälle dauernd bremsen, was vorübergehende Stopps zum Abkühlen der Felgen erforderte. Dann kamen ab und zu solch heimtückische Windböen, dass es mich fast von der Strasse schob. Kaum zu glauben, über Acebo kommend brauchte ich bis Molinaseca 17 Kilometer lang nicht einmal die Pedale treten. Bei einem Halt verbrannte ich mir beim Betasten der Vorderradfelge leicht die Zeigefingerkuppe. In Molinaseca machte ich auf einer Sitzbank erst mal eine Pause und telefonierte mit Sandra über das heute Erlebte.
Ich fuhr weiter Richtung Ponferrada. Ein kurvenreiches mittleres Auf und Ab forderte immer wieder kräftige Pedaltritte bis ich in Ponferrada ankam. Die Stadt wird heute wieder von einer liebevoll restaurierten Burg der Tempelritter beherrscht. Trotz Fragens fand ich die hiesige Pilgerherberge nicht und fuhr in die Innenstadt. Am Ende einer Fußgängerzone traute ich meinen Augen nicht. Da standen die drei Mountainbiker, die ich in der Bar in Santa Catalina de Somoza kennen gelernt hatte, zusammen mit einem älteren Herrn. Ich ging auf die Gruppe, die sich gerade angeregt zu unterhalten schien, zu. Der ältere Herr schaut auf mein voll bepacktes Fahrrad und schüttelt den Kopf. Er meinte mit dieser Geste, dass für mich der Weg zur Pilgerherberge, den er gerade den Mountainbikern beschreibt, nicht geeignet sei. Damit hat er auch nicht Unrecht, denn dieser Weg führt geradewegs über eine steile Treppe, die den Weg zu der Herberge verkürzt. Für mich mit dem schweren Gepäck auf dem Rad nicht passierbar, schlage ich den Weg zu einer parallel zur Treppe verlaufenden Gasse ein. Unterwegs frage ich vorsichtshalber zwei mir entgegen kommende Mädels, ob ich auf dem richtigen Weg Richtung Refugio sei. Sie nicken mit dem Kopf und ziehen lachend weiter, während ich kurz danach schon das Anwesen etwas nach hinten gelegen auf der anderen Seite der Hauptstraße sehe. Hätte ich beim Einfahren in die Stadt auch mal nach links geschaut, hätte ich mir den Umweg durch die Innenstadt sparen können.
Die Herberge, ein nach außen geschlossen erscheinendes Gehöft ist ein architektonisches Juwel! Bogenartige Arkaden umschließen einen Innenhof, der mit Rattanmöbeln ausgestattet zum Verweilen einlädt. Ich überlege kurz, ob ich hier übernachten soll. Doch es ist erst 15 Uhr und ich bleibe bei meinem Plan, mir hier nur den obligatorischen Stempel in den Ausweis drücken zu lassen und heute noch nach Villafranca de Bierzo zu fahren. Von dort aus wollte ich dann am nächsten Morgen ausgeruht die nächste Bergetappe ansteuern.
Ich ging wieder zu meinem Rad, verabschiedete mich von den drei Mountainbikern, die draußen vor der Tür standen. Wir sollten uns hier ein letztes mal begegnen. Hatte ich über die Ausfallstraße Leóns schon gemeckert, übertraf die „Avenida de Galicia“ von Ponferrada stadtauswärts führend an Öde und Langweiligkeit alle Fahrbahnen, die ich auf dieser Reise schon unter meinen Rädern hatte. Ich fuhr eine scheinbar endlose lange Asphaltpiste, die ab und zu durch eine Querstraße gekreuzt wurde. Eine Mischung aus Vorstadtwohn-, Gewerbe- und Industriegebiet mit Straße dazwischen. Anders war diese Trostlosigkeit nicht zu beschreiben.
Nach einer halben Stunde Fahrt umgab mich wieder leicht hügeliges Grün, das nur durch einzelne Gehöfte unterbrochen wurde. Die karstige Landschaft der Leóner Berge hatte ich hinter mir gelassen. Auf der N-VI fuhr ich dann bis Peradones. Ab dort konnte ich dann auf einer ruhigen Nebenstrecke Richtung Villafranca del Bierzo fahren. Dieser Ort hatte im Mittelalter mehrere Pilgerherbergen. Jakobspilger, die z.B. aus gesundheitlichen Gründen den Weg nach Santiago de Compostela nicht mehr schafften, konnten hier schon Ablass von ihren Sünden erhalten. Nun, deswegen wollte ich bestimmt nicht nach Villafranca.
In einem Dorf namens Vilela lockte mich der Duft von Gebratenem in die Nähe eines Gasthauses. Ich hatte mächtig Hunger. Daher entschied ich mich zu einer verspäteten Mittagpause und kehrte in das Gasthaus ein. Bis Villafranca waren es ja auch nur noch drei Kilometer. Das Lokal war gut besucht. Trotzdem fand ich noch einen freien Tisch. Ich bestellte eine Cola und gebratenes Fleisch mit Patatas Fritas. An einem Nachbartisch aßen gerade ein paar Gäste – es waren wohl Spanier - Tintenfischsuppe. Wie ich finde, eine grausige, in Galizien aber eine beliebte Mahlzeit. Sopa de Pulpo. Vor allen Dingen hinterlässt das Löffeln der Suppe einen schwarz-bläulichen Farbton auf den Lippen. Eine der Gäste, die zu dem noch schwarz gekleidet war, erinnerte mich mit ihren tintenfischsuppendunkelverfärbten Lippen an eine Anhängerin des „Gothic-Kults“. Ich musste deshalb leise vor mich hin griemeln, was wiederum die Kellnerin, die mir mein Essen brachte, wohl just in diesem Augenblick für einen Flirtversuch meinerseits gehalten hat, und mir mein Essen mit einem breiten Lächeln auf den Tisch stellte.
Ich ließ es mir in Ruhe schmecken und beobachtete noch ein bisschen die anderen Gäste des Lokals. Es war schon nach 17 Uhr als ich mit dem Essen fertig war und zahlte. Ich machte mich auf den Weg nach Villafranca. Die letzten drei Kilometer fuhr ich auf dem geschotterten Fußpilgerweg. Allerdings begegnete ich keiner Menschenseele. Am Ortsrand von Villafranca angekommen, sah ich schon rechts auf einer leichten Anhöhe nahe einer wohl uralten Kirche die Herberge. Ich begab mich sofort dorthin. Der „Gebäudekomplex“, wie man ihn wohl nennen kann, ist eine urige Verschachtelung architektonischer Eigenheiten. Auf gut Deutsch: Man konnte das ursprüngliche Gebäude vor lauter Um-, An- und Aufbauten nicht mehr erkennen. Und genau darin lag diese Ausstrahlung der somit wohl einmaligen Herberge. Im Speiseraum befand sich die Anmeldung.
Ich fragte nach einem Bett für eine Nacht. Der Mitarbeiter der Herberge war sich nicht sicher, ob im Gebäude noch was frei sei und ging mit mir durch ein Gewirr von Räumen mit Zwei- und drei Etagenbetten. Die waren alle belegt. Aber unter der Treppe zum Dachspeicher, wo sich auch noch Betten befanden, war so eine Art „Notunterkunft“. Ob mir dieser Platz zusagen würde, fragte mich der Mitarbeiter. Ich nickte heftig, „und ob“ dachte ich mir. Dieser Platz war mir allemal lieber als irgend so ein Etagenbettplatz zwischen all den Männlein und Weiblein. So hatte ich mein eigenes reich. Nachdem mir auch noch die Gemeinschaftsräume gezeigt wurden, gingen wir in den Speiseraum und erledigten die notwendigen Formalitäten. 5 € Spende wurden auch hier erwartet. Der Stempel in den Pilgerausweis war obligatorisch.
Sensationell war auch die Tatsache, dass die Herberge über eine Waschmaschine und einen Trockner verfügte. Die Geräte waren zwar in einem schummerigen Keller untergebracht, aber ein Teil meiner Klamotten hatte eine Reinigung nötig. Nur Waschpulver gab es im Moment keins. Macht nichts, eine kleine Kappe Duschgel in den Hauptwaschgang tut es auch. Aber zuerst musste ich mal mein Gepäck in die mir zugedachte Ecke bringen. Nachdem diese Schwerstarbeit vollbracht war (ich musste nämlich samt Gepäck über unzählige Rucksäcke und Taschen steigen), besorgte ich mir je für einen Euro eine Wertmarke für die Waschmaschine und den Wäschetrockner. Die Wäsche, die zu reinigen war sortierte ich per Nase aus und schleppte sie in einer Tüte zur Waschmaschine. Viel Klamotten waren es nicht, deshalb wählte ich ein relativ kurzes Programm mit 40°C. Der Wäschetrockner war noch von einem anderen Pilger in Beschlag genommen. Ich drückte die „On“-Taste. Dann….. ein kurzes „Wums“, es roch ein bisschen verschmort und Waschmaschine, Wäschetrockner und das Licht waren aus. Da es draußen bereits dämmerte, stand ich blind wie ein Maulwurf im Dunkeln. Die Rettung nahte aber schon in Form des Mitarbeiters mit Taschenlampe. „Lo que pasó? fragte mich der Mitarbeiter. „No ay energia“ antwortete ich sinngemäß. „No problema“ murmelte mein Gegenüber, bat mich die Taschenlampe zu halten und öffnete einen kleinen Schaltschrank über den Geräten. Was ich da zu sehen bekam, würde jeden professionellen Elektroinstallateur ins Koma stürzen. Ein Kabel war elegant um eine, wahrscheinlich nicht mehr funktionierende Sicherung geführt. Ein zweites Kabel war mit einem blanken Stück Kupferdraht überbrückt. Ich ging instinktiv einen Schritt zurück, falls der gute Mann unter Strom geraten sollte. Doch er schob nur den Knauf einer vorsintflutlichen Sicherung nach oben…. „und es ward wieder Licht“. Sinngemäß verstand ich, dass die Waschmaschine ab und an zuviel Strom zieht und dann die Sicherung nicht mehr mitspielt. Der Mitarbeiter hatte seine Aktion heil überstanden und ich traute mich nicht mehr die Waschmaschine vor Ende des Reinigungsprogramms anzufassen. Alles ging gut. Den Wäschetrockner konnte ich jetzt auch benutzen.
Während der lief, ging ich hinaus in den Garten und rauchte eine. Segensreicherweise befand sich dort auch ein Getränkeautomat. Ich zog eine Dose Cola und lehnte mich entspannt auf einer Bank zurück. Die Herberge war heute voll ausgebucht. Im Sommer, wenn der Andrang noch größer ist, wird auf einer neben an liegenden Wiese eine kleine Zeltsiedlung aufgebaut. Wäre es nicht schon so dunkel gewesen, hätte ich es hier draußen noch eine Weile ausgehalten. Doch es war auch frisch geworden. Die Wäsche war mittlerweile trocken. Ich stapelte sie in meiner Ecke ans Fußende meiner Liegestatt. Noch ein kurzer Besuch des Waschraums und ab in den Schlafsack. Das erste war erledigt.
Doch kaum in den Schlafsack gekrochen, ging an meiner Stirn wahrscheinlich wieder dieses imaginäre Lauflicht „SPRICH MIT MIR, ICH HÖRE ZU“ an. Ein Bettnachbar, wahrscheinlich so um die 60 „erzählte“, von mir unaufgefordert, dass er sich darauf freue, dass er morgen die Berge des Bierzo erobern wolle und dass seine Wanderschuhe auch gar nicht mehr drücken würden und dass er schon von Pamplona aus unterwegs ist und dass das Flugzeug Verspätung hatte und und und ……… Doch entweder gingen ihm die Themen aus oder mein monotones „Aha“, „Mmh“, „Nein, nicht möglich“, „ach so“-Geblubber nahm ihm jedwede Motivation weiter zu labern. Jedenfalls hat er das geschafft, was ich als Kind nie erlebt hatte. Er hatte mich mit seinen „Gute Nacht Geschichten“ so müde gequatscht, das ich alsbald einschlief.



Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

21. Tag. Freitag, 19. Mai 2006 „..und noch zwei Pässe“
Villafranca del Bierzo – Petrafita do Cebreiro – O´Cebreiro (1300m ü.NN) – Padornelo – Alto do Pojo (1337m ü. NN) – Liñares - Triacastela – Samos – Sarria –
82 Tageskilometer

Der nächste Morgen. Ich werde nicht durch einen meiner Wecker sondern durch Rascheln und Knistern von Tüten und Taschen, die eifrig um mich herum gepackt werden, geweckt. Es war kurz vor 6 Uhr. Ideale Zeit zum Aufstehen. Es herrschte fast hektische Betriebsamkeit, denn für viele Fußpilger war es jeden Morgen ein Konkurrenzkampf untereinander, wer zuerst wieder auf der Piste war. Denn bedingt durch die eingeschränkte Anzahl an Betten in den –Tagesetappen voneinander entfernten – Herbergen konnte zu spätes Ankommen bedeuten, dass sie kein Bett mehr kriegten. Mir konnte das egal sein, denn durch das Fahrrad war ich flexibel und nicht an bestimmte Ziele gebunden. Ich ging zum Waschraum. Auch hier hektisches Hin und Her. Na ja, wenigstens die Reste von Zahnpasta und Barthaaren hätte mein Vorgänger wenigstens wegspülen können. Anschließend packe ich mein Hab und Gut wieder in die Taschen und bringe sie zum Rad. Dann noch die Latschen gegen meine festen Schuhe eintauschen. Alle Anwesenden hatten ihre Schuhe fein säuberlich sortiert, in einem Regal vor der Tür über Nacht deponiert. Das minimierte die Geruchsbildung in den Räumen. Das Fahrrad war, wie immer schnell bepackt. Für 2 € bediente ich mich noch an einem Frühstücks (Desayuno) Buffet, das im Speiseraum aufgebaut war. Es gab zwar nur Süßes, aber wichtiger war für mich ein frischer Café con Leche. Danach nehme ich mein Fahrrad und schiebe es aus dem Vorgarten. Ich stieg in den Sattel und fuhr runter ins Zentrum von Villafranca. Die N-VI, die seit dem Neubau der Autovia A6 als Fernstraße ihre Bedeutung verloren hatte, war der für heute richtige Weg. Es war ein ruhiges fahren. Links neben der Leitplanke auf einem wirklich engen Gehweg sah ich die ersten Fußpilger Villafranca verlassen. Mir war klar, dass mein heutiger Tag weitestgehend aus dem Erklimmen von Bergetappen besteht. Dabei waren zwei Pässe, der Cebreiro und der Alto do Pojo zu erobern. Das bedeutete für mich, dass ich dabei einen Höhenunterschied zwischen Villafranca und den Pässen von 800 Metern vor mir hatte, die sich auf ca. 32 Kilometer bis O´Cebreiro. Die ersten paar Kilometer geht es hinsichtlich Steigungen noch moderat zu. Doch dann wird es heftiger. Mit voll bepacktem Rad stellen manche prozentuale Steigungen hohe Ansprüche an meine Tretkraft. Noch brauche ich nicht vom Sattel und fahre in kleinsten Gängen. Das strapaziert zwar meine Oberschenkel, doch lieber 3-4 Stundenkilometer fahren, statt genau so schnell zu schieben. Ein genau so wie ich bepackter Radler fährt an mir vorbei und grüßt. Schnell merken wir, dass wir Landsleute sind und fahren ein paar Kilometer gemeinsam. Christoph, wie sich mit Namen vorstellt, war bis Pamplona geflogen und von da aus mit dem Rad los gefahren. Wir trennen uns wieder, denn er will es heute noch bis Palas de Rei schaffen, denn seine Tage sind auch gezählt. Er will allerdings auch bis Cap Finisterre, das im Mittelalter als das Ende der Welt galt, fahren. Bis dorthin würde ich es zeitlich nicht schaffen, da ich einen Ruhetag vor der Rückreise nach Deutschland in Santiago de Compostela eingeplant hatte.
Ein schönes Fotomotiv bietet die auf Stelzen erbaute A6. Sie verläuft mal links, mal rechts oder Schlangenlinien bildend über der N-VI. Ich kann die vor mir liegenden Kurven einsehen und strampele die 3-4% Steigung tapfer herauf. Wieder überholt mich ein Radler- ohne zu grüßen. An seinem Rad hat er einen einrädrigen Anhänger montiert, der mit Gepäck beladen ist. Am Ende des Anhängers befinden sich zwei Stangen, die mit holländischen Wimpeln bestückt sind. „Angeber“ denke ich und werde auch ein bisschen neidisch, wie ich ihn so scheinbar mühelos den Berg hinauffahren sehe. Ich komme an einem Dorf namens Vega del Valcarce vorbei. Dort sehe ich eine kleine Gaststätte mit Tischen und Stühlen vor der Tür. Doch es ist kein Platz mehr frei, da schon früh aufgebrochene Fußpilger alles in Beschlag genommen haben. Schade. Bei dem schönen Wetter hätte ich gerne noch einen Kaffee getrunken. Aus dem dichten Grün unten in Villafranca ist hier schon eine karstigere Landschaft geworden. Richtung Petrafita wird das Grün immer weniger und der Farbton hellbraun gewinnt die Überhand. Ich meine, dass es auch etwas kühler geworden ist. Doch das ständige Pedale treten hält mich warm.
Plötzlich klingelt mein Handy. Auf dem Display erscheint „Sandra ruft an“. Ich kriege einen Schreck. Hoffentlich ist zuhause nichts passiert. Ich fahre rechts ran und erfahre dann aber, dass alles ok ist. Das Finanzamt hat uns positiv bedacht. „Na, dass ist auch hier über 2000 Kilometer von Zuhause entfernt eine gute Nachricht“ denke ich und fahre weiter.
In Petrafita do Cebreiro angekommen, biege ich links die noch steiler werdende Straße Richtung O Cebreiro ab. Rechts ist ein Parkplatz, an dem ich anhalte und eine Pause mache. Am Ende des Platzes steht ein Schild auf dem hingewiesen wird, dass es noch 175 Kilometer bis Santiago de Compostela sind. Ich rauche eine und lasse verschiedene Eindrücke auf mich einwirken.
Da begann alles mit dem Plan, mittels Fahrrad nach Santiago zu fahren. Da war die –noch- unvorstellbare Entfernung von ca. 2300 Kilometer vor mir. Jetzt stehe ich hier, habe schon über 2000 Kilometer bewältigt und kriege so ein „Endzeitgefühl“. Das Gefühl, bald am Ziel angekommen zu sein. Irgendwie ist die Reise bald zu Ende, aber das eigentliche Ziel Santiago de Compostela ist gar nicht mehr, das was in mir Spannung verursacht. Nein, es ist eher das schon euphorische Gefühle so weit –mit dem Fahrrad !- gekommen zu sein. Santiago setzt dem lediglich noch eins drauf. Immer mehr verstehe ich den schon oft „vergewaltigten“ Satz DER WEG IST DAS ZIEL.
Ich fahre weiter die lang gezogenen Kehren, immer bergaufwärts ohne mal eine erholsame Ebene zu erleben. Rechts hinter den Leitplanken erhebt sich eine immer grandioser werdende Gebirgslandschaft. Schon fast harmonisch windet sich wie eine riesige Schlange, die oft in Tunneln verschwindende A 6. Da ich nicht ein Mitglied der „Früher war alles Schöner“-Fraktion bin, sehe ich die Notwendigkeit von Fernstraßen als Garant von Versorgung, Fortkommen und Erschließung. Daher muss ich anerkennend feststellen, dass hier die Ingenieure, zumindest so weit ich das beurteilen kann, gute Arbeit geleistet haben. Ich habe mich entschlossen, ein paar Meter zu schieben. Es zieht zu sehr in den Oberschenkeln. Dabei nutze ich immer wieder die Gelegenheit in die rechts unter mir, parallel zur Straße verlaufende schluchtartige Vertiefung zu sehen. Stufenartig zieht sie sich in die höheren Gebirgslagen. In dieser Vertiefung verläuft der Fußpilgerweg. Hier handelt es sich schon um einen Fußwanderweg der schwierigeren Kategorie. Ich sehe auch ab und zu Pilger, die sich schwer atmend an Ästen von Bäumen oder Büschen über felsartige Stufen ein paar Meter höher hieven. Da ist es fast Luxus, eine in gutem Zustand befindliche Straße Richtung Cebreiro-Pass hoch zu radeln. Vier Radfahrer fahren an mir vorbei und grüßen freundlich. Weit nach oben blickend, sehe ich in der Nähe einer lang gezogenen Rechtskurve schon die ersten Häuser von Cebreiro.
„Jetzt oder nie“ denke ich, als ich ein paar Hundert Meter weiter die vier Radler ihre Fahrräder schieben sehe. Gut erholt von meiner eigenen Schiebepartie, schwinge ich mich in den Sattel und überhole die vier, meinen schweren Atem unterdrückend mit lässiger Miene. Was die jetzt wohl über mich gedacht haben, werde ich nie erfahren. Aber ich war vor den vier, in Papageientrikots gekleideten Mitmenschen oben. 800 Höhenmeter hatte ich seit Villafranca del Bierzo zurück gelegt. Da bin ich ja fast fitt für die Alpen, denke ich noch so als sich schon die Überraschung des Tages ankündigt. Die Herberge, wo ich nur zum „Stempel fassen“ einkehren werde, hatte ich schnell gefunden. Es handelt sich ja um den einzigen Neubau in dem kleinen, von historischen oder historisch nachempfundenen Gebäuden geprägten Dorf. Ich stelle mein Fahrrad an die Mauer an der Straße und gehe die Treppe zur Herberge hinauf. Die öffnet erst 13 Uhr. Das bedeutet für mich zehn Minuten zu warten. Wen sehe ich da in der Warteschlange von, mit großen Rucksäcken beladenen Pilgern vor der Tür stehen? Die „Labertasche“, die mir in der Herberge in Villafranca del Bierzo die Ohren voll gequatscht hatte und dass er Jahre schon von dem Fußmarsch nach Santiago geträumt hätte ect. ect. Und jetzt sehe ich ihn da, mit einem Tagesrucksack auf dem Rücken und einer Sporttasche neben seinen Füssen, in einer Warteschlange von Pilgern stehen, die sicherlich eher das Recht auf ein schon am frühen Nachmittag erobertes Bett hätten. Ich glaube, er hatte mich schon vorher entdeckt, denn seltsam schweigend und mit rotem Kopf reagierte er auf mein kräftiges „Hallo“ nur mit einem Nicken. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob er ein Nachbar vom „Fliegenden Holländer“ sei, dass er zu Fuß schon vor mir hier angekommen wäre. Doch das war mir einfach zu blöd. Jeder soll es so machen, wie er für richtig hält. Wahrscheinlich ist er ein paar Kilometer gelaufen und dann den Rest mit dem Taxi hier hochgefahren. Es ist ja ein Standardservice, das einem in den Herbergen angeboten wird, das Gepäck separat transportieren zu lassen. Mehrere Taxis hatten mich auf dem Weg hier hoch überholt und in einigen waren nicht nur Rucksäcke und Taschen sondern auch Personen drin. Ich holte mir meinen Stempel ab und ging wieder zum Fahrrad. Das Dorf O Cebreiro, das links der Straße auf einem Hügel liegt, war nicht sonderlich einladend. Ich fuhr daher nach einer kleinen Pause weiter.
Ungefähr in der Mitte zwischen dem Dorf Linares und dem Porto de Pojo (Pojo-Pass) steht links ein mächtiges Bronzedenkmal, das einen Pilger, der sich gegen den Wind stemmt, darstellt. Der Platz bot sich für eine Pause an. Zu den Füssen des Denkmals führt eine gepflasterte Rampe. Ich schiebe mein Fahrrad dort hoch und verewige das Ganze als Foto. Dann schiebe ich das Rad wieder runter und stelle es gegen den Sockel. Dies passt einer Dame, die gerade mit dem Auto angekommen war und auf mich den Eindruck „Marke Bildungsbürgertum“ machte, gar nicht. Sie wollte ein „pures“ Foto des Bronzepilgers und da passte so ein beladenes Zweirad nicht hinein. Allerdings war ihre „Bitte“, mein Fahrrad aus ihrem Fokus zu entfernen für mich ziemlich barsch klingend. Und diese Tonlage in ihrer Stimme machte mich zum „Nix verstehen“-Typ. Jetzt fuchtelte sie mit den Armen herum und wollte ihrer Bitte mit eindeutigen Gesten Nachdruck verleihen. Ich lächelte. „Ah, ich verstehe. Ich schob mein Fahrrad mit der Geschwindigkeit eines Kriechtiers zur Seite, was wiederum einen anderen Radler, der die Szene beobachtet hatte, zum Grinsen brachte. Er zeigte mir per „Daumen nach Oben-Geste“, dass er es wahrscheinlich auch nicht anders gemacht hätte. Mit angeschwollenen Halsschlagadern würdigte sie mich keines Blickes mehr und stapfte zu ihrem Auto. Ich wollte sowieso weiter und setzte noch einen drauf, in dem ich mittig die Spur Richtung Landstraße fuhr und die Dame dadurch zu einer verzögerten Weiterfahrt verpflichtete. Mit Bleifuß wirbelte sie Split von der Fahrbahn und verschwand Richtung Porto de Pojo.
Laut Kennzeichen handelte es sich um eine Dame aus Osnabrück. Ob sie, bei dieser Neigung zu Jähzorn je heil an ihrem Ziel angekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ich fuhr ebenfalls weiter Richtung Porto de Pojo. Die Passhöhe (1335m ü. NN) erreichte ich nach ca. 4 Kilometern. Nach dem Cruz de Ferro hatte ich somit den zweithöchsten Pass meiner Reise „erobert“. Kurz nach der Hinweistafel befand sich rechts ein kleines Lokal, mit Außenbestuhlung. Doch pfiff hier der Wind dermaßen kräftig, dass ich mich entschloss weiter zu fahren. Ich war in der letzten Provinz meiner Reise, nämlich Galizien angekommen. Hier soll es an 360 Tagen des Jahres mehr oder weniger regnen.
Im Moment vertraute ich jedoch den relativ weißen Wolken am Himmel. Sie ließen zwar die Sonne nur zögerlich durch aber nach regen sah es nicht aus. Nach weiteren acht Kilometern, seit ich vom Pilgerdenkmal losfuhr, erreichte ich Triacastela. Da der Ort in einer Senke liegt, konnte ich nach längerem moderaten Auf und Ab mal die Pedale ruhen lassen. Der Name Triacastela bedeutet, dass hier früher mal drei Burgen gestanden haben sollen, von denen allerdings keinerlei Reste übrig geblieben sind. Da es auch ansonsten keinen Grund gibt, hier zu verweilen fahre ich weiter. Nach mehreren heftigen Steigungen und weiteren 12 Kilometern komme ich in Samos an. Das Kloster, dessen Gründung schon 1300 Jahre zurückliegt, verleitet mich zum Anhalten. Diesen Ort möchte ich auch gerne per Stempel in meinem Ausweis verewigt wissen. Ich gehe durch die offene Tür, an der ein Schild darauf hinweist, dass hier auch eine Pilgerherberge untergebracht ist. Eine längliche Halle mit gedämpftem Licht erinnert mich an einen Aufenthaltsraum in einer mittelalterlichen Burg. Gegenüber an der Wand befinden sich doppelstöckige Betten. Auf einem sitzt ein Mann und gibt mir auf Spanisch zu verstehen, dass die Herberge schon voll belegt sei. Ich antworte, dass ich nur einen Stempel in meinen Pilgerausweis wolle. „Ah…. Mira“ ruft er mir entgegen und zeigt auf den, neben der Eingangstür stehenden Schreibtisch. Dort liegt ein großes Gästebuch und ein auf einem Stempelkissen stehender Stempel. Er gibt mir zu verstehen, das ich mich des Stempels bedienen darf, was ich gerne tu. Ich bedanke mich und verlasse das Gebäude. Schon von weitem sehe ich links am Ortsende einen kleinen Supermarkt. Dort versorge ich mich mit Getränken und fahre weiter. Es ist mittlerweile fünf Uhr und ich denke, dass ich heute nur noch bis Sarria fahren werde. Es waren nochmals zwölf Kilometer, bis ich nach einigen kräftigen Steigungen (und natürlich auch Abfahrten) Sarria erreiche. Es handelt sich um eine überschaubare Kleinstadt. Die Pilgerherberge soll sich irgendwo in dem älteren Teil von Sarria, links der Hauptstraße befinden. Da es hier bergauf in den Stadtteil mit älterer Bebauung geht, schiebe ich mein Rad. Nach dreimaligem Nachfragen finde ich die Herberge. Sie befindet sich in einem relativ kleinen Haus. Ich trete ein, rechts vom Flur so ein kleiner Raum mit Schreibtisch und Stuhl. „Hola“, rufe ich mittellaut in den Flur, spitze meine Ohren. Doch weder sehe ich, noch höre ich auch nur eine Menschenseele. Na ja, gefallen tut es mir hier eh nicht und möffeln tut es auch. In Selbstbedienungsmanier stempele ich mir schnell meinen Pilgerausweis ab und gehe wieder. Unten auf der Hauptstraße hatte ich eine Pension gesehen. Dort werde ich wegen einer Übernachtungsmöglichkeit nachfragen. Schnell bin ich wieder auf der Hauptstraße und erreiche die besagte Pension. Ich klingele mehrmals. Doch niemand öffnet. Im Nebenhaus befindet sich ein Optikerladen. Ich frage dort, ob ein telefonischer Kontakt mit der Pension möglich ist. Die –wahrscheinlich- Besitzerin des Geschäftes nimmt das Telefon und spricht mit jemandem, schaut mich an und erläutert, dass bei ihr ein Peregrino wäre, der ein Zimmer für eine Nacht suche. Sie hat mich als Pilger bezeichnet, obwohl ich keinerlei Attribute an mir trage, die darauf hinwiesen, dass ich „im Namen des Herrn“ unterwegs wäre. Egal, sie bat mich ein wenig zu warten, bis der Besitzer der Pension käme. Nach zwei Minuten traf er ein, begrüßte mich mit Handschlag und fragte, ob er mir die Zimmer zeigen solle. Das Fahrrad könne ich in einer Garage hinter dem Optikerladen abstellen. Wir gingen erst zu der Garage. An das Fahrrad komme ich allerdings erst morgen früh wieder, wenn er sie mir aufschließt. Das war in Ordnung. Ich nahm nur das nötigste für die Nacht mit. Das Zimmer, das er mir zeigte war klein, aber fein. Mit separatem Bad. Der Preis? Er schaute mich an. „Con o sin una Declaración? Ich sagte ihm, dass ich keine Rechnung brauche und so hatte ich für 18 € ein dach über dem Kopf. Was wollte ich mehr? Ich zahlte im Voraus. Dann gab er mir noch Zimmer- und Hausschlüssel. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen gegen 8 Uhr. Jetzt, wo ich alles Notwendige für die Übernachtung erledigt hatte, merkte ich dass ich von der heutigen Tour arg geschafft war. Ich freute mich darauf, die Beine auszustrecken. Doch vorher wollte ich die Straße noch etwas rauf und runter bummeln. Nach einem langen Fahrradtag fiel es mir immer schwer, direkt ins Bett zu gehen. Ich entdeckte beim Spazierengehen auch schon die Straßengabelung, wo ich morgen früh Richtung Portomarin links abbiegen muss. Wieder in der Pension angekommen, betrieb ich noch ein bisschen Körperpflege und legte mich so kurz nach 22 Uhr längs. Die Tagesleistung von 82 Kilometern, davon bestimmt 90% Bergauf und Bergab ließ mich schnell einschlafen.




[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

22. Tag. Samstag, 20. Mai 2006 „Regen, Regen, Regen“
Sarria – Paradela – Portomarin – Ligonde – Palas de Rei – Leboreiro - Melide–
63 Tageskilometer

Ich wache „gerädert“ auf. Die Berg- und Talfahrt von Gestern hat Spuren hinsichtlich Kondition und Gelenkdynamik bei mir hinterlassen. „Nun ja, darf auch mal sein“ denke ich. Denn heute werde ich den 22. Reisetag, ohne mal zwischendurch einen Ruhetag eingelegt zu haben in Angriff nehmen. Ruhetage waren wegen dem engen Zeitplan nicht drin. Ein Blick aus dem Fenster setzt noch einen drauf. Tiefgraudunkler Himmel. Aber kein Regen. Hoffen wir das Beste! Ich verzog mich ins Bad und genoss eine, wenn auch kurze warme Dusche.
Nach dem üblichen Badprozedere packe ich die Taschen und bringe alles runter auf den Bürgersteig. Mit dem Besitzer der Pension war ich für halb acht Uhr zwecks Schlüsselübergabe und Fahrradherausgabe (er hatte es sorgsam in der Garage verschlossen) vor der Tür verabredet. Es wurde viertel vor acht und ich war am Limit meiner geduld angelangt. Denn ich hatte ein paar Regentropfen abbekommen und bildete mir ein, vor einem drohenden Schauer über Sarria abhauen zu können. Schnell war der Pensionschef in Besitz seiner Schlüssel und ich schob wieder mein Fahrrad bis zur nächsten Ampel.
Dann stieg ich in den Sattel und versuchte die einzelnen Regentropfen zu ignorieren. Schnell war ich an der Straßenkreuzung, an der ich links Richtung Portomarin abbiegen musste. Leichtes, von sattem Grün geprägtes Hügelland erwartete mich. Die Gegend erinnerte mich ein bisschen an die Voreifel, die ich schon oft, als ich noch in Bonn wohnte, mit dem Rad erkundet habe. In meinem Bikeline-Radführer hatte ich gestern Abend schon gesehen, dass ich mich jetzt einige Kilometer auf der LU-633 (eine Kreisstraße) halten musste. Aus den einzelnen Regentropfen war nun leichter Dauerregen geworden. Mist!! Ich hielt Ausschau nach einer Scheune, einem überdachten Bushäuschen oder ähnlichem um eine einigermaßen trockene Pause einlegen zu können. Doch nichts dergleichen war zu sehen. Ich hielt unter einem, am Straßenrand stehenden Baum. Doch auch hier fand ich keinen Schutz vor dem langsam stärker werdenden Regen. „Wie war das mit den 360 Regentagen pro Jahr in Galizien?“
Wer kam, während ich so vor mich hin sinnierte in kultivierter Formation angefahren? Die „Vierergruppe“, die mich auf dem Weg zum Cebreiro-Pass überholte. Die vier sahen mit ihren, über die Schuhe gestülpten Plastiktüten lustig aus. Sie schienen mich auch wieder erkannt zu haben, denn nun hielten sie an und es kam zu einer Begrüßung, als wenn man sich schon ewig kennen würde. Dass Fernreisen verbindet, hatte ich schon an anderer Stelle feststellen können. Nun erfuhr ich, dass es sich um Südtiroler aus der Nähe von Bozen handelt. Auch sie waren von Zuhause aus mit dem Ziel Santiago de Compostela gestartet. Ihre Räder waren ähnlich voll gepackt wie meins. Einer der Vierergruppe, wie ich sie innerlich nun innerlich titulierte, hatte Probleme mit einem schmerzhaften Knie. Sie hatten deshalb ihre Durchschnittsgeschwindigkeit aus diesem Grund gedrosselt und konnten auch keine genauen Tagesetappen mehr festlegen. Nach einer kurzen Unterhaltung fuhren wir zusammen weiter. Da wir aber unterschiedliche Pausengewohnheiten hatten, „trennten“ wir uns wieder voneinander. Es sollte aber nicht meine letzte Begegnung mit den Vieren sein.
Der Regen hörte nicht auf und ich fuhr mit stetem Blick auf die Fahrbahn, da mir sonst die ins Gesicht spritzenden Regentropfen das Sehen erschwerten. In einem Dorf namens Pacios, dass ich wegen einer Steigung langsam durchfahren musste, entdeckte ich rechts neben der Straße auf einem Platz ein vergammeltes Bushaltehäuschen. Mittlerweile triefend nass stellte ich mich unter. Doch jetzt, wo ich nicht mehr dem ständigen Fahrtwind ausgesetzt war, begann ich am ganzen Körper an zu schlottern und sehnte mich nach einem warmen Raum. Doch in Pacios schien es so etwas für fremde Gäste nicht zu geben. Noch nicht einmal das Rauchen einer Zigarette machte mir hier Spaß. Ich fuhr daher nach einer kurzen Weile weiter. Mittlerweile auf einer Anhöhe angekommen, sah ich unten im Tal den großen Stausee von Portomarin. Hätte es jetzt noch schönes Wetter, wären bei mir fast mediterrane Gefühle aufgekommen. Mitten über den See führt eine Brücke, die ich nachher überqueren muss um in den Ort zu gelangen. Die steile Abfahrt zur Uferstraße hätte bestimmt ohne Regen mehr Spaß gemacht. So musste ich permanent das Tempo drosseln, da mir sonst die Regentropfen wie kleine Nadeln in die Augen stachen. Unten am See angekommen merkte ich erleichtert, dass es hier nicht regnete. Ich fuhr weiter Richtung der erwähnten Brücke über den See.
Dort angekommen traf ich wieder auf meine Freunde von der Südtiroler „Vierergruppe“, wie ich sie für mich mittlerweile getauft hatte. Wir fotografierten uns gegenseitig. Sie hatten sich wegen des Mitfahrers mit dem belasteten Knie jetzt schon in die Herberge von Portomarin einzukehren und erst morgen weiter zu fahren. In dem Augenblick denke ich zurück an den Beginn meiner Reise, als ich ja auch die Sorge hatte, dass ich bei so einer langen fahrt Probleme mit den Knochen bekommen könnte. Doch hatte ich bis jetzt nicht die geringsten „Verschleißerscheinungen“ zu beklagen. Toi, toi, toi das es auch so bleibt. Wir verabschieden uns mit dem sicheren Gefühl, dass wir uns wieder sehen!
Ich fahre weiter und komme am Ortsrand von Portomarin an. Der Ort selbst liegt rechts von der Straße auf einer steilen Anhöhe. Ich erspare mir daher eine Besichtigung und fahre weiter die Strasse, die jetzt dank einer Steigung wieder vollen Körpereinsatz verlangt. Nach einigen Kilometern mündet die LU-633, auf der ich mich jetzt befinde in die N 540. In einem Dorf namens Maixaboi muss ich links auf die N 547 Richtung Palas de Rei abbiegen. Ein andauerndes Wechselspiel aus Berg und Tal strapaziert Körper und Geist. Landschaftlich gesehen ist die fahrt kein besonderes Erlebnis. Stichwort „Voreifel“. Gegen 14 Uhr komme ich nach gerade mal 40 zurückgelegten Kilometern ab Sarria in Palas de Rei an. Bis zur Ortsmitte brauche ich die Pedale nicht zu treten, da ich wieder in den Genuss einer Gefällstrecke kam. Die an der Hauptstraße auffindbare Pilgerherberge ist (noch) geschlossen. Also kein Stempel für den Pilgerausweis. Ich entschließe mich zum Besuch einer kleinen, neben der Herberge befindlichen Bar. Bei einem Café con Leche will ich mich aufwärmen und die Klamotten dabei etwas trocknen lassen. Währenddessen zieht mein bepacktes Fahrrad draußen die Aufmerksamkeit zweier älterer Herren auf sich. Durch die offene Tür höre ich ein paar Wortfetzen mit anschließendem Lachen, die ich wie folgt interpretiere: „ „Wer fährt den mit so einem Rad?“ „Bestimmt ein Verrückter“ „Ob der tote Hunde und Katzen in den Taschen hat?“ „Hahahaha“
Ich muss selber über die Kommentare der beiden Männer grinsen. Irgendwie haben die beiden ja Recht. Welcher Sinn liegt darin ein, bis an die Oberkante bepacktes Fahrrad zu einem Ort der eigenen Wahl zu chauffieren? Verrücktheit, Abenteuerlust, Neugier? Wahrscheinlich von allem etwas dabei, was einem die Kraft und das Durchhaltevermögen für eine so weite Reise gibt!
Nach ca. einer halben Stunde Aufenthalt fühle ich mich wieder fitt für die Weiterfahrt. Eine Wasserlache von den nassen Klamotten unter dem Stuhl hinterlassend bezahle ich den Café und verlasse die Bar.
Irgendwie fehlt mit heute die richtige Motivation fürs fahren. Liegt es am Wetter? Es regnet zwar nicht mehr, doch ist der Himmel dunkelgrau und Wolken verhangen. Ist es das immer näher kommende Ziel Santiago? Es sind ja nur noch knappe 70 Kilometer bis dorthin. Weniger als von Bonn nach Koblenz. Ich fahre los und habe nach kurzer Fahrt schon wieder eine Steigung vor mir. Ich schiebe das Fahrrad den Bürgersteig hinauf und sehe auf einem Mauervorsprung einen „Leidensgenossen“ mit ebenfalls voll bepacktem Fahrrad neben sich stehend, sitzen. Ich grüße und setze mich ebenfalls auf die Mauer. Brian Howe, wie er sich mit Namen vorstellt kommt aus Dublin. Er ist von dort nach Bilbao geflogen und sei ab da „seinen Jakobsweg“ gefahren. Brian spricht sehr gut deutsch. Das hängt damit zusammen, dass er in Frankfurt studiert hat. Von Beruf ist er Lehrer und hat sich für diese Reise eine Auszeit vom Lehramt genommen. Doch heute hat er von Zuhause per SMS schlechte Nachrichten erhalten. Seine Mutter wurde schwer erkrankt in ein Hospital eingeliefert. Was genau passiert ist, weiß er noch nicht. Jedenfalls hat er schon per Telefon einen vorgezogenen Flug ab Santiago gebucht und wartet nun auf das Taxi, das ihn samt Fahrrad zum Flughafen bringen soll. Während wir uns unterhalten und ich ihm alles Gute wünsche, kommt schon das Taxi. Schnell bittet er mich noch um meine Handy-Nummer. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus und dann fährt ihn das Taxi auch schon zum Flughafen. Aus dem Fenster winkt er per Victory-Zeichen und ruft mir „Good luck“ zu.
Nachdenklich fahre ich weiter. Als wie selbstverständlich sieht man Gesundheit, solange sie einem vergönnt ist.
Es ist zwar erst 14 Uhr, doch ich entschließe mich, heute nur noch bis Melide zu fahren und dort eine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Heute ist nicht mein Tag. Doch solch einem „Durchhänger“ so kurz vor dem Ziel messe ich keine besondere Bedeutung bei.
Nach 15 Kilometern „Berg- und Talbahn“ komme ich gegen 16 Uhr in Melide an. Ich frage mich zur örtlichen Pilgerherberge durch. Die befindet sich am Rande des Zentrums, ist aber trotz der frühen Nachmittagszeit schon voll belegt. Ich frage nach einer alternativen Unterkunft und erhalte eine Adresse in der Calle de Pilar unweit der Hauptstraße Richtung Arzúa. An dem Haus mit der Nummer, die mir genannt wurde weist nichts darauf hin, dass es sich hier um eine Pension handelt.
An der Tür befindet sich weder ein Namensschild, geschweige denn eine Klingel. Ich klopfe kräftig an die Tür. Nichts regt sich. Ich denke schon, dass ich hinsichtlich Adresse irgendwas falsch verstanden habe und wollte gerade wieder gehen. Doch im Haus genau gegenüber auf der anderen Straßenseite öffnet sich eine Tür. Ein junges Mädchen ruft mir entgegen, dass der Besitzer des Hauses nur kurz weg sei und in fünf Minuten wieder zurückkommen werde. Ich bedanke mich und warte. Aus den genannten fünf Minuten wurden zwanzig. Just in dem Moment, wo ich schon wieder gehen wollte, schloss jemand die Tür, an der ich vorhin geklopft hatte, auf. Ein Mann mittleren Alters trat mir entgegen und fragte, was er für mich tun könne. Ich erzählte ihm, dass ich auf Empfehlung der Pilgerherberge käme und ein bett für eine Nacht suchte. Die Unterkunft erwies sich als privat geführte Pilgerherberge. In vier Zimmern waren je 2 Doppelbetten aufgestellt. Eine Übernachtung kostet 6 €. Doch für das Doppelte könne man auch ein Einzelzimmer mit eigenem Waschbecken und Schrank haben, bot mir der Chef des Hauses an. Das Bad und die Toiletten befanden sich im Flur und waren vom Zustand her akzeptabel. Ich nahm das Angebot, ein Einzelzimmer zu beziehen an und zahlte die 12 € im Voraus. Außer mir waren nur noch 4 Fußpilger und zwei Radfahrer einquartiert. Der Chef des Hauses gab mir den Haus- und Zimmerschlüssel und verschwand in Richtung einer nahe gelegenen Bar.
Es war so ca. 18 Uhr. Ich ging durch die kleine Innenstadt von Melide spazieren. In einer Nebenstraße sah ich einen Friseur für Damen (Señoras) und genau gegenüber einen für Herren (Caballeros). „Caballeros“ steht eigentlich für Ritter bzw. adelige Herren. Egal. Ich ging in den Herrensalon, denn eine Kürzung meiner Haarpracht hielt ich für notwendig. Ich erklärte dem Friseur, dass ich die Haare so kurz, wie mein Daumen breit ist geschnitten haben möchte. Zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigte er meinen Wunsch mittels Trockenschnitt. 10 Minuten später war ich ein neuer Mensch und um 6 € incl. Trinkgeld „ärmer“. Zuhause hätte ich für die gleiche Dienstleistung das Doppelte bezahlt.
Ich bummelte noch etwas durch die Strassen. Das Wetter hatte sich beruhigt und ab und zu schien sogar die Abendsonne durch Wolkenlücken. Ich ging noch mal zu der offiziellen Pilgerherberge um mir einen Stempel in den Pilgerausweis setzen zu lassen. Dort erhielt ich zwar nur diesen langweiligen städtischen Einheitsstempel. Doch so war auch mein Aufenthalt in Melide im Ausweis „verewigt“. Am Rande des Marktplatzes fand ich eine kleine Taperia. Ich stellte mir einen Teller mit verschiedenen Käsesorten, Chorizo (Paprikawurst) und Schinken zusammen. Dazu gab es ein frisches Baguettebrötchen und knoblauchverwöhnte Soßen. Es war noch relativ mild. Daher nahm ich den Teller mit nach draußen und genoss die Köstlichkeiten mit Blick auf das Geschehen am Marktplatz. Die Soßen liefen mir auf Grund ihres Knoblauchgehaltes am nächsten Morgen noch hinterher. Wohlgenährt genoss ich den Abend noch bei einem großen Glas Bier und einer Zigarette.
Noch vermied ich den Gang zu meiner heutigen Herberge, da mein Einzelzimmer mehr einer „Einzelzelle“ ähnelte. Ein Fenster nach Außen gab es nämlich nicht. Lediglich ein kleines Gardinen verhangenes Fenster zum Flur vermittelte das Gefühl, Kontakt zur Außenwelt zu haben. Beim Weg zur Herberge kam ich an einem Schild vorbei, dass mir unmissverständlich mitteilte, dass es nur noch 55 Kilometer bis nach Santiago de Compostela sind. Die vierzigfache Distanz hatte ich von Bergisch-Gladbach bis hierhin schon zurückgelegt. Unterwegs entdeckte ich ein Fahrradgeschäft, das noch geöffnet hatte. Ich ging hinein und stellte fest, dass nur Rennräder oder Mountainbikes angeboten wurden. Wie schon in Frankreich scheinen auch hier Touren- bzw. so genannte Trekking-Bikes keine all zu großes Interesse zu finden.
Mit diesem Eindruck machte ich mich endgültig auf den Weg zur Herberge. Dort angekommen nahm ich von meinem Fahrrad, das nebst zwei Mountainbikes (!) im Flur de Hauses „geparkt“ war nur die wichtigsten Klamotten mit aufs Zimmer. Nach dem Gang ins Bad, wo ich noch die anderen beiden Radler kurz kennen lernte erfuhr ich von ihnen, dass sie ihre Tour in Salamanca, einer historisch bedeutenden Stadt mit der ältesten Universität Spaniens begonnen hatten. Salamanca liegt an der „Via de la Plata“, einem in Sevilla im Süden Spaniens beginnenden Pilgerweg. Nachdem ich in meine „Zelle“ zurückgekehrt war, hielt mich nichts mehr auf den Beinen.
Ich legte mich hin. Die Luft war mangels Fenster nach Draußen etwas stickig. Lange kreisten meine Gedanken noch um das, am Tag erlebte. Da war die Südtiroler „Vierergruppe, die ich in Santiago wieder sehen sollte. Da war Brian mit seiner kranken Mutter, für den ich hoffte das sich alles zum Guten wendet.
Und….dass die heutigen 63 Kilometer meine bislang kürzeste Tagesstrecke waren. Doch in Aussicht auf das nahe Ziel konnte ich es auch mal ruhiger angehen lassen.



[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

23. Tag. Sonntag, 21. Mai 2006 „Hola Santiago“
Melide – Boente – Arzúa – Lavacolla – San Marcos – Monte do Gozo –
Santiago deCompostela
56 Tageskilometer

Ziemlich aufgedreht wachte ich um viertel vor sieben Uhr kurz vor dem eigentlichen Weckgeplärre meines Handys auf. Der letzte Reisetag meiner Tour stand bevor. Ich lag voll im Zeitplan, konnte also einen „Ruhetag“ vor der Heimreise in Santiago genießen. Draußen vom Flur hörte ich schon Geräusche. Ich war also nicht der erste, den es aus dem Bett getrieben hat. Da die Dusche aus dem gegenüber liegenden Bad nicht zu überhören war, beschäftigte ich mich erst mal mit dem Zusammenpacken der paar Klamotten, die ich mit aufs Zimmer genommen hatte. Eine knarrende Tür verhieß mir, dass das Bad jetzt frei ist. Hier traf ich auf eine mittlere Überschwemmung. Zum Glück hatte ich immer meine Plastiklatschen dabei(man weiß ja nie!). Im Bad beschränkte ich mich auf das nötigste.
Gegen 8 Uhr stand ich mit dem Fahrrad schon wieder auf der Straße und studierte auf der karte erst mal meine heutige und letzte Fahrtroute. Ich werde geradewegs die „N 547“ Richtung Arzúa und nicht den im Bikeline-Führer markierten Weg nehmen. Der Himmel war stark bewölkt und es sah nach Regen aus(Leider sollte ich Recht behalten). Kühl war es auch noch. Ich entschloss mich, den immer oben in die Tasche gepackten Rolli über zu ziehen. Am Ortsausgang von Melide erwartete mich die erste Steigung. Und sollte das nicht reichen, auch der erste Regenschauer des Tages. Beides gelassen hinnehmend, hörte auch schon der Regen wieder auf und die Steigung ebenso. Nach einigen Kilometern Fahrt auf regennasser Straße kleinere Dörfer passierte ich den Ortseingang von Boente. Die Strecke war etwas abschüssig, daher übersah ich zuerst das rechts auf dem Bürgersteig stehende Schild „Sellos“ (Stempel). Ich bremste ab und fuhr die paar Meter zurück bis zum besagten Schild, das vor der offenen Seitentür einer Kirche stand.
Der –wohl- dienst habende Pfarrer war vor die Tür getreten, sah ich und „schob“ mich regelrecht irgendwas erzählend in den Vorraum der Kirche. Dort fragte er mich nach meinem „Credencial del Peregrino“ (Pilgerausweis), den ich, offen gestanden etwas eingeschüchtert aus meiner Tasche zog und ihm gab. Er guckte sich alle im Ausweis befindlichen Stempel an, dann mich, dann wieder die Stempel und setzte den der hiesigen Kirche, die übrigens dem Apostel Jakobus zu Ehren gebaut wurde, wortlos in den Ausweis. Dann gab er ihn mir wieder und „schob“ mich jetzt in den eigentlichen Kirchenraum. Folgsam gehorchte ich seinem Willen und setzte mich erst mal auf eine Bank. Links sah ich eine der Absonderlichkeiten, die man in Spaniens Kirchen öfter sehen kann. Ein Automat. Wirft man einen Euro ein, gehen ein paar elektrische Kerzen an und es dudelt aus einem Lautsprecher krächzend Kirchenmusik. „Schlimmer geht’s nimmer“ denke ich und nutze die Gunst des Augenblicks, als zwei Fußpilger die Aufmerksamkeit des Pfarrers auf sich ziehen.
Ich verlasse eiligst diesen seltsamen Ort, schwinge mich aufs Fahrrad und verlasse Boente. Gerade am Ortsschild vorbei, signalisiert mein Handy eine eingetroffene SMS. Neugierig geworden halte ich an und schaue aufs Display. „Das gibt’s gar nicht!! Es war eine Nachricht von Brian. Er hatte seine Mutter im Krankenhaus besucht. Sie hatte einen Schwächeanfall erlitten und war jetzt wieder auf dem Wege der Besserung. Ich schickte ihm eine Nachricht zurück, dass ich mich über diese, für ihn so gute Nachricht freue. Er antwortete noch mal, dass er mir viel Glück für den Rest der Reise und alles Gute wünscht. So sind Geschichten, die das Leben schreibt. Man kennt jemanden so gut wie gar nicht und hatte aber schon auf einer Ebene Kontakt, als wenn man sich ewig kenne.
Nach den ersten 15 Kilometern und vielen Hügeln des Tages erreiche ich Arzúa. Ein kleines lebhaftes Städtchen. Es regnet Bindfäden und ich stelle mich unter der Überdachung eines Supermarktes unter und rauche eine. Zwei Fußpilger, die gerade vorbei kommen, frage ich ob sie wissen, wo ich die hiesige Pilgerherberge (wegen eines Stempels) finde. Sie zeigen mir eine ca. 300m entfernte von der Hauptstraße abknickende Seitenstraße. Ich schiebe mein rad bis zu der besagten Straße und finde die Herberge aber verschlossen vor. Da die Seitenstraße in ein paar Metern wieder auf die Hauptstraße mündet, bleibe ich auf hier und entdecke dadurch ein haus, an dem ein Schild „Sellos“ angebracht ist. Eine Treppe führt hinauf in einen schmucklos eingerichteten Raum. An der Wand hängt ein Marienposter. In der Mitte steht ein Tisch und ein paar Stühle. Auf dem Tisch liegt zur Selbstbedienung ein Stempel auf einer Schreibunterlage, auf der sich schon unzählige Pilger verewigt haben. Ich drücke den Stempel in eines, der noch wenigen freien Felder. Dann fahre ich weiter und passiere den Ortsausgang von Arzúa.
Immer wieder bergauf und bergab zu fahren ist heute meine Hauptbeschäftigung. Das sind immer ca. 50 Höhenmeter, die ich erobern muss damit sie mir von der nächsten Gefällstrecke wieder genommen werden. Dabei fahre ich durch Dörfer, die denen in der Eifel ähneln. Einfamilienhäuser im Wechsel mit Bauernhöfen. Ein paar Ausflugslokale signalisieren, dass es sich hier vielleicht um eine Gegend handelt, wo die Einwohner von Santiago einen Teil ihres Wochenendes verbringen. Heute ist auch Wochenende, nämlich Samstag. Aber bei dem besch….. Wetter sehe ich außer mir nur im Regen vor sich hinstapfende Fußpilger. Der Pilgerweg führt zum Teil unterhalb der Straße mal links, mal rechts verlaufend über matschige und steinige Pfade. In einem größeren Dorf namens Fuente-Diaz halte ich an einer Bar, vor deren Eingang ein paar Rucksäcke stehen. Ich gehe hinein um mich mit einen Café con Leche aufzuwärmen. Bei den anwesenden Gästen handelt es sich ausschließlich um Pilger. Diese sprechen französisch miteinander und würdigen mich keines Blickes. Das hat vielleicht auch mit ihrer wetterbedingten Laune zu tun. Bei dem Wetter zu Fuß? Da hätte ich auch keine gute Laune! Bei der Wirtin handelt es sich um eine lustige Person. Immer am Lachen und in einem galizischen Spanisch, von dem ich so gut wie nichts verstand, auf die Gäste einredend.
Nachdem mich der Café con Leche wieder aufgewärmt hat und ich wieder zu allen Schandtaten bereit bin, zahle ich und verlasse das Lokal. Zum Glück habe ich die Regenhose an, denn es regnet immer noch mäßig. Doch in der Richtung, in die ich muss, klart der Himmel auf. Die nächsten drei, vier Kilometer bis Castro erlebe ich eine Steigung nach der anderen. Das geht noch die nächsten Kilometer bis Amenal so. Die Strecke führt durch kleine Dörfer und Weiler. Westlich sehe ich schon das Gelände des Flughafens von Santiago. Von startenden oder landenden Flugzeugen ist nichts zu sehen. Es ist ungefähr 13 Uhr, wahrscheinlich ist um die Zeit kein Flugverkehr. Mein Handy hat seit kurzem keinen Empfang mehr. Vielleicht werden die Empfangsfrequenzen vom Flughafenfunk gestört. Nach ca. drei Kilometern komme ich an einem Verteilerkreis an. „Meine N 547“ mündet hier mit einer anderen Straße zusammen in die Autovia A 54 Richtung Santiago. Diese Strecke ist für Fahrräder nicht zugelassen. Daher folge ich dem Schild „Camino de Santiago“ für Fußpilger. Dieser Weg ist zum Teil geteert oder geschottert und fürs Fahrradfahren gut geeignet. Ich halte an einem Parkplatz, der mit Baumstämmen als Sitzgelegenheiten ausgestattet ist. Gleichzeitig hält in einiger Entfernung ein Lieferwagen mit mehreren Personen und genau so viel Fahrrädern drin. Die Fahrräder, beladen mit Packtaschen werden aus dem Fahrzeug gehievt. Dann fahren vier Mountainbiker an mir mit gesenkten Köpfen vorbei. Ich grüße dreist und laut „Hola Peregrinos“. Einer grinst verstohlen und grüßt verschämt zurück. „So ist das mit den Pilgern“ denke ich. Ich hatte ja schon viel von solchen Pfuschköpfen gehört, aber noch nie so hautnah erlebt. Die Situation erinnert mich an manche Kölner Schickimickis, die am Wochenende mit Geländewagen ihre blank polierten Fahrräder ins Bergische Land karren. Dort fährt man dann voll nach den neuesten Trends gestylt ein paar Kilometer Angebertour um dann nach dem Wiederaufladen der Räder Richtung Stadt zu verschwinden. Doch bei den Burschen geht es hier um das Erschleichen der „Compostela“. Diese Urkunde, die man normalerweise im Pilgerbüro in Santiago erst nach zweihundert Kilometern Radtour erhält, ziert manches spanische Wohnzimmer, ohne das die geforderte Gegenleistung erbracht wurde.
Ich fahre weiter, erreiche Lavacolla. Dann wird es noch mal mitten in grüner natur Steigungs- mäßig ziemlich heftig. Über San Marcos erreiche ich den berühmten Monte do Gozo, den „Berg der Freude“. Neben der Rúa de San Marcos steht ein monströses hässliches Denkmal, dass mal wegen eines Papstbesuches hier aufgestellt wurde. Dann folgt eine Ausschilderung wie auf einem Flughafen. Pfeile nach links weisen auf einen Campingplatz hin, geradeaus geht es in ein bebautes Gelände, das eher an eine Kasernenanlage statt an ein Pilgerzentrum erinnert. In Reih und Glied wurden Baracken gebaut, die Unterkunft für viele Hundert Pilger bieten. Der spärlichen Bepflanzung nach zu urteilen ist die Anlage noch nicht so alt. Geschäfte und Bars unterbrechen das Barackeneinerlei. Bei meiner Ankunft finde ich alles verschlossen vor. Da ich auch nicht die Absicht habe, hier zu übernachten fahre ich weiter Richtung Innenstadt. Nach Unterqueren der Autobahn sehe ich links einen kleinen Park mit einem Tourismusbüro in einer Hütte. Doch auch hier ist alles verschlossen. Es wird auch auf keine Öffnungszeiten hingewiesen. Instinktiv fahre ich Richtung Innenstadt weiter, überhole hier und da einen Fußpilger. Jetzt komme ich am ersten offiziellen Ortsschild von Santiago de Compostela vorbei.
Kurze Fotopause mit „Fahrrad vor Schild“. Dann schiebe ich erst mal das Rad auf dem Bürgersteig weiter und halte an einer Sitzbank. Es ist ungefähr 15 Uhr. ICH BIN IN SANTIAGO DE COMPOSTELA ANGEKOMMEN!
Doch innerlich läuten bei mir keine Glocken. Keine Festraketen steigen in den Himmel. Kein Sektkorken knallt. Ich bin einfach nur am Ziel einer fast 2300 Kilometer langen, hinter mir liegenden Strecke angekommen. Ich hätte jetzt mit allem gerechnet. Aber nicht, dass ich hier so unspektakulär ankomme. Aber was hatte ich erwartet? Verklärt grinsen, auf den Boden fallen und den Boden küssen? Dieses verhalten hatte ich schon bei anderen Pilgern in Fernsehberichten sehen können. Aber wahrscheinlich haben die das auch nur getan, weil gerade eine Fernsehkamera in der Nähe war. Ein religiöser Fanatiker bin ich auch nicht. Der Heilige Jakob, Gott möge seiner Seele gnädig sein, hat mich auch nicht hierher gelockt.
Ich werde mich mit dem gerade Erlebten und Gefühlten zufrieden geben müssen und ein eineinhalb Tage als Tourist in Santiago de Compostela verbringen. Ich werde jetzt erst mal eine Unterkunft für zwei Übernachtungen suchen. Dabei will ich auch nicht zu nah in die Innenstadt fahren, da dann bekannter weise mit jedem Meter näher der Innenstadt die Übernachtungspreise steigen.
Ich befinde mich auf der Rúa de San Lázaro und entdecke auf der rechten Straßenseite ein Hotel mit dem Namen „San Jacobo“. Das könnte ja für mich eine standesgemäße Unterkunft sein, denke ich und betrete das Hotel. Das Innere des Hauses macht einen mittelständischen Eindruck auf mich, also wird es auch nicht so teuer sein. Ich frage nach dem Preis. 20 € ohne Frühstück. Na ja. Mein Geldbeutel sagt nein, da ich ja noch an den Transport des Fahrrades per Spedition nach Deutschland denken muss. Ich entschließe mich kurzerhand die zwei Übernachtungen per Kreditkarte zu bezahlen und buche für zwei Nächte. Das Zimmer ist –mit separatem Bad- voll in Ordnung. Ich bringe alle Taschen aufs Zimmer. Das Fahrrad kann ich in einer Garage auf einem Nachbargrundstück abstellen. Dann lasse ich mir auf einem Stadtplan den Weg in die Innenstadt erklären. Das werden gute drei Kilometer zu Fuß ein. Aber das Spazierengehen ist ja eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Mit dem Stadtplan in der Hand mache ich mich auf den Weg. Es ist gerade mal halb Fünf Uhr und die Sonne lacht vom Himmel. Ich gehe die San Lázaro immer geradeaus, bis sie in die Rúa da Roma mündet. Von dort aus komme ich dann über einige Nebenstraßen in die historische Innenstadt von Santiago. Nachdem ich ein Gebäude über eine Treppe unterquert hatte, gelange ich auf den Praza do Obradoiro. Da stehe ich nun vor der legendären Kathedrale von Santiago de Compostela. Dem Ziel von Hunderttausenden Pilgern pro Jahr. Dem Ziel aller Gläubigen neben Rom und Jerusalem. Und ich stehe da und empfinde fast das Gleiche wie am Ortseingang von Santiago. „Aha, das ist also min Ziel“. Ich bin mir sicher, wäre mein Ziel nach so viel Kilometern Idar-Oberstein oder Buxtehude gewesen wäre meine Begeisterung genau so groß oder genau so gering, wie jetzt hier wo ich vor der –zugegebenermaßen- grandiosen Kirche stehe und mir bewusst werde, dass meine Reise nun zu Ende geht. Ich fotografiere den Platz mit Kirche per Handy und schicke das Foto als MMS mit dem Zusatz „ICH BIN DA“ an Sandra. Ihre Antwort „Schön“ bringt es auf den Punkt. Es ist „schön“ hier, mehr aber auch nicht. Wieder stelle ich mir die Frage: „Was hatte ich erwartet?“ Ich bin halt kein Pilger, wie ich sie im Fernsehen verklärt vor sich hin grinsend, sich gegenseitig in die Arme habe fallen sehen. Ich entschließe mich, ich bin für heute und morgen hier Tourist. Basta!
Einen zufällig vorbei schlendernden Polizisten frage ich nach dem Weg zur Rúa do Vilar. Dort befindet sich nämlich das Pilgerbüro. Es ist nicht weit, in einer Seitenstraße auffindbar. Ich habe Glück. Das Büro ist bis 19 Uhr geöffnet und befindet sich in der ersten Etage. Der Empfang unten im Treppenhaus ist unbesetzt und so gehe ich in die erste Etage. Neben einem älteren Herrn, der auf einer Bank sitzt, bin ich der einzige Besucher. Das liegt bestimmt an der fortgeschrittenen Uhrzeit. In dem relativ großen Raum befinden sich zwei holzvertäfelte Theken. Eine Mitarbeiterin fragt nach meinem Wunsch. Ich zeige ihr meinen Pilgerausweis und bitte um die Ausstellung der „Compostela“. Akribisch blättert sie den Ausweis durch, sieht sich alle Stempel –scheinbar einzeln- an und fragt mich, wo mein Heimatort wäre. Ich antworte „Cerca de Colonia“ also Nahe bei Köln. „Lo que es un largo camino“ (Welch ein weiter Weg)- kommt es ihr offensichtlich ehrlich erstaunt über die Lippen. Das lässt mich schon stolz werden.
Ich „genieße“ im gleichen Augenblick den Hinweis, dass ich dieses Jahr der erste „Einzelpilger“ aus Köln sei und fragt mich, ob ich in der morgendlichen 12 Uhr-Messe namentlich genannt werden will. Ich sage entschlossen, dass ich das nicht möchte.
Nun sucht sie in einem Computer die lateinische Version von Jürgen. Sie runzelt wegen der auf dem Bildschirm aufgezeigten Vornamenübersetzungen etwas die Stirn. Offensichtlich frei interpretiert trägt sie den Namen „Georgium Rampe“ in die Urkunde. Für 1 € erhalte ich auch noch eine verschließbare Pappröhre, in der ich die Urkunde eingerollt verwahren kann.
Dann spreche ich sie darauf an, ob sie eine Spedition wüsste, die mein Fahrrad nach Deutschland transportieren würde. Sie bejaht dies und erklärt mir, dass das Pilgerbüro diesbezüglich mit einer Spedition zusammen arbeiten würde, auf die man sich auch verlassen könne. Ich frage die Mitarbeiterin der sicherheitshalber ob sie wüsste, ob Alsa (Euroline) tatsächlich keine Fahrräder mehr mitnähme. Sie ruft bei Alsa an und erhält die Information, dass Alsa aus versicherungstechnischen Gründen (zu viele Reklamationen) keine Fahrräder mehr transportieren würde. Wir verbleiben entsprechend so, dass ich am nächsten Morgen das Fahrrad vorbei brächte und somit einen Speditionsauftrag erteile. Das kostet mich (Schluck!) 105 €. Doch das Fahrrad ist zu wertvoll, um es einfach hier zu lassen. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, verlasse ich das Büro und gehe noch etwas in den überdachten Gassen der Altstadt spazieren. Überall Geschäfte mit Souvenirs in den Auslagen. Jakobsmuscheln, Jakobsschals, Jakobskacheln, Jakobsfeuerzeuge und und und . In Königswinter bei Bonn bekommt man den gleichen Müll mit dem Drachenfels drauf. Ist halt eben so. So langsam werde ich müde. Hunger habe ich seltsamerweise keinen und kaufe mir trotzdem in einem Supermarkt ein bisschen Käse- und Wurstaufschnitt, ein paar Brötchen und was zum Trinken. Nachher auf dem Zimmer werde ich dann ein kleines Picknick einlegen. Ich gehe Richtung Hotel zurück, fühle mich fast schon heimisch in dieser Stadt. Die vielen geradeaus verlaufenden Straßen machen eine Orientierung einfach. Im Hotel angekommen, gehe ich sofort aufs Zimmer, ziehe mich locker an und mach mir mein „Abendessen“ beim Genuss von SAT1 im Fernsehen fertig. IM bad befindet sich auch eine Badewanne. „Soll ich oder soll ich nicht?“ „Nein, zu einem Bad habe ich keinen Nerv“. Ich dusche mir den Staub des Tages von der Haut und lege mich auch gleich hin und gucke noch was Fernsehen. Es muss so 22 Uhr gewesen sein, als ich eingeschlafen bin.



Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

24. Tag. Montag, 22. Mai 2006 „Santiago de Compostela. Vorletzter Tag“
3 Tageskilometer per Rad, wie viel zu Fuß weiß ich nicht.

Ich habe sehr gut geschlafen und mich entschlossen eine Stunde länger als die letzten 23 Tage liegen zu bleiben. Schließlich ist es heute der vorletzte Tag einer dann 25tägigen Auszeit, die ich mir gegönnt hatte. Gegen 8 Uhr treibt es mich dann aus dem Bett. Macht der Gewohnheit? Was mich heute erwartet? Die letzten 23 Tage waren es neue Erfahrungen, Eindrücke während der Fahrt mit dem Fahrrad fast quer durch Mitteleuropa. Doch heute nur ein Spaziergang in die Innenstadt von Santiago de Compostela.
Gegen halb zehn Uhr verlasse ich das Hotel. Zuerst werde ich das Fahrrad wegen des Abtransports nach Deutschland in das Pilgerbüro bringen. Und dann mal sehen, was kommt. Ich fahre durch lebhafte Straßen bis in die Innenstadt. Durch die Altstadt schiebe ich das Rad bis zur Praza do Obradoiro. Im Morgenlicht erscheint die Fassade wirklich goldfarben. Diese Wirkung war bestimmt maßgeblich dafür entscheidend, dass dieser Platz so genannt wurde.
Ich will gerade weiter zum Pilgerbüro, da tippt mich von hinten jemand auf die Schulter. Erst mal erschrocken drehe ich mich um und wen sehe ich da? Die „Vierergruppe“ aus Südtirol. Ich erkenne sie in ihren „Zivilklamotten“ erst mal gar nicht. Sie erzählten davon, dass sie einen Tag in Portomarin Pause gemacht und dann weitergefahren sind, da sich die Beschwerden im Knie ihres Kumpels merklich verflüchtigt hatten. Sie hatten in der Anlage am Monte do Gozo übernachtet und jetzt in einem Hotel in der Innenstadt zwei Doppelzimmer gebucht.
Ihrer Einladung zusammen einen Kaffee zu trinken kam ich gerne nach. Wir verabredeten uns in einem Cafe in der Rúa do Vilar, da ich erst noch die Sache mit dem Fahrradtransport erledigen will. Die Formalitäten im Pilgerbüro waren schnell erledigt. Ich erhielt einen Beleg, dass ich das Fahrrad abgegeben hatte. Der Transport soll in 3 bis 5 Tagen erfolgen.
Danach ging ich zu dem verabredeten Treffpunkt, einem Cafe mit Außenausschank ein paar Häuser vom Pilgerbüro entfernt. Ich bestellte mir einen, der für mich wohl letzten Café con Leche in Spanien. Die Vier haben für Mittwoch den Rückflug samt Rädern mit einem italienischen Billigflieger nach Bozen gebucht. In angeregtem Gespräch tauschten wir unsere Erfahrungen auf der Strecke ab Puenta la Reina aus. Die vier waren vom Süden Frankreichs kommend über den Somportpass gefahren, während ich von St. Jean-Pied-de-Port aus den Ibanéta-Pass gewählt hatte. Nächstes Jahr hatten sie eventuell vor die Via de la Plata von Sevilla über Ourense nach Santiago de Compostela zu fahren. Allerdings würden sie dann bis Sevilla fliegen. Allerdings ohne Rafael, denn der hatte nach eigenen Bekundungen keine Lust mehr auf lange Fahrradreisen. Nun, jedem das Seine. Für mich war ja auch klar, dass ich, wenn auch aus anderen Gründen so bald nicht mehr so eine lange Fahrradreise antrete. Es folgte ein zweiter Café und noch mehr Unterhaltung. Bis man sich dann entschloss, jeder seinen Weg zu gehen. Die vier wollten noch gegen Mittag mit dem Bus nach Finisterre („ans Ende der Welt“) fahren. Die Einladung mitzukommen, schlug ich aus, da ich angesichts der morgigen Abreise noch einen ruhigen Tag verbringen wollte. Wir verabschiedeten uns herzlich. Gegenseitige Einladungen wurden ausgesprochen. Halt dieses typische „Wenn Du mal in der Gegend bist, komm´ mich besuchen - Gerede“, was man sowieso nicht einhält bzw. einhalten kann.
Die vier gingen Richtung Praza do Obradoiro, während ich noch die Fußgängerzone in der Altstadt erkundete. Ich war gerade an einer stark befahrenen Straße angekommen, als mir ein Fahrrad mit voller Bepackung entgegen kommt. „Den kennst Du doch“ kam es mir direkt in den Sinn. Und tatsächlich, es war Christoph den ich nahe des Ortsausgangs von Villafranca del Bierzo kennen gelernt hatte. Das war eine Überraschung. Wie klein doch die Welt sein kann. Er kam gerade aus Finisterre zurück. Das waren Hin- und Zurück je ca. 70 Kilometer. „Da muss er aber ganz schön in die Pedale getreten haben“ denke ich. Er hatte vor, sein Fahrrad im Pilgerbüro zu deponieren um dann an der 12 Uhr Messe in der Kathedrale teilnehmen zu können. Christoph lud mich ein mitzukommen. Ich musste erst überlegen, weil ich ja nicht so ein Freund dieser kirchlichen Riten, wie z. B. Messen bin. Aber vielleicht wird ja der legendäre Botufameiro, dieses übergroße Weihrauchfass geschwungen.
Christoph lieferte sein Fahrrad ab und wir gingen die wenigen Meter zur Kathedrale. Die Kirche war schon gut besucht, doch fanden wir im Hauptraum noch zwei Sitzplätze. Pünktlich gegen zwölf Uhr begann die Messe. Eine Nonne sang, ein Priester las dabei die angekommenen Pilger des letzten Tages vor. Dann, irgendwann ging ein Besucher nach dem anderen vorne zum Altar um sich eine Hostie abzuholen. Das war für mich Anlass genug, mich von Christoph zu verabschieden und am weiteren Verlauf des Gottesdienstes nicht mehr teilnehmen zu wollen.
Ich war gestern schon mal in dieser Kirche und hatte mit Befremden hingenommen, wie Kommerz und Kirche unter einem Dach so harmonisch kooperieren. Der Seitenflügel der Kirche, in dem sich die Andenkenläden befinden, steht dem offiziellen Seitenflügel der Kathedrale an Größe in nichts nach. Und über allem wacht ein goldlackierter, mit Edelsteinen besetzter Hl. Jakob.
Draußen angekommen musste ich erst mal tief durchatmen. Diese Anteilnahme der Gläubigen am Gottesdienst und überhaupt diese Menge an Menschen hatte bei mir fast zu Beklemmungen geführt. Ich war froh, wieder unter Freiem Himmel zu sein. Eigentlich wollte ich mir eine Erinnerung an Santiago de Compostela kaufen. Aber alles was hier angeboten wurde, war so kitschig, dass ich es lieber bleiben ließ und meine Erinnerungen im Kopf an diese Stadt als ausreichend ansah. An und für sich wollte ich noch zum Busbahnhof gehen und mich bei Alsa, der Partnergesellschaft von Eurolines wegen der Abfahrt morgen Mittag vergewissern. Doch war mir das zu Fuß zu weit und ich entschloss mich, de es momentan nicht regnete, in einen nahen Park ein bisschen Ruhe zu tanken. Ich setzte mich auf eine Bank und dachte über die Reise, die ich nun fast hinter mir hatte, nach.
Was hätte ich bis zum heutigen Tag anders gemacht?
Nun. In Zukunft würde ich kein Zelt mehr mitnehmen. Nicht wegen dem Chaos mit dem Regen und den Schnecken auf dem Campingplatz in Avallon. Sondern überhaupt. Man muss die Kilo schwere Camping-Ausrüstung mittransportieren. Das Auf- und Abbauen des Zeltes verbraucht wertvolle Zeit, in der man schon wieder auf der Straße sein kann.
Finanziell musste ich mich auch sehr zurücknehmen. 670 € als Urlaubskasse hört sich erst mal viel an. Doch war ich bei dieser finanziellen Planung noch vom preiswerteren Camping ausgegangen. Über das, was ich bis jetzt in Hotels und Pensionen für Übernachtungen ausgeben musste, kann ich mich allerdings auch nicht beklagen. Doch eben mehr, als geplant. Diese Mehrausgaben musste ich durch manches, nun nicht mehr mögliche Abendessen in einer Pizzeria oder sonst wo einsparen.
Was die Ausstattung an Kleidung anbelangt, war ich perfekt versorgt. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Was für heiße und trockene, was für kalte und nasse Tage. Isomatte und Schlafsack konnte ich auch in der Turnhalle in Burgos gut gebrauchen.
Ob ich diese Strecken von Zuhause bis hierhin noch mal fahren würde?
Mit Sicherheit ja. Aber unter ganz, ganz anderen Voraussetzungen! Meine täglichen Kilometerleistungen können sich zwar sehen lassen, aber mehr Zeit würde ich mir nehmen. Denn Städte wie Limoges in Frankreich oder Burgos und León in Spanien links liegen zu lassen, tat mir wirklich leid. Denn hier hätte ich jeweils einen ganzen Tag verbringen können. Die Übernachtungen würde ich nur noch in Hotels oder Pensionen buchen. Das käme meiner Erholung und der Masse an mit zu transportierendem Gepäck zugute.
Ein Tagebuch wollte ich unterwegs schreiben. Dazu kam es nicht, weil ich entweder abends müde wie Hund war oder aber mein Hirn voller Eindrücke, allein mit dem Verarbeiten des am Tage erlebten genug zu tun hatte.
Ich bereue keinen Tag, den ich mit dem Fahrrad auf der Straße bis hierhin verbrachte.
Mich mit ähnlichen Gedanken befassend schlenderte ich zum anderen Ende des Parks. In einer Nebenstraße fand ich einen Supermarkt. Ich muss ja an die lange Busreise morgen denken und für unterwegs was zu essen und zu trinken besorgen.
Die letzte so lange Fahrt mit dem Bus hatte ich, abgesehen von einer Italien-Rundreise Mitte der 80er Jahre, die unter anderen Gesichtspunkten stattfand, 1978 erlebt. Damals fuhr ich zwar nicht allein. Doch an ausreichenden Proviant hatten wir seinerzeit nicht gedacht. Und man kann, obwohl man über viele Stunden nichts für die eigene Fortbewegung tun braucht, verdammt hungrig und durstig werden. Auf diese damalige Erfahrung zurückblickend deckte ich mich – wie sich im Nachhinein herausstellte – mit ausreichend Proviant ein. Danach schlug ich den Weg Richtung Hotel ein, denn ich sehnte mich nach etwas, was ich die letzten Wochen nicht mehr hatte: Einen richtigen Mittags- bzw. in dem Falle Nachmittagsschlaf.
Gegen 14 Uhr traf ich im Hotel ein, verstaute das Eingekaufte im Schrank und legte mich längs. Zuerst konnte ich gar nicht so richtig abschalten. Zu viele Gedanken kreisten mir noch im Kopf. Doch irgendwann muss ich dann eingeschlafen sein, denn gegen 17 Uhr wachte ich erschrocken auf. Im ersten Augenblick musste ich mich erst wieder orientieren und mir klar werden, dass ich fast drei Stunden geschlafen hatte. Normalerweise habe ich dann immer Probleme damit, nachts einzuschlafen. Doch dem will ich vorbeugen, in dem ich nachher erst mal einen abendlichen Spaziergang durchs Viertel machen werde und dann wird ein spätes Bad bestimmt den Geist und die Knochen entspannen. Ich setze mich ein bisschen auf den, zum Zimmer gehörenden Minibalkon und beobachte das geschehen auf der Straße. Vereinzelt laufen Fußpilger den Bürgersteig entlang, aber auch Radfahrer mit Gepäck sind zu sehen. Sicherlich erlebt Santiago jeden Tag dieses Kommen und Gehen von Reisenden. Es hat angefangen zu regnen. Trotzdem werde ich was spazieren gehen. Vorhersehend hatte ich mich vor der Reise bei der Auswahl meines Gepäcks dazu entschieden, einen Schirm mit einzupacken. Dieser schützte mich nun bei meinem Gang vor dem launischen Regen, der sich hier in der Nähe der Atlantikküste im Wechsel mit Sonne oder Wolken ein Stelldichein gibt. Am Ortsausgang von Santiago, wo ich gestern das Foto machte, drehe ich wieder und gehe Richtung Hotel. Es ist schon fast dunkel. In meinem Zimmer angekommen, packe ich alles ein, was ich heute Abend oder morgen früh nicht mehr brauche und gucke noch was Fernsehen. Dann lasse ich mir ein heißes Bad einlaufen. Die gewünschte Wirkung tritt ein und ich fühle mich müde genug, um schlafen zu gehen. Die Geräusche draußen von der Straße erreichen das, was ich mir erhoffte, sie lullen mich so ein, dass ich alsbald einschlief.



[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

[B]25. Tag. Dienstag, 23. Mai 2006 letzter Tag „Abreise“
[B]0 Tageskilometer per Rad, per Taxi ca. 5 Kilometer, per Bus ca. 2300 Kilometer.

Gegen Neun Uhr wache ich ohne technische Hilfe meines Handyweckers auf. Gegen 12 Uhr soll der Bus nach Köln am Busbahnhof losfahren. Ich werde etwas früher da sein, man weiß ja nie. Ich genehmigte mir erst mal eine Dusche. Danach wurde der Rest verpackt. Ich verstaute alles aus den Packtaschen in einen großen Packsack, der unterwegs dem Transport von Zelt, Schlafsack und Isomatte diente. Somit hatte ich quasi nur noch eine große Tasche zu schleppen und merkte erst mal, wie viel Kilos ich auf dem Fahrrad mittransportiert hatte. Kein Wunder, dass mir an mancher Steigung unterwegs die Puste ausging. Nach einem kurzen „Rundumblick“, ob ich nichts vergessen hatte, ging ich runter zur Rezeption und erledigte das Bezahlen. Einen schönen (letzten) Stempel in meinen Pilgerausweis bekam ich auf Wunsch auch noch. Vom Portier ließ ich mir ein Taxi rufen, das auch nach wenigen Minuten eintraf.
Der Busbahnhof befand sich in der Innenstadt, so dass die Fahrt dorthin auch nicht all zu lange dauerte. Am Busbahnhof angekommen, gehe ich erst mal zum Büro von Alsa, dem Partnerunternehmen von Eurolines und lege meine Fahrkarte vor. Ich hatte vorsorglich schon von Zuhause aus die Rückfahrt gebucht. Der Mitarbeiter des Büros gibt mir mit gleichgültiger Stimme zu verstehen, das der Bus nicht um Zwölf sondern um 10.30 Uhr auf Steig 5 losfährt. Mir fährt ein Schreck in die Glieder. Es war 10.20 Uhr. Was wäre passiert, wenn ich später vom Hotel los gefahren wäre. Ich hätte den Bus verpasst….. und dann? Gestern hatte ich noch dran gedacht, mich rechtzeitig wegen der Rückfahrt zu informieren. Naja, war ja noch mal alles gut gegangen. Der Bus, eines von diesen großen Fernreise-Ungetümen fuhr auch gerade ein. Ich ging runter zu den Bussteigen und meldete mich beim Fahrer. Der bestätigte mir, dass er auch nach „Colonia“ fahre. Die Endstation dieses Busses ist Hamburg. Reisende, die in Süddeutschland Ziele wie Nürnberg oder München gebucht haben, müssen in Ourense umsteigen.
Nachdem das Gepäck verstaut war, fuhr der Bus mit drei Mann Besatzung und nicht mal zur Hälfte mit Fahrgästen gefüllt kurz nach halb Elf Uhr los. „Auf Wiedersehen Santiago“ denke ich und bin gespannt auf die Fahrt. Ob die Route durch Orte, die ich mit dem Fahrrad durchquert habe, führt. Die Fahrt soll voraussichtlich 28 Stunden dauern. Nach längerer Landfahrt kommt der Bus an der Atlantikküste in Vigo an. Ich sehe strahlend blauen Himmel und noch ein strahlend blaueres Meer. Von Vigo aus geht es nach Ourense, wo einige Leute aus- und einige zusteigen. Eine Frau, gekleidet in Glitzershirt, Glitzerhose und Glitzersandalen scheint es einem der Busfahrer besonders angetan zu haben. Bis Köln „baggert“ er, was das Zeug hält und vergisst seine eigentlichen Pflichten, was bei seinen Kollegen nicht gerade auf Zustimmung stößt.
Gegen 15 Uhr hält der Bus zu einer 45 Minütigen Pause irgendwo in einem Ort, von dem ich den Namen nicht mehr weiß. Es besteht die Möglichkeit in einem Lokal, das auf zwei Etagen Fernreisende mit Speis und Trank versorgt, zu Mittag zu essen. Ich habe Hunger und bestelle gebratenen Fisch mit Salzkartoffeln. Das Essen war mittelmäßig, der Preis niedrig. Das versöhnte mich. Draußen auf einem Platz trinke ich eine Cola. Dann ist schon die Weiterfahrt des Busses angesagt. Die fahrt dauert bis in die Dunkelheit ohne eine einzige weitere Pause. Angehaltern wird nur kurz auf irgendeinem Standstreifen zum Fahrerwechsel. Der Bus fährt in die Innenstadt von Logroño und hält dort am Busbahnhof um einen einzigen Fahrgast aufzunehmen. Logroño war auch der einzige Ort, den der Bus durchfuhr wo ich vor einigen Wochen mit dem Fahrrad unterwegs war. Nach einigen Stunden, es ist schon dunkel fährt der Bus durch San Sebastián.
Nahe Irun verlassen wir Spanien. Der Busfahrer bittet alle, sich mit dem Beckengurt anzuschnallen, da in dieser Gegend öfter schon mal Busse kontrolliert werden. Auf vielen Sitzen klicken die Gurte. Von der langen Fahrerei kribbeln mir die Fußgelenke. Unter den Sitzen befinden sich zwar solche Minitrainer, damit man die Fußgelenke bewegen kann, aber wirklich nutzvoll sind sie nicht. Jedes mal, wenn ich die Hinweistafel zu einer Raststätte sehe, hoffe ich dass der Busfahrer rechts abbiegt. Doch bis 23 Uhr passiert nichts dergleichen. 12 Stunden Fahrt mit, bis jetzt einer einzigen Pause. Das ist Wahnsinn. Was machen eigentlich starke Raucher diese ganze Zeit? Auf dem Klo paffen?
Als der Bus auf einem Parkplatz hält und eine 30minütige Pause ankündigt, bin ich sehr erleichtert. Ich suche erst mal die Toiletten, dann genieße ich an der frischen, und auch recht kühlen Luft eine Zigarette. Proviant habe ich noch zu Genüge. Ich gehe auf dem großen Gelände der Rastanlage etwas spazieren und denke, dass ich in ca. 17 Stunden in Köln ankommen werde. Sandra wird mich mit dem Auto abholen. Die Arme. Gerade zu einer Zeit, wo der Kölner Bahnhofsbereich schon seit Monaten eine Großbaustelle ist. Gegen 23.30 Uhr fährt der Bus weiter. Nach ein paar Minuten versuche ich ein bisschen zu schlafen. Ich hatte mir extra meine Decke aus dem Gepäck mit in den Bus genommen. Doch egal, welche Stellung ich einnehme, es gelingt mir nicht zur Ruhe zu kommen. Da ist einmal, dass monotone Gequassel dieses Busfahrers auf die Glitzerdame zwei Reihen hinter mir. Eine Reihe weiter vor mir rechts schnarcht ein Opa, das die Scheiben vibrieren. Ichn gebe es auf, forme mir aus dem Ende der Decke ein Kissen und lege den Kopf gegen die Scheibe. Und siehe da…..! Ich „ziehe“ tatsächlich für eine Weile weg. Mit dem Gefühl, länger zu schlafen wache ich wieder auf. Es ist zwei Uhr nachts. Auf der Autobahn ist so gut wie nichts los. Der Bus folgt der „A 63“, dann der „A 10“ Richtung Paris.
Nach einer scheinbar endlos langen Fahrt durch eine endlos lange Nacht fährt der Bus morgens über den Autobahnring von Paris. Stadteinwärts sieht man kilometerlange Staus. Stadtauswärts geht es zügig voran. Ich schätze das die Fahrt Ortsgrenze Paris Südwest bis Ortsgrenze Paris Nordost ca. eineinhalb Stunden gedauert hat. Inklusive seinen Vorstädten ist Paris eher ein riesiges Großstadtmonster und nicht die „Perle an der Seine“, wie diese Stadt auch schon mal genannt wird. Als nächstes Fernziel ist Brüssel angepeilt, was gegen 14 Uhr erreicht wird. War wohl nichts mit 16 Uhr Ankunft in Köln!!! In Brüssel steigt am Busbahnhof eine einzige Frau aus. Die lange Fahrt nervt mich langsam. Ich will Nachhause! Ein letztes mal hält der Bus auf belgischem Boden in Lüttich. Zwei Fahrgäste steigen aus. Dann endlich nach einer weiteren Stunde Fahrt befindet sich der Bus auf der A 4. Nach kurzem Halt in Aachen denke ich, dass es jetzt endlich voran geht. Doch nein. Köln schon fast in Sichtweite, hält der Bus für eine 30minütige Pause auf dem Rastplatz „Aachener Land“. Für mich, fast Zuhause ist das jetzt ärgerlich. Für andere Fahrgäste, die noch bis Wuppertal oder gar Hamburg müssen bestimmte eine, der viel zu wenigen Pausen zwischen Santiago und hier. Ich smse Sandra vom Rastplatz aus, dass ich mit der Ankunft in Köln erst gegen 18 Uhr rechne. Dem ist dann auch so. Nach einer ca. 45minütigen Fahrt rollt der Bus in den Busbahnhof am Kölner Hauptbahnhof ein. Ich will nur noch raus aus diesem Autobus, der nun fast 32 Stunden mein unfreiwilliges „Zuhause“ war. Der Busfahrer, der mehr mit dem Umwerben der „Glitzerdame“ beschäftigt war, öffnet mir mit einer Zigarette zwischen den Kiemen die Laderaumklappe. Mit einer Handbewegung Richtung Gepäck gibt er mir wortlos zu verstehen, dass ich mich selbst bedienen solle. Dies tue ich widerwillig mit einem Schimpfwort auf den Lippen, dass ich diesem „Don Juan“ gegenüber lieber nicht ausspreche. So unspektakulär, außer dass ich mich auf das Wiedersehen mit Sandra freue endet meine 25tägige Reise „Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela“
E N D E



[B]„Schlussworte“

Ob ich noch mal mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela reisen würde, habe ich in diesem Reisetagebuch schon beantwortet. Ja, ich würde diese psychische und physische Herausforderung noch mal auf mich nehmen. Nur unter anderen Voraussetzungen.
Deshalb hier noch ein paar Tipps für Neugierige, die vielleicht auch mal solch eine oder gar die gleiche Reise unter gleichen Bedingungen auf sich nehmen wollen.
Dass sich das Fahrrad in gutem technischem Zustand befinden muss, ist selbstverständlich. Außer mit einer defekten Pedale hatte ich mit keinen weiteren Pannen zu tun.
Die Ausrüstung sollte nach persönlichem Ermessen ausgewählt werden. Von tagsüber heiß und trocken bis kühl und nass sollte man auf diese Wetterlaunen eingestellt sein. Von 25 Tagen erlebte ich 5 Regentage. Der „Rest“ war von sonnig heiß, bis bewölkt erträglich.
In Zeiten von Internet und den damit kurzzeitigen Entscheidungsmöglichkeiten ist das vorherige Buchen von Übernachtungen je nach Jahreszeit ratsam. Im Mai hatte ich –auch in den spanischen Herbergen- mit keinen Engpässen hinsichtlich Übernachtungsmöglichkeiten zu tun.
Ich hatte vorher kein besonderes Fahrradtraining absolviert, aber unterwegs auch keine körperlichen Probleme gehabt. Sportcreme, Kopfschmerztabletten und andere Mittelchen hatte ich unbenutzt wieder mit Nachhause gebracht. Nur an Sonnencreme hatte ich nicht gedacht. Die ist in Spanien, zumindest bis Galizien ein „Muss“.
In Frankreich: In Frankreich kommt man mit Englisch in 90% aller Fälle nicht weiter. Daher empfehle ich einen Urlaubsprachführer, wie ich ihn z. B. von Polyclott dabei hatte. Es wurde mir bei allen möglichen Gelegenheiten hoch angerechnet, wenn ich den Menschen in ihrer eigenen Sprache „entgegen kam“. Die Franzosen habe ich sowohl im Umgang mit mir als auch im Straßenverkehr als ein sehr freundliches und rücksichtsvolles Volk erleben können. Keine unangenehmen Erlebnisse, keine brenzligen Situationen im Straßenverkehr. Fahrradwege sind in Frankreich so gut wie nicht vorhanden. Ein paar Hundert Meter in der einen oder anderen großen Stadt waren die Ausnahme. Das Fahrrad wird in Frankreich als reines Sportgerät angesehen. Sehr schön fand ich die Sitte, dass sich Fahrradfahrer untereinander grüßen. Das Preisniveau in den Supermärkten ähnelt dem unsrigen. Hotelketten wie „Formule 1“ „Hotel Premiere classe“ bieten preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten bei angenehmen Niveau.
In Spanien: Auch wenn es manchen verwundert. Zumindest in Nordspanien ähneln die Menschen uns mehr als z. B. die Franzosen. Teilweise stur oder ohne Lächeln auf den Lippen wurde ich in manchem Geschäft eher als lästiger Kunde gesehen. Das kannte ich vom Süden Spaniens her überhaupt nicht. Auf dem Straßenbelag in Spanien ist wesentlich angenehmer zu fahren, als dem wesentlich raueren in Frankreich. Fahrradwege sind auch hier die seltene Ausnahme. Wie in Frankreich wird auch in Spanien das Fahrrad als Sportgerät angesehen. Sehr häufig waren Mountainbikes zu beobachten. Ein Grüßen unter Radlern ist selbstverständlich. Auch hörte man hier und da ein aufmunterndes „Hopa Hopa“ aus überholenden Autos klingen, wenn man gerade mal wieder mit einer Steigung zu kämpfen hatte. Hinsichtlich Sprache ist auffällig, dass jüngere Leute ein paar fetzten Englisch beherrschen. Ansonsten ist man auch mit ein paar Brocken „Überlebensspanisch“ gut beraten.
Die Bemerkungen, die ich in meinem Reisetagebuch zu dem „Buch“ von Hape K. habe fallen lassen, stellen lediglich meine persönliche Meinung dar und sind somit rein subjektiv zu betrachten.
Overath, April 2009 Jürgen Rampe

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27.08.2009, 14:24
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