jrampe
13.04.2009, 18:17
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
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15. Tag. Samstag, 13. Mai 2006 „Hola Pamplona“
St. Jean-Pied-de-Port – Arnéguy – Valcarlos – Ibanéta-Pass - Roncesvalles – Larrasoaña - Pamplona
91 Tageskilometer
Nicht vom Handywecker, sondern von der eigenwilligen, klopfenden Wasserleitung werde ich geweckt. Wahrscheinlich ist Mike schon im Bad zu Gange. Er ist im Bad! Ich schleiche mit meinem Handtuch ins Zimmer zurück und lausche, bis ich die Badezimmertür höre. Dann eben ins Bad und fertig machen fürs Frühstück. Ich nehme schon alle Klamotten mit nach unten und verstaue sie am Rad. Aus der Küche duftet es nach Kaffee. Madame Debrille sitzt bereits mit Mike und einem anderen jungen Mann am Tisch. Er stellt sich als Pierre aus Antwerpen vor und will auch die 800 Kilometer nach Santiago laufen. Er kann gut Deutsch und so quasselt die Frühstücksrunde ein bisschen Spanisch, ein bisschen Englisch und ein bisschen Deutsch. So hatte ich mir das in etwa vorgestellt. „Multikulti“ auf dem Jakobsweg. Das Frühstück war ein richtiges Verwöhnbuffet. Gegen halb neun Uhr löste sich die Runde auf. Madame Debrille umarmte jeden herzlich wünschte uns Viel Glück, eine gute Reise und dass wir für sie zum Hl. Santiago (so heißt der Hl. Jakob in Spanien) beten sollen. Das mit dem Beten habe ich bleiben lassen, aber schöne Grüße habe ich dem Hl. Santiago von Madame Debrille bestellt.
Ich schob mein Fahrrad aus dem Haus und die Gasse herunter. Es war leicht am nieseln, so das ich die Regenjacke für nützlich erachtete. Musste ich gestern noch viel Kraft dafür aufwenden, dass Fahrrad überhaupt die Gasse hoch zu kriegen, musste ich jetzt beide Bremsen betätigen, damit das Fahrrad keinen Fluchtversuch Richtung Tal unternahm. Unten an der Straße stieg ich in den Sattel und folgte den Schildern Richtung Pamplona auf der D 933. Zu meiner Überraschung verlor ich bis Améguy, wo der (jetzt nur noch imaginäre) Übergang nach Spanien ist, erheblich an Höhenmetern. Das heißt von St. Jean-Pied-de-Port bis hierhin ( knappe 8 Kilometer) ging es fast nur leicht bergab. Dafür durfte ich aber ab Améguy stramm im kleinen Gang in die Pedale treten. Die nächsten 18 Kilometer bis zum Ibañeta-Pass (1059 m über NN) verbrachte ich zu zwei Dritteln im Sattel, ein Drittel schiebend. Oben angekommen konnte man höchstens 10 m weit sehen. Nebel und Nieselregen ließen keinen Rundblick zu. An einer hässlichen Betonkapelle machte ich Pause. Auf einer Wiese neben der Kapelle standen unzählige kleine Holkreuze, die Pilger gebastelt und hier aufgestellt hatten. Eine schöne Tradition! Ich fuhr weiter bis Roncesvalles. Nieselregen und Nebel hatte ich hinter mir gelassen. Ich ging direkt wegen dem begehrten Stempel zum Pilgerbüro. Zwei Mädels schlossen vor meiner Nase das Büro ab. Es war 13 Uhr. Gegen 15 Uhr könne ich wieder kommen. „Ihr könnt mich mal“, dachte ich. Wer jetzt hier ankommt, darf sich erst mal 2 Stunden in der Gegend rum treiben, nur weil hier „Finanzamt-Nord-Manie“ das Sagen hat.
Ich schob mein Fahrrad zu einer nahe liegenden Gaststätte und ging hinein. Einen Café con Leche wollte ich mir gönnen, da es mich nach innerer Wärme zehrte. Nach dem Kaffee bekam ich auch einen schönen Stempel in meinen Pilgerausweis. Ich machte mich wieder auf den Weg. Über Burguette und Aurizberri kam ich zu meiner nächsten Herausforderung dem Erro-Pass. Er ist mit 801 Meter über NN relativ gut zu meistern. Mittlerweile in Larrasoaña angekommen, spürte ich so etwas wie Hunger. Das kam aber auch daher, saß aus einer Gaststätte, an der ich gerade vorbei gefahren war, der Duft von Bratkartoffeln unter meine Nüstern geriet. Das hieß für mich Vollbremsung, Platzsituation im Lokal sondieren und eventuell dem Koch die Bratpfanne mit Inhalt entwenden.
Nun, das Lokal hatte noch genug Platz für mich und ich entschloss mich ganz konventionell um einen Teller Essbares (in jedem Fall mit Bratkartoffeln) zu bitten. Das erstaunliche war, dass man hier zur mitteleuropäischen Uhrzeit (ca. 14 Uhr) was zu Essen bekam. Normalerweise kriegt man um die Uhrzeit nichts mehr oder noch nichts zu essen. Das kann natürlich mit dem hier international verkehrendem Publikum zu tun haben. Jedenfalls meine Bitte wurde nach Speise und Trank wurde angehört und ich verbrachte die Zeit, bis das Essen kam mit dem Studium meiner engeren Umgebung. Es befanden sich nur Pilger im Lokal. Was mich aber an meine Motorradfahrerzeit erinnert, ist folgendes: Wenn ich mit dem Motorrad fuhr, nötigten mich laufend entgegenkommende Motorradfahrer mit ihrem Gruß (heraus gestreckte Hand), zurück zu grüßen. Stand man aber z. B. an einer Fritten-Bude direkt neben anderen Motorradfahrern, waren die stur wie Karl-Otto und kannten nur sich selbst. Was das mit den Pilgern zu tun hat? Nun. Unterwegs hört man immer wieder „Buen Camino, Buen Camino.
Kehrt man aber irgendwo ein, muss man diesen Zeitgenossen schon ganz genau in die Augen gucken und dabei grüßen. Das bringt sie dann unter Zugzwang und nötigt sie, die Kiemen zu einem Gruß auseinander zu kriegen. So Schluss mit diesem Exkurs in soziologische Studien. Mein Essen kam. Mmmmmh! Meine Augen, größer als mein Magen verspeisten das, was sich da auf dem Teller befand schon bevor der Wirt es mir servieren konnte. Ich muss einfach beschreiben, mit was mir der Wirt des Hauses hier die Anwesenheit kulinarisch versüßt hat:
Erst kam eine Gemüsesuppe, wie sie Erasco oder Bassermann in keine Dose kriegt. Dann folgte ein Salat mit Baguette und ein paar Soßen zum Tunken. Dann kleine Schweineschnitzel mit Patatas Fritas und Gemüse. Zum krönenden Abschluss dann noch ein gemischtes Eis. Auf den –normalerweise dazu servierten Rotwein - verzichtete ich zugunsten einer großen Cola. Danach noch eine in vollen Zügen genossene Zigarette. Denn hier galt noch, dass Rauchen überall dort erlaubt ist, wo es nicht verboten ist (?!?)
Nach etwas längerer Pause als geplant, fuhr ich in gemächlichem Tempo weiter. Welliges, an die Vorgebirge des Schwarzwaldes erinnerndes Gelände durchfuhr ich ohne körperliche Alarmmeldungen. Nach insgesamt noch ca. 20 Kilometern (unterbrochen von kleinen Pausen) kam ich in Huarte, einem Vorort von Pamplona an. Eine Hinweistafel teilte mir mit, dass ich in 8 Kilometern die Tore von Pamplona erreichen würde. Ich wurde nervös, hatte ich von Pamplona schon so viel gelesen oder im Fernsehen betrachtet. Die „Sanfermines“, wo von irgendwelchen Idioten Stiere durch die Stadt gejagt werden (meistens ist es umgekehrt) finden erst Mitte Juli statt. Diese abartige Show bleibt mir also erspart. Nach einer kurzen Pause und einem Blick in meinen Reiseführer fuhr ich weiter. Ich erreichte die Innenstadt von Pamplona über eine gut ausgebaute Hauptstraße mit Seitenstreifen.
In der Altstadt angekommen fragte ich mich durch, bis zur Kirche San Saturnio wo sich eine Pilgerherberge befinden soll. Nun die Kirche gab es noch, aber keine Pilgerherberge mehr. Die wurde 2006 gerade neu gebaut. Ein freundlicher Passant wies mich aber darauf hin, dass es eine vorübergehende Herberge in einem Kloster(!) in der Calle dos Mayo, 4 gäbe und das es dorthin gar nicht so weit sei. Er zeichnete mir auf einem Zettel die ungefähre Route dorthin auf und begleitete mich einige Meter. Wieder allein nahm ich mein Rad und schob es witer durch die Altstadt. Unzählige Menschen waren unterwegs. Zum Glück war hier alles Fußgängerzone, so dass ich nur auf zweibeinige und natürlich die kleinen vierbeinigen Verkehrsteilnehmer achten brauchte. Pamplona ist eine sehr lebendige Stadt wie ich sie halt aus Deutschland nicht kenne. Zwar laut, aber man merkt, dass hier auch gelebt wird.
Ich lasse es mir noch nicht mal nehmen und mache Pause auf einer Bank, diese mal nicht allein unter einem großen Baum sondern inmitten von vielen, vielen Menschen. Trotz allem nehmen sich einige die Zeit mein Fahrrad zu betrachten und „Hola Peregrino“ zu sagen. „Hallo Pilger“? Ich bin doch genau genommen ein Tourist und die Muschel an der Tasche auf dem Gepäckträger macht mich doch auch noch zu keinem gläubigen Christen. Aber anderseits. Wo ist der Unterschied zwischen einem Touristen und einem Pilger? Beide sind unterwegs und suchen was. Also bin ich halt ein Pilger - in eigener Sache. Ich finde die Calle Dos Mayo… und ich finde das Haus Nr. 4. Es handelt sich um das Kloster der Adoratrices Schwester wie ich erfahre und dient während der Bauarbeiten an der neuen Pilgerherberge in der Calle Compañia, als provisorische Unterkunft. Ich stelle mein Fahrrad am Eingang ab und betrete das große, im Erdgeschoss mit vergitterten Fenstern versehene Gebäude. Im großen Treppenhaus sehe ich einen Schreibtisch neben einer, nach oben führenden Treppe und zahlreiche Fahrräder. Es herrscht ein lebendiges Treiben, das in mir die Befürchtung wachsen lässt, dass ich kein Bett mehr kriegen könnte. Es war doch schon nach 19 Uhr und…….
Meine Sorge war umsonst. Ein junger Hospitero (Leiter der Pilgerherberge?) bat mich Platz zunehmen und trug meine Daten in ein großes Buch ein. Dieser Vorgang fand auch schon im Pilgerbüro in St. Jean-Pied-de-Port statt und hat viele gute Gründe. Erstens kann man statistisch erheben, wie die Pilgerschar, die hier jedes Jahr auftaucht, zusammengesetzt ist. Ob Männlein oder Weiblein, welche Nationalität usw. usw. Aber ein Grund für diesen bürokratischen Akt erscheint mir am sinnvollsten. Man wird namentlich registriert, mit der Nr. des Pilgerausweises, wann man angekommen ist. Wann man abreist, braucht nicht eingetragen werden, da man automatisch am nächsten Tag abreisen muss. Geht man jetzt unterwegs verloren, was auch schon in der Vergangenheit vorgekommen ist, dass ein Pilger vermisst wurde können die Behörden wie z. B. die Polizei anhand der Eintragungen in den Pilgerbüchern rekonstruieren, ob und wann sich ein Vermisster hier aufgehalten hat. Bürokratie mal sinnvoll, denke ich. Nach der Bürokratie zahle ich die hier scheinbar obligaten 5 € und bekomme einen schönen Stempel in den Ausweis gedrückt. Dann führt mich der Hospitalero in die 3.(!!!) Etage. Ich, beladen wie ein Esel folge ihm. Er führt mich zu einem langen gang, wo links an der Wand ca. 10 doppelstöckige Betten befinden. Rechts sind kleine Zimmer mit 2 Doppelbetten (ehemalige Klosterzellen), die nur von Pilgerinnen bewohnt werden dürfen. Am Ende des Ganges 2 Toiletten für ca. 30 Personen und ein langes Waschbecken, dass zur gemeinsamen Nutzung beider Geschlechter gedacht ist. Dann bekomme ich ein Bett zugeteilt. Oh Schreck, oben schläft schon eine Frau. Ich stelle meine Taschen ab, bedanke mich leise beim Hospitalero, packe noch leiser die benötigten Klamotten aus. Den Schlafsack nehme ich als Zudecke und meine kleine Wolldecke als Laken auf dem Laken. Dann gehe ich noch leiser noch mal runter, um durch zu atmen.
An einem Automaten hole ich mir eine Cola, esse noch ein paar von unterwegs mitgebrachte Marsriegel und telefoniere kurz mit Sandra. Zwei Pilgerinnen neben an auf der Bank tun das gleiche. Moderne Kommunikationstechnik verbunden mit der jahrhunderte alten Tradition des Pilgern. Das gefällt mir.
Ich gehe wieder hinein, sage dem Hospitalero Gute Nacht, nehme noch den Tacho von meinem Fahrrad, dass jetzt von mehrheitlich Mountainbikes umgeben ist und gehe nach oben. Dort sind schon einige am Schlafen, in dem Zimmer gegenüber von meinem Bett wird noch getuschelt. Ich gehe noch kurz die Abendtoilette erledigen und lege mich hin. Es erscheint mir irgendwie „normaler“ mit bzw. zwischen all den fremden Menschen zu schlafen, als ich vorher dachte. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich zuhause noch mitten in den Planungen steckte und damals schon überlegte, wie das wohl so unterwegs sein wird.
Und nun? Ich verbringe die erste Nacht in Spanien. Und alles ist spannend. Sei es nach dem Weg zu fragen, sei es hier und heute zu übernachten. Alles ist spannend. Und es sind „nur“ noch ca. 800 Kilometer bis zu meinem Ziel Santiago de Compostela. Ich bin gesund. Das Fahrrad hat mich auch noch nicht im Stich gelassen. Ca. 1200 Kilometer bin ich durch Frankreich gefahren. Und heute endet der 15. Tag, seit ich zuhause los gefahren bin.
Ich fühle mich wohl, liege auf dem Rücken und höre noch ein bisschen den Geräuschen der Nacht zu, bevor ich einschlafe.
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
16. Tag. Sonntag, 14. Mai 2006 „Logroño und die Pedale“
Pamplona – Astrain – Perdón-Pass – Eremita de Enate – Puente la Reina – Estella – Logroño.
100 Tageskilometer
Ich hatte gestern Abend nur den Wecker an meiner Armbanduhr aktiviert. Der ist nicht so laut wie der Handywecker. Ich wollte ja nicht die ganze Gemeinschaft hier wecken. Ich stehe sofort auf und schleiche mit meinen Waschsachen leise zu dem langen Waschbecken im Nebenraum. Ich gehe hinten an das Fenster. Licht brennt noch keins, aber zum Glück befinden sich auf einer Ablage Teelichter und Streichhölzer. In fahlem Kerzenschein verrichte ich eine „Katzenwäsche“. Währenddessen taucht meine Bettnachbarin auf und sorgt auch für morgendliche Frische auf ihrer Haut. Wieder am Bett angelangt bemerke ich, dass jetzt schon einige Leute mehr aufgestanden sind. Taschen und Rucksäcke werden durchsucht oder gepackt. Es herrscht ein reges Treiben. Nachdem auch ich alles verpackt hatte, entschloss ich mich die Taschen dieses mal in zwei Etappen herunter zu tragen. Das Fahrrad hatte ich schnell beladen. Am Schreibtisch im Flur saß noch niemanden, so dass ich, ohne mich verabschieden zu können, die erste Pilgerherberge auf meiner Reise verließ.
Ich schob mein Fahrrad durch die Altstadt. Es war noch morgendlich frisch. Überall war die Stadtreinigung zu Gange um die Spuren der letzten Nacht zu beseitigen. In Pamplona scheint nämlich das ganze Jahr über Fiesta zu sein und das hinterlässt Spuren. Am Ende der Altstadt öffnet sich ein Park, mit den Resten einer mittelalterlichen Zitadelle. Am Ende des Parks fahre ich auf der Avenida de Pio XII stadtauswärts. Im Vorort Zizur Mayor angekommen falle ich bald aus den Latschen. Laut dem Bikeline Reiseführer müsste ich jetzt auf der N 111 weiter fahren. Doch diese Strasse gibt es nicht mehr. Vor mir verläuft eine mehrspurige, für Fahrräder und andere langsamen Fahrzeuge verbotene Schnellstraße. Schnell erfahre ich, dass aus der alten N 111 eine Autovia (Schnellstraße), die A 12 entstanden ist.
Und nun? Ich folge erst mal den Muschelschildern nach Cizur Menor. Dort ist der Jakobsweg eine mehr oder weniger ebene Geröllstrecke mit aus dem Boden ragenden zum Teil faustgroßen Kieselsteinen. Mehr oder weniger fahre ich im Slalom an Fußpilgern vorbei. Auf meine Frage kann mir keiner sagen, ob es irgendwo noch eine ausgebaute Strasse Richtung Puente la Reina gibt. Ich fahre weiter bis quer ein schmaler geteerter Weg verläuft. Ich lasse es darauf ankommen und biege rechts Richtung der A 12 ab. Ich sehe, dass über die A 12 eine Brücke führt. Und von da kommt mir, wie ich erfahren soll, meine „Rettung“ entgegen. Ein Mountainbiker. Ich begrüße ihn und erzähle von meinem Problem. „ No Problema, Hombre“, bekomme ich zu hören. Was ich vorhin noch aus der Ferne für eine Auffahrt auf die A 12 gehalten hatte, entpuppt sich als die alte N 111, die jetzt N 111a heißt. Ich solle mich auf dieser Straße immer Richtung Astrain halten, dann komme ich automatischen Richtung Puerto del Perdón, dem Pass mit der noch erträglichen Höhe von 673 Metern. Wir unterhalten uns noch ein bisschen. Er erfährt von mir, woher und wohin. Und ich weiß nun, das Jorge, wie mein „Wegweiser“ heißt aus Madrid kommt, Maschinenbau studiert und in Pamplona ein Praktikum absolviert. Wir amüsieren uns noch darüber, dass „Jorge“ die spanische Namensversion von Jörg bzw. Jürgen ist. Er lobt meine kastillianisches Spanisch. Castilláno ist das „Hochspanisch“ und außer in Madrid und Kastillien nicht sonderlich beliebt, weil es von der Aussprache her hochnäsig und arrogant wirkt. Dann trennen sich wieder unsere Wege und ich fahre auf der alten N 111 Richtung Astrain. Nach Astrain geht es dann in lang gezogenen Kurven auf den Perdón-Pass. Links der Strasse stehen auf der Anhöhe unzählige Windräder. Ich kann sie nur aus der Ferne sehen, doch das eigentümliche Geräusch, dass diese Windräder erzeugen, dringt bis zur Straße. Auf dem Scheitelpunkt des Passes angekommen sehe ich eine Abzweigung, die zu Gipfel des Berges der Vergebung“ führt. Dort stehen mehrere Monumente aus Stahl, die Pilger und Lasttiere darstellen. Doch ich fahre geradeaus weiter, da ich unbedingt zu der „Eremita de Eunate“ einer kleinen geheimnisvollen Kirche, die mitten in den Feldern unten im Tal steht, will.
In dem Dorf Muruzábal verlasse ich die N 111 und fahre links auf eine kleine Strasse, die Richtung „Ermita de Nuestra Señora de Eunate, wie die Kirche offiziell heißt, führt. Nach ca. 10 Minuten Fahrt sehe ich das für mich zweitwichtigste Ziel meiner Reise nach Santiago. Viel hatte ich von dieser, wahrscheinlich von den Tempelrittern vor vielen Jahrhunderten gebauten, kleinen Kirche gelesen und auf zahlreichen Fotos betrachtet. Und nun war ich selber hier!
Ich lehnte mein Fahrrad an die Außenmauer und betrat das Innengelände. Viele Besucher waren um die frühe Mittagszeit nicht hier und so konnte ich alles verinnerlichen. Ich betrat die kleine Kirche, die in der Realität noch geheimnisvoller wirkte, als ich schon vorher vermutete. Der Innenraum ist nur von ein paar Betbänken und einem kleinen Altar mit einer Heiligenfigur ausgefüllt. Eine ältere Frau ist in einem Bet-Gesang vertieft, so dass ich auch gar nicht stören will. Ich gehe wieder nach draußen und entdecke einen Tisch, auf dem ein Gästebuch und ein Stempel zur „Selbstbedienung“ aus liegt. Ich trage mich in das Buch ein und drücke mir einen Stempel in den Pilgerausweis. Nachdem ich glaube, dass ich genug Zeit hier verbracht habe, gehe ich wieder zu meinem Fahrrad und fahre Richtung Puente la Reina. Bei Obanos muss ich durch das Dickicht einer Baustelle. Zwischen Absperrungen und mehreren Abbiegungen hindurch folge ich dem handgeschriebenen Schild nach Puente la Reina, das ich nach ca. drei Kilometern erreiche. Ich finde sofort die Attraktion dieses Ortes, die alte markante Brücke über den Rio Arga. Ein paar Fotos müssen sein, dann fahre ich auf der N 111 weiter Richtung Estella. Nach 20 Kilometern Fahrt bei allerschönstem Sonnenwetter erreiche ich gegen 14 Uhr Estella. Hier sind viele Menschen, vor allem Pilger unterwegs. Doch mein nächstes Ziel ist das kleine Dorf Irache. Hier befindet sich bei einem Weinhandel, der als Attraktion gebaute Wandbrunnen, bei dem man aus einem Hahn Wasser und aus dem anderen Hahn Wein entnehmen kann. Ich finde den Brunnen. Außer mir ist niemanden anwesend. Ich fülle mir einen bereitgestellten Plastikbecher zur Hälfte mit Wein und probiere davon. Nun, auch als Nicht-Weinkenner kann ich dieses Getränk nicht weiter empfehlen. Ich kriege von dem ersten Schlucke eine ordentliche Gänsehaut, so herb ist der Nachgeschmack. Ich kippe den Rest ins Becken und erzähle sandra vom Handy aus von dem gerade erlebten. Dann fahre ich wieder auf dem Kiesweg Richtung N 111.
Logroño ist mein heutiges Etappenziel. Die Straße geht jetzt bergauf und ich muss etwas fester in die Pedale treten. Dann…. Ein kurzes Knacken und in vollem Bogen fliegt die rechte Pedale mitten auf die Straße. Ich halte schnell rechts an, lehne das Fahrrad gegen einen Busch und renne zur Pedale. Nicht das ein Auto drüber fährt! Alles geht gut. Ich schaue mir die Pedale an. Dann das rechte Tretlager. Der Bolzen, der die Pedale aufnimmt ist noch in Ordnung. Ich stülpe die Pedale drüber, doch sie findet keinen Halt mehr. Just in diesem Augenblick kommen zwei Holländer mit Rennrädern vorbei. Sie halten an und fragen, ob sie helfen können. Nach der Einsicht, dass sie mir nicht helfen können, radeln sie weiter und ich überlege, wie ich das Teil provisorisch instand setzen kann. Da fällt mir ein, dass ich doch so ein stark klebendes Reparaturklebeband mitgenommen habe, falls mal eine Tasche reißt - oder so.
Das Klebband wickle ich in mehreren Lagen um den Bolzen am Tretlager und stülpe dann die Pedale drüber. Ich helfe mit einem vom Straßenrand genommenen Stein nach, klopfe gegen die Pedale und siehe da…. sie hält.
Bis Logroño sind es noch ca. 40 Kilometer. Ob das mit der Pedale gut geht??? Nach zweieinhalb Stunden ruhiger Fahrt (ich trat ruhig in die Pedale, schließlich wollte ich das Glück nicht herausfordern) kam ich durch ein hässliches Industrie- und Gewerbegebiet. Es war ein Vortort von Logroño. In der Nähe eines Verteilerkreises, von dem auch eine Spur in die Innenstadt führte, stand ein grauer Block, der der Beschilderung nach zu urteilen ein Hotel beherbergt. Es war schon 18 Uhr und ich wollte nicht mehr in der Stadt auf Pilgerherbergensuche gehen. Ich fragte im Hotel, was ein Zimmer für eine Nacht kosten soll. 29 € wurde mir als der günstigste Preis für eine Nacht genannt. Ich buchte ein Zimmer. Das Fahrrad durfte ich in einem Lagerraum für Getränke und Möbel abstellen. Ziemlich geschafft fuhr ich mit dem Aufzug auf die dritte Etage, wo sich das mir zugewiesene Zimmer befand. Zum Öffnen der Tür musste ich die erhaltene Plastikkarte benutzen. Dann wollte ich das Licht einschalten. Doch nirgendwo konnte man Licht einschalten. Ist irgendwo ein Sicherungskasten, dachte ich als erstes. Doch es war keiner zu finden. Ich schließe wieder das Zimmer und fahre runter zur Rezeption und erzähle der Dame am Empfang von dem Problem des nicht vorhandenen elektrischen Lichtes. Sie fährt mit hoch, betritt das Zimmer und steckt die Plastikkarte in einen, hinter dem ersten Lichtschalter des Zimmers befindlichen Schlitz. „Und es ward Licht“. Sie drückte mir die karte in die Hand und ging. Den Sinn dieser Vorrichtung um in den Genuss von elektrischem Licht zu kommen, habe ich bis heute noch nicht verstanden. Ich packte alle Taschen komplett aus und verteilte die Sachen zum Lüften auf der anderen Seite des Bettes. Dann entdeckte ich zu meiner Überraschung, dass sich im Bad eine Wanne befand. Oh ja, ein entspannendes und reinigendes Wannenbad wird mir heute bestimmt gut tun. Das tat es auch. Ich glaubte, den Staub von Eintausendsiebenhundert Kilometern Fahrradtour von der Haut gespült zu haben.
Ich zog mich anschließend locker an. Das Zimmer hatte leider keinen Balkon. So fuhr ich noch mal mit dem Aufzug runter. Ging aus dem Hotel heraus Richtung Verteilerkreis. Ich wollte mich schon kundig machen, welche Ausfahrt ich morgen Richtung Innenstadt nehmen muss.
Doch auch hier zeigten mir schon in der Nähe aufgestellte große runde Verbotsschilder, dass Fahrräder auf der durch die Stadt führenden N 111 unerwünscht sind. Ich sah aber schon eine kleine Parallelstraße, was mich für den Augenblick erst mal wieder beruhigte. Ich ging wieder aufs Zimmer und schaute in einem Reiseführer nach Adressen von Fahrradhändlern bzw. Werkstätten in Logroño nach. In der Avenida de Colón, 41 sollte sich eine Fahrradwerkstatt befinden. Dort wollte ich morgen früh direkt hinfahren und mir neue Pedale kaufen. Auch die Lenkerenden brauchten ein paar neue Moosgummiüberzieher. Ich hatte nur noch einen Rest warme Cola in einer Flasche. Vorhin war ich auf dem Weg zum Hotel an einer Tankstelle mit Laden vorbei gefahren. Zu Fuß war der Weg dorthin vielleicht zehn Minuten zu bewältigen.
Ich entschloss mich zu einem Abendspaziergang Richtung Tankstelle. Dort bekam ich für viel Geld (2 €) einen Liter kalte, wohlschmeckende Fanta. Zufrieden mit einer Flasche Erfrischungsgetränk in einer Plastiktasche tragend, ging ich wieder zum Hotel zurück. Draußen vor dem Eingang setzte ich mich auf eine Bank rauchte noch eine und genoss die abendliche Stimmung. Ein älterer Herr gesellte sich zu mir. Nachdem wir feststellten, das wir die gleiche Sprache beherrschten, erzählte er von seiner ersten Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den Siebziger Jahren. Damals waren Pilger noch von der Allgemeinheit als Spinner angesehen und heute, so bedauert der Mann, pilgern drittklassige Schauspieler, noch schlechtere Fußballer und wer weiß noch, was für ein Volk und meinen den Weg für sich gepachtet zu haben. Seine Äußerungen erinnern mich an die Geschichten von Hape K., der mehr mit dem Bus fuhr, statt wie er behauptet hat, zu wandern oder Verona P. Alias F., die sogar ihren Erstgeborenen Jakob genannt hat. Ich glaube, ich wusste genau was ermeinte. Ich musste zwar als „Halbtouri“ auch kleine Brötchen backen. Aber ich hatte ja auch nicht vor, meine Jakobsweg-Erfahrungen anschließend zu vermarkten. Der Mann verabschiedete sich, da seine Frau sicherlich auf ihn warte. Und ich zündete mir noch eine Zigarette an und blies den Rauch entspannt gegen den nächtlichen Himmel. Es wurde aber langsam frisch. Daher verzog ich mich aufs Zimmer und machte mich bettfertig. Wie immer, vor dem Schlafen ließ ich noch mal den Tag Revue passieren. Genau 100 Kilometer hatte ich heute von Pamplona bis hierhin zurückgelegt und wieder mal viel erlebt.
Über ein paar anderen Gedanken, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, schlief ich ein.
[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
17. Tag. Montag, 14. Mai 2006 „Turnhalle mal anders“
Logroño – Navarrete– Santo Domingo de la Calzada – Villafranca Montes de Orca – Puerto de laPedraja (1130 m) - Burgos
123 Tageskilometer
Wieder war es der Handy-Wecker, der mich aus dem Schlaf holte. Tief und fest hatte ich geschlafen. In fremder Umgebung aufzuwachen war für mich schon zur Normalität geworden. Doch ist es nicht mit dem „Zuhause aufwachen“ zu vergleichen. Trotz aller Neugier und der spannenden Erwartung, was der nächste Tag auf der Straße für Überraschungen birgt, freue ich mich auch darauf, wieder Zuhause zu sein!
Nachdem ich bestimmt eine gefühlte Viertelstunde unter der Dusche verbrachte und mich angezogen hatte, ging es ans Packen der Taschen. Nachdem alles wieder ordentlich verstaut war, machte ich das Bett und schloss die Tür von Zimmer 270. Dieses Haus, dachte ich noch, kann ich jederzeit weiter empfehlen. Ich fuhr voll bepackt mit dem Aufzug herunter. In der ersten Etage wollten noch zwei ältere Herrschaften zusteigen, doch als sie mich mit dem ganzen Gepäck sahen, gaben sie schmollend ihren Plan, zuzusteigen, auf.
Ich trug die Taschen vor die Tür und holte mein Fahrrad aus dem Lagerraum. Um nach draußen zu kommen, musste ich das Rad wieder durch die Empfangshalle des Hotels schieben. Die Mitarbeiterin winkte mir mit einem freundlichen „Adios“ auf den Lippen zu. Eine Menschentraube, die vor der Rezeption stand und in der jeder Einzelne mehr mit sich selbst als seiner Umgebung beschäftigt war, ließ mich widerwillig passieren. Den Weg bis zur Ausgangstür musste ich mir durch höfliches Bitten und Betteln erkämpfen.
Ich glaube, einer der herumstehenden Damen bin ich mit den hinteren Packtaschen meines Rades zu nah an ihre beigefarbenen Stützstrümpfe gekommen. „Impossible“ hörte ich sie in eindeutig, vernehmbaren Englisch schimpfen. Aha, eine englische Lady „durfte“, wenn auch nur vorübergehend Kontakt zu meiner Ausrüstung aufnehmen. Draußen angekommen, suchte ich mir eine der im Eingangsbereich platzierten Bänke für eine kleine Verschnaufpause aus. Danach verzurrte ich das Gepäck reisefertig und widmete der defekten Pedale noch mal meine volle Aufmerksamkeit. Schließlich musste sie bis zur Fahrradwerkstatt durchhalten.
Meine Aufmerksamkeit wurde jäh auf die, vorhin schon erwähnte Menschentraube, die jetzt ebenfalls das Hotel verließ, gelenkt. Es müssen so ca. zwanzig, die meisten wohlbeleibt, „Jakobstouristen“ gewesen sein. Alle trugen unterschiedlich große Jakobsmuscheln um den Hals. Diese Muscheln baumelten je nach Körperumfang des Trägers/der Trägerin unterschiedlich heftig. Wohl wissend, dass der am Rande des Parkplatzes, mit laufendem Motor stehende Reisebus, der für sie zum Transport bestimmte ist, watschelte und stampfte die Horde Richtung Bus. Der ca. 50 cm messende „Umweg“ um mein Fahrrad wurde mit mürrischen Mienen toleriert. Die meisten hatten es so eilig, das die Jakobsmuscheln um ihren Hals nur nach vorne und hinten, aber nicht nach links oder rechts baumelten.
Dies veranlasste mich zu der Überlegung, ob ich nicht einen Teil der Relativitätstheorie von Albert Einstein um eine Gleichung erweitern könnte. Denn, davon ausgehend, dass die Muschel des einzelnen Trägers bei jedem Schritt (abhängig von der Ganggeschwindigkeit) ca. 10-15 cm nach vorne baumelte, und ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit des Gehenden von 2,5 Kilometer pro Stunde kalkulierte, müssten die Muscheln zumindest im Nanosekundenbereich schneller am Bus, als die Träger sein.
Meine Theorie wurde aber just im nächsten Augenblick über den Haufen geworfen. Denn der Busfahrer, von französischer Gelassenheit geprägt, öffnete erst eine Sekunde, nachdem die ersten angekommenen Reisegäste an die verschlossene Bustür klopften, die Tür. Dies bremste die nachfolgenden Muschelträger dermaßen aus, dass auch die Jakobsmuscheln an ihren Hälsen keine Vorwärtsbewegungen mehr machten. Meine Theorie von der relativen Fortbewegung von Jakobsmuscheln in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit und der damit verbundenen Raum/Zeitkrümmungsverursachung des jeweiligen Trägers war dahin.
So weit, so gut. Ich widmete mich wieder meinem Plan in der Innenstadt von Logroño das Fahrradgeschäft in der Avenida de Colón, 41 aufzusuchen. Dort werde ich, hoffentlich mein Fahrrad wieder in normalen Zustand versetzen können. Da die Hauptzufahrtsstrasse in die Innenstadt für Fahrräder verboten ist, fahre ich nach Gefühl und Kompass durch einige Wohn- und Geschäftsviertel in die Innenstadt. Diese schien direkt hinter der Brücke, die über den Ebro führt, zu beginnen. Nach zweimaligem Nachfragen kam ich wohlbehalten in der Avenida de Colón an. Doch die Information aus dem Reiseführer war falsch. Erstens handelt es sich bei der Haus-Nr. 41 um ein Wohnhaus und zweitens gab es auch sonsten in dieser Strasse kein Fahrradgeschäft! [B]Mist!! Ich frage einen Passanten. Dieser gibt mir die Auskunft, dass in der zweiten Querstrasse rechts ein Geschäft für Rennräder sei und ich es da mal versuchen sollte. Doch der Chef des Geschäftes käme immer erst so zwischen Neun und Halb zehn Uhr. Nun, es war zwar erst halb Neun Uhr. Aber besser warten als irgendwo in der Fremde ein anderes Geschäft zu suchen. Ich schaute mir schon mal die Auslage des Geschäftes an. Im Schaufenster befanden sich nur sicherlich sündhaft teure Ersatzteile für ebenso sündhaft teure Rennräder. Denn wie in Frankreich war man auch in Spanien nur sportlich oder um von Punkt A nach Punkt B zu kommen mit dem Rad unterwegs. Der Chef des Hauses kam heute wohl früher als sonst. Denn es war noch keine Neun Uhr. Ich zeige ihm die defekte Pedale. Er bittet mich mit wenigen Worten, ihm mit meinem Rad durch einen langen, dunklen Gang in die Werkstatt zu folgen. Dort holt er aus einem Regal Mountainbikepedale von Schimano. Er zeigt sie mir und ich nicke zustimmend. Reflektoren haben die Teile zwar keine, aber das interessiert in Spanien niemanden und mich auch nicht. Sofort montiert ein älterer Gehilfe die Pedale am Rad. Die alten hatte er vorher abmontiert und direkt in die Mülltonne geworfen. Dann erhielten die Lenkerenden noch zweifeine Moosgummistulpen. Nach zwanzig Minuten ist alles erledigt. Für alles soll ich inclusive Montage 18 € bezahlen. Dafür bekäme ich in Deutschland noch nicht einmal die Pedale. Froh, das alles so geklappt hat, drücke ich dem Gehilfen 2 € als Trinkgeld in die Hand. Der freut sich darüber ebenso, wie ich über die neuen Pedale.
Ich verabschiede mich und schiebe das Rad auf die andere Straßenseite. Denn dort ist ein Lidl und ich habe kaum noch was zu Trinken. Das passt mir gut, denn meine Lebensmittelvorräte (Käse, Salami, Brot) müssen auch ergänzt werden. Im Eingangsbereich vom Lidl steht ein uniformierter Wachmann - mit Pistole im Halfter. „Die müssen hier wohl schlechte Erfahrungen gemacht haben“ denke ich. Ich besorge, was ich brauche schnell und bezahle und ab dafür. In eine Schießerei möchte ich hier nicht geraten! Schiebend erkunde ich die quirlige Innenstadt. Doch das macht keinen richtigen Spaß. Überall werden neue Bürgersteigbeläge verlegt und ich entpuppe mich mit meinem Rad als wahres Verkehrshindernis für die anderen Fußgänger. Über die Calle de Chile gelange ich zu einem großen Verteilerkreis, der als Hauptspur die Autovia Richtung Navarrete birgt. Auf diesem Teilstück der Autovia darf ich auf dem Randstreifen fahren, da es eh keine andere Möglichkeit gibt, aus der Stadt raus zu kommen. Die meisten Nebenstrecken enden in irgendwelchen Randgebieten der Stadt in Sackgassen. Es ist tatsächlich in Spanien so, dass man auf den Autovias mit dem Rad fahren darf, wenn es nicht ausdrücklich verboten ist. Anders verhält es sich auf den Autopistas. Hier handelt es sich um Autobahnen im deutschen Sinne und auf denen hat man mit dem Fahrrad überhaupt nichts verloren. Man muss also immer auf den kleinen aber feinen Unterschied zwischen den Bezeichnungen achten!
Man kann sonst unfreiwillig in den Verkehrsnachrichten erwähnt werden. Vorsichtshalber hatte ich einen Polizisten, der mir zufällig auf dem Gehweg entgegen kam nochmals gefragt. Der bestätigte mit, dass ich hier auf der A 12 stadtauswärts fahren dürfe. Übrigens gilt in Spanien Helmpflicht für Radfahrer. Aber keiner ahndet Verstöße, da der Gesetzgeber die Strafen für eventuelle Vergehen vergessen hat, in den Bußgeldkatalog aufzunehmen. Ich stieg in den Sattel, ohne Helm. Denn dafür war es einfach zu warm. Prompt überholte mich eine Motorradstreife und schien nichts dagegen einzuwenden haben, dass ich mit Käppi statt Helm am öffentlichen Verkehr teilnahm. Die Straße führte leicht bergauf und zog sich in die Länge. Die Sonne machte ihrem Namen alle Ehre und hinterließ an meinem linken Arm und der linken Schläfe sogar eine Brandblase. Dies bemerkte ich allerdings erst abends. Wenn ich auf meiner Strecke unterwegs eine Apotheke sehe, werde ich mir Bebanthen Creme kaufen. Diese hatte ich leider nicht in meiner Erste-Hilfe-Ausrüstung.
An einer kleinen Parkbucht machte ich Pause. Ein guter Schluck aus der Flasche verfehlte nicht seine Wirkung und ich konnte zufrieden weiter fahren. Im Gelände zu meiner Linken konnte ich in nicht all zu großer Entfernung den Fußpilgerweg sehen. Fußpilger gingen, mit großen Rucksäcken auf dem Rücken tragend, nach vorne gebeugt den Weg Richtung Navarrete.
Man sah ihnen trotz der Entfernung an, dass auch sie mit der Hitze zu kämpfen hatten. Trotz dass es erst Frühling war, schien hier, vor den Grenzen Kastillien-Leons die Sonne schon so intensiv, wie bei uns im Hochsommer. Auch wenn es nachts noch empfindlich kühl wurde. Ich hatte davon gehört, dass es am Fußpilgerweg in regelmäßigen Abständen Brunnen geben soll. Aber es kursierten auch Informationen, dass viele Brunnen wegen verseuchtem Wasser geschlossen sind. Da hatte ich es mit dem Fahrrad schon einfacher, da ich in wesentlich kürzeren Abständen von Ort zu Ort kam. Während des Fahrens sah ich auch immer wieder Fußpilger, die von Mountainbikern bedrängt wurden. Eine Klingel am Lenker ist für diese Zeitgenossen ja uncool. Also wird sich mit Affenzahn von hinten an den – noch ahnungslosen Pilger – heran gepirscht um dann – beim Überholen des Geplagten in Kauf zu nehmen, dass dieser vor Schreck in die Botanik fällt. Die meisten Mountainbiker sind meistens nur mit kleinem Gepäck ausgestattet und fahren wahrscheinlich auch nur einzelne Etappen des Jakobswegs. Je mehr man sich Santiago näherte, umso mehr tauchten von dieser unangenehmen Art von „Pilgern“.
Als heutiges Etappenziel hatte ich Burgos ins Auge gefasst. Da es bis dahin von Logroño ca. 125 Kilometer waren, ließ ich Orte wie Navarrete und Nájera im wahrsten Sinne des Wortes „links“ liegen. Erst in Santo Domingo de la Calzada wollte ich erst wieder halten, da es dort in der Kirche ja den berühmten Käfig mit den zwei Hühnern gibt. Das Ganze geht auf eine Legende zurück, die schon zu Genüge in anderen Reiseberichten erwähnt wurde. Nach heute schon 56 Kilometern Fahrt, die ich dank moderatem Gelände in vier Stunden geschafft hatte, kam ich in santo Domingo de la Calzada an. Bei diesem Ort handelt es sich um ein größeres Dorf, was aber schon kleinstädtische Züge aufweist. Die „Hühner beherbergende“ Kirche hatte ich schnell gefunden. Doch wurde ich enttäuscht, denn wegen einer „geschlossenen“ Gesellschaft gab es für die Allgemeinheit keinen Einlass. Dann eben nicht, dachte ich und suchte die örtliche Pilgerherberge um wenigstens einen Stempel in meinen Pilgerausweis zu bekommen. Ich war erfolgreich und verließ Santo Domingo d. l. C. wieder. Mein nächster Halt war in Redecilla del Camino. Auch dort erhielt ich einen schönen Stempel. Bis Villafranca Monte de Oca war das Gelände nur leicht wellig. Aber so langsam kündigte sich mit leichten Steigungen die Auffahrt zu dem „Puerto de la Pedraja“ „meinem“ heutigen Pass an. Dies ist nach dem Erro-Pass, und dem Alto de Perdón mein Dritter mit einer Höhe von 1150 m ü. NN. Es sollte nicht der Höchste auf meiner Reise sein, aber auch dieser Pass hatte es in sich. Zunächst noch konnte man in kleineren Gängen hoch fahren, doch dann kamen lang gezogene Kehren, die ich wegen meinem, nicht leichten Gepäck auf dem Rad schiebend bewältigte. Doch nach einiger Zeit gab ich es auf, beim Gehen nach rechts unten zu schauen. Der Anblick von gelblicher Flüssigkeit, die sich in 2Liter-Flaschen befand, die als Toilettenersatz von LKW-Fahrern genutzt und dann anschließend in den Strassengraben geworfen wurden, lähmte mein Atmen. Ekelhaft! In einer Kehre machten zwei Polizisten eine Rauchpause. „Buenos Dias“ grüßte ich zu den Beiden rüber. „Hola Buenas“ „warfen sie zurück. Ich meine, dass sie mir lange nachgeschaut haben. Darüber machte ich mir aber keine weiteren Gedanken mehr. Denn nach der nächsten Kurve begann wegen einer Baustelle ein Verkehrsstau. LKW stand mit laufendem Motor hinter LKW, dazwischen ein paar PKW´s auch mit laufenden Motoren. Wahrscheinlich wegen den Klimaanlagen. Die Luft war zum Schneiden und machte einem das Atmen schwer. Mittlerweile waren die Anstiege flacher geworden und ich konnte wieder fahren. Nach dem Schild „Alto de Puerto de Pedraja hielt ich auf einem gammelig wirkenden Parkplatz, lehnte mein Fahrrad gegen einen Baum und machte Pause. Doch hier war es ungemütlich und ich fuhr weiter. Burgos liegt auf einer Höhe von 900 Metern über NN. Das heißt, wenn nichts dazwischen kommt, hatte ich ca. 26 Kilometern vor mir. Dieser Gedanke stimmte mich optimistisch. Denn es war schon 16 Uhr. Für die Überquerung des Passes hatte ich mehr Zeit, als erwartet gebraucht. Doch jetzt konnte ich zügig fahren. Durch waldreiche Landschaft ging es fast 15 Kilometer immer leicht bergab. Das empfand ich als Belohnung für die Bezwingung des Puerto de la Pedraja.
Ich fahre an dem Hinweisschild Richtung San Juan de Ortega vorbei. Dort verteilt der ortsansässige Pfarrer die legendäre Knoblauchsuppe an hungrige Pilger. Normalerweise müsste ich einen Abstecher in dieses Dorf machen, doch lässt das mein Zeitplan nicht zu. Wenige Kilometer vor Burgos treffe ich in dem Dorf Ibeas de Juarros ein. Laut meinem Reiseführer soll es dort eine Pilgerherberge geben. Ich fände es reizvoll, in diesem Dorf statt in Burgos zu übernachten. Ein Hinweisschild, das auf eine Herberge hinweist, gibt es nicht. Ich frage in einer Bar nach. Dort teilt man mir mit, dass es hier schon lange keine Herberge mehr gäbe. Sch….. Reiseführer. Also weiter nach Burgos.
Ich erreiche die Stadt. Fahre an einem größeren Gewerbegebiet, das rechts der Strasse liegt, vorbei. Dann wird die Strasse vierspurig. Es herrscht reger Verkehr und ich fahre sehr konzentriert. Manche Autofahrer hupen und grüßen freundlich. Da ich weiß, dass die Pilgerherberge von Burgos auf der anderen Seite des Rio Arlanzón liegt, fahre ich über die nächste Brücke auf die andere Seite von Burgos. Der Fluss trennt das historische Burgos vom Rest der Stadt. Bevor ich die Brücke überquerte konnte ich mir noch einen Eindruck von der gewaltigen Kathedrale machen. Ich glaube, ich muss diese Strecke noch mal mit dem Auto erkunden. Es gefällt mir nicht, dass ich so viele Sehenswürdigkeiten ignorieren muss.
Am linken Ufer des Arlanzón fahre ich eine Allee immer parallel zum Fluss. Eine Autofahrerin hupt mich an und zeigt fuchtelnd nach rechts. Jetzt erst bemerke ich, dass es hier einen separaten Fahrradweg(!!!) gibt. An so was hatte ich gar nicht gedacht. Ich winke der Autofahrerin freundlich zu und nehme den Fahrradweg für den Rest der Strecke in Anspruch. Die örtliche Herberge befindet sich in Form von einigen Baracken im „Parque de Parral“ in der Nähe der Universität von Burgos. Ich finde den Park schnell und schlendere, das Fahrrad schiebend zu der Herberge. Dort ist ein junger Student, der auch etwas Deutsch spricht, für das Registrieren der eintreffenden Pilger zuständig. Er zeigt mir die Gemeinschaftseinrichtungen, die Möglichkeit das Internet zu nutzen, die Küche und anderes. Nachdem der bürokratische Akt erledigt war, weißt er mich allerdings darauf hin, dass hier die Fußpilger bevorzugt untergebracht werden und dass es ein kann, dass ich wie einige andere Radler auch, in der nahe liegenden Turnhalle eines Sportzentrums übernachten muss. Diese Information nehme ich positiv zur Kenntnis, da es in den Baracken sehr stickig ist und die Enge, die hier herrscht bei mir ein bisschen Beklemmungen auslöst.
Gegen 20 Uhr soll eine Frau mit dem Schlüssel für die Turnhalle kommen und die Pilger, die in der Herberge keinen Platz mehr fanden, dorthin führen. Es ist jetzt halb acht und ich setze mich draußen auf eine Bank und telefoniere mit Sandra. Hier ist viel los. Auf der Wiese neben den Baracken stehen einige kleine Zelte und an der Seitenwand einer Baracke lehnen zahllose Fahrräder. Die Frau mit dem Schlüssel kommt (der südländischen Mentalität gerecht werdend) erst um halb Neun. Im Entenmarsch folgen ihr – inklusive mir – ca. 30 Pilger und Pilgerinnen. Ein bunt gemischter Haufen aus verschiedenen Nationen. Ich unterhalte mich mit einem Akademiker aus Leverkusen, der jedes mal dann, wenn er Beziehungsprobleme hat, eine Etappe des Jakobswegs wandert. Dieses mal will er bis León laufen. Nun, auch eine Form der Problembewältigung, denke ich. Er ist sehr redselig, aber ich habe keinen Bock auf so Beziehungsgequassel und gehe ihm für den Rest des Abends aus dem Weg.
Wir werden nun in die Turnhalle geführt. Wer ein Fahrrad dabei hat (neben mir noch vier andere Pilger) darf es mit in die Halle nehmen. Ich stelle mein Rad an das äußere Geländer der Zuschauerränge. So kann es nicht umkippen. Aus den Taschen nehme ich nur das, was ich für die Nacht brauche. Da ich nichts mehr zu trinken habe, nehme ich dankbar die Anwesenheit eines Getränkeautomaten auf, freue mich noch mehr, dass sich in meinem Portemonai auch passendes Kleingeld befindet und kaufe mir zwei Dosen Cola. Zurzeit spielen noch ein paar Leute in der Halle Handball. Als diese sich dann verziehen, breite ich unten, wie die anderen Reisenden auch, mein Nachtlager aus. Meine Therm-a-rest-Matte wird wohl den harten Boden ausgleichen. Den Schlafsack werde ich auch brauchen, denn es ist –wegen offen stehender Deckenfenster- empfindlich kühl hier. Was mir direkt auffällt ist die Tatsache, dass es sehr schallt, wenn geredet wird. Ich hoffe, das dass mein, oder das Schnarchen anderer nicht auf unerträgliche Maße verstärkt. Nicht weit von mir hat sich ein japanisches Pärchen sein Lager eingerichtet. Was die beiden aber aus ihren Rucksäcken zaubern, lässt mich staunen. Jeder hat eine Stange Marlboro-Zigaretten dabei. Da sie scheinbar ihren kompletten „Hausstand“ dabei haben, schaue ich neugierig zu, was noch so ausgepackt wird. Es folgen Nudeleintöpfe in Dosen(!!!). Dann Kekse, Käse und zwei Thermosflaschen. Danach folgen noch Flaschen Vittel Wasser so wie ein Gaskocher. Haben die beiden bei ihrer Reiseplanung zuhause gedacht, dass der Jakobsweg durch die Wüste führt? Nun ja.
Die Frau mit dem Schlüssel ließ uns noch wissen, dass die Halle um 22:00 Uhr abgeschlossen würde und zeigte uns aber den Notausgang, so dass keiner in Panik geraten musste.
Da ich bei einem ersten Inspektionsgang die Duschen und Toiletten für Herren entdeckt hatte, nutzte ich die Gelegenheit für eine wohlverdiente Dusche. Vom Komfort der Anlagen in der Halle war ich begeistert. Hochwertige Ausstattung. Ich stellte mich unter die Dusche und muss wohl die erwischt haben, bei der die Temperatur des Wassers nicht regulierbar war. Durch einen beherzten Sprung in den Vorraum vermied ich ernsthafte Verbrühungen auf meiner Haut. Das Wasser war höllenheiß. In der Dusche nebenan funktionierte dann alles.
Als ich fertig war, zeigte die Hallenuhr 21:45 Uhr an. Wenn ich noch eine rauchen wollte, musste ich mich sputen. Draußen vor der Tür fand ich mich in Gesellschaft der beiden Japaner, besser gesagt dem wahrscheinlich japanischen Ehepaar wieder. Sie grüßten mich lächelnd. Ich grüßte zurück. Sie fragten mich auf englisch, woher ich käme. „From cologne, Germany“ „With the bycicle?“ „Yes“ „Oh, ist a far away“ Ich erfuhr von den Beiden, dass sie aus der Nähe von Osaka kämen und drei Jahre für den Jakobsweg gespart und geplant hätten. Und das sie von St. Jean-Pied-de-Port aus bis Burgos schon elf Tage unterwegs wären. Wenn ich bedenke, dass ich mit dem Fahrrad nur drei Tage gebraucht habe. Und wer bewundert jetzt die Leistung des jeweils anderen mehr?
Wir pflegen noch ein bisschen Konversation, dann kommt auch schon der Hospitalero, bei dem ich mich angemeldet hatte, mit einem Schlüsselbund. Er komplimentiert uns in die Halle, wünscht uns noch eine Gute Nacht und schließt von Außen die Tür ab. Morgen früh können alle die halle über den Notausgang verlassen, aber um 7 Uhr käme jemanden vorbei und würde den offiziellen Ein- und Ausgang wieder aufschließen. Ein paar Notleuchten tauchten die Halle in ein heimeliges Licht. Ich kroch in den Schlafsack und konnte aber lange keine richtige Haltung zum Schlafen finden. Dann ließ ich etwas Luft aus meiner Matte heraus. Jetzt lag ich bequemer, hatte aber bei dem Getue die offene Cola-Dose umgeworfen. Mit eilig herbei geschafftem Klopapier sorgte ich wieder für einen reinen Boden. Trotz der Größe der Halle war es irgendwie gemütlich. Nur hörte man jedes Geräusch, jeden Huster, eben alles. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen. Zwischendurch bin ich mal aufgewacht, weil mir die Knochen vom Liegen wehtaten. Heute zurückgelegte 123 Kilometer meldeten sich noch einmal.
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
18. Tag. Dienstag, 16. Mai 2006 „In der Meseta“
Burgos – Hontanas – Castrojeriz – Frómista – Carrión de los Condes - Ledigos
112 Tageskilometer
Dieses mal weckte mich kein Wecker, sondern das rascheln und Knistern von Plastiktüten und Taschen, die hier und da in der Halle gepackt wurden. Instinktiv schaute ich zu meinen japanischen Nachbarn. Die verzehrten ein paar Kekse und nahmen mein Wachsein zum Anlass „Hai“ in meine Richtung zu grüßen. Ich tat es ihnen gleich und musste erst mal Geist und Körper sortieren. Ich hatte nicht gut geschlafen. Trotz Isomatte hatte ich den harten Hallenboden gespürt. Mir taten alle Gräten weh. Ich stand auf und streckte mich erst mal am Geländer der Zuschauerränge. Das Gehen einiger anderer Pilger motivierte mich dazu, auch meine „Sieben Sachen“ zu packen. Doch erst steuerte ich den Waschraum an. Zähne Putzen und Wasser durch die Haare sollte reichen. Schnell hatte ich alles zusammen gepackt und in den Taschen verstaut. Ich schob mein Rad quer durch die Halle zum Notausgang.
Die N-120, die für einige Kilometer „meine“ Straße verlief ganz in der Nähe der Turnhalle. Ich war entsprechend schnell auf dem richtigen Weg aus der Stadt. „Adiós Burgos“. Die Liste, der Städte, die ich noch mal gerne besuchen möchte, wurde immer länger. Ich fuhr stadtauswärts und begegnete einigen Pilgern, die in der Turnhalle übernachtet hatten.
In Tardajos sah ich in einer Kurve ein einladendes Straßencafe. Ich entschied mich, hier einen „Café con Leche“ (Kaffee mit Milch) zu trinken. Es war noch frisch, aber die Sonne schien schon ungetrübt vom Himmel. Meine Aufmerksamkeit galt mehr dem Plan, einen sicheren Abstellplatz für das Fahrrad zu finden. Dadurch bemerkte ich zu spät, dass mein gestriger „Gesprächspartner“, der Akademiker mit den Beziehungsproblemen auch schon hier angekommen ist. Er machte wegen leichtem Stechen im rechten Knie eine längere Pause. Es kam, wie es kommen musste. Ich hatte mal wieder „Mit mir kann man Reden“ auf der Stirn stehen und er machte davon, nachdem er mich an seinen Tisch gebeten hatte, reichlich Gebrauch von dieser imaginären Einladung.
Dass auch ein Mann so viel reden kann, war für mich eine neue und zugleich belastende Erfahrung. Zu guter letzt lud er mich auch noch zu seinem für den 15. August geplanten Vortrag über „Seinen Jakobsweg“ ein. Mit Untermalung durch gregorianische Gesänge will er dann von seiner Wanderung von Burgos nach León erzählen. Das maximalste an Gregorianischen Gesängen, die ich an meine Ohren heran lasse, sind die von „Enigma“.
Ich lasse ihn erzählen und führe in meinem Kopf eine Strichliste über die Pilger, die während seines Monologs an dem Cafe vorbei ziehen. „So, ich fahre weiter“ entschuldige ich mich bei meinem, immer noch erzählenden Gegenüber und ignoriere den verdutzten Eindruck in seinem Gesicht. „Natürlich komme ich zu deinem Vortrag nach Leverkusen“ lüge ich ihm noch entgegen und verziehe mich zu meinem Fahrrad. Meine Strecke führt mal links, mal rechts der Autobahn. Immer wider sehe ich in einiger Entfernung den Fußpilgerweg, der bestimmt idyllischer als meine geteerte Bahn ist. Aber mit dem Gepäck wäre es eine Tortour auf dem teilweise schotterartigen Weg zu fahren.
Ich war schon in der Meseta, dem nördlichen Ausläufer der zentralspanischen Hochebene angekommen. Es ging ohne irgendwelche Steigungen zum Teil kilometerlang Geradeaus. Dann machte die Straße mal einen Rechts- oder Linksknick um wieder lange Geradeaus zu verlaufen. Links und rechts der Straße sah ich ein Dorf nach dem anderen. Manches hätte bestimmt einen Besuch verdient.
Doch dann wäre ich wahrscheinlich viel zu spät in Santiago de Compostela angekommen. Bei Villasandino verlasse ich die N 120 und fahre auf der BU-404 weiter, da ich sonst einige geschichtsträchtigen Orten wie Castrojeriz oder Frómista großspurig umfahre. Von weitem sehe ich schon die riesige Burgruine von Castrojeriz.
Auch sie kommt auf meine Liste, späterer gewünschter Ziele. Der Bequemlichkeit halber fahre ich einen Umweg und ziemlich großen Bogen Richtung Frómista. Dort ist Marktag. Ich kaufe mir zwei Bananen, zwei Äpfel und eine Flasche Fanta. Dann geht es weiter über Población de Campos und andere Orte nach Carrión de los Condes. So blöd es auch klingt, aber der Ortsname allein sagt mir schon, dass ich hier eine Pause einlegen werde. Ich fahre in die Ortsmitte und finde schnell die örtliche Pilgerherberge. Dort drückt mir ein älterer Hospitalero gerne den gewünschten Stempel in den Pilgerausweis. Als Radfahrer muss ich zwar erst die letzten zweihundert Kilometer mit täglich einem Stempel nachweisen, um die begehrte Compostela zu erhalten. Doch das Stempelsammeln als Erinnerung für später macht Spaß.
In einer Senke links entfernt von der Hauptstrasse befindet sich ein Park mit Schatten spendenden Bäumen. Durch den Park fließt der Rio Carrión. Ich setze mich ans Ufer und lasse meine Füße von dem angenehm temperierten Wasser abkühlen. Dann setze ich mich mit einem leckeren Schokolade-Eis, dass ich mir vorher an einem Kiosk gekauft hatte auf eine Bank und studierte eine meiner Landkarten. Der Bikeline-Fahrradreiseführer war wegen seines Maßstabes 1:100000 die größte Hilfe.
Laut meinem Tacho hatte ich heute schon 83 Kilometer zurückgelegt. Es war mittlerweile schon 16 Uhr durch. Da ich so gut wie nichts mehr zu trinken hatte, wollte ich einen in der Nähe befindlichen Supermarkt besuchen. Doch der öffnet erst wieder 17 Uhr. Ich mache, da der Zweck die Mittel heiligt, eine ausgedehnte Pause und schiebe kurz vor 17 Uhr mein Rad Richtung Supermarkt. Mit Getränken versorgt fahre ich dann Richtung Ortsausgang. Links der Strasse macht mich ein größeres Gebäude mit einer Muschel auf der Fassade neugierig. Laut der Inschrift am haus scheint es sich um eine Art Museum zu handeln. Ich gehe hinein und es ist tatsächlich ein Museum. An einer großräumigen Theke sehe ich mir die Auslagen an. Derb Jakobsweg wird hier mit allerlei Krimskrams vermarktet. Vom Feuerzeug bis zum Schlüsselanhänger bekommt man hier alles mit Muschel oder gelbem Pfeil dekoriert. Und….. ich sehe einen sehr schönen Stempel, dessen farbiger Abdruck mir gut in meinem Pilgerausweis gefallen könnte. Die Dame an der Theke erfüllt mir den Wunsch und wieder ist eine freie Fläche in dieser Form eines Reisedokuments gefüllt. Wir unterhalten uns noch ein bisschen und sie erzählt, dass sie drei Jahre in Trier gelebt und gearbeitet habe. Sie wäre gerne in Trier geblieben, doch ihr Arbeitgeber (irgendein Kirchenstift) hat sie wieder nach Spanien beordert.
Über eine alte Brücke verlasse ich Carrión de los Condes und sehe rechts an der Straße den ersten Hinweis auf Santiago de Compostela. Eine Kilometertafel sagt, das es noch 438 Kilometer bis dorthin sind. Laut der Gesamtkilometeranzeige meines Tachos habe ich von Zuhause bis hierhin schon 1912 Kilometer zurückgelegt. Wahnsinn.Wahnsin!!! Es kommt mir gar nicht so viel vor. Körperlich bin ich voll fit. Bis auf die kaputte Pedale bei Estella hatte ich auch keine weiteren Pannen. Wenn das so weiter geht……… Aber man soll das Glück nicht provozieren.
Ich bin wieder auf der N 120. Es geht immer weiter geradeaus. Ich komme nach Calzada de los Molinos und gönne mir eine kleine Pause. Kurz nach Cervatos de la Cueza muss ich recht abbiegen. Die N 120 führt wieder geradeaus Richtung Autobahn. Die Landschaft wird von künstlich bewässerten Feldern bestimmt. Gegen 18 Uhr nähere ich mich dem kleinen Ort Ledigos. Links der Straße fahre ich an drei Pilgern der lustigen Art vorbei. Sie lachen, winken mit ihren Stöcken und rufen „Buen camino“ hinter mir her.
Im Bereich des Ortsausgang lese ich schon von weitem an einer Hauswand rechts der Straße die Aufschrift „Refugio“. Wenn ich einen Platz bekomme, werde ich heute hier übernachten. Ich biege in die nächste Straße rechts ein, finde außer dem Eingang zu einer Bar keinen Einlass zum Refugio. Von einem, zufällig vorbei kommenden älteren Herrn erfahre ich, das ich in die Bar gehen müsste. Der Wirt sei der Hospitalero des Refugios. Ich melde mich in der Bar. Die Wirtin des Hauses begrüßt mich herzlich und öffnet einen Einlass durch ein großes Scheunentor, damit ich mein Fahrrad in den Hof stellen kann. Dann führt sie mich an einen Schreibtisch, trägt meine Daten in das große Buch des Hauses ein und zeigt mir einen Raum mit mehreren doppelstöckigen Betten. Der Raum ist mäßig belegt. Der Anstalt halber weise ich die Wirtin darauf hin, dass ich vor ca. einem Kilometer drei Fußpilger überholt hätte, die bestimmt auch noch ein Bett suchten. Sie lachte und zeigte mir einen Nebenraum. Der Boden war voll mit Matratzen belegt. Also noch Platz genug Platz für übernachtungswillige Pilger.
5 € ist der übliche Obulus für eine Nacht. Sie fragt mich noch, ob ich Hunger habe. Ich antworte wahrheitsgemäß JA!!!. Wir vereinbaren, dass ich in einer halben Stunde zum Essen ins Lokal käme. Dann verstaue ich erst mal meine Taschen am Ende des Bettes. Die wichtigen Dinge habe ich immer in der Lenkertasche, die ich so weit möglich bei mir trage.
Ich muss auf die Toilette. Nicht einfach! Die Tür hat einen kleinen Riegel von innen. Da aber schon mehrere Personen in der Vergangenheit die Tür, trotz Besetzt-Schild von außen öffnen wollten hat der Riegel eine tiefe Furche im Türrahmen hinterlassen und seine Funktion als Eilaßsperre eingebüßt. Da die Tür nach offen auf geht und meine Arme zum Zuhalten derselbigen nicht lang genug sind, ähnelt meine „Sitzung“ einem Glücksspiel. Und ich hatte Glück, niemand hatte zur gleichen Zeit wie ich ein dringendes Bedürfnis.
Ich ging anschließend in das Lokal und setzte mich allein an einen Tisch. Viele Pilger waren nicht anwesend. Vielleicht lag es an der Uhrzeit (19 Uhr). Ich bekam zuerst einen Salat mit Brot. Statt dem angebotenen Rotwein bat ich um ein großes Bier. Dieses wurde mir in einem Halbliterglaskrug serviert und verweilte auch nicht lange darin. Ich hatte Durst. Das spanische Bier hat scheinbar einen niedrigeren Alkoholgehalt. Denn ich fühlte mich auch nach dem zweiten Krug noch wohl. Nach dem Salat gab es eine leckere Gemüsesuppe und dann kleine Schnitzel mit Patatas Fritas. Zu guter letzt noch ein gemischtes Eis. Und das komplett für schlappe 6,50 €.
Jetzt war ich satt und müde. Ich ging in das Zimmer und holte mir noch meine Zigaretten, nahm auf einem der zahlreichen angebotenen Stühle Platz und telefonierte mit Sandra. Es war schon dunkel und wurde auch ziemlich frisch. Daher zog ich es vor, mich in meinem Schlafsack einzurollen. Die Tür zum Hof blieb über Nacht offen. Da es sich aber um ein, nach Außen geschlossenes Gehöft handelte, bestand keine Gefahr für Leib und Leben.
Das Handy schaltete ich aus, da ich am nächsten Morgen nur mich und nicht die ganze wohlverdient schlafende Gemeinschaft wecken wollte. Über mir das Bett war auch jetzt noch leer, allerdings seiner Matratze beraubt. Der Nebenraum war jetzt auch gut belegt und wahrscheinlich hatte sich einer der Nachkommenden Pilger die ebengenannte Matratze für seinen Schlaf als nützlich erachtet.
Die Lenkertasche mit den wichtigen Dingen (auch dem Handy) schob ich unter mein Bett, wo sie allein schon durch meinen Körper fixiert und dem Zugriff fremder Hände entzogen wurde.
Ich hörte von draußen nur noch ein wenig Stimmengemurmel und das leichte Rauschen des Windes. Beide akustischen Eindrücke wiegten mich in den Schlaf.
[BREAK=19.Tag Mittwoch 17.mai 2006 "Weiter in der Meseta"]
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
19. Tag. Mittwoch, 17. Mai 2006 „Weiter in der Meseta“
Ledigos – Sahagún – El Burgo Ranero – Mansilla de las Mulas – León – San Martin del Camino - Astorga
136 Tageskilometer
Wie von der Tarantel gestochen, wache ich auf! Der auf „Alarm“ gestellte Wecker des Handys kreischt aus der unter der Matratze verstauten Lenkertasche kreischt mit ansteigender Lautstärke.
[B]Mist!! Ich hatte das Handy doch ausgeschaltet, aber dabei nicht bedacht, dass die Weckfunktion dabei erhalten bleibt. Ich rase Schlaftrunken aus dem Bett, da ich sonst nicht an die Tasche komme, hole das Handy raus und stoppe den Alarm. Hoffentlich habe ich keinen geweckt. Um mich herum ist es noch ruhig. Samt Handy und Waschsachen schleiche ich zu den, im Hof befindlichen Waschbecken. Dort befindet sich nämlich eine Steckdose um den Akku des Telefons wieder ein bisschen aufzuladen. Während ich mich wasche, fragt mich ein bedrohlich blickender englisch sprechender Zeitgenosse, ob ich in dem Bett geschlafen hätte und zeigt auf die Liegestatt, die ich tatsächlich die Nacht benutzt hatte. Ich antworte kleinlaut „Yes, why?“ Er murmelt irgendwas, sich von mir wieder abwendend durch die Gegend. Ich glaube, dass er einer der „Opfer“ meines lautstark eingestellten „Handy-Alarms“ war.
Nachdem ich mit der Morgentoilette fertig war, packte ich mein Rad und ging rüber zum Lokal, weil ich noch gerne einen Café con leche trinken wollte.
Während ich so an dem heißen Getränk schlürfte, betraten zwei Gestalten die Bar, die mir wieder mal den Kamm schwollen ließen. „Sie“: Gel geleckt, in hautengem Raddress, rosa Puma-Schüchschen, ein kleines goldenes Jakobsmüschelchen um den Hals und stets bedacht, in beeindruckender Pose (Brust raus) die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen. Er: Ebenso geleckt (wahrscheinlich Spanier) in ebenso engem Raddress, mit goldfarbener Armbanduhr am Arm und kleinem goldenen Kreuzchen um den Hals. Ebenso eitel nach Aufmerksamkeit heischend. Ich kann mich ja über solche Gestalten richtig aufregen und war neugierig, was die jetzt hier im Lokal wollten. Ich packe es nicht. Sie warteten auf den Busfahrer, eines Kleinbusses, der gerade mit dem Wirt über die Entfernung zur nächsten Tankstelle im Gespräch war.
Danke, lieber Gott dass ich nichts mit solchen Witzfiguren zu tun habe. Ich glaube, ich bekäme Ausschlag, wenn ich mit solchen Gestalten auch nur mehr als ein Wort wechseln müsste. Beide waren tatsächlich Spanier. Ich hatte auch noch nirgendwo auf meiner Reise solch eine Konzentration von Eitelkeiten wie in Spanien zu sehen bekommen. Endlich verschwanden sie mit dem Busfahrer. Ich bemerkte schon an den irritierten Blicken einiger anderer Gäste, dass sie ähnliches wie ich gedacht haben müssen.
Nachdem ich meinen Kaffee getrunken hatte, verabschiedete ich mich, nahm das Fahrrad und schob es vom Hof, an die nahe Landstraße. Durch eine leicht kurvige Allee verschwand ich aus dem Dunstkreis Ledigos. Es war gerade mal 8 Uhr. Ich hatte noch den ganzen tag vor mir und genoss die morgendliche Frische. Just in dem Augenblick überholte mich der Bus, in dem auch die beiden „zum Mensch mutierten Eitelkeiten“ saßen. „Gallego Viajes“ stand auf dem Bus. Ich vermute, dass es sich um so eine exklusive Jakobspilgerreise“ handelt, an der die beiden teilnahmen. Die oben auf dem dach befindliche Klimaanlage des Busses war fast größer als der Nutzraum des Fahrzeugs.
Fast nur geradeaus fuhr ich (zeitweise parallel zur Autovia 231) die 15 Kilometer bis Sahagún. An einem Brunnen mit Bank machte ich halt und genehmigte mir eine kleine Zigarettenpause. Dabei beobachtete ich vorbeiziehende Pilger. Im Gedanken versuchte ich mir vorzustellen, ich wäre von Bergisch-Gladbach aus, mit einem Rucksack auf dem Rücken Richtung Santiago de Compostela los gezogen. Wie ich mich kenne, würde das mich wahrscheinlich zwischendurch zum Pfuschen verführen. Manche Etappe würde ich dann auch in einer „Null-Bock-Phase“ a la Hape K. mit dem Bus oder Zug zurücklegen. Nein! Für mich persönlich war die Entscheidung von Zuhause quasi ab der Haustür los zu fahren, die perfekte Entscheidung.
Jetzt, wo es nur noch knappe vierhundert Kilometer bis Santiago waren, machte ich mir auch schon Gedanken über den Rücktransport des Rades nach Deutschland. Bis jetzt wusste ich nur, dass Busse Fahrräder nicht mehr mitnehmen und dass es in Santiago Speditionen gibt, die man mit dem Transport des Fahrrades beauftragen kann. Aber das in die Tat umzusetzen, hat ja noch Zeit.
Ich stieg wieder in den Sattel und fuhr weiter Richtung Gordaliza del Pino. Kurz hinter Sahagún machte die Straße einen Linksknick um dann wieder unbeirrt für einige Kilometer geradeaus zu führen. Nach Castrovega de Valmadrigal wechselte ich auf die N 601, die tatsächlich, ohne Kurven auskommend, fast 20 Kilometer bis Mansilla de las Mulas führte. In Mantallana del Valmadrigal passierte es dann.
Ich hatte ja immer noch mit Sonnenbrand an der Schläfe und dem Linken Arm zu tun. Am Ortseingang hielt ich rechts an um zu gucken, ob ich Kleingeld hatte, falls ich hier eine Apotheke fand. Ich wollte mich mit dem linken Fuß zum Absteigen abstützen und es war so, als wenn ich weder ein linkes Bein noch einen linken Fuß hätte. Ich kippte einfach mit dem Fahrrad um. Die vordere linke Tasche flog vom Taschenhalter und ich saß auf dem Allerwertesten.
Es war nichts passiert. Weder mir noch meinem Material. Ich dachte nur, „gut dass dich jetzt keiner gesehen hat“. Das wäre peinlich gewesen. Ich stand wieder auf, rückte alles am Rad zurecht und machte mir erst mal eine Zigarette an. Dann schob ich das Rad ein paar Meter und sah schon rechts an einem der Häuser das Schild „Farmacia“. Ich stellte mein Fahrrad ab und ging in die Apotheke. Meine Frage nach „Bebanthen“ endete mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn der Apothekerin. Sie bot mir eine Art Apre´-Sun Lotion an. Ich dachte, erst mal besser als nichts und trug mir draußen das übel riechende Zeug auf die Haut auf.
Ich fuhr weiter auf der N 601 über Mansilla de las Mulas und Puente Villarente. Kurz nach Valdelafuente hatte die N 601 fast autobahnartigen Charakter. Als ich die ersten Häuser von León passierte, wechselte ich rechts auf eine kleinere Parallelstraße Richtung Innenstadt. An einem Verteilerkreis, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand, fragte ich zwei Passantinnen nach dem Weg zum hiesigen Refugio. Sie lachten und zeigten auf eine Messingmuschel, die in den Bürgersteig eingelassen war und sich fast genau vor meinen Füssen befand.
Ich solle einfach diesen Zeichen folgen, dann käme ich automatisch zu der gewünschten Adresse. Das Refugio wollte ich wegen dem, von mir begehrten Stempel für meinen Pilgerausweis aufsuchen. Ich folgte den Muscheln im Bodenbelag und fand das Refugio tatsächlich auf dem Plaza del Grano. Durch eine schwere Eichentür kam ich in einen Innenhof. In der ersten Etage fand ich das Büro, in dem ich meinen Wunsch nach einem Stempel äußern konnte. Ich bekam ihn und konnte um einen Stempel reicher meinen Weg in die Innenstadt fortsetzen. Ich wollte nämlich die Kathedrale, die auch schon in vielen Reiseberichten Erwähnung fand, in Natura sehen. Ich fand die Kathedrale, um die Mittagszeit leider geschlossen vor. Gegenüber der Kirche fand ich das Tourismusbüro. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Kirche erst um 16 Uhr wieder geöffnet würde.
Das war mir zu spät. Denn ich hatte als heutiges Etappenziel Astorga ins Visier genommen und bis dahin waren es von León aus noch ca. 50 Kilometer. Durch eine belebte Fußgängerzone schob ich mein Rad wieder in die Richtung, aus der ich gekommen war. An einer Hauptstraße achtete ich auf entsprechende Hinweise, die mir den Weg nach Astorga zeigen würden. Doch vorher kaufte ich noch eine Ansichtskarte, die ich an Sandra schicken wollte.
Ich fand eine, auf der verschiedene Städte entlang des Jakobswegs abgebildet waren. Ich kreuzte die Städte, durch die ich schon gekommen war an und schrieb in einem Park ein paar Grüße dazu. Am nächsten Briefkasten warf ich die Karte ein und folgte, dem eben entdeckten Schild Richtung N 120. Ich wusste von einem Stadtplan, dass diese Richtung Astorga führt. Während ich so in Gedanken versunken das Rad weiter auf dem Bürgersteig schob, sprach mich ein älterer Herr freundlich an. Von der Kleidung her wirkte er wie ein Pfarrer. Er fragte mich nach dem „Woher und Wohin“ und wollte alles ziemlich genau wissen. Mein Spanisch reichte, um alles, was er sagte und fragte sinngemäß zu verstehen. Doch mit der Sprache hapert es bei mir immer etwas. Vielleicht aus Unsicherheit. Noch unsicherer wurde ich allerdings, als er mich in sein haus zum Essen einladen wollte. Das war mir dann doch zu „freundlich“ und ich lehnte dankend mit dem Argument ab, dass ich noch einen langen Weg bis Astorga hätte. Was ja auch stimmte. Ich verabschiedete mich und dachte nur, dass ich vielleicht zu misstrauisch sei. Aber ganz geheuer war mir die erlebte Situation nicht. War halt so ein Gefühl. Als ich das Schild Richtung Astorga entdeckte, kam in mir wieder alle Energie zum Weiterfahren hoch. Ich hätte rechts auf die Hauptstrasse abbiegen müssen. Doch sah ich in einem Gewerbegebiet auf der gegenüber liegenden Straßenseite groß das Schild eines deutschen Discounters. Zu Trinken und auch was zu essen brauchte ich. Typisch Lidl. Rechts das Brot und links der Kaffee….. Ich erledigte meine Besorgungen und amüsierte mich noch darüber, dass hier nach dem Einkauf die Kassenbons genau so argwöhnisch geprüft werden, wie bei uns. Die Summe von 1,99 und 0,99 und 2,99 und so weiter macht eben ein Vielfaches dessen, was man meint, gefühlsmäßig gekauft zu haben. Das geht mir zuhause regelmäßig so und ich habe mich schon lange damit abgefunden, dass diese ,99erei eine ganz raffinierte Erfindung und Kostenfalle der Händler ist. Aber das nur am Rande. Ich fuhr wieder zur N 120 und orientierte mich erst mal Richtung La Virgen del Camino, einem Vorort von León. Aber erst mal musste ich eine endlos lange geradeaus führende langweilige, mit noch langweiligeren Häusern flankierte Strecke hinter mich bringen. Nach ca. einer halben Stunde brachten eine Rechtskurve und ein kleiner Verteilerkreis Abwechslung in das hinter mir gelassene öde Teilstück meiner Fahrt Richtung Astorga. Ab Valverde de la Virgen fuhr ivh immer wieder parallel zur Autopista Nr. 71. Wenn ich die auf der Autobahn fahrenden Autos sah, kam ich mir unheimlich langsam vor. Der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass ich ein bisschen bergauf fahren musste. Als ich gegen 16 Uhr in Hospital de Orbigo ankam, hatte ich von León aus schon 33 Kilometer zurückgelegt. Laut einer Hinweistafel waren es bis Astorga nur noch ca. 22 Kilometer. Spätestens 18 Uhr würde ich dort ankommen.
So war es dann auch. Ich spulte die Kilometer, immer die Autobahn zu meiner Linken bis an einen Verteilerkreis ab. Dort bog ich an einem Verteilerkreis Richtung San Justo de la Vega ab, da die N 120 in eine Fernstrasse mündete. Von San Justo aus waren es nur noch wenige Kilometer bis Astorga. Dort angekommen fragte ich mich zu der örtlichen Pilgerherberge durch. Es war ein relativ kleines Gebäude, das ich vorfand. Die Herberge war leider voll belegt. Doch die Hospitalera sagte mir, dass nicht weit von hier an der historischen Stadtmauer eine größere herberge sei und sie mich dorthin bringen würde. Das fand ich total nett. Denn offen gestanden war ich von der heutigen Fahrerei doch was geschafft. Die Frau fragte mich beim gehen, von wo ich heute käme. Der Ortsname Ledigos sagte ihr nicht wirklich was. Ich erzählte ihr, dass Ledigos „un Pueblo“ also ein Dorf 136 Kilometer von hier entfernt sei. Als sie die Kilometerzahl hörte, über die ich offen gestanden im Nachhinein selber staunte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. „Dio mio, que loco estas“ Frei übersetzt: „Mein Gott, wie bekloppt ist das denn?“ Stimmt. Ich war doch nicht auf der Flucht. Doch es war ein super Vorankommen in der Meseta. Doch damit sollte ab Astorga Schluss sein, denn es standen Bergtouren bevor.
Zufällig kam uns der Hospitalero meiner „alternativen“ Herberge entgegen. Er nahm mich in Empfang. Ich verabschiedete mich von der Frau. Sie musste aber dem Hospitalero noch „stecken“, dass er mir ein gutes Bett geben solle, da ich heute 136 Kilometer hinter mir habe.
Er versprach ihr, dass ihr Wunsch ihm Befehl sei und wir gingen zusammen an der alten Stadtmauer, von der man einen herrlichen Blick ins tiefer gelegene Umland hatte zur Pilgerherberge.
Als wir dort ankamen, staunte ich schon. Die Herberge befand sich in einem imposanten Gebäude, wohl einem ehemaligen Kloster oder ähnlichem. Mein Fahrrad konnte ich in einem Innenhof abstellen, dann folgte das übliche Eintragen meiner Personalien in ein großes Buch. Auch hier wurde eine Spende von 5 € erwartet. Dafür gab es auch wieder einen schönen Stempel in den Pilgerausweis.
Danach führte mich der Leiter des Hauses durch lange Flure zu den einzelnen Einrichtungen. Zuerst zeigte er mir die „Schlafzimmer“. Im Grunde genommen handelt es sich um einen, durch Vorhänge in Schlafparzellen mit je vier Doppelstockbetten aufgeteilten großen Saal. Es war nicht viel los um diese Jahreszeit, denn ich musste die mir zugewiesene „Parzelle“ nur mit einem aus England kommenden Pilger teilen. Das heißt, ein 8 Betten-Zimmer für zwei Personen, wenn nicht am späten Abend noch jemand anreisen sollte. Ich bekam noch den Waschraum, die Duschen und die Toiletten gezeigt. Alles in sehr gutem Zustand. Ich kann sagen, diese Herberge ist mehr wert als nur eine Spende von 5 €. Zu guter letzt zeigte der Hospitalero noch die Gemeinschaftseinrichtungen wie Küche, Waschraum mit Waschmaschinen und Wäschetrocknern. An alles war gedacht. Die „Führung“ war beendet und ich zog mich erst mal in meine „Parzelle“ zurück. Die Taschen packte ich aus und verstaute alles auf dem Bett über mir. So konnten die Klamotten mal wieder lüften. Dann nahm ich die Lebensmittel, die ich mir in León im Lidl gekauft hatte und ging in die große Wohnküche, die auch mit allem, was man zum Kochen oder Zubereiten brauchte, ausgestattet war. An dem großen in der Mitte des Raumes stehenden Tisch hatten sich, wie ich am Akzent zu erkennen glaubte, zwei junge Amerikanerinnen nieder gelassen um unzählige Fotos zu betrachten und bei jedem zweiten Foto unbeherrscht loszulachen. Ich ließ mich allerdings nicht stören und schnitt mir kleine Würfel aus dem mitgebrachten Vollkornbrot und einer Paprikawurst. Eine der beiden Amerikanerinnen beobachtete mein Zubereiten des Abendbrotes mit einer Miene im Gesicht, als wenn ich gerade Regenwürmer oder ähnliches essen würde. Nun, die Amis kennen ja nur Pappebrot und Pappeburger grinste ich vor mich hin. Ihre Neugier galt alsbald auch wieder mehr den, auf dem Tisch liegenden Fotos statt meinem Abendessen.
Ich hatte keinen allzu großen Hunger. Den Rest meiner Mahlzeit packte ich ein und deponierte ihn im Kühlschrank (morgen Früh nicht vergessen!). Dann ging ich erst mal in meine „Parzelle“. Von meinem Mitbewohner hatte ich bisher weder was gesehen noch gehört. Neben seinem Bett stand ein großer Rucksack, ein paar Wandersandalen und mehrere Flaschen spanisches Bier. Ich hoffe, dass der Geselle nicht so ein „Alki“ ist und nachher die Nacht zum Tag werden lässt. Diese Sorge war, im Nachhinein betrachtet, unbegründet. Ich nahm mir eine Flasche Cola, die Zigaretten und ging vor das Haus. Hier standen einige Stühle und kleine Tische. Da die Herberge nicht im Zentrum der Altstadt lag, konnte man hier wunderbar entspannen. Ein paar andere Pilger saßen ebenfalls draußen, unterhielten sich oder machten es so wie ich und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein.
Die Ruhe wurde plötzlich durch ein ständiges Geklapper unterbrochen. Zunächst dachte ich, es handele sich um Kinder, die Holzstöcke in Fechtmanier gegeneinander schlügen. Doch das Geklapper kam von OBEN! Vom Dach des schräg gegenüber stehenden Hauses. Ich dachte, ich sehe nicht recht. Auf dem Dachfirst trippelten drei Störche herum, die sich wahrscheinlich angeregt über das am Tag Erlebte „unterhielten“. Dies eine zeitlang beobachten zu können, war eines der Erlebnisse, die mich auf dieser Reise am meisten beeindruckten. Musste ich fast 2000 Kilometer quer durch Nordspanien mit dem Fahrrad bis hierhin fahren um zum ersten mal Störche in freier Natur zu sehen? Scheinbar ja! Und der in mir seit Kindheitstagen schlummernde Begriff „Klapperstorch“ bekam jetzt eine ganz andere Bedeutung. Die Störche „klapperten“ bis weit in die Dämmerung. Dann war nichts mehr zu hören. Wahrscheinlich schlummerten sie schon friedlich in ihren Nestern. Das sollte ich auch langsam tun, fiel mir ein. Denn morgen stand unter anderem das „Cruz de Ferro“ auf dem Monte Irago als Etappenziel an. Hierzu musste ich auf eine Länge von ca. 27 Kilometern ca. 650 Höhenmeter überwinden.
Ich rauchte noch eine Zigarette und ging dann Richtung Bett. „Meinen Mitbewohner“ hatte ich immer noch nicht zu sehen bekommen. Nach einer Reinigungszeremonie im Waschraum legte ich mich schlafen. Es war sehr ruhig und von den „Nachbarparzellen“ hörte ich das gleichmäßige „Schnorcheln“, dass wie von Mitmenschen klingt, die ihren Schlaf wohl verdient hatten. Es muss knapp nach 22 Uhr gewesen sein. Die Ruhe war dahin. Von draußen klang das laute Knallen und Pfeifen von Sylvesterknallern bis in den letzten Winkel der Herberge. Spanien muss wohl in irgendeiner Vorrunde der Fußball-WM 2006 gewonnen haben. Eine andere Erklärung hatte ich in diesem Augenblick für das Geknalle und Gegröle nicht. Doch alsbald wurde es wieder ruhig. Mein Zimmermitbewohner war immer noch nicht aufgetaucht.
136 Kilometer Tagesstrecke hinter mir lassend, schlafe ich schnell ein.
Meine Reisegeschichte
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15. Tag. Samstag, 13. Mai 2006 „Hola Pamplona“
St. Jean-Pied-de-Port – Arnéguy – Valcarlos – Ibanéta-Pass - Roncesvalles – Larrasoaña - Pamplona
91 Tageskilometer
Nicht vom Handywecker, sondern von der eigenwilligen, klopfenden Wasserleitung werde ich geweckt. Wahrscheinlich ist Mike schon im Bad zu Gange. Er ist im Bad! Ich schleiche mit meinem Handtuch ins Zimmer zurück und lausche, bis ich die Badezimmertür höre. Dann eben ins Bad und fertig machen fürs Frühstück. Ich nehme schon alle Klamotten mit nach unten und verstaue sie am Rad. Aus der Küche duftet es nach Kaffee. Madame Debrille sitzt bereits mit Mike und einem anderen jungen Mann am Tisch. Er stellt sich als Pierre aus Antwerpen vor und will auch die 800 Kilometer nach Santiago laufen. Er kann gut Deutsch und so quasselt die Frühstücksrunde ein bisschen Spanisch, ein bisschen Englisch und ein bisschen Deutsch. So hatte ich mir das in etwa vorgestellt. „Multikulti“ auf dem Jakobsweg. Das Frühstück war ein richtiges Verwöhnbuffet. Gegen halb neun Uhr löste sich die Runde auf. Madame Debrille umarmte jeden herzlich wünschte uns Viel Glück, eine gute Reise und dass wir für sie zum Hl. Santiago (so heißt der Hl. Jakob in Spanien) beten sollen. Das mit dem Beten habe ich bleiben lassen, aber schöne Grüße habe ich dem Hl. Santiago von Madame Debrille bestellt.
Ich schob mein Fahrrad aus dem Haus und die Gasse herunter. Es war leicht am nieseln, so das ich die Regenjacke für nützlich erachtete. Musste ich gestern noch viel Kraft dafür aufwenden, dass Fahrrad überhaupt die Gasse hoch zu kriegen, musste ich jetzt beide Bremsen betätigen, damit das Fahrrad keinen Fluchtversuch Richtung Tal unternahm. Unten an der Straße stieg ich in den Sattel und folgte den Schildern Richtung Pamplona auf der D 933. Zu meiner Überraschung verlor ich bis Améguy, wo der (jetzt nur noch imaginäre) Übergang nach Spanien ist, erheblich an Höhenmetern. Das heißt von St. Jean-Pied-de-Port bis hierhin ( knappe 8 Kilometer) ging es fast nur leicht bergab. Dafür durfte ich aber ab Améguy stramm im kleinen Gang in die Pedale treten. Die nächsten 18 Kilometer bis zum Ibañeta-Pass (1059 m über NN) verbrachte ich zu zwei Dritteln im Sattel, ein Drittel schiebend. Oben angekommen konnte man höchstens 10 m weit sehen. Nebel und Nieselregen ließen keinen Rundblick zu. An einer hässlichen Betonkapelle machte ich Pause. Auf einer Wiese neben der Kapelle standen unzählige kleine Holkreuze, die Pilger gebastelt und hier aufgestellt hatten. Eine schöne Tradition! Ich fuhr weiter bis Roncesvalles. Nieselregen und Nebel hatte ich hinter mir gelassen. Ich ging direkt wegen dem begehrten Stempel zum Pilgerbüro. Zwei Mädels schlossen vor meiner Nase das Büro ab. Es war 13 Uhr. Gegen 15 Uhr könne ich wieder kommen. „Ihr könnt mich mal“, dachte ich. Wer jetzt hier ankommt, darf sich erst mal 2 Stunden in der Gegend rum treiben, nur weil hier „Finanzamt-Nord-Manie“ das Sagen hat.
Ich schob mein Fahrrad zu einer nahe liegenden Gaststätte und ging hinein. Einen Café con Leche wollte ich mir gönnen, da es mich nach innerer Wärme zehrte. Nach dem Kaffee bekam ich auch einen schönen Stempel in meinen Pilgerausweis. Ich machte mich wieder auf den Weg. Über Burguette und Aurizberri kam ich zu meiner nächsten Herausforderung dem Erro-Pass. Er ist mit 801 Meter über NN relativ gut zu meistern. Mittlerweile in Larrasoaña angekommen, spürte ich so etwas wie Hunger. Das kam aber auch daher, saß aus einer Gaststätte, an der ich gerade vorbei gefahren war, der Duft von Bratkartoffeln unter meine Nüstern geriet. Das hieß für mich Vollbremsung, Platzsituation im Lokal sondieren und eventuell dem Koch die Bratpfanne mit Inhalt entwenden.
Nun, das Lokal hatte noch genug Platz für mich und ich entschloss mich ganz konventionell um einen Teller Essbares (in jedem Fall mit Bratkartoffeln) zu bitten. Das erstaunliche war, dass man hier zur mitteleuropäischen Uhrzeit (ca. 14 Uhr) was zu Essen bekam. Normalerweise kriegt man um die Uhrzeit nichts mehr oder noch nichts zu essen. Das kann natürlich mit dem hier international verkehrendem Publikum zu tun haben. Jedenfalls meine Bitte wurde nach Speise und Trank wurde angehört und ich verbrachte die Zeit, bis das Essen kam mit dem Studium meiner engeren Umgebung. Es befanden sich nur Pilger im Lokal. Was mich aber an meine Motorradfahrerzeit erinnert, ist folgendes: Wenn ich mit dem Motorrad fuhr, nötigten mich laufend entgegenkommende Motorradfahrer mit ihrem Gruß (heraus gestreckte Hand), zurück zu grüßen. Stand man aber z. B. an einer Fritten-Bude direkt neben anderen Motorradfahrern, waren die stur wie Karl-Otto und kannten nur sich selbst. Was das mit den Pilgern zu tun hat? Nun. Unterwegs hört man immer wieder „Buen Camino, Buen Camino.
Kehrt man aber irgendwo ein, muss man diesen Zeitgenossen schon ganz genau in die Augen gucken und dabei grüßen. Das bringt sie dann unter Zugzwang und nötigt sie, die Kiemen zu einem Gruß auseinander zu kriegen. So Schluss mit diesem Exkurs in soziologische Studien. Mein Essen kam. Mmmmmh! Meine Augen, größer als mein Magen verspeisten das, was sich da auf dem Teller befand schon bevor der Wirt es mir servieren konnte. Ich muss einfach beschreiben, mit was mir der Wirt des Hauses hier die Anwesenheit kulinarisch versüßt hat:
Erst kam eine Gemüsesuppe, wie sie Erasco oder Bassermann in keine Dose kriegt. Dann folgte ein Salat mit Baguette und ein paar Soßen zum Tunken. Dann kleine Schweineschnitzel mit Patatas Fritas und Gemüse. Zum krönenden Abschluss dann noch ein gemischtes Eis. Auf den –normalerweise dazu servierten Rotwein - verzichtete ich zugunsten einer großen Cola. Danach noch eine in vollen Zügen genossene Zigarette. Denn hier galt noch, dass Rauchen überall dort erlaubt ist, wo es nicht verboten ist (?!?)
Nach etwas längerer Pause als geplant, fuhr ich in gemächlichem Tempo weiter. Welliges, an die Vorgebirge des Schwarzwaldes erinnerndes Gelände durchfuhr ich ohne körperliche Alarmmeldungen. Nach insgesamt noch ca. 20 Kilometern (unterbrochen von kleinen Pausen) kam ich in Huarte, einem Vorort von Pamplona an. Eine Hinweistafel teilte mir mit, dass ich in 8 Kilometern die Tore von Pamplona erreichen würde. Ich wurde nervös, hatte ich von Pamplona schon so viel gelesen oder im Fernsehen betrachtet. Die „Sanfermines“, wo von irgendwelchen Idioten Stiere durch die Stadt gejagt werden (meistens ist es umgekehrt) finden erst Mitte Juli statt. Diese abartige Show bleibt mir also erspart. Nach einer kurzen Pause und einem Blick in meinen Reiseführer fuhr ich weiter. Ich erreichte die Innenstadt von Pamplona über eine gut ausgebaute Hauptstraße mit Seitenstreifen.
In der Altstadt angekommen fragte ich mich durch, bis zur Kirche San Saturnio wo sich eine Pilgerherberge befinden soll. Nun die Kirche gab es noch, aber keine Pilgerherberge mehr. Die wurde 2006 gerade neu gebaut. Ein freundlicher Passant wies mich aber darauf hin, dass es eine vorübergehende Herberge in einem Kloster(!) in der Calle dos Mayo, 4 gäbe und das es dorthin gar nicht so weit sei. Er zeichnete mir auf einem Zettel die ungefähre Route dorthin auf und begleitete mich einige Meter. Wieder allein nahm ich mein Rad und schob es witer durch die Altstadt. Unzählige Menschen waren unterwegs. Zum Glück war hier alles Fußgängerzone, so dass ich nur auf zweibeinige und natürlich die kleinen vierbeinigen Verkehrsteilnehmer achten brauchte. Pamplona ist eine sehr lebendige Stadt wie ich sie halt aus Deutschland nicht kenne. Zwar laut, aber man merkt, dass hier auch gelebt wird.
Ich lasse es mir noch nicht mal nehmen und mache Pause auf einer Bank, diese mal nicht allein unter einem großen Baum sondern inmitten von vielen, vielen Menschen. Trotz allem nehmen sich einige die Zeit mein Fahrrad zu betrachten und „Hola Peregrino“ zu sagen. „Hallo Pilger“? Ich bin doch genau genommen ein Tourist und die Muschel an der Tasche auf dem Gepäckträger macht mich doch auch noch zu keinem gläubigen Christen. Aber anderseits. Wo ist der Unterschied zwischen einem Touristen und einem Pilger? Beide sind unterwegs und suchen was. Also bin ich halt ein Pilger - in eigener Sache. Ich finde die Calle Dos Mayo… und ich finde das Haus Nr. 4. Es handelt sich um das Kloster der Adoratrices Schwester wie ich erfahre und dient während der Bauarbeiten an der neuen Pilgerherberge in der Calle Compañia, als provisorische Unterkunft. Ich stelle mein Fahrrad am Eingang ab und betrete das große, im Erdgeschoss mit vergitterten Fenstern versehene Gebäude. Im großen Treppenhaus sehe ich einen Schreibtisch neben einer, nach oben führenden Treppe und zahlreiche Fahrräder. Es herrscht ein lebendiges Treiben, das in mir die Befürchtung wachsen lässt, dass ich kein Bett mehr kriegen könnte. Es war doch schon nach 19 Uhr und…….
Meine Sorge war umsonst. Ein junger Hospitero (Leiter der Pilgerherberge?) bat mich Platz zunehmen und trug meine Daten in ein großes Buch ein. Dieser Vorgang fand auch schon im Pilgerbüro in St. Jean-Pied-de-Port statt und hat viele gute Gründe. Erstens kann man statistisch erheben, wie die Pilgerschar, die hier jedes Jahr auftaucht, zusammengesetzt ist. Ob Männlein oder Weiblein, welche Nationalität usw. usw. Aber ein Grund für diesen bürokratischen Akt erscheint mir am sinnvollsten. Man wird namentlich registriert, mit der Nr. des Pilgerausweises, wann man angekommen ist. Wann man abreist, braucht nicht eingetragen werden, da man automatisch am nächsten Tag abreisen muss. Geht man jetzt unterwegs verloren, was auch schon in der Vergangenheit vorgekommen ist, dass ein Pilger vermisst wurde können die Behörden wie z. B. die Polizei anhand der Eintragungen in den Pilgerbüchern rekonstruieren, ob und wann sich ein Vermisster hier aufgehalten hat. Bürokratie mal sinnvoll, denke ich. Nach der Bürokratie zahle ich die hier scheinbar obligaten 5 € und bekomme einen schönen Stempel in den Ausweis gedrückt. Dann führt mich der Hospitalero in die 3.(!!!) Etage. Ich, beladen wie ein Esel folge ihm. Er führt mich zu einem langen gang, wo links an der Wand ca. 10 doppelstöckige Betten befinden. Rechts sind kleine Zimmer mit 2 Doppelbetten (ehemalige Klosterzellen), die nur von Pilgerinnen bewohnt werden dürfen. Am Ende des Ganges 2 Toiletten für ca. 30 Personen und ein langes Waschbecken, dass zur gemeinsamen Nutzung beider Geschlechter gedacht ist. Dann bekomme ich ein Bett zugeteilt. Oh Schreck, oben schläft schon eine Frau. Ich stelle meine Taschen ab, bedanke mich leise beim Hospitalero, packe noch leiser die benötigten Klamotten aus. Den Schlafsack nehme ich als Zudecke und meine kleine Wolldecke als Laken auf dem Laken. Dann gehe ich noch leiser noch mal runter, um durch zu atmen.
An einem Automaten hole ich mir eine Cola, esse noch ein paar von unterwegs mitgebrachte Marsriegel und telefoniere kurz mit Sandra. Zwei Pilgerinnen neben an auf der Bank tun das gleiche. Moderne Kommunikationstechnik verbunden mit der jahrhunderte alten Tradition des Pilgern. Das gefällt mir.
Ich gehe wieder hinein, sage dem Hospitalero Gute Nacht, nehme noch den Tacho von meinem Fahrrad, dass jetzt von mehrheitlich Mountainbikes umgeben ist und gehe nach oben. Dort sind schon einige am Schlafen, in dem Zimmer gegenüber von meinem Bett wird noch getuschelt. Ich gehe noch kurz die Abendtoilette erledigen und lege mich hin. Es erscheint mir irgendwie „normaler“ mit bzw. zwischen all den fremden Menschen zu schlafen, als ich vorher dachte. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich zuhause noch mitten in den Planungen steckte und damals schon überlegte, wie das wohl so unterwegs sein wird.
Und nun? Ich verbringe die erste Nacht in Spanien. Und alles ist spannend. Sei es nach dem Weg zu fragen, sei es hier und heute zu übernachten. Alles ist spannend. Und es sind „nur“ noch ca. 800 Kilometer bis zu meinem Ziel Santiago de Compostela. Ich bin gesund. Das Fahrrad hat mich auch noch nicht im Stich gelassen. Ca. 1200 Kilometer bin ich durch Frankreich gefahren. Und heute endet der 15. Tag, seit ich zuhause los gefahren bin.
Ich fühle mich wohl, liege auf dem Rücken und höre noch ein bisschen den Geräuschen der Nacht zu, bevor ich einschlafe.
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
16. Tag. Sonntag, 14. Mai 2006 „Logroño und die Pedale“
Pamplona – Astrain – Perdón-Pass – Eremita de Enate – Puente la Reina – Estella – Logroño.
100 Tageskilometer
Ich hatte gestern Abend nur den Wecker an meiner Armbanduhr aktiviert. Der ist nicht so laut wie der Handywecker. Ich wollte ja nicht die ganze Gemeinschaft hier wecken. Ich stehe sofort auf und schleiche mit meinen Waschsachen leise zu dem langen Waschbecken im Nebenraum. Ich gehe hinten an das Fenster. Licht brennt noch keins, aber zum Glück befinden sich auf einer Ablage Teelichter und Streichhölzer. In fahlem Kerzenschein verrichte ich eine „Katzenwäsche“. Währenddessen taucht meine Bettnachbarin auf und sorgt auch für morgendliche Frische auf ihrer Haut. Wieder am Bett angelangt bemerke ich, dass jetzt schon einige Leute mehr aufgestanden sind. Taschen und Rucksäcke werden durchsucht oder gepackt. Es herrscht ein reges Treiben. Nachdem auch ich alles verpackt hatte, entschloss ich mich die Taschen dieses mal in zwei Etappen herunter zu tragen. Das Fahrrad hatte ich schnell beladen. Am Schreibtisch im Flur saß noch niemanden, so dass ich, ohne mich verabschieden zu können, die erste Pilgerherberge auf meiner Reise verließ.
Ich schob mein Fahrrad durch die Altstadt. Es war noch morgendlich frisch. Überall war die Stadtreinigung zu Gange um die Spuren der letzten Nacht zu beseitigen. In Pamplona scheint nämlich das ganze Jahr über Fiesta zu sein und das hinterlässt Spuren. Am Ende der Altstadt öffnet sich ein Park, mit den Resten einer mittelalterlichen Zitadelle. Am Ende des Parks fahre ich auf der Avenida de Pio XII stadtauswärts. Im Vorort Zizur Mayor angekommen falle ich bald aus den Latschen. Laut dem Bikeline Reiseführer müsste ich jetzt auf der N 111 weiter fahren. Doch diese Strasse gibt es nicht mehr. Vor mir verläuft eine mehrspurige, für Fahrräder und andere langsamen Fahrzeuge verbotene Schnellstraße. Schnell erfahre ich, dass aus der alten N 111 eine Autovia (Schnellstraße), die A 12 entstanden ist.
Und nun? Ich folge erst mal den Muschelschildern nach Cizur Menor. Dort ist der Jakobsweg eine mehr oder weniger ebene Geröllstrecke mit aus dem Boden ragenden zum Teil faustgroßen Kieselsteinen. Mehr oder weniger fahre ich im Slalom an Fußpilgern vorbei. Auf meine Frage kann mir keiner sagen, ob es irgendwo noch eine ausgebaute Strasse Richtung Puente la Reina gibt. Ich fahre weiter bis quer ein schmaler geteerter Weg verläuft. Ich lasse es darauf ankommen und biege rechts Richtung der A 12 ab. Ich sehe, dass über die A 12 eine Brücke führt. Und von da kommt mir, wie ich erfahren soll, meine „Rettung“ entgegen. Ein Mountainbiker. Ich begrüße ihn und erzähle von meinem Problem. „ No Problema, Hombre“, bekomme ich zu hören. Was ich vorhin noch aus der Ferne für eine Auffahrt auf die A 12 gehalten hatte, entpuppt sich als die alte N 111, die jetzt N 111a heißt. Ich solle mich auf dieser Straße immer Richtung Astrain halten, dann komme ich automatischen Richtung Puerto del Perdón, dem Pass mit der noch erträglichen Höhe von 673 Metern. Wir unterhalten uns noch ein bisschen. Er erfährt von mir, woher und wohin. Und ich weiß nun, das Jorge, wie mein „Wegweiser“ heißt aus Madrid kommt, Maschinenbau studiert und in Pamplona ein Praktikum absolviert. Wir amüsieren uns noch darüber, dass „Jorge“ die spanische Namensversion von Jörg bzw. Jürgen ist. Er lobt meine kastillianisches Spanisch. Castilláno ist das „Hochspanisch“ und außer in Madrid und Kastillien nicht sonderlich beliebt, weil es von der Aussprache her hochnäsig und arrogant wirkt. Dann trennen sich wieder unsere Wege und ich fahre auf der alten N 111 Richtung Astrain. Nach Astrain geht es dann in lang gezogenen Kurven auf den Perdón-Pass. Links der Strasse stehen auf der Anhöhe unzählige Windräder. Ich kann sie nur aus der Ferne sehen, doch das eigentümliche Geräusch, dass diese Windräder erzeugen, dringt bis zur Straße. Auf dem Scheitelpunkt des Passes angekommen sehe ich eine Abzweigung, die zu Gipfel des Berges der Vergebung“ führt. Dort stehen mehrere Monumente aus Stahl, die Pilger und Lasttiere darstellen. Doch ich fahre geradeaus weiter, da ich unbedingt zu der „Eremita de Eunate“ einer kleinen geheimnisvollen Kirche, die mitten in den Feldern unten im Tal steht, will.
In dem Dorf Muruzábal verlasse ich die N 111 und fahre links auf eine kleine Strasse, die Richtung „Ermita de Nuestra Señora de Eunate, wie die Kirche offiziell heißt, führt. Nach ca. 10 Minuten Fahrt sehe ich das für mich zweitwichtigste Ziel meiner Reise nach Santiago. Viel hatte ich von dieser, wahrscheinlich von den Tempelrittern vor vielen Jahrhunderten gebauten, kleinen Kirche gelesen und auf zahlreichen Fotos betrachtet. Und nun war ich selber hier!
Ich lehnte mein Fahrrad an die Außenmauer und betrat das Innengelände. Viele Besucher waren um die frühe Mittagszeit nicht hier und so konnte ich alles verinnerlichen. Ich betrat die kleine Kirche, die in der Realität noch geheimnisvoller wirkte, als ich schon vorher vermutete. Der Innenraum ist nur von ein paar Betbänken und einem kleinen Altar mit einer Heiligenfigur ausgefüllt. Eine ältere Frau ist in einem Bet-Gesang vertieft, so dass ich auch gar nicht stören will. Ich gehe wieder nach draußen und entdecke einen Tisch, auf dem ein Gästebuch und ein Stempel zur „Selbstbedienung“ aus liegt. Ich trage mich in das Buch ein und drücke mir einen Stempel in den Pilgerausweis. Nachdem ich glaube, dass ich genug Zeit hier verbracht habe, gehe ich wieder zu meinem Fahrrad und fahre Richtung Puente la Reina. Bei Obanos muss ich durch das Dickicht einer Baustelle. Zwischen Absperrungen und mehreren Abbiegungen hindurch folge ich dem handgeschriebenen Schild nach Puente la Reina, das ich nach ca. drei Kilometern erreiche. Ich finde sofort die Attraktion dieses Ortes, die alte markante Brücke über den Rio Arga. Ein paar Fotos müssen sein, dann fahre ich auf der N 111 weiter Richtung Estella. Nach 20 Kilometern Fahrt bei allerschönstem Sonnenwetter erreiche ich gegen 14 Uhr Estella. Hier sind viele Menschen, vor allem Pilger unterwegs. Doch mein nächstes Ziel ist das kleine Dorf Irache. Hier befindet sich bei einem Weinhandel, der als Attraktion gebaute Wandbrunnen, bei dem man aus einem Hahn Wasser und aus dem anderen Hahn Wein entnehmen kann. Ich finde den Brunnen. Außer mir ist niemanden anwesend. Ich fülle mir einen bereitgestellten Plastikbecher zur Hälfte mit Wein und probiere davon. Nun, auch als Nicht-Weinkenner kann ich dieses Getränk nicht weiter empfehlen. Ich kriege von dem ersten Schlucke eine ordentliche Gänsehaut, so herb ist der Nachgeschmack. Ich kippe den Rest ins Becken und erzähle sandra vom Handy aus von dem gerade erlebten. Dann fahre ich wieder auf dem Kiesweg Richtung N 111.
Logroño ist mein heutiges Etappenziel. Die Straße geht jetzt bergauf und ich muss etwas fester in die Pedale treten. Dann…. Ein kurzes Knacken und in vollem Bogen fliegt die rechte Pedale mitten auf die Straße. Ich halte schnell rechts an, lehne das Fahrrad gegen einen Busch und renne zur Pedale. Nicht das ein Auto drüber fährt! Alles geht gut. Ich schaue mir die Pedale an. Dann das rechte Tretlager. Der Bolzen, der die Pedale aufnimmt ist noch in Ordnung. Ich stülpe die Pedale drüber, doch sie findet keinen Halt mehr. Just in diesem Augenblick kommen zwei Holländer mit Rennrädern vorbei. Sie halten an und fragen, ob sie helfen können. Nach der Einsicht, dass sie mir nicht helfen können, radeln sie weiter und ich überlege, wie ich das Teil provisorisch instand setzen kann. Da fällt mir ein, dass ich doch so ein stark klebendes Reparaturklebeband mitgenommen habe, falls mal eine Tasche reißt - oder so.
Das Klebband wickle ich in mehreren Lagen um den Bolzen am Tretlager und stülpe dann die Pedale drüber. Ich helfe mit einem vom Straßenrand genommenen Stein nach, klopfe gegen die Pedale und siehe da…. sie hält.
Bis Logroño sind es noch ca. 40 Kilometer. Ob das mit der Pedale gut geht??? Nach zweieinhalb Stunden ruhiger Fahrt (ich trat ruhig in die Pedale, schließlich wollte ich das Glück nicht herausfordern) kam ich durch ein hässliches Industrie- und Gewerbegebiet. Es war ein Vortort von Logroño. In der Nähe eines Verteilerkreises, von dem auch eine Spur in die Innenstadt führte, stand ein grauer Block, der der Beschilderung nach zu urteilen ein Hotel beherbergt. Es war schon 18 Uhr und ich wollte nicht mehr in der Stadt auf Pilgerherbergensuche gehen. Ich fragte im Hotel, was ein Zimmer für eine Nacht kosten soll. 29 € wurde mir als der günstigste Preis für eine Nacht genannt. Ich buchte ein Zimmer. Das Fahrrad durfte ich in einem Lagerraum für Getränke und Möbel abstellen. Ziemlich geschafft fuhr ich mit dem Aufzug auf die dritte Etage, wo sich das mir zugewiesene Zimmer befand. Zum Öffnen der Tür musste ich die erhaltene Plastikkarte benutzen. Dann wollte ich das Licht einschalten. Doch nirgendwo konnte man Licht einschalten. Ist irgendwo ein Sicherungskasten, dachte ich als erstes. Doch es war keiner zu finden. Ich schließe wieder das Zimmer und fahre runter zur Rezeption und erzähle der Dame am Empfang von dem Problem des nicht vorhandenen elektrischen Lichtes. Sie fährt mit hoch, betritt das Zimmer und steckt die Plastikkarte in einen, hinter dem ersten Lichtschalter des Zimmers befindlichen Schlitz. „Und es ward Licht“. Sie drückte mir die karte in die Hand und ging. Den Sinn dieser Vorrichtung um in den Genuss von elektrischem Licht zu kommen, habe ich bis heute noch nicht verstanden. Ich packte alle Taschen komplett aus und verteilte die Sachen zum Lüften auf der anderen Seite des Bettes. Dann entdeckte ich zu meiner Überraschung, dass sich im Bad eine Wanne befand. Oh ja, ein entspannendes und reinigendes Wannenbad wird mir heute bestimmt gut tun. Das tat es auch. Ich glaubte, den Staub von Eintausendsiebenhundert Kilometern Fahrradtour von der Haut gespült zu haben.
Ich zog mich anschließend locker an. Das Zimmer hatte leider keinen Balkon. So fuhr ich noch mal mit dem Aufzug runter. Ging aus dem Hotel heraus Richtung Verteilerkreis. Ich wollte mich schon kundig machen, welche Ausfahrt ich morgen Richtung Innenstadt nehmen muss.
Doch auch hier zeigten mir schon in der Nähe aufgestellte große runde Verbotsschilder, dass Fahrräder auf der durch die Stadt führenden N 111 unerwünscht sind. Ich sah aber schon eine kleine Parallelstraße, was mich für den Augenblick erst mal wieder beruhigte. Ich ging wieder aufs Zimmer und schaute in einem Reiseführer nach Adressen von Fahrradhändlern bzw. Werkstätten in Logroño nach. In der Avenida de Colón, 41 sollte sich eine Fahrradwerkstatt befinden. Dort wollte ich morgen früh direkt hinfahren und mir neue Pedale kaufen. Auch die Lenkerenden brauchten ein paar neue Moosgummiüberzieher. Ich hatte nur noch einen Rest warme Cola in einer Flasche. Vorhin war ich auf dem Weg zum Hotel an einer Tankstelle mit Laden vorbei gefahren. Zu Fuß war der Weg dorthin vielleicht zehn Minuten zu bewältigen.
Ich entschloss mich zu einem Abendspaziergang Richtung Tankstelle. Dort bekam ich für viel Geld (2 €) einen Liter kalte, wohlschmeckende Fanta. Zufrieden mit einer Flasche Erfrischungsgetränk in einer Plastiktasche tragend, ging ich wieder zum Hotel zurück. Draußen vor dem Eingang setzte ich mich auf eine Bank rauchte noch eine und genoss die abendliche Stimmung. Ein älterer Herr gesellte sich zu mir. Nachdem wir feststellten, das wir die gleiche Sprache beherrschten, erzählte er von seiner ersten Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den Siebziger Jahren. Damals waren Pilger noch von der Allgemeinheit als Spinner angesehen und heute, so bedauert der Mann, pilgern drittklassige Schauspieler, noch schlechtere Fußballer und wer weiß noch, was für ein Volk und meinen den Weg für sich gepachtet zu haben. Seine Äußerungen erinnern mich an die Geschichten von Hape K., der mehr mit dem Bus fuhr, statt wie er behauptet hat, zu wandern oder Verona P. Alias F., die sogar ihren Erstgeborenen Jakob genannt hat. Ich glaube, ich wusste genau was ermeinte. Ich musste zwar als „Halbtouri“ auch kleine Brötchen backen. Aber ich hatte ja auch nicht vor, meine Jakobsweg-Erfahrungen anschließend zu vermarkten. Der Mann verabschiedete sich, da seine Frau sicherlich auf ihn warte. Und ich zündete mir noch eine Zigarette an und blies den Rauch entspannt gegen den nächtlichen Himmel. Es wurde aber langsam frisch. Daher verzog ich mich aufs Zimmer und machte mich bettfertig. Wie immer, vor dem Schlafen ließ ich noch mal den Tag Revue passieren. Genau 100 Kilometer hatte ich heute von Pamplona bis hierhin zurückgelegt und wieder mal viel erlebt.
Über ein paar anderen Gedanken, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, schlief ich ein.
[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
17. Tag. Montag, 14. Mai 2006 „Turnhalle mal anders“
Logroño – Navarrete– Santo Domingo de la Calzada – Villafranca Montes de Orca – Puerto de laPedraja (1130 m) - Burgos
123 Tageskilometer
Wieder war es der Handy-Wecker, der mich aus dem Schlaf holte. Tief und fest hatte ich geschlafen. In fremder Umgebung aufzuwachen war für mich schon zur Normalität geworden. Doch ist es nicht mit dem „Zuhause aufwachen“ zu vergleichen. Trotz aller Neugier und der spannenden Erwartung, was der nächste Tag auf der Straße für Überraschungen birgt, freue ich mich auch darauf, wieder Zuhause zu sein!
Nachdem ich bestimmt eine gefühlte Viertelstunde unter der Dusche verbrachte und mich angezogen hatte, ging es ans Packen der Taschen. Nachdem alles wieder ordentlich verstaut war, machte ich das Bett und schloss die Tür von Zimmer 270. Dieses Haus, dachte ich noch, kann ich jederzeit weiter empfehlen. Ich fuhr voll bepackt mit dem Aufzug herunter. In der ersten Etage wollten noch zwei ältere Herrschaften zusteigen, doch als sie mich mit dem ganzen Gepäck sahen, gaben sie schmollend ihren Plan, zuzusteigen, auf.
Ich trug die Taschen vor die Tür und holte mein Fahrrad aus dem Lagerraum. Um nach draußen zu kommen, musste ich das Rad wieder durch die Empfangshalle des Hotels schieben. Die Mitarbeiterin winkte mir mit einem freundlichen „Adios“ auf den Lippen zu. Eine Menschentraube, die vor der Rezeption stand und in der jeder Einzelne mehr mit sich selbst als seiner Umgebung beschäftigt war, ließ mich widerwillig passieren. Den Weg bis zur Ausgangstür musste ich mir durch höfliches Bitten und Betteln erkämpfen.
Ich glaube, einer der herumstehenden Damen bin ich mit den hinteren Packtaschen meines Rades zu nah an ihre beigefarbenen Stützstrümpfe gekommen. „Impossible“ hörte ich sie in eindeutig, vernehmbaren Englisch schimpfen. Aha, eine englische Lady „durfte“, wenn auch nur vorübergehend Kontakt zu meiner Ausrüstung aufnehmen. Draußen angekommen, suchte ich mir eine der im Eingangsbereich platzierten Bänke für eine kleine Verschnaufpause aus. Danach verzurrte ich das Gepäck reisefertig und widmete der defekten Pedale noch mal meine volle Aufmerksamkeit. Schließlich musste sie bis zur Fahrradwerkstatt durchhalten.
Meine Aufmerksamkeit wurde jäh auf die, vorhin schon erwähnte Menschentraube, die jetzt ebenfalls das Hotel verließ, gelenkt. Es müssen so ca. zwanzig, die meisten wohlbeleibt, „Jakobstouristen“ gewesen sein. Alle trugen unterschiedlich große Jakobsmuscheln um den Hals. Diese Muscheln baumelten je nach Körperumfang des Trägers/der Trägerin unterschiedlich heftig. Wohl wissend, dass der am Rande des Parkplatzes, mit laufendem Motor stehende Reisebus, der für sie zum Transport bestimmte ist, watschelte und stampfte die Horde Richtung Bus. Der ca. 50 cm messende „Umweg“ um mein Fahrrad wurde mit mürrischen Mienen toleriert. Die meisten hatten es so eilig, das die Jakobsmuscheln um ihren Hals nur nach vorne und hinten, aber nicht nach links oder rechts baumelten.
Dies veranlasste mich zu der Überlegung, ob ich nicht einen Teil der Relativitätstheorie von Albert Einstein um eine Gleichung erweitern könnte. Denn, davon ausgehend, dass die Muschel des einzelnen Trägers bei jedem Schritt (abhängig von der Ganggeschwindigkeit) ca. 10-15 cm nach vorne baumelte, und ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit des Gehenden von 2,5 Kilometer pro Stunde kalkulierte, müssten die Muscheln zumindest im Nanosekundenbereich schneller am Bus, als die Träger sein.
Meine Theorie wurde aber just im nächsten Augenblick über den Haufen geworfen. Denn der Busfahrer, von französischer Gelassenheit geprägt, öffnete erst eine Sekunde, nachdem die ersten angekommenen Reisegäste an die verschlossene Bustür klopften, die Tür. Dies bremste die nachfolgenden Muschelträger dermaßen aus, dass auch die Jakobsmuscheln an ihren Hälsen keine Vorwärtsbewegungen mehr machten. Meine Theorie von der relativen Fortbewegung von Jakobsmuscheln in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit und der damit verbundenen Raum/Zeitkrümmungsverursachung des jeweiligen Trägers war dahin.
So weit, so gut. Ich widmete mich wieder meinem Plan in der Innenstadt von Logroño das Fahrradgeschäft in der Avenida de Colón, 41 aufzusuchen. Dort werde ich, hoffentlich mein Fahrrad wieder in normalen Zustand versetzen können. Da die Hauptzufahrtsstrasse in die Innenstadt für Fahrräder verboten ist, fahre ich nach Gefühl und Kompass durch einige Wohn- und Geschäftsviertel in die Innenstadt. Diese schien direkt hinter der Brücke, die über den Ebro führt, zu beginnen. Nach zweimaligem Nachfragen kam ich wohlbehalten in der Avenida de Colón an. Doch die Information aus dem Reiseführer war falsch. Erstens handelt es sich bei der Haus-Nr. 41 um ein Wohnhaus und zweitens gab es auch sonsten in dieser Strasse kein Fahrradgeschäft! [B]Mist!! Ich frage einen Passanten. Dieser gibt mir die Auskunft, dass in der zweiten Querstrasse rechts ein Geschäft für Rennräder sei und ich es da mal versuchen sollte. Doch der Chef des Geschäftes käme immer erst so zwischen Neun und Halb zehn Uhr. Nun, es war zwar erst halb Neun Uhr. Aber besser warten als irgendwo in der Fremde ein anderes Geschäft zu suchen. Ich schaute mir schon mal die Auslage des Geschäftes an. Im Schaufenster befanden sich nur sicherlich sündhaft teure Ersatzteile für ebenso sündhaft teure Rennräder. Denn wie in Frankreich war man auch in Spanien nur sportlich oder um von Punkt A nach Punkt B zu kommen mit dem Rad unterwegs. Der Chef des Hauses kam heute wohl früher als sonst. Denn es war noch keine Neun Uhr. Ich zeige ihm die defekte Pedale. Er bittet mich mit wenigen Worten, ihm mit meinem Rad durch einen langen, dunklen Gang in die Werkstatt zu folgen. Dort holt er aus einem Regal Mountainbikepedale von Schimano. Er zeigt sie mir und ich nicke zustimmend. Reflektoren haben die Teile zwar keine, aber das interessiert in Spanien niemanden und mich auch nicht. Sofort montiert ein älterer Gehilfe die Pedale am Rad. Die alten hatte er vorher abmontiert und direkt in die Mülltonne geworfen. Dann erhielten die Lenkerenden noch zweifeine Moosgummistulpen. Nach zwanzig Minuten ist alles erledigt. Für alles soll ich inclusive Montage 18 € bezahlen. Dafür bekäme ich in Deutschland noch nicht einmal die Pedale. Froh, das alles so geklappt hat, drücke ich dem Gehilfen 2 € als Trinkgeld in die Hand. Der freut sich darüber ebenso, wie ich über die neuen Pedale.
Ich verabschiede mich und schiebe das Rad auf die andere Straßenseite. Denn dort ist ein Lidl und ich habe kaum noch was zu Trinken. Das passt mir gut, denn meine Lebensmittelvorräte (Käse, Salami, Brot) müssen auch ergänzt werden. Im Eingangsbereich vom Lidl steht ein uniformierter Wachmann - mit Pistole im Halfter. „Die müssen hier wohl schlechte Erfahrungen gemacht haben“ denke ich. Ich besorge, was ich brauche schnell und bezahle und ab dafür. In eine Schießerei möchte ich hier nicht geraten! Schiebend erkunde ich die quirlige Innenstadt. Doch das macht keinen richtigen Spaß. Überall werden neue Bürgersteigbeläge verlegt und ich entpuppe mich mit meinem Rad als wahres Verkehrshindernis für die anderen Fußgänger. Über die Calle de Chile gelange ich zu einem großen Verteilerkreis, der als Hauptspur die Autovia Richtung Navarrete birgt. Auf diesem Teilstück der Autovia darf ich auf dem Randstreifen fahren, da es eh keine andere Möglichkeit gibt, aus der Stadt raus zu kommen. Die meisten Nebenstrecken enden in irgendwelchen Randgebieten der Stadt in Sackgassen. Es ist tatsächlich in Spanien so, dass man auf den Autovias mit dem Rad fahren darf, wenn es nicht ausdrücklich verboten ist. Anders verhält es sich auf den Autopistas. Hier handelt es sich um Autobahnen im deutschen Sinne und auf denen hat man mit dem Fahrrad überhaupt nichts verloren. Man muss also immer auf den kleinen aber feinen Unterschied zwischen den Bezeichnungen achten!
Man kann sonst unfreiwillig in den Verkehrsnachrichten erwähnt werden. Vorsichtshalber hatte ich einen Polizisten, der mir zufällig auf dem Gehweg entgegen kam nochmals gefragt. Der bestätigte mit, dass ich hier auf der A 12 stadtauswärts fahren dürfe. Übrigens gilt in Spanien Helmpflicht für Radfahrer. Aber keiner ahndet Verstöße, da der Gesetzgeber die Strafen für eventuelle Vergehen vergessen hat, in den Bußgeldkatalog aufzunehmen. Ich stieg in den Sattel, ohne Helm. Denn dafür war es einfach zu warm. Prompt überholte mich eine Motorradstreife und schien nichts dagegen einzuwenden haben, dass ich mit Käppi statt Helm am öffentlichen Verkehr teilnahm. Die Straße führte leicht bergauf und zog sich in die Länge. Die Sonne machte ihrem Namen alle Ehre und hinterließ an meinem linken Arm und der linken Schläfe sogar eine Brandblase. Dies bemerkte ich allerdings erst abends. Wenn ich auf meiner Strecke unterwegs eine Apotheke sehe, werde ich mir Bebanthen Creme kaufen. Diese hatte ich leider nicht in meiner Erste-Hilfe-Ausrüstung.
An einer kleinen Parkbucht machte ich Pause. Ein guter Schluck aus der Flasche verfehlte nicht seine Wirkung und ich konnte zufrieden weiter fahren. Im Gelände zu meiner Linken konnte ich in nicht all zu großer Entfernung den Fußpilgerweg sehen. Fußpilger gingen, mit großen Rucksäcken auf dem Rücken tragend, nach vorne gebeugt den Weg Richtung Navarrete.
Man sah ihnen trotz der Entfernung an, dass auch sie mit der Hitze zu kämpfen hatten. Trotz dass es erst Frühling war, schien hier, vor den Grenzen Kastillien-Leons die Sonne schon so intensiv, wie bei uns im Hochsommer. Auch wenn es nachts noch empfindlich kühl wurde. Ich hatte davon gehört, dass es am Fußpilgerweg in regelmäßigen Abständen Brunnen geben soll. Aber es kursierten auch Informationen, dass viele Brunnen wegen verseuchtem Wasser geschlossen sind. Da hatte ich es mit dem Fahrrad schon einfacher, da ich in wesentlich kürzeren Abständen von Ort zu Ort kam. Während des Fahrens sah ich auch immer wieder Fußpilger, die von Mountainbikern bedrängt wurden. Eine Klingel am Lenker ist für diese Zeitgenossen ja uncool. Also wird sich mit Affenzahn von hinten an den – noch ahnungslosen Pilger – heran gepirscht um dann – beim Überholen des Geplagten in Kauf zu nehmen, dass dieser vor Schreck in die Botanik fällt. Die meisten Mountainbiker sind meistens nur mit kleinem Gepäck ausgestattet und fahren wahrscheinlich auch nur einzelne Etappen des Jakobswegs. Je mehr man sich Santiago näherte, umso mehr tauchten von dieser unangenehmen Art von „Pilgern“.
Als heutiges Etappenziel hatte ich Burgos ins Auge gefasst. Da es bis dahin von Logroño ca. 125 Kilometer waren, ließ ich Orte wie Navarrete und Nájera im wahrsten Sinne des Wortes „links“ liegen. Erst in Santo Domingo de la Calzada wollte ich erst wieder halten, da es dort in der Kirche ja den berühmten Käfig mit den zwei Hühnern gibt. Das Ganze geht auf eine Legende zurück, die schon zu Genüge in anderen Reiseberichten erwähnt wurde. Nach heute schon 56 Kilometern Fahrt, die ich dank moderatem Gelände in vier Stunden geschafft hatte, kam ich in santo Domingo de la Calzada an. Bei diesem Ort handelt es sich um ein größeres Dorf, was aber schon kleinstädtische Züge aufweist. Die „Hühner beherbergende“ Kirche hatte ich schnell gefunden. Doch wurde ich enttäuscht, denn wegen einer „geschlossenen“ Gesellschaft gab es für die Allgemeinheit keinen Einlass. Dann eben nicht, dachte ich und suchte die örtliche Pilgerherberge um wenigstens einen Stempel in meinen Pilgerausweis zu bekommen. Ich war erfolgreich und verließ Santo Domingo d. l. C. wieder. Mein nächster Halt war in Redecilla del Camino. Auch dort erhielt ich einen schönen Stempel. Bis Villafranca Monte de Oca war das Gelände nur leicht wellig. Aber so langsam kündigte sich mit leichten Steigungen die Auffahrt zu dem „Puerto de la Pedraja“ „meinem“ heutigen Pass an. Dies ist nach dem Erro-Pass, und dem Alto de Perdón mein Dritter mit einer Höhe von 1150 m ü. NN. Es sollte nicht der Höchste auf meiner Reise sein, aber auch dieser Pass hatte es in sich. Zunächst noch konnte man in kleineren Gängen hoch fahren, doch dann kamen lang gezogene Kehren, die ich wegen meinem, nicht leichten Gepäck auf dem Rad schiebend bewältigte. Doch nach einiger Zeit gab ich es auf, beim Gehen nach rechts unten zu schauen. Der Anblick von gelblicher Flüssigkeit, die sich in 2Liter-Flaschen befand, die als Toilettenersatz von LKW-Fahrern genutzt und dann anschließend in den Strassengraben geworfen wurden, lähmte mein Atmen. Ekelhaft! In einer Kehre machten zwei Polizisten eine Rauchpause. „Buenos Dias“ grüßte ich zu den Beiden rüber. „Hola Buenas“ „warfen sie zurück. Ich meine, dass sie mir lange nachgeschaut haben. Darüber machte ich mir aber keine weiteren Gedanken mehr. Denn nach der nächsten Kurve begann wegen einer Baustelle ein Verkehrsstau. LKW stand mit laufendem Motor hinter LKW, dazwischen ein paar PKW´s auch mit laufenden Motoren. Wahrscheinlich wegen den Klimaanlagen. Die Luft war zum Schneiden und machte einem das Atmen schwer. Mittlerweile waren die Anstiege flacher geworden und ich konnte wieder fahren. Nach dem Schild „Alto de Puerto de Pedraja hielt ich auf einem gammelig wirkenden Parkplatz, lehnte mein Fahrrad gegen einen Baum und machte Pause. Doch hier war es ungemütlich und ich fuhr weiter. Burgos liegt auf einer Höhe von 900 Metern über NN. Das heißt, wenn nichts dazwischen kommt, hatte ich ca. 26 Kilometern vor mir. Dieser Gedanke stimmte mich optimistisch. Denn es war schon 16 Uhr. Für die Überquerung des Passes hatte ich mehr Zeit, als erwartet gebraucht. Doch jetzt konnte ich zügig fahren. Durch waldreiche Landschaft ging es fast 15 Kilometer immer leicht bergab. Das empfand ich als Belohnung für die Bezwingung des Puerto de la Pedraja.
Ich fahre an dem Hinweisschild Richtung San Juan de Ortega vorbei. Dort verteilt der ortsansässige Pfarrer die legendäre Knoblauchsuppe an hungrige Pilger. Normalerweise müsste ich einen Abstecher in dieses Dorf machen, doch lässt das mein Zeitplan nicht zu. Wenige Kilometer vor Burgos treffe ich in dem Dorf Ibeas de Juarros ein. Laut meinem Reiseführer soll es dort eine Pilgerherberge geben. Ich fände es reizvoll, in diesem Dorf statt in Burgos zu übernachten. Ein Hinweisschild, das auf eine Herberge hinweist, gibt es nicht. Ich frage in einer Bar nach. Dort teilt man mir mit, dass es hier schon lange keine Herberge mehr gäbe. Sch….. Reiseführer. Also weiter nach Burgos.
Ich erreiche die Stadt. Fahre an einem größeren Gewerbegebiet, das rechts der Strasse liegt, vorbei. Dann wird die Strasse vierspurig. Es herrscht reger Verkehr und ich fahre sehr konzentriert. Manche Autofahrer hupen und grüßen freundlich. Da ich weiß, dass die Pilgerherberge von Burgos auf der anderen Seite des Rio Arlanzón liegt, fahre ich über die nächste Brücke auf die andere Seite von Burgos. Der Fluss trennt das historische Burgos vom Rest der Stadt. Bevor ich die Brücke überquerte konnte ich mir noch einen Eindruck von der gewaltigen Kathedrale machen. Ich glaube, ich muss diese Strecke noch mal mit dem Auto erkunden. Es gefällt mir nicht, dass ich so viele Sehenswürdigkeiten ignorieren muss.
Am linken Ufer des Arlanzón fahre ich eine Allee immer parallel zum Fluss. Eine Autofahrerin hupt mich an und zeigt fuchtelnd nach rechts. Jetzt erst bemerke ich, dass es hier einen separaten Fahrradweg(!!!) gibt. An so was hatte ich gar nicht gedacht. Ich winke der Autofahrerin freundlich zu und nehme den Fahrradweg für den Rest der Strecke in Anspruch. Die örtliche Herberge befindet sich in Form von einigen Baracken im „Parque de Parral“ in der Nähe der Universität von Burgos. Ich finde den Park schnell und schlendere, das Fahrrad schiebend zu der Herberge. Dort ist ein junger Student, der auch etwas Deutsch spricht, für das Registrieren der eintreffenden Pilger zuständig. Er zeigt mir die Gemeinschaftseinrichtungen, die Möglichkeit das Internet zu nutzen, die Küche und anderes. Nachdem der bürokratische Akt erledigt war, weißt er mich allerdings darauf hin, dass hier die Fußpilger bevorzugt untergebracht werden und dass es ein kann, dass ich wie einige andere Radler auch, in der nahe liegenden Turnhalle eines Sportzentrums übernachten muss. Diese Information nehme ich positiv zur Kenntnis, da es in den Baracken sehr stickig ist und die Enge, die hier herrscht bei mir ein bisschen Beklemmungen auslöst.
Gegen 20 Uhr soll eine Frau mit dem Schlüssel für die Turnhalle kommen und die Pilger, die in der Herberge keinen Platz mehr fanden, dorthin führen. Es ist jetzt halb acht und ich setze mich draußen auf eine Bank und telefoniere mit Sandra. Hier ist viel los. Auf der Wiese neben den Baracken stehen einige kleine Zelte und an der Seitenwand einer Baracke lehnen zahllose Fahrräder. Die Frau mit dem Schlüssel kommt (der südländischen Mentalität gerecht werdend) erst um halb Neun. Im Entenmarsch folgen ihr – inklusive mir – ca. 30 Pilger und Pilgerinnen. Ein bunt gemischter Haufen aus verschiedenen Nationen. Ich unterhalte mich mit einem Akademiker aus Leverkusen, der jedes mal dann, wenn er Beziehungsprobleme hat, eine Etappe des Jakobswegs wandert. Dieses mal will er bis León laufen. Nun, auch eine Form der Problembewältigung, denke ich. Er ist sehr redselig, aber ich habe keinen Bock auf so Beziehungsgequassel und gehe ihm für den Rest des Abends aus dem Weg.
Wir werden nun in die Turnhalle geführt. Wer ein Fahrrad dabei hat (neben mir noch vier andere Pilger) darf es mit in die Halle nehmen. Ich stelle mein Rad an das äußere Geländer der Zuschauerränge. So kann es nicht umkippen. Aus den Taschen nehme ich nur das, was ich für die Nacht brauche. Da ich nichts mehr zu trinken habe, nehme ich dankbar die Anwesenheit eines Getränkeautomaten auf, freue mich noch mehr, dass sich in meinem Portemonai auch passendes Kleingeld befindet und kaufe mir zwei Dosen Cola. Zurzeit spielen noch ein paar Leute in der Halle Handball. Als diese sich dann verziehen, breite ich unten, wie die anderen Reisenden auch, mein Nachtlager aus. Meine Therm-a-rest-Matte wird wohl den harten Boden ausgleichen. Den Schlafsack werde ich auch brauchen, denn es ist –wegen offen stehender Deckenfenster- empfindlich kühl hier. Was mir direkt auffällt ist die Tatsache, dass es sehr schallt, wenn geredet wird. Ich hoffe, das dass mein, oder das Schnarchen anderer nicht auf unerträgliche Maße verstärkt. Nicht weit von mir hat sich ein japanisches Pärchen sein Lager eingerichtet. Was die beiden aber aus ihren Rucksäcken zaubern, lässt mich staunen. Jeder hat eine Stange Marlboro-Zigaretten dabei. Da sie scheinbar ihren kompletten „Hausstand“ dabei haben, schaue ich neugierig zu, was noch so ausgepackt wird. Es folgen Nudeleintöpfe in Dosen(!!!). Dann Kekse, Käse und zwei Thermosflaschen. Danach folgen noch Flaschen Vittel Wasser so wie ein Gaskocher. Haben die beiden bei ihrer Reiseplanung zuhause gedacht, dass der Jakobsweg durch die Wüste führt? Nun ja.
Die Frau mit dem Schlüssel ließ uns noch wissen, dass die Halle um 22:00 Uhr abgeschlossen würde und zeigte uns aber den Notausgang, so dass keiner in Panik geraten musste.
Da ich bei einem ersten Inspektionsgang die Duschen und Toiletten für Herren entdeckt hatte, nutzte ich die Gelegenheit für eine wohlverdiente Dusche. Vom Komfort der Anlagen in der Halle war ich begeistert. Hochwertige Ausstattung. Ich stellte mich unter die Dusche und muss wohl die erwischt haben, bei der die Temperatur des Wassers nicht regulierbar war. Durch einen beherzten Sprung in den Vorraum vermied ich ernsthafte Verbrühungen auf meiner Haut. Das Wasser war höllenheiß. In der Dusche nebenan funktionierte dann alles.
Als ich fertig war, zeigte die Hallenuhr 21:45 Uhr an. Wenn ich noch eine rauchen wollte, musste ich mich sputen. Draußen vor der Tür fand ich mich in Gesellschaft der beiden Japaner, besser gesagt dem wahrscheinlich japanischen Ehepaar wieder. Sie grüßten mich lächelnd. Ich grüßte zurück. Sie fragten mich auf englisch, woher ich käme. „From cologne, Germany“ „With the bycicle?“ „Yes“ „Oh, ist a far away“ Ich erfuhr von den Beiden, dass sie aus der Nähe von Osaka kämen und drei Jahre für den Jakobsweg gespart und geplant hätten. Und das sie von St. Jean-Pied-de-Port aus bis Burgos schon elf Tage unterwegs wären. Wenn ich bedenke, dass ich mit dem Fahrrad nur drei Tage gebraucht habe. Und wer bewundert jetzt die Leistung des jeweils anderen mehr?
Wir pflegen noch ein bisschen Konversation, dann kommt auch schon der Hospitalero, bei dem ich mich angemeldet hatte, mit einem Schlüsselbund. Er komplimentiert uns in die Halle, wünscht uns noch eine Gute Nacht und schließt von Außen die Tür ab. Morgen früh können alle die halle über den Notausgang verlassen, aber um 7 Uhr käme jemanden vorbei und würde den offiziellen Ein- und Ausgang wieder aufschließen. Ein paar Notleuchten tauchten die Halle in ein heimeliges Licht. Ich kroch in den Schlafsack und konnte aber lange keine richtige Haltung zum Schlafen finden. Dann ließ ich etwas Luft aus meiner Matte heraus. Jetzt lag ich bequemer, hatte aber bei dem Getue die offene Cola-Dose umgeworfen. Mit eilig herbei geschafftem Klopapier sorgte ich wieder für einen reinen Boden. Trotz der Größe der Halle war es irgendwie gemütlich. Nur hörte man jedes Geräusch, jeden Huster, eben alles. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen. Zwischendurch bin ich mal aufgewacht, weil mir die Knochen vom Liegen wehtaten. Heute zurückgelegte 123 Kilometer meldeten sich noch einmal.
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
18. Tag. Dienstag, 16. Mai 2006 „In der Meseta“
Burgos – Hontanas – Castrojeriz – Frómista – Carrión de los Condes - Ledigos
112 Tageskilometer
Dieses mal weckte mich kein Wecker, sondern das rascheln und Knistern von Plastiktüten und Taschen, die hier und da in der Halle gepackt wurden. Instinktiv schaute ich zu meinen japanischen Nachbarn. Die verzehrten ein paar Kekse und nahmen mein Wachsein zum Anlass „Hai“ in meine Richtung zu grüßen. Ich tat es ihnen gleich und musste erst mal Geist und Körper sortieren. Ich hatte nicht gut geschlafen. Trotz Isomatte hatte ich den harten Hallenboden gespürt. Mir taten alle Gräten weh. Ich stand auf und streckte mich erst mal am Geländer der Zuschauerränge. Das Gehen einiger anderer Pilger motivierte mich dazu, auch meine „Sieben Sachen“ zu packen. Doch erst steuerte ich den Waschraum an. Zähne Putzen und Wasser durch die Haare sollte reichen. Schnell hatte ich alles zusammen gepackt und in den Taschen verstaut. Ich schob mein Rad quer durch die Halle zum Notausgang.
Die N-120, die für einige Kilometer „meine“ Straße verlief ganz in der Nähe der Turnhalle. Ich war entsprechend schnell auf dem richtigen Weg aus der Stadt. „Adiós Burgos“. Die Liste, der Städte, die ich noch mal gerne besuchen möchte, wurde immer länger. Ich fuhr stadtauswärts und begegnete einigen Pilgern, die in der Turnhalle übernachtet hatten.
In Tardajos sah ich in einer Kurve ein einladendes Straßencafe. Ich entschied mich, hier einen „Café con Leche“ (Kaffee mit Milch) zu trinken. Es war noch frisch, aber die Sonne schien schon ungetrübt vom Himmel. Meine Aufmerksamkeit galt mehr dem Plan, einen sicheren Abstellplatz für das Fahrrad zu finden. Dadurch bemerkte ich zu spät, dass mein gestriger „Gesprächspartner“, der Akademiker mit den Beziehungsproblemen auch schon hier angekommen ist. Er machte wegen leichtem Stechen im rechten Knie eine längere Pause. Es kam, wie es kommen musste. Ich hatte mal wieder „Mit mir kann man Reden“ auf der Stirn stehen und er machte davon, nachdem er mich an seinen Tisch gebeten hatte, reichlich Gebrauch von dieser imaginären Einladung.
Dass auch ein Mann so viel reden kann, war für mich eine neue und zugleich belastende Erfahrung. Zu guter letzt lud er mich auch noch zu seinem für den 15. August geplanten Vortrag über „Seinen Jakobsweg“ ein. Mit Untermalung durch gregorianische Gesänge will er dann von seiner Wanderung von Burgos nach León erzählen. Das maximalste an Gregorianischen Gesängen, die ich an meine Ohren heran lasse, sind die von „Enigma“.
Ich lasse ihn erzählen und führe in meinem Kopf eine Strichliste über die Pilger, die während seines Monologs an dem Cafe vorbei ziehen. „So, ich fahre weiter“ entschuldige ich mich bei meinem, immer noch erzählenden Gegenüber und ignoriere den verdutzten Eindruck in seinem Gesicht. „Natürlich komme ich zu deinem Vortrag nach Leverkusen“ lüge ich ihm noch entgegen und verziehe mich zu meinem Fahrrad. Meine Strecke führt mal links, mal rechts der Autobahn. Immer wider sehe ich in einiger Entfernung den Fußpilgerweg, der bestimmt idyllischer als meine geteerte Bahn ist. Aber mit dem Gepäck wäre es eine Tortour auf dem teilweise schotterartigen Weg zu fahren.
Ich war schon in der Meseta, dem nördlichen Ausläufer der zentralspanischen Hochebene angekommen. Es ging ohne irgendwelche Steigungen zum Teil kilometerlang Geradeaus. Dann machte die Straße mal einen Rechts- oder Linksknick um wieder lange Geradeaus zu verlaufen. Links und rechts der Straße sah ich ein Dorf nach dem anderen. Manches hätte bestimmt einen Besuch verdient.
Doch dann wäre ich wahrscheinlich viel zu spät in Santiago de Compostela angekommen. Bei Villasandino verlasse ich die N 120 und fahre auf der BU-404 weiter, da ich sonst einige geschichtsträchtigen Orten wie Castrojeriz oder Frómista großspurig umfahre. Von weitem sehe ich schon die riesige Burgruine von Castrojeriz.
Auch sie kommt auf meine Liste, späterer gewünschter Ziele. Der Bequemlichkeit halber fahre ich einen Umweg und ziemlich großen Bogen Richtung Frómista. Dort ist Marktag. Ich kaufe mir zwei Bananen, zwei Äpfel und eine Flasche Fanta. Dann geht es weiter über Población de Campos und andere Orte nach Carrión de los Condes. So blöd es auch klingt, aber der Ortsname allein sagt mir schon, dass ich hier eine Pause einlegen werde. Ich fahre in die Ortsmitte und finde schnell die örtliche Pilgerherberge. Dort drückt mir ein älterer Hospitalero gerne den gewünschten Stempel in den Pilgerausweis. Als Radfahrer muss ich zwar erst die letzten zweihundert Kilometer mit täglich einem Stempel nachweisen, um die begehrte Compostela zu erhalten. Doch das Stempelsammeln als Erinnerung für später macht Spaß.
In einer Senke links entfernt von der Hauptstrasse befindet sich ein Park mit Schatten spendenden Bäumen. Durch den Park fließt der Rio Carrión. Ich setze mich ans Ufer und lasse meine Füße von dem angenehm temperierten Wasser abkühlen. Dann setze ich mich mit einem leckeren Schokolade-Eis, dass ich mir vorher an einem Kiosk gekauft hatte auf eine Bank und studierte eine meiner Landkarten. Der Bikeline-Fahrradreiseführer war wegen seines Maßstabes 1:100000 die größte Hilfe.
Laut meinem Tacho hatte ich heute schon 83 Kilometer zurückgelegt. Es war mittlerweile schon 16 Uhr durch. Da ich so gut wie nichts mehr zu trinken hatte, wollte ich einen in der Nähe befindlichen Supermarkt besuchen. Doch der öffnet erst wieder 17 Uhr. Ich mache, da der Zweck die Mittel heiligt, eine ausgedehnte Pause und schiebe kurz vor 17 Uhr mein Rad Richtung Supermarkt. Mit Getränken versorgt fahre ich dann Richtung Ortsausgang. Links der Strasse macht mich ein größeres Gebäude mit einer Muschel auf der Fassade neugierig. Laut der Inschrift am haus scheint es sich um eine Art Museum zu handeln. Ich gehe hinein und es ist tatsächlich ein Museum. An einer großräumigen Theke sehe ich mir die Auslagen an. Derb Jakobsweg wird hier mit allerlei Krimskrams vermarktet. Vom Feuerzeug bis zum Schlüsselanhänger bekommt man hier alles mit Muschel oder gelbem Pfeil dekoriert. Und….. ich sehe einen sehr schönen Stempel, dessen farbiger Abdruck mir gut in meinem Pilgerausweis gefallen könnte. Die Dame an der Theke erfüllt mir den Wunsch und wieder ist eine freie Fläche in dieser Form eines Reisedokuments gefüllt. Wir unterhalten uns noch ein bisschen und sie erzählt, dass sie drei Jahre in Trier gelebt und gearbeitet habe. Sie wäre gerne in Trier geblieben, doch ihr Arbeitgeber (irgendein Kirchenstift) hat sie wieder nach Spanien beordert.
Über eine alte Brücke verlasse ich Carrión de los Condes und sehe rechts an der Straße den ersten Hinweis auf Santiago de Compostela. Eine Kilometertafel sagt, das es noch 438 Kilometer bis dorthin sind. Laut der Gesamtkilometeranzeige meines Tachos habe ich von Zuhause bis hierhin schon 1912 Kilometer zurückgelegt. Wahnsinn.Wahnsin!!! Es kommt mir gar nicht so viel vor. Körperlich bin ich voll fit. Bis auf die kaputte Pedale bei Estella hatte ich auch keine weiteren Pannen. Wenn das so weiter geht……… Aber man soll das Glück nicht provozieren.
Ich bin wieder auf der N 120. Es geht immer weiter geradeaus. Ich komme nach Calzada de los Molinos und gönne mir eine kleine Pause. Kurz nach Cervatos de la Cueza muss ich recht abbiegen. Die N 120 führt wieder geradeaus Richtung Autobahn. Die Landschaft wird von künstlich bewässerten Feldern bestimmt. Gegen 18 Uhr nähere ich mich dem kleinen Ort Ledigos. Links der Straße fahre ich an drei Pilgern der lustigen Art vorbei. Sie lachen, winken mit ihren Stöcken und rufen „Buen camino“ hinter mir her.
Im Bereich des Ortsausgang lese ich schon von weitem an einer Hauswand rechts der Straße die Aufschrift „Refugio“. Wenn ich einen Platz bekomme, werde ich heute hier übernachten. Ich biege in die nächste Straße rechts ein, finde außer dem Eingang zu einer Bar keinen Einlass zum Refugio. Von einem, zufällig vorbei kommenden älteren Herrn erfahre ich, das ich in die Bar gehen müsste. Der Wirt sei der Hospitalero des Refugios. Ich melde mich in der Bar. Die Wirtin des Hauses begrüßt mich herzlich und öffnet einen Einlass durch ein großes Scheunentor, damit ich mein Fahrrad in den Hof stellen kann. Dann führt sie mich an einen Schreibtisch, trägt meine Daten in das große Buch des Hauses ein und zeigt mir einen Raum mit mehreren doppelstöckigen Betten. Der Raum ist mäßig belegt. Der Anstalt halber weise ich die Wirtin darauf hin, dass ich vor ca. einem Kilometer drei Fußpilger überholt hätte, die bestimmt auch noch ein Bett suchten. Sie lachte und zeigte mir einen Nebenraum. Der Boden war voll mit Matratzen belegt. Also noch Platz genug Platz für übernachtungswillige Pilger.
5 € ist der übliche Obulus für eine Nacht. Sie fragt mich noch, ob ich Hunger habe. Ich antworte wahrheitsgemäß JA!!!. Wir vereinbaren, dass ich in einer halben Stunde zum Essen ins Lokal käme. Dann verstaue ich erst mal meine Taschen am Ende des Bettes. Die wichtigen Dinge habe ich immer in der Lenkertasche, die ich so weit möglich bei mir trage.
Ich muss auf die Toilette. Nicht einfach! Die Tür hat einen kleinen Riegel von innen. Da aber schon mehrere Personen in der Vergangenheit die Tür, trotz Besetzt-Schild von außen öffnen wollten hat der Riegel eine tiefe Furche im Türrahmen hinterlassen und seine Funktion als Eilaßsperre eingebüßt. Da die Tür nach offen auf geht und meine Arme zum Zuhalten derselbigen nicht lang genug sind, ähnelt meine „Sitzung“ einem Glücksspiel. Und ich hatte Glück, niemand hatte zur gleichen Zeit wie ich ein dringendes Bedürfnis.
Ich ging anschließend in das Lokal und setzte mich allein an einen Tisch. Viele Pilger waren nicht anwesend. Vielleicht lag es an der Uhrzeit (19 Uhr). Ich bekam zuerst einen Salat mit Brot. Statt dem angebotenen Rotwein bat ich um ein großes Bier. Dieses wurde mir in einem Halbliterglaskrug serviert und verweilte auch nicht lange darin. Ich hatte Durst. Das spanische Bier hat scheinbar einen niedrigeren Alkoholgehalt. Denn ich fühlte mich auch nach dem zweiten Krug noch wohl. Nach dem Salat gab es eine leckere Gemüsesuppe und dann kleine Schnitzel mit Patatas Fritas. Zu guter letzt noch ein gemischtes Eis. Und das komplett für schlappe 6,50 €.
Jetzt war ich satt und müde. Ich ging in das Zimmer und holte mir noch meine Zigaretten, nahm auf einem der zahlreichen angebotenen Stühle Platz und telefonierte mit Sandra. Es war schon dunkel und wurde auch ziemlich frisch. Daher zog ich es vor, mich in meinem Schlafsack einzurollen. Die Tür zum Hof blieb über Nacht offen. Da es sich aber um ein, nach Außen geschlossenes Gehöft handelte, bestand keine Gefahr für Leib und Leben.
Das Handy schaltete ich aus, da ich am nächsten Morgen nur mich und nicht die ganze wohlverdient schlafende Gemeinschaft wecken wollte. Über mir das Bett war auch jetzt noch leer, allerdings seiner Matratze beraubt. Der Nebenraum war jetzt auch gut belegt und wahrscheinlich hatte sich einer der Nachkommenden Pilger die ebengenannte Matratze für seinen Schlaf als nützlich erachtet.
Die Lenkertasche mit den wichtigen Dingen (auch dem Handy) schob ich unter mein Bett, wo sie allein schon durch meinen Körper fixiert und dem Zugriff fremder Hände entzogen wurde.
Ich hörte von draußen nur noch ein wenig Stimmengemurmel und das leichte Rauschen des Windes. Beide akustischen Eindrücke wiegten mich in den Schlaf.
[BREAK=19.Tag Mittwoch 17.mai 2006 "Weiter in der Meseta"]
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
19. Tag. Mittwoch, 17. Mai 2006 „Weiter in der Meseta“
Ledigos – Sahagún – El Burgo Ranero – Mansilla de las Mulas – León – San Martin del Camino - Astorga
136 Tageskilometer
Wie von der Tarantel gestochen, wache ich auf! Der auf „Alarm“ gestellte Wecker des Handys kreischt aus der unter der Matratze verstauten Lenkertasche kreischt mit ansteigender Lautstärke.
[B]Mist!! Ich hatte das Handy doch ausgeschaltet, aber dabei nicht bedacht, dass die Weckfunktion dabei erhalten bleibt. Ich rase Schlaftrunken aus dem Bett, da ich sonst nicht an die Tasche komme, hole das Handy raus und stoppe den Alarm. Hoffentlich habe ich keinen geweckt. Um mich herum ist es noch ruhig. Samt Handy und Waschsachen schleiche ich zu den, im Hof befindlichen Waschbecken. Dort befindet sich nämlich eine Steckdose um den Akku des Telefons wieder ein bisschen aufzuladen. Während ich mich wasche, fragt mich ein bedrohlich blickender englisch sprechender Zeitgenosse, ob ich in dem Bett geschlafen hätte und zeigt auf die Liegestatt, die ich tatsächlich die Nacht benutzt hatte. Ich antworte kleinlaut „Yes, why?“ Er murmelt irgendwas, sich von mir wieder abwendend durch die Gegend. Ich glaube, dass er einer der „Opfer“ meines lautstark eingestellten „Handy-Alarms“ war.
Nachdem ich mit der Morgentoilette fertig war, packte ich mein Rad und ging rüber zum Lokal, weil ich noch gerne einen Café con leche trinken wollte.
Während ich so an dem heißen Getränk schlürfte, betraten zwei Gestalten die Bar, die mir wieder mal den Kamm schwollen ließen. „Sie“: Gel geleckt, in hautengem Raddress, rosa Puma-Schüchschen, ein kleines goldenes Jakobsmüschelchen um den Hals und stets bedacht, in beeindruckender Pose (Brust raus) die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen. Er: Ebenso geleckt (wahrscheinlich Spanier) in ebenso engem Raddress, mit goldfarbener Armbanduhr am Arm und kleinem goldenen Kreuzchen um den Hals. Ebenso eitel nach Aufmerksamkeit heischend. Ich kann mich ja über solche Gestalten richtig aufregen und war neugierig, was die jetzt hier im Lokal wollten. Ich packe es nicht. Sie warteten auf den Busfahrer, eines Kleinbusses, der gerade mit dem Wirt über die Entfernung zur nächsten Tankstelle im Gespräch war.
Danke, lieber Gott dass ich nichts mit solchen Witzfiguren zu tun habe. Ich glaube, ich bekäme Ausschlag, wenn ich mit solchen Gestalten auch nur mehr als ein Wort wechseln müsste. Beide waren tatsächlich Spanier. Ich hatte auch noch nirgendwo auf meiner Reise solch eine Konzentration von Eitelkeiten wie in Spanien zu sehen bekommen. Endlich verschwanden sie mit dem Busfahrer. Ich bemerkte schon an den irritierten Blicken einiger anderer Gäste, dass sie ähnliches wie ich gedacht haben müssen.
Nachdem ich meinen Kaffee getrunken hatte, verabschiedete ich mich, nahm das Fahrrad und schob es vom Hof, an die nahe Landstraße. Durch eine leicht kurvige Allee verschwand ich aus dem Dunstkreis Ledigos. Es war gerade mal 8 Uhr. Ich hatte noch den ganzen tag vor mir und genoss die morgendliche Frische. Just in dem Augenblick überholte mich der Bus, in dem auch die beiden „zum Mensch mutierten Eitelkeiten“ saßen. „Gallego Viajes“ stand auf dem Bus. Ich vermute, dass es sich um so eine exklusive Jakobspilgerreise“ handelt, an der die beiden teilnahmen. Die oben auf dem dach befindliche Klimaanlage des Busses war fast größer als der Nutzraum des Fahrzeugs.
Fast nur geradeaus fuhr ich (zeitweise parallel zur Autovia 231) die 15 Kilometer bis Sahagún. An einem Brunnen mit Bank machte ich halt und genehmigte mir eine kleine Zigarettenpause. Dabei beobachtete ich vorbeiziehende Pilger. Im Gedanken versuchte ich mir vorzustellen, ich wäre von Bergisch-Gladbach aus, mit einem Rucksack auf dem Rücken Richtung Santiago de Compostela los gezogen. Wie ich mich kenne, würde das mich wahrscheinlich zwischendurch zum Pfuschen verführen. Manche Etappe würde ich dann auch in einer „Null-Bock-Phase“ a la Hape K. mit dem Bus oder Zug zurücklegen. Nein! Für mich persönlich war die Entscheidung von Zuhause quasi ab der Haustür los zu fahren, die perfekte Entscheidung.
Jetzt, wo es nur noch knappe vierhundert Kilometer bis Santiago waren, machte ich mir auch schon Gedanken über den Rücktransport des Rades nach Deutschland. Bis jetzt wusste ich nur, dass Busse Fahrräder nicht mehr mitnehmen und dass es in Santiago Speditionen gibt, die man mit dem Transport des Fahrrades beauftragen kann. Aber das in die Tat umzusetzen, hat ja noch Zeit.
Ich stieg wieder in den Sattel und fuhr weiter Richtung Gordaliza del Pino. Kurz hinter Sahagún machte die Straße einen Linksknick um dann wieder unbeirrt für einige Kilometer geradeaus zu führen. Nach Castrovega de Valmadrigal wechselte ich auf die N 601, die tatsächlich, ohne Kurven auskommend, fast 20 Kilometer bis Mansilla de las Mulas führte. In Mantallana del Valmadrigal passierte es dann.
Ich hatte ja immer noch mit Sonnenbrand an der Schläfe und dem Linken Arm zu tun. Am Ortseingang hielt ich rechts an um zu gucken, ob ich Kleingeld hatte, falls ich hier eine Apotheke fand. Ich wollte mich mit dem linken Fuß zum Absteigen abstützen und es war so, als wenn ich weder ein linkes Bein noch einen linken Fuß hätte. Ich kippte einfach mit dem Fahrrad um. Die vordere linke Tasche flog vom Taschenhalter und ich saß auf dem Allerwertesten.
Es war nichts passiert. Weder mir noch meinem Material. Ich dachte nur, „gut dass dich jetzt keiner gesehen hat“. Das wäre peinlich gewesen. Ich stand wieder auf, rückte alles am Rad zurecht und machte mir erst mal eine Zigarette an. Dann schob ich das Rad ein paar Meter und sah schon rechts an einem der Häuser das Schild „Farmacia“. Ich stellte mein Fahrrad ab und ging in die Apotheke. Meine Frage nach „Bebanthen“ endete mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn der Apothekerin. Sie bot mir eine Art Apre´-Sun Lotion an. Ich dachte, erst mal besser als nichts und trug mir draußen das übel riechende Zeug auf die Haut auf.
Ich fuhr weiter auf der N 601 über Mansilla de las Mulas und Puente Villarente. Kurz nach Valdelafuente hatte die N 601 fast autobahnartigen Charakter. Als ich die ersten Häuser von León passierte, wechselte ich rechts auf eine kleinere Parallelstraße Richtung Innenstadt. An einem Verteilerkreis, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand, fragte ich zwei Passantinnen nach dem Weg zum hiesigen Refugio. Sie lachten und zeigten auf eine Messingmuschel, die in den Bürgersteig eingelassen war und sich fast genau vor meinen Füssen befand.
Ich solle einfach diesen Zeichen folgen, dann käme ich automatisch zu der gewünschten Adresse. Das Refugio wollte ich wegen dem, von mir begehrten Stempel für meinen Pilgerausweis aufsuchen. Ich folgte den Muscheln im Bodenbelag und fand das Refugio tatsächlich auf dem Plaza del Grano. Durch eine schwere Eichentür kam ich in einen Innenhof. In der ersten Etage fand ich das Büro, in dem ich meinen Wunsch nach einem Stempel äußern konnte. Ich bekam ihn und konnte um einen Stempel reicher meinen Weg in die Innenstadt fortsetzen. Ich wollte nämlich die Kathedrale, die auch schon in vielen Reiseberichten Erwähnung fand, in Natura sehen. Ich fand die Kathedrale, um die Mittagszeit leider geschlossen vor. Gegenüber der Kirche fand ich das Tourismusbüro. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Kirche erst um 16 Uhr wieder geöffnet würde.
Das war mir zu spät. Denn ich hatte als heutiges Etappenziel Astorga ins Visier genommen und bis dahin waren es von León aus noch ca. 50 Kilometer. Durch eine belebte Fußgängerzone schob ich mein Rad wieder in die Richtung, aus der ich gekommen war. An einer Hauptstraße achtete ich auf entsprechende Hinweise, die mir den Weg nach Astorga zeigen würden. Doch vorher kaufte ich noch eine Ansichtskarte, die ich an Sandra schicken wollte.
Ich fand eine, auf der verschiedene Städte entlang des Jakobswegs abgebildet waren. Ich kreuzte die Städte, durch die ich schon gekommen war an und schrieb in einem Park ein paar Grüße dazu. Am nächsten Briefkasten warf ich die Karte ein und folgte, dem eben entdeckten Schild Richtung N 120. Ich wusste von einem Stadtplan, dass diese Richtung Astorga führt. Während ich so in Gedanken versunken das Rad weiter auf dem Bürgersteig schob, sprach mich ein älterer Herr freundlich an. Von der Kleidung her wirkte er wie ein Pfarrer. Er fragte mich nach dem „Woher und Wohin“ und wollte alles ziemlich genau wissen. Mein Spanisch reichte, um alles, was er sagte und fragte sinngemäß zu verstehen. Doch mit der Sprache hapert es bei mir immer etwas. Vielleicht aus Unsicherheit. Noch unsicherer wurde ich allerdings, als er mich in sein haus zum Essen einladen wollte. Das war mir dann doch zu „freundlich“ und ich lehnte dankend mit dem Argument ab, dass ich noch einen langen Weg bis Astorga hätte. Was ja auch stimmte. Ich verabschiedete mich und dachte nur, dass ich vielleicht zu misstrauisch sei. Aber ganz geheuer war mir die erlebte Situation nicht. War halt so ein Gefühl. Als ich das Schild Richtung Astorga entdeckte, kam in mir wieder alle Energie zum Weiterfahren hoch. Ich hätte rechts auf die Hauptstrasse abbiegen müssen. Doch sah ich in einem Gewerbegebiet auf der gegenüber liegenden Straßenseite groß das Schild eines deutschen Discounters. Zu Trinken und auch was zu essen brauchte ich. Typisch Lidl. Rechts das Brot und links der Kaffee….. Ich erledigte meine Besorgungen und amüsierte mich noch darüber, dass hier nach dem Einkauf die Kassenbons genau so argwöhnisch geprüft werden, wie bei uns. Die Summe von 1,99 und 0,99 und 2,99 und so weiter macht eben ein Vielfaches dessen, was man meint, gefühlsmäßig gekauft zu haben. Das geht mir zuhause regelmäßig so und ich habe mich schon lange damit abgefunden, dass diese ,99erei eine ganz raffinierte Erfindung und Kostenfalle der Händler ist. Aber das nur am Rande. Ich fuhr wieder zur N 120 und orientierte mich erst mal Richtung La Virgen del Camino, einem Vorort von León. Aber erst mal musste ich eine endlos lange geradeaus führende langweilige, mit noch langweiligeren Häusern flankierte Strecke hinter mich bringen. Nach ca. einer halben Stunde brachten eine Rechtskurve und ein kleiner Verteilerkreis Abwechslung in das hinter mir gelassene öde Teilstück meiner Fahrt Richtung Astorga. Ab Valverde de la Virgen fuhr ivh immer wieder parallel zur Autopista Nr. 71. Wenn ich die auf der Autobahn fahrenden Autos sah, kam ich mir unheimlich langsam vor. Der Eindruck wurde noch dadurch verstärkt, dass ich ein bisschen bergauf fahren musste. Als ich gegen 16 Uhr in Hospital de Orbigo ankam, hatte ich von León aus schon 33 Kilometer zurückgelegt. Laut einer Hinweistafel waren es bis Astorga nur noch ca. 22 Kilometer. Spätestens 18 Uhr würde ich dort ankommen.
So war es dann auch. Ich spulte die Kilometer, immer die Autobahn zu meiner Linken bis an einen Verteilerkreis ab. Dort bog ich an einem Verteilerkreis Richtung San Justo de la Vega ab, da die N 120 in eine Fernstrasse mündete. Von San Justo aus waren es nur noch wenige Kilometer bis Astorga. Dort angekommen fragte ich mich zu der örtlichen Pilgerherberge durch. Es war ein relativ kleines Gebäude, das ich vorfand. Die Herberge war leider voll belegt. Doch die Hospitalera sagte mir, dass nicht weit von hier an der historischen Stadtmauer eine größere herberge sei und sie mich dorthin bringen würde. Das fand ich total nett. Denn offen gestanden war ich von der heutigen Fahrerei doch was geschafft. Die Frau fragte mich beim gehen, von wo ich heute käme. Der Ortsname Ledigos sagte ihr nicht wirklich was. Ich erzählte ihr, dass Ledigos „un Pueblo“ also ein Dorf 136 Kilometer von hier entfernt sei. Als sie die Kilometerzahl hörte, über die ich offen gestanden im Nachhinein selber staunte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. „Dio mio, que loco estas“ Frei übersetzt: „Mein Gott, wie bekloppt ist das denn?“ Stimmt. Ich war doch nicht auf der Flucht. Doch es war ein super Vorankommen in der Meseta. Doch damit sollte ab Astorga Schluss sein, denn es standen Bergtouren bevor.
Zufällig kam uns der Hospitalero meiner „alternativen“ Herberge entgegen. Er nahm mich in Empfang. Ich verabschiedete mich von der Frau. Sie musste aber dem Hospitalero noch „stecken“, dass er mir ein gutes Bett geben solle, da ich heute 136 Kilometer hinter mir habe.
Er versprach ihr, dass ihr Wunsch ihm Befehl sei und wir gingen zusammen an der alten Stadtmauer, von der man einen herrlichen Blick ins tiefer gelegene Umland hatte zur Pilgerherberge.
Als wir dort ankamen, staunte ich schon. Die Herberge befand sich in einem imposanten Gebäude, wohl einem ehemaligen Kloster oder ähnlichem. Mein Fahrrad konnte ich in einem Innenhof abstellen, dann folgte das übliche Eintragen meiner Personalien in ein großes Buch. Auch hier wurde eine Spende von 5 € erwartet. Dafür gab es auch wieder einen schönen Stempel in den Pilgerausweis.
Danach führte mich der Leiter des Hauses durch lange Flure zu den einzelnen Einrichtungen. Zuerst zeigte er mir die „Schlafzimmer“. Im Grunde genommen handelt es sich um einen, durch Vorhänge in Schlafparzellen mit je vier Doppelstockbetten aufgeteilten großen Saal. Es war nicht viel los um diese Jahreszeit, denn ich musste die mir zugewiesene „Parzelle“ nur mit einem aus England kommenden Pilger teilen. Das heißt, ein 8 Betten-Zimmer für zwei Personen, wenn nicht am späten Abend noch jemand anreisen sollte. Ich bekam noch den Waschraum, die Duschen und die Toiletten gezeigt. Alles in sehr gutem Zustand. Ich kann sagen, diese Herberge ist mehr wert als nur eine Spende von 5 €. Zu guter letzt zeigte der Hospitalero noch die Gemeinschaftseinrichtungen wie Küche, Waschraum mit Waschmaschinen und Wäschetrocknern. An alles war gedacht. Die „Führung“ war beendet und ich zog mich erst mal in meine „Parzelle“ zurück. Die Taschen packte ich aus und verstaute alles auf dem Bett über mir. So konnten die Klamotten mal wieder lüften. Dann nahm ich die Lebensmittel, die ich mir in León im Lidl gekauft hatte und ging in die große Wohnküche, die auch mit allem, was man zum Kochen oder Zubereiten brauchte, ausgestattet war. An dem großen in der Mitte des Raumes stehenden Tisch hatten sich, wie ich am Akzent zu erkennen glaubte, zwei junge Amerikanerinnen nieder gelassen um unzählige Fotos zu betrachten und bei jedem zweiten Foto unbeherrscht loszulachen. Ich ließ mich allerdings nicht stören und schnitt mir kleine Würfel aus dem mitgebrachten Vollkornbrot und einer Paprikawurst. Eine der beiden Amerikanerinnen beobachtete mein Zubereiten des Abendbrotes mit einer Miene im Gesicht, als wenn ich gerade Regenwürmer oder ähnliches essen würde. Nun, die Amis kennen ja nur Pappebrot und Pappeburger grinste ich vor mich hin. Ihre Neugier galt alsbald auch wieder mehr den, auf dem Tisch liegenden Fotos statt meinem Abendessen.
Ich hatte keinen allzu großen Hunger. Den Rest meiner Mahlzeit packte ich ein und deponierte ihn im Kühlschrank (morgen Früh nicht vergessen!). Dann ging ich erst mal in meine „Parzelle“. Von meinem Mitbewohner hatte ich bisher weder was gesehen noch gehört. Neben seinem Bett stand ein großer Rucksack, ein paar Wandersandalen und mehrere Flaschen spanisches Bier. Ich hoffe, dass der Geselle nicht so ein „Alki“ ist und nachher die Nacht zum Tag werden lässt. Diese Sorge war, im Nachhinein betrachtet, unbegründet. Ich nahm mir eine Flasche Cola, die Zigaretten und ging vor das Haus. Hier standen einige Stühle und kleine Tische. Da die Herberge nicht im Zentrum der Altstadt lag, konnte man hier wunderbar entspannen. Ein paar andere Pilger saßen ebenfalls draußen, unterhielten sich oder machten es so wie ich und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein.
Die Ruhe wurde plötzlich durch ein ständiges Geklapper unterbrochen. Zunächst dachte ich, es handele sich um Kinder, die Holzstöcke in Fechtmanier gegeneinander schlügen. Doch das Geklapper kam von OBEN! Vom Dach des schräg gegenüber stehenden Hauses. Ich dachte, ich sehe nicht recht. Auf dem Dachfirst trippelten drei Störche herum, die sich wahrscheinlich angeregt über das am Tag Erlebte „unterhielten“. Dies eine zeitlang beobachten zu können, war eines der Erlebnisse, die mich auf dieser Reise am meisten beeindruckten. Musste ich fast 2000 Kilometer quer durch Nordspanien mit dem Fahrrad bis hierhin fahren um zum ersten mal Störche in freier Natur zu sehen? Scheinbar ja! Und der in mir seit Kindheitstagen schlummernde Begriff „Klapperstorch“ bekam jetzt eine ganz andere Bedeutung. Die Störche „klapperten“ bis weit in die Dämmerung. Dann war nichts mehr zu hören. Wahrscheinlich schlummerten sie schon friedlich in ihren Nestern. Das sollte ich auch langsam tun, fiel mir ein. Denn morgen stand unter anderem das „Cruz de Ferro“ auf dem Monte Irago als Etappenziel an. Hierzu musste ich auf eine Länge von ca. 27 Kilometern ca. 650 Höhenmeter überwinden.
Ich rauchte noch eine Zigarette und ging dann Richtung Bett. „Meinen Mitbewohner“ hatte ich immer noch nicht zu sehen bekommen. Nach einer Reinigungszeremonie im Waschraum legte ich mich schlafen. Es war sehr ruhig und von den „Nachbarparzellen“ hörte ich das gleichmäßige „Schnorcheln“, dass wie von Mitmenschen klingt, die ihren Schlaf wohl verdient hatten. Es muss knapp nach 22 Uhr gewesen sein. Die Ruhe war dahin. Von draußen klang das laute Knallen und Pfeifen von Sylvesterknallern bis in den letzten Winkel der Herberge. Spanien muss wohl in irgendeiner Vorrunde der Fußball-WM 2006 gewonnen haben. Eine andere Erklärung hatte ich in diesem Augenblick für das Geknalle und Gegröle nicht. Doch alsbald wurde es wieder ruhig. Mein Zimmermitbewohner war immer noch nicht aufgetaucht.
136 Kilometer Tagesstrecke hinter mir lassend, schlafe ich schnell ein.