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jrampe
13.04.2009, 18:36
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

8. Tag Samstag 06. Mai 2006 Vézelay und Kirschkuchen
Avallon – St. Perè - Vézelay – Clamecy – Varzy – La Charité-sur-Loire
114 Tageskilometer
4392
Ich wache gegen 6 Uhr ohne Wecker, auch nicht von der Sonne geweckt, auf. Warum auch immer. Das Zelt ist von Innen patschnaß. Der Schlafsack feucht und alles muffelt irgendwie nach feuchtem Mief. Ich krieche aus dem Zelt. Es war zwar nicht am Regnen. Doch so nass wie alles draußen war, muss es ganz schön gegossen haben. Ich gehe in den Waschraum. Mangels warmen Wassers ist nur kleine Wäsche angesagt. Zum Glück gibt es hier so eine Art Aufenthaltsraum, wo man sich trockenen Fußes einen Kaffee oder wie in meinem Fall, einen Cappuccino kochen kann. So sitz ich da und döse vor mich hin. Draußen ist es diesig. Das Zelt kriege ich doch nie trocken und die Klamotten muffeln. Ich spüle mein Geschirr, gehe zum Zelt und treffe einen Entschluss. Das Zelt lasse ich einfach stehen und haue, wenn mich keiner beobachtet, einfach ohne dieses verhasste Teil ab. Oder doch nicht? Ich will mir das Zelt mal von allen Seiten angucken. Iiiiiii, an der Rück- und den Seitenwänden des Zeltes sind zahllose von diesen kleinen ca. 1 cm langen grauen Schnecken hoch gekrochen. Nein Danke. Ich bin kein Weichei, aber das hier ist einfach nur ekelhaft. Ich schleppe meine sieben Sachen zu einem nahe liegenden Spielplatz, lege sie dort auf eine Bank und packe das Fahrrad in aller Ruhe. Denn jetzt kommt ein bisschen die Sonne durch den Wolkenvorhang und spendet etwas Wärme. Gegen 8 Uhr schiebe ich mein Fahrrad bepackt vom Campingplatz. Keiner hat mich beobachtet und jetzt empfinde ich wegen der Tatsache, das Zelt stehen gelassen zu haben keinen Verlust. Außer natürlich dem Finanziellen. Ich werde auf meiner weiteren Reise bezüglich Übernachtungen Jugendherbergen oder andere preiswerten Unterkünfte aufsuchen. Wir schon klappen. Und in Spanien befinden sich ja die zahlreichen Refugios am Jakobsweg. Und es war doch die richtige Entscheidung das Zelt stehen zu lassen. Was soll ich das jetzt nasse und von Schnecken verschmierte Teil mitschleppen und in ein paar Wochen dem Hersteller um die Ohren hauen?! Lieber ein Ende mit Schrecken(Schnecken) als ein Schrecken ohne Ende!
Wie ich gestern Abend bei der Abfahrt zum Campingplatz schon mutmaßte, werde ich für die bequeme Abfahrt heute mit „Bergauf Schieben“ „bestraft“. Doch in diesem Fall hat das einen großen Vorteil, denn links von mir kann ich die harmonische Anordnung von –schon vor langer Zeit gebauten- Häusern betrachten, die sich wie Perlen auf einer Kette an vor Jahrmillionen entstandenen Felsklippen schmiegen. Würde man die Errungenschaften der Neuzeit wie Sat-Schüsseln oder Telefonmasten weg retuschieren, gäbe das ganze eine prima Kulisse für einen Film mit Mittelalterlichen Hintergrund.
Nach einer halben Stunde Schieberei komme ich wieder oben an der Hauptstrasse an. Ich setze mich auf das Rad, biege links in die Hauptstrasse ein um dann nach ca. 5 Minuten Fahrt das Ortsende von Avallon hinter mir zu lassen. Es geht den ersten Kilometer leicht bergab. Ich denke noch daran, dass ich gerne mal hierhin zurückkehren möchte. Über die D 957 fahre ich durch eine, ständig ihr Gesicht verändernde Landschaft. Diese Mischung aus sanften Hügeln und ebenso sanften Tälern, die von der Landstrasse regelrecht ummalt werden, sind eine wahre Augenweide. Dadurch werde ich auch für den heute Wolken vergangenen Himmel voll entschädigt. Über Pontaubert und Saint-Père gelange ich an die abbiegende Strasse, die steil hoch nach Vézelay, dass ich aus der Ferne schon hoch auf einem Bergplateau thronend sah, führt.
Teilweise stramm in die Pedale tretend, teilweise schiebend erreiche ich den Ortsanfang von Vézelay. Am Ortsschild ein Schnappschuss für das „Ich war hier-Album“, dann schiebe ich weiter.
An einem Busparkplatz vorbeikommend erreiche ich eine Gasse, in deren Pflaster Messingmuscheln als Pilgerweg-Symbol eingelassen sind. Ich schiebe mein Rad die steile Gasse hinauf und bin enttäuscht. Hatte ich doch erwartet, dass ich hier, wo die Via lemovicensis, die Strasse nach Limoges (einer der 3 Haupt-Jakobswege durch Frankreich) beginnt, doch ein paar echte Jakobspilger sehen würde. Immerhin ist schon Mai und auch die Zeit für Fußwanderer angebrochen. Doch nichts dergleichen. Auf dem großen Platz, der sich am Ende der Gasse öffnet und einen großartigen Blick auf die Kirche Sainte Marie-Madeleine freigibt, tummeln sich nur eine Handvoll ältere Bustouristen. Ich denke, dass dieser historische Ort mehr Aufmerksamkeit und somit Besucher verdient hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass heute Montag ist und die Wochenenden vielleicht mehr Besucher anlocken. Ich stelle mein Fahrrad an einer Mauer vor der Kirche ab und betrete das große Gebäude. Kirchen üben auf mich auf Grund ihres Alters und dem Gedanken, welch geniale Baumeister solche Bauwerke geschaffen haben, eine große Faszination aus. Ich gehe in die Krypta, weil ich gelesen hatte, dass sich dort die Gebeine der Maria-Magdalena (Freundin von Jesus) befinden sollen. Ich werde heute ein zweites mal enttäuscht. Es ist nur ein Ellenbogenknochen, der sich in einer Glasröhre befindet. Und darum wird so ein Wirbel gemacht? Ich gehe wieder in die große Halle und will mich nach einem Stempel für meinen Pilgerausweis erkundigen. Auf einer Empore vor dem Altar saugt eine Nonne den Teppich. Ich spreche sie auf Französisch an und bemerke ihre Verunsicherung. Sie schaltet den Staubsauger aus und entschuldigt sich halb in Deutsch, halb in Französisch dass sie noch nicht so gut Französisch spricht. Sie wirkt sehr erleichtert als ich ihr antworte, dass dies für mich überhaupt mkein Problem sei. Dann erfuhr ich von der Nonne, dass sie aus Trier stamme und erst seit 6 Monaten hier in Vézelay lebe. Wegen eines Stempels bittet sie mich mitgekommen. Wir gehen in einem Nebengang der Kirche an sehr vielen Zellen, in denen Nonnen musizieren oder beten vorbei. In einem Art Aufenthaltsraum angekommen stellt sie mich zwei anderen deutsch sprechenden Schwestern als Jakobspilger vor. Ich werde herzlich zu einem Kaffee und einem Stück Kirschkuchen eingeladen. Da es fast Mittagszeit ist und mein Magen ein wenig knurrt, nehme ich die Einladung dankend an. Wir unterhalten uns über dies und jenes und meine Reise im Besonderen. Ich erfahre, dass sie schon viele Pilger begrüßt hätten und dass sie eine kleine Herberge bewirtschaften, in denen Pilger eine Nacht verbringen. Sie bieten auch mir eine Bleibe an. Doch angesichts der Tatsache, dass es noch keine 12Uhr ist und ich noch voller Tatendrang bin, lehne ich dankend ab. Ich bekomme noch einen sehr schönen Stempel in meinen Pilgerausweis gedrückt. Danach bedanke ich mich für die Gastfreundschaft und verlasse das Gotteshaus. In einem kleinen Geschäft kaufe ich noch eine Ansichtskarte für Sandra. Ich setze mich auf einen Mauervorsprung und schreibe meine Grüsse auf die Karte. Briefmarke drauf und ab in den nächsten Briefkasten. Dann setze ich mich auf eine Bank nahe der Kirche und denke nach. Dass hier im 12. Jahrhundert zwei Kreuzzüge mit Tausenden von Rittern und Gefolgsleuten Richtung Jerusalem ins Heilige Land starteten, kann ich mir gar nicht vorstellen. Naja, ist ja auch über 800 Jahre her. Seit dem hat Vézelay auch noch andere Zeiten erlebt. Während der Französischen Revolution herrschte auch hier dicke Luft und es war bestimmt eine Zeitlang unruhig. Doch nachdem sich auch diese Unruhe verflüchtigt hatte, ist es hier wieder ruhiger und die Pilger dürfen wieder hierhin kommen.
Ich entschließe mich weiter zu fahren. Die steile Abfahrt zur D 951 Richtung Chamoux macht Spaß. Auf einer Wald- und Wiesenreichen Strecke gelange ich über Domecy nach Clamecy. 24 Kilometer habe ich seit Vézelay zurückgelegt. Entweder ich habe einen „Mittagsknick“ oder die heutigen Erlebnisse haben mich schon arg beansprucht. Jedenfalls sehe ich vor mir eine schöne alte Stadt auf einem Hügel. Ich weiß, das ich das Rad nur über eine überschaubare Strecke durch die Stadt schieben müsste, da –jetzt natürlich nicht sichtbar- auf der anderen Seite des Hügels die Strasse, die ich noch fahren will, weiter geht. Doch ich habe nicht die geringste Lust zu schieben. Will lieber ein paar Kilometer tretend im Sattel bleiben als schon wieder zu schieben. Ich fahre also einen Umweg von ca. 7 Kilometer um den ganzen Bergrücken herum, nehme Ampeln, Kreuzungen und Verteilerkreise in Kauf, nur um nicht schieben zu müssen. Gegen 14 Uhr hat dieses Drama ein Ende und ich bin wieder auf der regulären Strasse Richtung La Chârité-sur-Loire meinem heutigen Ziel. Clamecy hinter mir lassend lande ich nach ein paar Kilometern auf der fast autobahnähnlichen N151 Richtung Varzy. Ich sehe zwar kein Schild, dass hier das Rad fahren verbietet. Doch auch keines, dass es ausdrücklich erlaubt. Ich fahre auf der Standspur und male mir schon aus, wie ich reagiere, falls mich z. B. eine Polizeistreife anhalten sollte. Ich würde dann betretene Miene auflegen und was von „Pardon“ und „hab´ ich nicht gewusst“ labern. Doch ich werde nicht aufgehalten. Auch ist ein fahrendes Auto hier überhaupt eine Seltenheit. Nach 17 Kilometern komme ich in Varzy an. Ich hole mir in einem Supermarkt was zu trinken und fahre dann auf der N 151 weiter. Bis La Charité-sur-Loire sind es noch ca. 37 Kilometer. Es ist jetzt ca. 15 Uhr. Ich denke, dass ich gegen 18 Uhr dort eintreffe. Ich fahre so vor mich hin, wieder in diesem „Petit Pan-Rhythmus über Le Château de la Tour. Das Wetter hat sich aufgehellt und es ist sogar die Sonne zwischen den Wolken heraus gekommen.
Wie vorher gesagt, gegen 18 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von la Charite-sur-Loire. Die Strasse führt direkt bis ans Ufer der Loire. Ich halte an und muss tief durchatmen. Dies ist also die legendäre Loire, die ich zig mal im Fernsehen sah, die immer wieder als größter nicht gebändigter Strom Europas Erwähnung findet. Mehrere Wasserstrassen die sich vor Sandbänken trennen, dahinter wieder vereinen. Ich sehe Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Überhaupt glaube ich heute zum ersten mal ungebändigte Natur zu sehen. Ich schiebe mein Fahrrad einen kleinen Sandweg hinab bis zum Wasser und „taufe“ mein Gesicht mit Loire-Wasser. Ich bleibe ca. eine halbe Stunde hier. Doch irgendwann wird mir bewusst, dass ich mir ja noch für heute Nacht eine Bleibe suchen muss. Ich schiebe mein Fahrrad wieder den Weg hinauf und fahre bis zur nächsten Brücke langsam und innerlich zufrieden in die Pedale tretend. Kurz vor der Brücke steige ich vom Rad. Ich muss immer wieder nach rechts zur Loire schauen. Der breite ruhig fließende Strom nimmt mich immer wieder in seinen Bann. In der Nähe der alten Steinbrücke sehe ich eine kleine Hotelanlage. Sie liegt etwas nach hinten von der Uferstrasse entfernt. Ein Schild weist in großen Lettern darauf hin, dass man hier Gästezimmer vorfindet(Hôtel Le bon Laboureur,). Das heißt auf Deutsch: „Hotel zum guten Bauern“. Das Hotel liegt am Quai George Clemenceau.
Wie ich finde, ein treffender Name für eine Gebäudeanlage, die einem Fachwerkgehöft gleicht. Es handelt sich aber um einen Neubau. Das Hotel sieht einladend, allerdings auch sehr feudal aus. Soll ich nach dem Übernachtungspreis fragen? Ich denke ja und werde bezüglich meiner Preisvorstellung ein bisschen Schlitzohrigkeit an den Tag legen. Ich mustere das gebäude erst noch ein bisschen von Außen. Zufällig tritt gerade ein Herr aus dem haus, der wie ein Mitarbeiter des Hauses aussieht. Auch er hat mich entdeckt.
Wir begrüßen uns. Mit Pokermiene frage ich ihn, ob er mir sagen könne, wo hier in Charité eine Auberge de Jeunesse (Jugendherberge) zu finden sei. Wie ein armer Vagabund sehe ich äußerlich ja nicht aus und hoffe auf die von mir erhoffte Reaktion seitens de Hoteliers. Jedenfalls muss er meine eingeschränkten Französischkenntnisse bemerkt haben. In akzentvollem Englisch fragt er mich „Do you speak english?“ „Yes, a little bit“ antworte ich aufrichtig. „You know, we have this week a spezial offer for nice price-rooms.” Ich frage “What the price for one night?” “Twentyfive Euros iclude breakfast” beantwortet er freundlich meine Frage und taxiert dabei gezielt mein Äußeres.
Ob er Zweifel hat, dass ich die 25 Euro bezahlen kann? Der Preis war günstiger als ich für eine Übernachtung in diesem Haus erwartet hätte. Vielleicht war im Moment Übernachtungsmässig „Saure Gurkenzeit“?! Ich nahm das Angebot an und schritt mit meinem Fahrrad zur rechten hinter dem Hotelier her. Er bat mich das Fahrrad etwas weiter hinten in einem Innenhof abzustellen.
Ich schob das Rad in die Nähe eines Abstellraumes und folgte ihm dann zur Rezeption. Die Übernachtung bezahlte ich im Voraus, erfuhr dass man ab 7 Uhr frühstücken könne und erhielt den Schlüssel für das mir zugedachte Zimmer. Das Zimmer befand sich im Erdgeschoss eines Zweigeschossigen Anbaus.
Ich schloss die Tür auf, trat ein und traute meinen Augen nicht.
Das war kein „Zimmer“ sondern ein geräumiges Apartment mit separatem Bad, Polstergarnitur, großzügigem Doppelbett (Einzelzimmer gibt es in Frankreich sowieso keine), Minibar, Fernseher und was sonst noch zu einem, wenn auch nur vorübergehendem Zuhause gehört. Ich packe die Taschen aus und mache es mir erst mal bequem. Dann gehe ich für einen Moment aus dem Haus eine rauchen, denn wie überall in fremden Häusern praktizierend will ich auch diesen Raum nicht verräuchern. Es war jetzt schon nach 19 Uhr. Ich fing an, mich ein wenig um die Wäsche die man direkt auf der Haut trägt zu kümmern. Auf gut Deutsch war Waschen angesagt. Mit Duschgel ging ich ans Werk. Anschließend hängte ich die Klamotten auf eine Wäscheleine, die ich zwischen Fenstergriff und Stuhllehne spannte. Die Vorhänge am Fenster hatte ich vorher zugezogen. Braucht ja nicht jeder zu sehen, dass ich „Waschtag“ bzw. Abend habe! Danach machte ich es mir in einem Sessel bei einer Cola bequem und guckte ein bisschen „SAT 1“. Doch auf Nachrichten dieser Art aus der Heimat hatte ich keinen Nerv. Ich telefonierte noch ein bisschen mit Sandra, schlich mich noch zur obligatorischen Abendpflege in das großzügig ausgestattete Bad um dann für heute Frieden im Bett zu finden.
Ich dachte noch mal an das Erlebte in der Kirche in Vézelay, an die abwechslungs- und erlebnisreiche Fahrt hierhin. Das Wetter zeigte hatte sich auch von seiner besten Seite gezeigt, was ich an einem leichten Brennen der Haut im Gesicht und den Armen merkte.
Nach heute gefahrenen 114 Kilometern blieb ich auch nicht mehr lange wach!


Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

9. Tag Sonntag 07. Mai 2006 "Adieu La-Charité-sur-Loire"
La Charité-sur-Loire – Charost – Issoudun – Châteauroux
119 Tageskilometer

ich wache gegen halb sieben Uhr durch Geräusche, die von der Strasse her kommen, auf. Laute unheilvolle Männerstimmen lassen mich neugierig werden. Ich gehe an das Fenster, kann aber nichts sehen. Später beim Frühstück erfahre ich von einem anderen Gast, dass ein Müllwagen ein parkendes Fahrzeug beschädigt. Da der Besitzer des Fahrzeugs dabei Zeuge wurde, war großes Palaver angesagt. Nachdem mein Handywecker mir mitteilte, dass jetzt eh´ Zeit zum Aufstehen gewesen wäre, verzeihe ich mich ins Bad. Anschließend werden wieder die Taschen gepackt und auf dem Fahrrad verstaut. Jetzt kann ich mich dem Frühstück zuwenden. In einem gemütlichen Speiseraum war auch schon ein Tisch für mich eingedeckt worden. Es roch nach frischen Brötchen und ebenso frisch aufgebrühtem Kaffee. Das Frühstück lässt keine Wünsche offen. Nebenan am Tisch sitzt ein paar mit einem kleinen Kind. Der Mann wirkt leicht genervt. Zu Recht, wie ich in den nächsten Minuten feststellen kann. Sein Gegenüber, eine sehr füllige Dame afrikanischer Herkunft, vermutlich in Landestracht ihrer Heimat gekleidet, spricht unentwegt und das auch mit vollem Mund auf ihn ein. Dabei scannt sie mit ihren großen runden Augen permanent den Tisch ab um zu ergründen, was es noch alles Essbares gäbe. Ich habe noch nie vorher jemanden so penetrant auf jemand anderen verbal eindreschen gesehen. Ich glaube, wenn die Verpackung der einzelnen Brotaufstriche essbar gewesen wäre, würde sie die auch noch verspeisen. Mit ihren Fingern streicht sie die letzten möglichen verzehrbaren Reste aus den Marmeladetöpfchen. Als Höhepunkt befeuchtet sie jetzt mit ihrer breiten Zunge noch einen Mittelfinger und fischt alle möglichen Krümel von ihrem Teller. Als sie dann ihren Blick noch durch den Raum kreisen lässt, befürchte ich schon, dass sie gleich noch über die Teller anderer Gäste oder den meinen herfällt. So macht es keinen Spaß angesichts solch ekelhafter Gebärden in Ruhe weiter zu frühstücken. Ein Kellner bemerkt meine Blicke und geht mit hochgezogenen „so sind sie nun mal, die Menschen-Augenbrauen“ an mir vorbei. Ich beende mein Frühstück, gehe zwecks „Stempelnahme“ für meinen Pilgerausweis noch mal zur Rezeption und verlasse das Haus. Keine Hundert Meter und ich bin schon an der alten Brücke. Sie ist schmal und hat nur schmale Bürgersteige. Mit zahlreichen Autos im Nacken strampele ich, nicht als Verkehrshindernis erscheinen wollend über die Brücke. Nach der Brücke halte ich noch mal rechts an. Dieser Fluss hat einen ordentlichen Abschied verdient. „Au revoir Loire“.
Vor mir liegt eine Strecke ohne Steigungen. Sollte ich mal das Glück haben, nicht schieben zu müssen? Ich fahre auf der Avenue Jacques Coeur in ruhigem aber permanenten Tritt bis La Chapelle-Montinard. Nach diesem Ort sehe ich…. Was wohl? Die ersten Hügel! Ich bereite mich wieder mal auf das Fahren in kleinen Gängen vor. Wäre ja auch zu schön gewesen. Die Anstrengungen halten sich in Grenzen. Dann, wie aus dem Nichts lautes Hundegebell. Sehen kann ich nichts, denn es handelt sich um ein Hofgut, umringt von bestimmt Jahrhunderte alten Platanen. Einen Schreck hat mir das Gekläff schon eingejagt. Ich spule so Kilometer für Kilometer ab.Bis Saint-Germain-du-Puy habe ich schon einige „Hügel“ hinter mich gebracht und denke, dass mir jetzt eine kleine Pause gut tun würde. Außerdem ist wieder „Getränke fassen“ angesagt. In einem Supermarkt versorge ich mich mit Cola und Fanta. Zucker muss sein, damit ich nicht wieder irgendwo am Abend vor mich hin zittere. Bis Bourges sind es noch ca. 8 Kilometer. Ich werde die Stadt in großem Bogen umfahren, denn von ländlicher Idylle verwöhnt, habe ich jetzt keine Lust mich durch Großstadtdschungel zu kämpfen. Ich finde eine für Fahrräder zulässige Umgebungsstraße, den Boulevard de I´Industrie. Der Name deutet es schon an, ich fahre durch eines der Industriegebiete von Bourges. Die Straße mündet in die Avenue Marcel Haëgelen. Danach bog ich in die Route d´ Issodoun auf der ich automatisch wieder auf die N151 geführt werde. Am äußeren rand von Bourges wird die Straße vierspurig mit Standspur. Ich habe kein Verbotsschild gesehen, doch ist mir mulmig bei dem Gedanken, hier weiter zu fahren. Ich wage es, bewege mich, den Blick immer im Rückspiegel kräftig in die Pedale tretend vorwärts. Nach ca. 10 Kilometern wird die Straße wieder zweispurig, ich werde wieder ruhiger. Zum Glück begegnete mir kein Gendarmerie-Fahrzeug. Ich weiß ja nicht, wie tolerant hier die Polizei ist. Der Gedanke, dass einem hier so ein Louis de Fúnes-Verschnitt den Tag verhageln könnte, ist zwar einerseits lustig doch anderseits will ich auch hier nicht unbedingt unangenehm auffallen. Ich treffe in Saint-Florent-sur-Cher ein. Es ist eine kleine Stadt, die ihre Schönheit nicht nur ihrer Architektur sondern auch dem Flüsschen Cher verdankt, das leicht geschlängelt am Ortsende vor sich hin fließt. Eine mittlere Steigung habe ich in kleinen Gängen erobert. Die nächsten „Wadenbeisser“ in Form von Hügeln erwarten mich vor Chârost. Auch hier darf ich wieder einen Fluss überqueren. Flüsse und Bäche habe ich ja heute schon einige überquert. Soviel Wasserstrassen hintereinander kenne ich in Deutschland nicht. Seit ich heute früh La Charité-sur-Loire verließ, habe ich fast 80 zum Teil kräftezehrende Kilometer hinter mir gelassen. Der Hotelier in dessen Haus ich in La Charité übernachtete, meinte dass die Strecke von Issodoun bis Chateauroux bequem zu fahren sei. Meinte er das jetzt als Automobilist oder Radler? Fragen kann ich ihn jetzt nicht mehr und harre dem entgegen, was noch an Herausforderungen auf mich zukommt. Am Ende von Chârost entdecke ich eine kleine Baumgruppe mit zwei Bänken. Ich mag diese kleinen Ruheoasen und auch in diesem falle erliege ich ihrem einladenden Äußeren und lege eine Pause ein. Genüsslich eine Zigarette rauchend verfolge ich die vorbeifahrenden Autos. Dann kommt eine kleine Gruppe von Sportradfahrern. Wie ich schon sagte gibt es in Frankreich nur 2 Arten von Radfahrern. Einmal die sportlichen und einmal diejenigen, für die das Rad Zweck ist. Sei es um von Punkt A nach Punkt B zu kommen oder als Einkaufsvehikel. Ein Phänomen hat mich auch sehr beeindruckt. Die französischen Sportradfahrer kennen kein Klassendenken. Ob man am Straßenrand sitzt oder steht oder selbst fährt, es gibt keine Situation wo man nicht mit einem freundlichen „Salut“ oder einem Winken begrüßt wird. In Deutschland erwartet diese Spezies eher dass man voller Demut und Ehrfurcht das Weite sucht, wenn sie in Papageienanzügen glauben, das Recht auf die Straße gepachtet zu haben. Natürlich wird man von der Allgemeinheit ein wenig verdutzt oder fragwürdig angeschaut, wenn man wie ich mit voll bepacktem Rad auftaucht.
Heute merke ich schon ein bisschen, dass ich schon seit 6 Stunden fast ausnahmslos im Sattel saß. Es ist ca. 15 Uhr. Der Gedanke, dass ich jetzt schon seit 9 Tagen auf der Straße bin, erstaunt mich selber ein wenig. Mein Tacho gibt mir die Information, dass ich jetzt schon 850 Kilometer zurück gelegt habe. Mehr als ein Drittel der Gesamtstrecke habe ich schon –ohne einen einzigen Durchhänger- hinter mir.
Nach einer guten halben Stund Pause schwinge ich mich wieder aufs Rad. Nach 10 Kilometern ruhigem fahren bin ich am Stadtrand von Issoudon angekommen. Ich brauche nur den kleinen N 151 Schildern zu folgen, allerdings befindet sich jetzt an dieser Umgehungsstrasse ein separater Fuß- und Radweg, der mir ein vollkommen entspanntes Fahren ermöglicht. Ich überquere drei Vetreilerkreise, bevor ich –immer noch auf der N 151 direkt Richtung Chateauroux fahre. Der Hotelier in Charité hatte Recht, ab Issodoun hatte ich nur noch fast unmerkliche Steigungen zu überqueren. Mit Tempo 20 im Schnitt zog ich Richtung Chateauroux. Um eine sinnvolle Strecke durch die Stadt zu wählen, orientierte ich mich an der Ausschilderung Richtung Limoges, meinem nächsten Wunschziel. Einen Kilometer nachdem ich den Stadteingang passiert hatte, musste ich links abbiegen. Nach ca. 5 Minuten Fahrt sah ich rechts ein „Première class Hotel“. Von dieser Hotelgruppe hatte ich schon in Deutschland gelesen, dass sie hier in Frankreich mit den „Formule 1 Hotels“ im unteren Preissegment konkurrieren. 27 € pro Nacht stand französisch in großen Lettern auf einem Schild. Während ich mich auf das Lesen konzentrierte, merkte ich gar nicht dass sich von Norden her eine große dunkle Wolkenfront näherte. Den ganzen Tag schien die Sonne, da passte es in keinen meiner Gedanken, dass sich das so schnell ändern sollte.
Ich entschloss mich, da es schon fast 18 Uhr war, hier zu übernachten. Praktisch ist, dass man an einem Automaten, der einem Geldautomaten ähnelt, per Kreditkarte einchecken kann. Drin gibt es auch eine Rezeption, die bis 20 Uhr geöffnet ist. Doch am Automaten geht es schnell und bequem. Ich schiebe die Karte in den Schlitz, klicke meine Landessprache an, wie viel Nächte ich bleiben will, ob ich ein Frühstück mitbuchen will oder auch nicht. Kurze Zeit danach spukt der Automat eine Karte aus, auf der die Zimmernummer und ein Zahlencode zum Öffnen der Tür steht. Zufrieden, dass alles so reibungslos geklappt hat, nehme ich mein Rad und gehe auf Suche nach dem Zimmer, dass heute Nacht mein Zuhause sein soll. Es befindet sich auf der anderen Seite des Gebäudes in der ersten Etage. Die Zimmer sind über eine, von zwei Seiten begehbare Treppe erreichbar. Über lange Gänge sind dann die einzelnen Zimmer erreichbar. Ich finde das Zimmer mit der auf meiner Karte aufgedruckten Nummer. Kurz den Zahlencode in den Türöffner eingeben, ein grünes Lämpchen leuchtet auf. Voila, ich kann eintreten. Ich schließe die Tür wieder und gehe herunter, um mein Gepäck vom Fahrrad abzuladen. Zwei Jungs sitzen auf einer Treppe und unterhalten sich auf Französisch. Ich bekomme Wortfetzen wie z.B. „Cyclette“, „Aleman“ o „Belgicue“. Genau kann ich es hier nicht wiedergeben, was sie sagten. Aber es ging wohl darum, dass sie mein Fahrrad, voll beladen wie es war, begutachtet hatten und nun darüber nachdachten, woher der Bekloppte kommt, der so auf Reisen geht. Ich grüße die Beiden, sie erwiderten meinen Gruß. Danach lud ich das Gepäck ab und trug es vor mein Zimmer. Da der Raum am äußersten Ende des Ganges war, entschloss ich mich das Rad ebenfalls nach oben zu schleppen. Jetzt verstanden die beiden Jungs gar nichts mehr. Verwundert nahmen sie zur Kenntnis, wie ich mein Rad die Treppe hoch schleppte und am Geländer abschloss. Danach schleppte ich mein Gepäck in das Zimmer. Ich schloss gerade die Tür, da fegten die ersten Blitze vom Himmel herunter und es folgte ein lautes Donnern. Kurz danach setzte ein so starker Regen ein, dass ich nicht daran denken wollte, wie es wäre wenn ich jetzt noch auf der Strasse hier hin radelte. Umso gemütlicher war es jetzt im Zimmer. Das Zimmer. Ein Doppelbett mit darüber befindlichem Notbett, das man auch als Ablage und Garderobeschiene nutzen konnte. Ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Fernseher. Das separate Bad mit Dusche erinnerte mich an diese Duschkabinen in Luxuswohnwagen bzw. Wohnmobilen. Dusche mit befüllten Duschgelspender an der Wand, Spiegel, Toilette, Handtücher. Minimalistisch aber perfekt für Durchreisende erdacht. Zur Not könnte man hier auch ein paar Tage verbringen. Aber es genügte voll und ganz meinen Ansprüchen. Ich packte alle Taschen aus um meinen ganzen Kram zu sortieren. Draußen regnet es immer noch wie aus Eimern. Ich hoffe nur, dass das kein Wetterumschwung ist. Draußen höre ich eine Horde Teenies kreischend in ihre Zimmer rennend. Unten gab es nämlich auch Mehrbettzimmer für Wandergruppen oder andere kleine Reisegruppen. Ich schaltete den Fernseher ein und machte es mir auf dem Bett bequem. Ich hatte noch etwas Käse und Baguette im Gepäck und bereitete mir einen kleinen Snack als Abendessen zu. Danach guckte ich noch über eine Landkarte und visierte Limoges als nächstes Ziel an. Es war jetzt fast 22 Uhr. Der Regen hatte nachgelassen und ich ging raus und rauchte noch eine. Zum Abschluss duschte ich mir den Tag vom Leib, rauchte draußen noch eine und verzog mich ins Bett. Das Bett war sehr gemütlich. Ein Laken mit Wolldecke drüber statt Federbett. Ich war sehr müde und trotz einiger „Bergetappen“ sehr zufrieden mit dem heutigen Tag.
[BREAK=10.Tag Montag 08.Mai 2006 "Sonntag ist kein Schontag"]

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte
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10. Tag. Montag, 08. Mai 2006 Sonntag ist kein Schontag
Châteauroux – Fast immer an der A 20 lang… - Limoges
145 Tageskilometer

Heute wachte ich ohne Handywecker gegen halb sieben Uhr auf. Draußen auf dem Gang hörte ich Stimmen. Wahrscheinlich Leute, die abreisen. Ich wage einen kleinen Blick durch das kleine Fenster nach Draußen. Der Himmel blau-weiß. Also kein Regen mehr. Über das Gewitter gestern Abend hatte ich mich gewundert. Denn schwül war es tagsüber nicht. Ich ziehe meine Jogginghose an, streiche mir durch die Haare und gehe vor die Tür. Es ist noch ruhig draußen. Unten sehe ich am Rande des Hauses einen kleinen überdachten Platz mit Bänken und Tischen. Ich glaube, dort werde ich mir gleich einen Cappuccino zubereiten.
Aber erst mal ging ich unter die Dusche. Wer weiß, wo ich das nächste mal übernachte, vielleicht im Wald, vielleicht unter einer Brücke - wer weiß!? Danach packte ich bis auf den Gaskocher, die Blechtasse und mein Cappuccino-Pulver alles in die Taschen und stellte es transportbereit ins Zimmer. Danach ging ich mit meinen Trinkutensilien runter zu den ausgespähten Bänken. Leute die vorbei kamen, guckten erst was ich machte um dann freundlich zu grüßen. Ich genoss es an der frischen Luft zu „frühstücken“. Durch ein großes Fenster konnte ich in das Bistro des Hotels schauen. Da drin war gar nichts los. Ich glaube, die Leute kommen hier nur zum Übernachten hin. Dann wurde mein Blick zur Treppe gelenkt. Es kam eine, für die Tageszeit „ungewöhnlich“ freizügig angezogene junge Dame aus einem der Zimmer, ging die Treppe herunter um, ohne sich weiter aufzuhalten zu ihrem Auto zu eilen und los zu fahren. „Aha“ dachte ich. „Na ja“. Ca. 10 Minuten später kam aus derselben Tür so ein schleimiger Typ „Modell fremdgehender Außendienstler“. Zuhause vielleicht Frau und Kinder und hier die Spesen „verbraten“. Ich starre ihn mit voller Absicht an. Er konnte sich denken, dass ich kurz zuvor auch seine „Besucherin“ beobachtet hatte. Mit steifem Blick Richtung Hauswand zog er an mir vorbei. Denselben Typ habe ich übrigens am nächsten Morgen im Premieré Classe in Limoges gesehen. Ich trank den Rest meines Cappuccino, ging aufs Zimmer die Tasse spülen, verpackte alles und brachte zuerst mein Rad, dann das Gepäck runter. Das Bepacken des Rades klappte mittlerweile fast von allein. Ich wollte gerade losfahren, da hörte ich hinter mir eine Frauenstimme.„Monsieur, un instant s´il vous plaît“. Ich erschrak, hatte ich irgendwas falsch gemacht? Sie kam mit einem Kugelschreiber und einem Formular, das in drei Sprachen nämlich Französisch, Englisch und Deutsch verfasste Fragen enthielt. Ob ich mich wohl gefühlt hätte, ob alles in Ordnung war usw. Ich beantwortete geduldig ihre Fragen. Schließlich hatte ich mich wirklich sehr wohl in dem Hotel gefühlt. Man kann sogar sagen, dass ich ein Fan von Hotel Premieré Classe geworden bin. Die Frau bedankte sich für meine Geduld und ich konnte endlich losfahren. Der Himmel hatte sich wieder was zugezogen. Ich hatte deshalb und auch wegen des frischen Windes meine Regenjacke angezogen. Die Strasse war auch von dem letzten Regen noch feucht. Ja, diese Strasse. Normalerweise müsste der bericht des heutigen Tages ziemlich kurz ausfallen, denn bis fast Limoges fuhr ich nur mal links, mal rechts parallel zur Autobahn. Dieser Teil der A 20 bzw. E 09 nennt sich L´Occitane. Insofern gab es nicht viel Aufregendes zu sehen. Es war ein Wechsel zwischen Äckern und Wiesen, mal ein kleines Wäldchen, mal ein Dorf. Die einzige Abwechslung bestand darin, dass ich mal durch eine Unterführung dann wieder über eine Brücke von der linken auf die rechte Seite der Autobahn oder umgekehrt wechselte. Manchmal war ich sogar im Blickkontakt mit den Autofahrern. Es kam sogar vor, dass der eine oder andere winkte und grüßte. Nach ca. schnell „erfahrenen“ 13 Kilometern erreichte ich Lothiers. Da meinte ich von der rechten Pedale ein leises Knacken zu hören. Ich maß diesem Geräusch allerdings keine Bedeutung bei. Schließlich hatte ich diese Pedale erst kurz vor meiner Abreise neu gekauft und montiert. Ich machte eine kleine Pause, drehte die Pedale mit der Hand, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. So fuhr ich weiter. Plötzlich fiel mir siedend heiß ein, dass morgen am Montag ja der 8.Mai ist. Der 8.Mai ist einer der oder vielleicht sogar der wichtigste tag in Frankreich. Es ist der „Tag des Sieges“ (über ¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#-Deutschland). In dem Zusammenhang las ich auch auf einem Plakat „Victoire 1945, Fête de la Victoire“. Da die größeren Supermärkte in Frankreich Sonntags bis 12 Uhr geöffnet haben, achtete ich jetzt wie ein Luchs darauf, ob ich einen sehe. Ich wüsste sonst nämlich nicht, wie ich meinen größeren Bedarf an Trinkbarem morgen auffüllen sollte. Kaum zu Ende gedacht sah ich einen Supermarché am Anfang des nächsten Ortes. Ich „fiel“ über das Getränkeregal her. „Fiel“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Regal hatte eine vorstehende Leiste am Boden, die verhindern sollte, dass man mit dem Einkaufswagen zwischen den Flaschen „parkt“. Glück gehabt, ich konnte mich mit der linken Hand an einer Regalstrebe auffangen. Ab an die Kasse, Bezahlen und raus. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. Ich fahre weiter. Keine nennenswerten Steigungen, keine nennenswerte Abwechslung. Ich spulte Kilometer für Kilometer ab. Ich weiß nicht, lag es am Wetter, lag es an der Routine oder an der Landschaft? So richtig gut drauf war ich heute irgendwie nicht. Aber das darf bei so einer langen Reise auch mal sein, sagte ich mir. Solange ich keinen richtigen Durchhänger kriege. Nach 7 Stunden Fahrt hatte ich 92 Kilometer hinter mir. Das war absoluter Rekord dieser Reise. Ich erreichte ein Dorf mit dem komplizierten Namen Morterolles-sur-Semme, wahrscheinlich auf französisch „Morrteroll-sürr-samm“ ausgesprochen. Darüber sinnierenden, ob man das wirklich so ausspricht, verschalte ich mich bei der Wahl eines kleineren Ganges und prompt springt mir hinten die Kette zwischen die vorderen Ritzel. [B]„Mist!!“ Ich hielt an, kam aber wegen dem Gepäck nicht hinten an die Kette bzw. die Ritzel. Also alles abladen. Danach klappte es immer noch nicht. Vordere Taschen auch abladen und das Fahrrad auf den Kopf stellen. Jetzt bekam ich die Kette frei und konnte sie wieder über die Zahnräder lenken. Fahrrad wieder umdrehen und unter den neugierigen Blicken vorbeifahrender Automobilisten das Fahrrad wieder beladen. Zum Glück hatte ich so alkoholgetränkte Reinigungstücher dabei, die keine Reste von Fettschmiere an meinen Händen zurückließen. Ich konnte weiter fahren, bei der Pannenbehebung hatte ich noch vorsorglich die Kette und die Tretlager geölt. Ich bildete mir ein, dass jetzt leichter zu fahren war. Ich treffe so gegen 20 Uhr in Beaune-les-Mines ein. Es dämmerte auch schon. Laut einer Verkehrstafel waren es nur noch ca. 11 Kilometer bis Limoges. Rechts, etwas abgelegen, sah ich so ein preiswert wirkendes Hotel. Ich fahre vorbei, will noch bis Limoges. 135 Kilometer hatte ich heute schon hinter mir, da waren die noch fehlenden 11 Kilometer doch eine müde Nummer! Doch hätte ich in diesem Hotel nachgefragt, wäre mir vielleicht heute einiger Stress erspart geblieben. heute einiger Stress erspart geblieben.
Doch von Anfang an:
Ich fuhr also durch Beaune-les-Mines durch und kam an einen Verteilerkreis. Ich muss mich informieren, welche Ausfahrt ich Richtung Centre-Ville (Innenstadt) ich nehmen muss. Doch ein entsprechender Hinweis fehlt. Der Kreisel hat mehrere Ausfahrten. Doch davon haben nur zwei eine Hinweistafel, wohin man kommt, wenn man an ihnen heraus fährt. Einmal „Centre Routier“. Keine Ahnung, was das ist. Und eine nach „Rilhac-Rancon“. Ich denke, ok wenn ich schon nicht in die Innenstadt komme, finde ich vielleicht in Rilhac-Rancon eine Bleibe für die Nacht. Ich fahre und habe schon so ein komisches Gefühl, da die Straße so ländlich wird. Dann komme ich in Rilhac an. Nur Wohnhäuser, ein Friseur aber sonst keine Geschäfte, keine Kneipe gar nichts…. Mist.Mist!!! Es ist schon sehr dämmerig. Es wird langsam frisch und ich müde. In meiner Verzweiflung rufe ich Sandra an. Die kann gar nicht glauben, dass ich in der Öde gelandet bin. Nach dem wenig tröstendem Telefonat fahre ich wieder zurück zum Verteilerkreis. Ich versuche mich zu orientieren. Doch gegenüber geht es ein bisschen bergauf, also keine Chance auf Fernsicht. In meiner Not treffe ich die Entscheidung Richtung „Centre Routier“ zu fahren bevor ich hier noch vorzeitig verende. „Centre Routier“ hört sich so nach Raststätte oder LKW-Parkplatz an. Doch ich darf nicht Richtung „Centre Routier“ fahren. Es ist ein für Fahrräder verbotener Zubringer zur Stadtautobahn. Mist.Mist.Mist!!!! Doch links,in wenigen Hundert Metern Entfernung sehe ich große Scheinwerfer und LKW-Führerhäuser. Wenn das nicht……? Ich traue mich nicht weiter zu denken. Gehe den Gang des verzweifelten und schiebe mein Rad, falls ein Auto oder gar die Polizei kommen sollte durch einen mit Kies verfüllten flachen Graben. Ich komme an und sehe gegenüber auf der anderen Fahrbahnseite hinter einer leichten Erhebung einen großen Parkplatz, zum Teil mit parkenden LKW´s gefüllt und im Hintergrund beleuchtete Gebäude. Zum Glück sind hier die Fahrbahnen nicht durch eine Mittelleitplanke getrennt. Wäre auch egal gewesen, dann hätte ich das Rad halt über die Leitplanke gehoben. Es kommen keine Autos und ich eile über die Autobahn(!).
Ich schiebe mein Rad über den Parkplatz, schaue nach links und…….. kann meinen Augen nicht trauen. Ich stehe da und könnte den Boden auf dem ich gerade stehe, küssen. „Hotel Premieré Classe, „Formule 1“ und noch so ein paar „Hotel-Discounter“. Es ist 22 Uhr, stockduster. Ich will auf das Gelände vom Premieré Classe. Die Autozufahrt ist schon geschlossen. Aber der Zugang für Fußgänger ist geöffnet. Glück gehabt. Ich schiebe mein Fahrrad durch den schmalen Eingang und suche am Haus den Automaten zum Einchecken. Hoffentlich ist um die Uhrzeit noch was frei. Einige Fenster sind nicht beleuchtet, aber vielleicht schlafen die Leute ja auch schon.
Ich hole die Kreditkarte aus meinem Geheimdepot. Stecke sie in den Schlitz des Automaten. Das übliche Prozedere: Landessprache wählen, Anzahl der Übernachtungen, Frühstück Ja oder Nein. Und „OK“ drücken. Ich gucke auf den Schacht, nichts. Kein Bon, kein Papier. Gar nichts. Doch alles belegt, schießt es mir durch den Kopf. Ich zittere, vor Kälte Erschöpfung und Nervosität. In meiner, mittlerweile richtiger Not nahe kommenden Verfassung wiederhole ich am Automaten den Vorgang. Karte reinschieben, knöpfe drücken. Ausgabeschacht beobachten. NEIN!!! Der blöde Automat spuckt jetzt ZWEI Zettel aus. Der erste muss im Schacht hängen geblieben sein. Jetzt hatte ich zwei Zimmer gebucht. In meiner Fantasie hatte ich schon 27 € in den sand gesetzt. So mit meinen Gedanken beschäftigt beobachte ich nur beiläufig, wie eine Frau mit Putzeimer und Schrubber in den Händen an mir vorbei geht. Sie scheint meine Ratlosigkeit zu bemerken und spricht mich an. „Problemas? Ich gucke sie an, überlege kurz. „Spanierin?“ Ich frage sie „Hablar Español? “ Sie antwortet „Si Señor“. In, für die Frau einigermaßen verständlichem Spanisch erkläre ich ihr, dass ich jetzt 2 Zimmer habe, aber nur eins brauche. Sie gibt mir zu verstehen, dass das kein Problem ist. Ich solle ihr den überflüssigen Bon geben, sie kümmere sich um die Angelegenheit. Ich solle nur morgen früh an der Rezeption mitteilen, das ich derjenige mit den zwei, wie sie sagt, „Tickets“ sei. Ich hätte die Frau knutschen können, drücke ihr vielmals dankend die Hand, was sie nur mit einem trockenen „De nada“ (Keine Ursache) beantwortet. Schon halb im Delirium suche ich das Zimmer, was heute meine Rettung aus größter Not geworden ist. Es befindet sich auf der 2.Etage. Ich lade mein Gepäck ab, trage es hoch. Dann folgt das Rad. Als ich die Tür des Zimmers hinter mir schließe, lasse ich mich erst mal auf das Bett fallen. „Mann war das ein Tag“. Da muss man erst so eine Reise antreten um solche, wenn auch nicht gerade wünschenswerte Situationen zu erleben. Mein Grundsatz „Alles wird gut“ hat sich aber auch heute wieder bewahrheitet. Ich entschließe mich, nur das notwendigste auszupacken. Ich bin einfach fix und alle. Auch im Bad verrichte ich nur das notwendigste. Gegen halb zwölf Uhr liege ich im Bett. 145 Kilometer unter diesen Umständen waren sogar für mich ein bisschen viel! Noch rauscht es in meinem Hirn.
Dann hat mich der wohlverdiente Schlaf in seine Arme genommen.


Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

11. Tag. Dienstag, 09. Mai 2006 „Fête de la Victoire“
Limoges – Thiviers - Perigueux
97 Tageskilometer

Der Handywecker plärrt mich aus dem Schlaf. Mehrmals benutze ich die Weckwiederholung. Dann gegen halb acht ist Schluss mit lustig und ich stehe auf. Ich gehe erst mal raus vor die Tür, rauche eine und werfe einen Blick auf den Himmel. „Blau-Weiss“, also ideal zum Fahren. Es ist auch noch frisch, was das Aufwachen der müden Knochen begünstigt. Ich entschließe mich, den heutigen etwas ruhiger angehen zu lassen. Dies ist nach dem gestern Erlebten einfach mal nötig. Nach der Dusche wird das Bett provisorisch in Ordnung gebracht. Das ist so eine Angewohnheit von mir, weil ich mir vorstellen kann, dass der Job der Zimmermädchen in so einem haus bestimmt knochenharte Arbeit ist. Danach packe ich alles ein. Ich werde heute ein Frühstück buchen und brauche daher nichts mehr aus den Taschen. Dann Taschen und Rad runter tragen und bepacken. Gegen halb neun werde ich wegen meinem Maleur vom gestrigen Abend an der Rezeption vorstellig. Die Mitarbeiterin des Hotels wusste schon Bescheid. Mit ihr konnte ich übrigens in einem, wohl uns beiden nicht so vertrautem Englisch reden. Sie erklärte mir, dass mir wegen der Doppelbuchung ein Verrechnungs-Scheck über 27 € an meine Heimatadresse geschickt würde. Wie ich von Sandra erfuhr, war der schon nach 3 Tagen eingetroffen. Dann zeichnete sie mir noch in einem Stadtplan, die Route durch Limoges, die ich fahren muss um weiter Richtung Périgueux (meinem heutigen Wunschziel) zu kommen. Das waren so ungefähr 98 Kilometer, die ich mir für heute vorgenommen hatte. Auch hier bemerkte ich wieder die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, die mir schon an anderer Stelle in Frankreich entgegen gebracht wurde. Ich stellte mir am Buffet ein Frühstück zusammen, setzte mich an ein Fenster, von wo ich mein Fahrrad im Auge behalten konnte und genoss erst mal den Kaffee. Immer wieder gingen Leute am Rad vorbei. Manche blieben kurz stehen, schauten sich das auf Fernreise getrimmte Vehikel an und werden sich ihre Gedanken gemacht haben. Als ich fertig war und ging, war die Dame an der Rezeption leider nicht anwesend und ich musste ohne mich nochmals bedanken zu können, das haus verlassen. Ich schob, wie auf dem Plan vermerkt, das Rad erst mal die Rue Frédéric Bastiat die leichte Steigung hoch. Laut Plan musste ich über drei Verteilerkreise Richtung Innenstadt fahren. Jetzt sah ich auch Schilder mit dem Hinweis „Centre Ville“, die ich gestern Abend so vermisst hatte. Aber ich darf nicht vergessen, durch meine Misere war ich schließlich zu dem Hotel meines Wunsches gelangt. Durch eine abwechslungsreiche, mit Parks durchsetzte Vorstadt kam ich auf eine Anhöhe, von der ich die ganze Pracht der Limoger Innenstadt überschauen konnte. Ich war zu faul zum Fotografieren. Außerdem sei hier noch erwähnt, dass ich 2006 noch keine Digitalkamera besaß und mit der begrenzten Anzahl von 36 Bilder pro Film einer Kleinbildkamera vorlieb nehmen musste. Auf einer relativ steilen Abfahrt, deren Straßenbelag volle Aufmerksamkeit erforderte, fuhr ich Richtung Innenstadt. Nun hatte ich eine belebte Innenstadt um mich herum. Ich sah in unmittelbarere Nähe das prachtvolle Rathaus, die Kathedrale und noch andere repräsentative Häuser. Ich glaube, dass manch deutsche Innenstadt auch noch so ein Flair hätte, wäre da nicht dieser Vollidiot von ¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*# mit seinen Helfern gewesen, denen wir heute noch zu „verdanken“ haben, dass Deutschland in Schutt und Asche gelegt wurde. Wobei hier der Übergang zu der Tatsache, dass heute einen bedeutenden Feiertag, nämlich den Sieg über ¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#-Deutschland feiert.
„Fête de la Victoire“. Alle öffentlichen Gebäude oder Denkmäler sind mit der Trikolore und somit den französischen Nationalfarben Blau-weiß-rot geschmückt. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie finde ich diese Farben hell und freundlich. Unser Schwarz-Rot-Gold hat auch seinen traditionellen Ursprung und somit eine Berechtigung in der Geschichte. Die Wirkung auf mich ist aber düsterer. So, den kleinen Ausflug in die Politik hinter mir lassend frage ich einen Kioskbesitzer vorsichtshalber ob ich noch auf dem richtigen Weg zur Fernstarasse nach Périgueux bin. Er versichert mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. „Merci monsieur et au revoir“. Er erwidert meinen Gruß und ich frohlocke aufgrund des steigenden Selbstvertrauens hinsichtlich meiner französischen Aussprache. Ich fahre die abschüssige Strasse, verfolgt von einem Schienenbus bis zur(zum?) Vienne, dem Fluss, der hier Limoges durchschneidet. Ich biege vor der Brücke rechts ab und bleibe auf der rechten Uferseite. „Kracks, knarr“. Ich mache erst mal eine Pause, die Kette ist wegen eines unbedachten Schaltens wieder zwischen die hinteren Ritzel geraten. [B]„Mist!!“ Ich schiebe das Rad an den rechten Straßenrand, der hier von einer hohen Mauer flankiert ist. Da ich mich noch im Bereich einer Straßenkreuzung befinde, sorge ich mit der Wiederinstandsetzung der Fahrtüchtigkeit meines Rades für Unterhaltung der durch Ampel-Rot-Phasen geplagten Autofahrer. Während meiner Aktion kommt es deswegen mehr als einmal zu einem Hupkonzert, weil meine Tätigkeiten den Autofahrern mehr Aufmerksamkeit abgenommen hat, als sie für den Blick in Richtung Ampel benötigen. Nach 15 Minuten konnte ich wieder erfolgreich weiter fahren und gelobte mir hinsichtlich Gangwahl beim Schalten Besserung. Es war eine schöne Strecke an der Vienne lang. Die Gegend wurde immer einsamer und dann kam plötzlich eine Straßenauffahrt, wo ich mir nicht mehr sicher war, ob ich da weiter fahren darf. Zu sehr sah alles nach einer Autobahnauffahrt aus. Im Nachhinein erfuhr ich, dass ich diese Straße hätte fahren dürfen. Diese Information erhielt ich aber erst von einem freundlichen Autofahrer, nachdem ich ca. 10 Kilometer Irrfahrt über Berg und Tal hinter mit hatte und das Fahrrad schon geistig in den Fluss geworfen hatte. Nun war ich bequem über eine ebene Strecke fahrend, auf dem richtigen Weg Richtung Aixe-sur-Vienne. Von Limoges aus wären das auf dem richtigen Weg nur 14 Kilometer gewesen, so kamen 11 dazu bis ich in Aixe-sur-Vienne eintraf. Es scheint sich hier um einen Ort, der stark von Wanderern frequentiert wird, zu handeln. Bis jetzt sah ich noch in keinem Ort, den ich durchfuhr so viele Menschen mit Tagesrucksäcken. Und endlich sah ich mal eine „Mairie“, ein Rathaus dass geöffnet hatte. Schnurstracks fuhr ich hin, nahm meinen Pilgerausweis und bat einen Bediensteten um einen Stempel. Der Wunsch wurde mir auch freundlich erfüllt und nun zierte der Stempel der Stadt Aixe-sur-Vienne meinen Nachweis über die erbrachte Reise. Ein paar Meter nach dem Rathaus gabelte sich die Straße. Eine Spur führte gerade aus weiter, eine andere führte links bergauf. Mein innerer Wunsch wurde nicht erfüllt und ich schob die nächsten 15 Minuten mein Fahrrad bergauf. Ich schob an einer Grundschule vorbei. Die Knirpse, die eben noch über den Schulhof tobten, kamen nun an die niedrige Mauer gelaufen um zu beäugen, was da für ein seltsames Fahrrad auf dem Gehweg lang geschoben wird. Schon mehrfach hatte ich auf der Fahrt feststellen dürfen, dass ein Reiserad etwas exotisches in Frankreich darstellt. Aber wie Kinder sind, war die Neugier schnell verflogen und ich auch schon bald an der höchsten Stelle der Strasse angelangt.
Wenn ich mich auf der D 20 hielt, würde ich nach 36 Kilometern in La Coquille eintreffen. Das war der richtige Weg. Bis Busière-Galant waren die Berg- und Talfahrten noch gut zu bewältigen. Aber ab diesem Ort wurde es richtig anstrengend. Überhaupt wurde mir durch die zum Teil herrlichen Fernsichten immer mehr bewusst, das ich mich schon im Perigord befand. Wer den Schwarzwald kennt, würde sich hier heimisch fühlen. Während die Provinz Limosin, deren Hauptstadt Limoges ist noch mit moderaten Steigungen beanspruchte, wurde das Perigord mit der Provinzhauptstadt Périgueux zur Nervenprobe. Da gab es Strecken z.B. Strecken, die ich bergauf durch bewaldetes Gelände schob. Immer hatte ich die Hoffnung, das vermeintliche Ende einer Steigung zu sehen. Doch nach einer leichten Kurve ging es weiter bergauf. So biss ich mich von Steigung zu Steigung durch.
Während ich fahre, entdecke ich zu meiner Rechten einen interessanten Ratsplatz. Aus Spolien wurden Tische und Bänke zum Picknicken gebaut. Spolien sind Steine, die schon mal in Bauwerken, Denkmälern oder ähnlichem verbaut waren und eine Wiederverwendung in späteren Bauten fanden. In vielen mittelalterlichen Stadtmauern fand man z.B. verbaute Steine aus römischen Bauwerken wie z. B. in Köln oder Trier. Die hier verwendeten Steine zeigten nur schwache Konturen von Steinmetzarbeiten und scheinen daher keinen besonderen historischen Wert zu besitzen. Ungewöhnlich ist diese Art der Verwendung für mich allerdings schon. Ich machte eine kleine Pause, um dann wieder aufzubrechen.
Die anschließenden Talfahrten waren für mich nur noch der Vorläufer für die nächste Steigung. Ich erreichte La Coquille und folgte nun den Hinweistafeln Richtung Thiviers. Diese Stadt erreichte ich laut Tageskilometerzähler, den ich in der Rue Frédéric Bastiat in Limoges auf Null gestellt hatte, nach 64 Kilometern. Der Himmel hatte sich bewölkt und es regnete leicht. Ein am Straßenrand entdecktes Buswartehäuschen nahm ich in Anspruch und machte eine Pause. Cola, Zigaretten, Käse, Salami. In der, meinen Bedürfnissen entsprechenden Reihenfolge genoss ich das eben erwähnte. In Limoges hatte ich mir einen Prospekt mit den Standorten der Prémiere classe hotels mitgenommen. Ich fand schnell heraus, das es in einem Vorort von Périgueux nämlich Boulazac, direkt an der D 5 gelegen ein Hotel dieser Kette gab. Ich brauchte also nicht einmal in die Stadt selbst fahren. Wie ich schon an anderer Stelle vermerkte, hätte ich bestimmt manche französische Stadt mit solch historischem Hintergrund wie Périgueux gerne besichtigt. Doch dies ließ mein zeitlich eingeschränkter Rahmen nicht zu. Vielleicht ergibt sich irgendwann mal die Gelegenheit dazu.
Der Gedanke, dass ich schon zwei Drittel meiner heutigen Etappe hinter mich gebracht hatte, gab mir neuen Auftrieb. Es regnete auch nicht mehr, ab und zu ein paar Tropfen liefen meine Regenjacke runter. Ich fuhr bergauf bergab und freute mich, dass es nicht so spät würde, bis ich in Boulazac einträfe. Denn ich wollte mal mehr als nur ein Nachtnotprogramm absolvierend, vom Abend haben. Die Bewölkung lockerte wieder auf und meine Hoffnung, so gegen 18 Uhr am Hotel Prémiere classe in Boulazac, espace agora an. In direkter Nachbarschaft befindet sich auch wieder ein „Fomule 1 Hotel. Der Parkplatz dort ist gefüllter. So fahre ich mit dem angenehmen Gedanken, dass es keine Zimmerknappheit trotz des Feiertages gibt Richtung Eincheck-Automaten. Nach dem üblichen Prozedere gibt es hier keinen Bon mit Zahlencode sondern eine codierte Plastikkarte, mit der man die zugewiesene Zimmertür öffnen kann. Ist es Zufall, dass ich bis jetzt immer ein Zimmer am Ende der balkonartigen Gänge bekam? Die Gänge sind nämlich ziemlich eng und wenn ich dann och mein Fahrrad am Geländer deponiere, könnte es für andere Gäste etwas eng werden. So aber gab es keine Probleme.
Das Gepäck im Zimmer, das Fahrrad gesichert, ging ich runter zu den Bänken, ließ mich dort nieder und den lieben Gott einen guten Mann sein. Auf dem Nebengelände befand sich ein Gebäude, das der Speisekarte nach zu urteilen eine Mischung aus Steakhaus und Frittenbude war. Da freundliches Wetter vorherrschte, ging ich in das Lokal und kaufte mir eine Portion Fritten mit Mayo und genoss diese draußen auf einer Bank sitzend. Viele jüngere Leute versorgten sich hier mit Essbarem. Nun, besser und qualitativ höherwertiges als bei „Mc“ wurde hier schon angeboten. Von meinem Platz aus konnte man schön Leute bei all ihren Tätigkeiten beobachten. Danach ging ich wieder auf das Gelände des Hotels und rauchte dort noch eine, bevor ich mich auf das Zimmer verzog. Dort guckte ich, während ich mich endlich der mittlerweile fälligen Fingernagelpflege widmete, noch ein bisschen Fernsehen. Dann brachte ich die Ordnung meiner Klamotten in den Taschen wieder auf Vordermann. Ich schenkte noch ein wenig der Geräuschkulisse, die von draußen durch das Fenster drang, meine Aufmerksamkeit und brauchte nicht viele Schäfchen zählen, bis ich einschlief.
[BREAK=12.Tag Mittwoch 10.Mai 2006 "Bergerac - Viel Berg für einen Tag"]

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

12. Tag. Mittwoch, 10. Mai 2006 „Bergerac – viel Berg für einen Tag“
Périgueux – Bergerac- Eymet - Marmande
107 Tageskilometer
4388
Ich hatte gestern Abend vergessen, den Handywecker zu stellen und wachte trotzdem Punkt Sieben Uhr auf. Der Grund war weniger meine „innere Uhr“ als mehr das lautstarke Hupen einer Autoalarmanlage. Der Besitzer des Autos hatte sie wahrscheinlich vergessen auszuschalten, bevor er sein Fahrzeug öffnete. Da ich nun mal schon wach war, verlor ich keine Zeit und ging duschen. Ich wollte nämlich heute bis Marmande kommen. Laut meiner Landkarte sind es bis dorthin 107 Kilometer. Angesichts der Tatsache, dass ich mich mitten im Perigord mit all seinen Höhenlagen und Tälern befand, wird diese Strecke bestimmt viel von meiner Leistungsfähigkeit fordern. Ich hatte mir für die nächsten Tage Etappen geplant, da ich mir für den spanischen Teil der Reise ein Zeitpolster schaffen wollte. Im Packen und Verstauen hatte ich ja mittlerweile ausreichend Routine, so dass ich bereits um halb Neun Uhr wieder auf der Straße war. Herrliches Wetter, angenehme Temperaturen und ein Tageslicht, dass sich schon irgendwie vom dem aus dem Norden gewöhnten unterschied. Wahrscheinlich lag es am örtlichen Winkel der Sonne zur Erde, das ich glaubte, ein helleres leuchtenderes Tageslicht als in Bergisch Gladbach zu sehen.
Zunächst fuhr ich auf der D 86 Richtung Süden, bis ich die A 89 kreuzte, das heißt eine Brücke führte über die Autobahntrasse. Danach nannte sich „meine“ Straße N 21, hatte einen Randstreifen und war zunächst noch mit leichten Pedaltritten zu fahren. Doch je weiter ich mich von Pèrigueux entfernte, um so bergiger wurde es wieder. Bis zu einem Dorf namens Bordas hatte ich in zwei Stunden gerade mal 21 Kilometer geschafft. Das konnte ja noch heiter werden. Hoffentlich nicht so eine Strapaze wie letzte Woche von Vaucoleurs nach Chátillon-sur-Seine! Die mich umgebende Landschaft bestand aus einer Mischung zwischen landwirtschaftlich genutzter Fläche und teilweise größeren Waldstücken. Ich trat, angesichts mir noch bevorstehender Strapazen jetzt, wo ich noch fit war, etwas strenger in die Pedale. Und so durchfuhr ich Dörfer und Weiler ohne großartig Notiz von ihnen zu nehmen. Ich hatte bis Santiago de Compostela noch so viel sehenswertes vor mir, dass ich auch nicht jetzt schon an „Reizüberflutung erkranken“ wollte. Gegen 12 Uhr kam ich in Bergerac an. Laut meinem Tacho hatte ich heute bis hierhin 49 Kilometer geschafft. Rechterhand sah ich ein Gewerbegebiet, in dem sich mehrere Supermärkte befanden. Ich fuhr wieder zu einem Supermarché. Dort wollte ich mich wieder mit ess- und trinkbarem versorgen. Anfangs hatte ich immer etwas Angst mein Fahrrad voll bepackt an einem Supermarkt allein stehen zu lassen, während ich einkaufte. Doch hatte ich mir angewöhnt, das Fahrrad immer im Bereich der Einkaufswagen abzuschließen. Dort war immer was los und die Gefahr, dass sich Diebespack an meinem Rad zu schaffen macht, relativ gering.
Ich schloss also auch hier wieder ans Geländer der Einkaufswagenbucht und nahm nur die Lenkertasche mit. Ich wollte mir heute die Zeit nehmen und mal was anderes außer Gouda und Salami als haltbare Lebensmittel mitnehmen. Aber die Auswahl hinsichtlich temperatur- und alterungsbeständiger Lebensmittel ist sehr spärlich und auf Dosenwurst stand ich überhaupt nicht. Ich entschloss mich kleinere Portionen zu kaufen. Es hinderte mich ja keiner, zumindest unter der Woche meine Vorräte täglich aufzufrischen. So besorgte ich mir noch was Süßes als schnellen Energiespender und eine Flasche Cola und Fanta. 3 Liter war das Minimum an täglichem Flüssigkeitsbedarf. An sonnigen tagen sogar mehr, dann kaufte ich allerdings auch Wasser dazu. Und abends auf dem Zimmer hatte ich dann auch immer noch was und brauchte mich nicht an den, viel teureren Getränkeautomaten bedienen.
An den Kassen läuft es genau so ab wie bei uns. Mehr oder weniger freundliche Kassiererinnen ziehen mehr oder weniger gelangweilt die Artikel über den Scanner um dann mehr oder weniger monoton den Betrag zu nennen, den sie für die, an mich veräußerten Artikel einfordern. Etwas Abwechslung in ihren Alltag bringt nur ein kleines Schwätzchen mit dem einen oder anderen Kunden. Ich werde natürlich „Opfer“ eines solchen Gesprächs. Vor mir breitet eine Dame ihre Artikel aus um dann erst mal mit der Kassiererin über Gott und die Welt zu quasseln. Es vergehen bestimmt 5 Minuten, bis ich dran bin. Meinen vorwurfsvollen Blick und mein wortloses Bezahlen ignoriert sie mit, zur Perfektion gebrachter Ausdruckslosigkeit in ihrem Gesicht. Ich verlasse den Supermarkt, verstaue Getränke und Lebensmittel in den Taschen und fahre zum Ende des Parkplatzes um in Ruhe eine zu Rauchen. Dabei fällt mir auf, dass das Einkaufen im Supermarkt in Frankreich weitestgehend Frauensache zu sein scheint. Die Herren der Schöpfung sitzen wartend im Auto oder halten ein Schwätzchen mit einem anderen oder gehen allein auf dem Parkplatz spazieren. Wenn dann die Frau Gemahlin mit dem Einkaufswagen aus dem Markt kommt, herrscht rege Betriebsamkeit. Die gekauften Sachen landen im Kofferraum, die Frau auf dem Beifahrersitz und Schluss ist mit dem heutigen „Abenteuer im Supermarkt“. Zwei Mädels kommen an mir vorbei, kichern. Eine dreht sich um, dann kichern sie noch mehr und verschwinden kichernd durch die Tür des Supermarktes. Wenn das also die Reaktion der anwesenden Weiblichkeit auf meine Person ist, springe ich wohl lieber von der nächsten Brücke. Oder auch nicht. Besser ist, wenn ich jetzt erst mal weiter fahre. Ansonsten steht mir das gleiche Dilemma wie an dem Abend, als ich Limoges erreichte, bevor. Ich weiß aber jetzt schon, dass es in Marmande kein Hotel Prémiere classe oder Formule 1 gibt. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich doch was Kostengünstiges zum Übernachten finde.
Es dauert etwas, bis ich Bergerac durchfahren habe und auf der D 933 Richtung Marmande lande. Nach weiteren 24 Kilometer, die wieder alles von mir, das heißt Fahren, Schieben, Schimpfen gefordert haben, komme ich durch Eymet. Ein Ort, der mittig durch die D 933 getrennt wird. Das aufregendste für die hiesigen Anwohner wird wohl das Überqueren der D 933 von der einen zur anderen Dorfseite sein. Ich fahre weiter und komme durch Miramont-de-Guyenne. Hier treffe ich an einem Parkplatz auf eine Gruppe Rennradfahrer. Als sie mich kommen sehen höre ich schon dieses ermunternde „Alez, Alez oder Hopa, hopa. In Deutschland wäre so eine Solidarität unter Radlern verschiedener Klassen kaum vorstellbar. Ich radle, noch etwas sportlicher tretend an ihnen vorbei und grüße mit einem lauten „Salut“. Für die Nicht-französischen-sprechenden: Salut bedeutet so viel wie „Hallo“.
Im Gegensatz zu Deutschland gibt es hier keine klimakteriumgeplagten Endfünfziger, die den örtlichen Urologen durch Leiden, die sie sich auf überschmalen Sätteln zugezogen haben, Geld in die Kasse bringen. Hier gibt es keine Familygroups, wo die Kinder schon im Plastikanhänger eingetrichtert kriegen, dass CO2 nicht gut für die Umwelt ist und das demnächst auch den Kühen das Furzen verboten wird. Hier gibt es auch keine Oberlehrer/innen, die auf ihren mit Stützlenker und Gepäckkorb versehenen Rädern auf jedem Fahrradweg Rechts vor Links einfordern. Hier fährt man Rad, weil es Spaß macht, ansonsten lässt man es sein. Basta!
Ich fahre vor mich hin und durchquere noch das eine oder andere Dorf und stelle dabei erleichtert fest, dass die Gegend, je näher ich Marmande komme, umso flacher wird. Das nehme ich zum Anlass, die letzten Kilometer ruhiger anzugehen. Es ist ca. 17 Uhr. Ich durchquere den Ort Seyches und habe noch 16 Kilometer bis Marmande zu fahren. Diese absolviere ich innerhalb einer Stunde und fahre über eine lange gerade Strasse in die Innenstadt von Marmande. Diese Stadt hat einen überschaubaren Straßenaufbau, so dass ich mich leicht zurecht finde. Ich entdecke ein Schild, das in Richtung „Touristinformation“ weist. Ich fahre dort hin. Das Büro ist noch geöffnet. Vorsorglich lasse ich mir erst mal einen Stempel in den Pilgerausweis drücken. Dann frage ich in Englisch nach einer preiswerten Unterkunft. Die billigste sei ein Gasthaus mit Fremdenzimmern für 18 € informierte mich die Angestellte des Büros freundlich. „Das hört sich doch schon mal gut an“, freue ich mich. Sie erklärt mir den Weg. Ich solle die Strasse zurückfahren, dann über die Brücke die Garonne überqueren und dann das 3. oder 4. Haus auf der rechten Straßenseite ansteuern. Gesagt getan. Nach ca. 15 Minuten Fahrt komme ich an einem Gasthof namens „Sarl Laffonts“ an. Ich betrete das Haus, das schon bessere Zeiten gesehen hat über einen auf der Rückseite befindlichen Eingang.
Der Gastraum ist leer. Keine Menschenseele. Ich rufe „Hallo“ und höre irgendwo aus dem Treppenhaus jemanden „Moment“ rufen. Dann kommt der Wirt des Hauses. Ein finster wirkender Typ. „Je cherche un chambre pour une nuit“ erkläre ich brav. „Oui, no problem“ antwortet der Wirt jetzt mit einem breiten Lächeln im Gesicht und führt mich zur Theke. Aus einer Schublade holt er ein Buch, in das ich mich eintrage. Ich zahle direkt im Voraus und bitte ihn um einen Stempel für meinen Pilgerausweis, den er mir auch bereitwillig in den Ausweis drückt. Zunächst stellte ich mein Fahrrad in einen türlosen Schuppen, den mir der Wirt vorher gezeigt hatte. Schon wurde meine Sorge geweckt, dass in der Nacht vielleicht Marder meine Reifen verspeisen könnten. Meine Sorge war aber, wie sich am nächsten tag herausstellte, unbegründet. Dann brachte mich der Wirt in das Zimmer. Die Schlagläden sind verschlossen, die Vorhänge zugezogen. Die Lampe an der Decke hat drei Glühbirnen. Zwei haben wohl schon längere Zeit nicht mehr funktioniert. Zwischen den beiden defekten hat nämlich eine kleine Spinne ihr Netz gebaut und Quartier bezogen. Die Toilette ist im Flur. Der Wirt lässt mich allein im Zimmer. Das Waschbecken befindet sich im Zimmer und verfügt über einen Anschluss, der lauwarmes Wasser liefert. „Das ist doch schon was“, sinniere ich. Das Bett kann man diagonal liegend bestimmt nutzen, ansonsten könnte es knapp mit dem Beine ausstrecken werden. In den frühen sechziger Jahren mag die Einrichtung dieses Zimmers bestimmt manchen Gast verwöhnt haben. Doch jetzt kann man diesen Raum nebst Interieur als „Notquartier“ bezeichnen. „Positiv denken“ sage ich mir.
Es hätte ja auch anders kommen können. Kein Zimmer oder halt ein sündhaft teures. So aber hatte ich ein preiswertes Dach über dem Kopf. Das Fenster des Zimmers liegt direkt zur D 933. Es ist 20 Uhr. Zum Schlafen ist es an sich noch zu früh. Ich will aber auch nicht mehr aus dem Haus. Nachher komme ich nicht mehr herein. Mir ist hier alles etwas suspekt. Daher bleibe ich auf dem Zimmer, lese ein bisschen in dem Reiseführer, der in Spanien erst Gültigkeit bekommt. Da ich aber schon an meiner Kondition bemerke, dass der heutige Tag streckentechnisch anspruchsvoll war, entscheide ich, früher als sonst schlafen zu gehen.
Ich überprüfe mein Gepäck und stelle schon alles für die morgige Abreise bereit. Über das Bettlaken lege ich zur Vorsicht meine mitgebrachte Wolldecke. Auch wenn das nicht viel nützt, bilde ich mir trotzdem ein, eine Vorsichtsmaßnahme gegen irgendwelche Pickel bildenden Ursachen getroffen zu haben. Zudecken werde ich mich mit meinem Schlafsack. Von draußen höre ich das müde machende Geräusch vorbeifahrender Autos. Ich stehe noch mal auf und begutachte, ob man die Zimmertür von Innen verschließen kann. Ein Schlüssel steckt, aber verfehlt trotz mehrmaligen Drehens seine Wirkung, da vermutlich irgendwann der Sperrriegel kaputt gegangen ist oder ausgebaut wurde. Ich stelle einen Stuhl direkt vor die Tür. Geräuschempfindlich wie ich bin, würde ich schnell wach falls jemanden ins Zimmer eindringen will.
Halb im Schlaf höre ich noch draußen im Flur eine Frauen- und eine Männerstimme. Ob es sich auch um gerade ankommende Gäste dieser Pension handelt, hatte ich nie erfahren.
[BREAK=13.Tag Donnerstag 11.Mai 2006 "Durch den großen Wald"]

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

13. Tag. Donnerstag, 11. Mai 2006 „Durch den großen Wald“
Marmande – Casteljaloux - Mont-de-Marsan – Saint Sever - Hagetmau
128 Tageskilometer

In abgedunkelten Räumen kann ich sehr gut schlafen. So war es auch in meinem heutigen Quartier. Nachdem der Handywecker nach zweimaliger Weckwiederholung das schaffte, was ich ihm beigebracht hatte, mich nämlich aus dem Bett zu kriegen, zog ich erst mal die Vorhänge beiseite und öffnete die Schlagläden. Helles Tageslicht ließ mich für einen Augenblick gar nichts mehr sehen. Nachdem sich die Pupillen wieder geweitet hatten, sah ich auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein blühendes Rapsfeld. Irgendwie auf dem Lande und trotzdem nur 5 Minuten von der City entfernt. Das gefiel mir, denn heute wollte ich zum ersten mal in einem französischen Straßencafé sitzen und wie Jacques Tati in seinen Filmen „Leute gucken“. Nach einer kurzen „Katzenwäsche“ zog ich mich an, verpackte Decke, Schlafsack und Wolldecke und brachte das Gepäck zum Fahrrad. Obwohl es schon halb acht Uhr war, schien alles noch zu schlafen. Keine Menschenseele zu hören, weder im Haus noch sonst wo. Das änderte sich auch nicht, während ich mein bepacktes Fahrrad Richtung Straße schob. Da ich nicht warten wollte und auch gar nicht gewusst hätte, wo ich den Wirt oder seine Frau erreiche, fuhr ich einfach in Richtung Innenstadt los. Ein mir, für ein kleines Frühstück geeignetes Café fand ich schnell. Es lag an einem breiten Bürgersteig, auf dem um diese Uhrzeit schon viele Menschen unterwegs waren. Ich setzte mich, bestellte einen Kaffee mit Milch und zündete mir genüsslich eine Zigarette an. Ein älterer Herr zu meiner linken sprach mich an, ob ich Tourist sei und von woher ich mit dem Fahrrad käme. Tourist bin ich und ich komme aus Köln antwortete ich auf Französisch.
Es hätte wenig Sinn gemacht, dem Herrn zu erklären dass ich aus Bergisch Gladbach käme. Das hätte er nicht verstanden. Aber dass ich aus „Cologne“ käme, hat er verstanden und widersprach mir aber ohne Unterbrechung, wenn ich behauptete das Cologne eine Stadt in Deutschland und nicht in Frankreich sei. Der Wirt des Cafés mische sich in den Disput ein und klärte den älteren Herrn darüber auf, das „Cologne“ wirklich eine deutsche Stadt sei und er da vor vielen Jahren schon mal war. Missmutig gab der ältere Herr klein bei, brabbelte was vor sich hin und ich hatte meine Ruhe. Gegen halb neun Uhr bezahlte ich meine Kaffee, verabschiedete mich von dem älteren Herrn per Handschlag. Er rief mir noch „Bon voyage“ und „bonne chance“ (Viel Glück) hinterher. Ich fuhr stadtauswärts, auf der Brücke über die Garonne. Als ich an dem Gasthof vorbei fuhr, warf ich einen schüchternen Blick nach rechts. Die Gardinen und Schlagläden an dem Fenster meines gestrigen Zimmers waren immer noch geöffnet. Also hat noch keiner nach mir das Zimmer betreten.
Ich fuhr weiter Richtung Casteljaloux, wo ich einen Supermarkt suchen wollte um meine zu Neige gegangenen Getränkevorräte aufzufüllen. Durch welliges Gelände fahrend, kam ich nach 24 Kilometern dort an. Kurz nach dem Orteingang fand ich einen Supermarché. Ich kaufte darin –wie immer- Coca Cola und Fanta ein. Diese Limonaden waren mein Standardgetränk für unterwegs geworden. Fanta konnte man auch noch trinken, wenn sie schon wärmer geworden war. Cola wurde bei höherer Flüssigkeitstemperatur quasi ungenießbar.
Kurz nach Casteljaloux verwandelte die Gegend sich schlagartig in Flachland und ich konnte es pedaltrittmässig so richtig krachen lassen. Es machte Spaß, mal richtig Gas geben zu können. Der Tacho zeigte ein Durchschnitt von 26 Kilometern/Stunde an. Das führte dazu, dass ich gegen 11 Uhr schon ein kleines Dorf namens Lapeyrade durchfuhr und dabei heute schon 55 Kilometer hinter mir gelassen hatte. Ich fuhr weiter, spulte Kilometer für Kilometer ab. Das Wetter zeigte sich Frühlingshaft. Gegen 12 Uhr kam ich in einem kleinen Weiler mit dem Namen Le Caloy an. Ich machte eine kleine Pause. Gemäß einer Hinweistafel waren es nur noch ca. 10 Kilometer bis Mont-de-Marsan. Ich fuhr weiter durch einen zusammenhängenden Wald. Bis Mont-de-marsan fuhr ich in einer halben Stunde eine leicht abfallende Strecke ohne den geringsten Ansatz einer Kurve schnur stracks gerade aus. Als ich den Stadtrand von Mont-de-Marsan erreichte, macht ich wieder eine Pause und studierte die Landkarte. Ich entschloss mich die Stadt in einem Halbkreis zu umfahren. Dabei musste ich darauf achten, dass ich an der 4. Abbiegung auf die D 9335 Richtung Saint-Sever komme. Das schöne war, dass ich auf keine Straßennummern achten musste. Entlang der Departementstraßen, die Mont-de-Marsan umschlossen, waren großzügig angelegte Fußgänger- und Fahrradwege vorhanden. Völlig ungestört vom Straßenverkehr konnte ich bis zu der, von mir anvisierten Straße Richtung Saint-Sever radeln. Erst ab dieser Abzweigung musste ich die Fahrbahn wieder mit Autos und anderen Verkehrsteilnehmern teilen.
Bis kurz vor Saint Sever wurde ich noch von flacher Landschaft verwöhnt, aber dann war „Schluss mit Lustig“. „Die Berge riefen wieder“ und dieser Ruf galt wohl nur mir als einzigen Radler weit und breit. Ich hatte wohl die allerletzten westlichen Ausläufer des Massif Central vor mir. Oder war es das Vorgebirge, daß mich auf die Pyrenäen einschwören sollte. In Saint-Sever gibt es eine geschichtsträchtige Abtei, die auch Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger anbietet. Es wäre bestimmt spannend, in einem Gebäude zu übernachten, dass zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Doch es war einfach noch zu früh (15 Uhr) um die heutige Etappe vorzeitig zu beenden. Ich durchfuhr Saint-Sever. Die letzten 12 Kilometer bis Hagetmau hatten es voll in sich. Mindestens fünf hochprozentige und natürlich quer zu meiner Fahrtrichtung verlaufende Höhenrücken musste ich bezwingen. Schätzungsweise 4 Kilometer davon schiebend. Zu allem Überdruß war von blauem Himmel nichts mehr übrig. Starke Bewölkung war aufgezogen und es fing an leicht zu regnen.
Das hieß für mich. Regenjacke raus aus der Tasche. Regenhose überziehen. Man weiß ja nicht, ob der Regen noch stärker wird. Und er wurde stärker. An einem Bushaltestellenhäuschen stellte ich mich unter und rauchte eine. Vorhin hatte ich übrigens das erste Schild am Straßenrand gesehen, das darauf hinwies, dass ich mich auf dem Jakobsweg (Chemin de St. Jacques) befinde. In Mont-de-Marsan entdeckte ich auch schon Tafeln, die auf eine Fernstraße nach Spanien hinwiesen. Dies machte mir erst so richtig bewusst, das ich auf Europareise – mit dem Fahrrad- war. Auf dem Tacho hatte ich seit Reisebeginn am 29. April schon 1358 Kilometer angesammelt. Auf einer Anhöhe konnte ich schon das Ortsschild von Hagetmau erkennen. Wie alle in Ortsschilder in Frankreich schwarze Schrift auf weißem Grund, rot umrandet. Hagetmau war nicht als zusammenhängender Ort, sondern einer Streusiedlung gleich auf Hügel und Senken verteilt. Prompt fuhr ich auch nicht ins Zentrum des Ortes, sondern verkehrter Weise auf einer Straße wieder aus Hagetmau heraus. Zum Glück merkte ich das schnell und machte kehrt. Jetzt fand ich den richtigen Weg und landete auf einem kleinen Platz im Ort. Doch nirgendwo ein Schild, das auf ein Gasthaus, eine Pension oder ein Hotel hinwies. Ich sah einen kleinen Tabakladen und ging hinein. Hinter der Theke stand ein Mann. Unrasiert, Käppi auf und Zigarre zwischen den Zähnen. In dem schon engen Ladenlokal standen noch zwei Männer von der gleichen Sorte, aber Zigaretten rauchend. Die Luft leuchtete im Schein einer Lampe bläulich. Ich ließ ein lockeres „Bon Jour“ verlauten, was mir freundlich von allen Dreien erwidert wurde. Dann fragte ich ohne Umwege, ob mir jemand sagen könne, wo es hier eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit (Hotel bon marché) gäbe. Oder eine Auberge de Jeuness (Jugendherberge). Der Ladenbesitzer runzelte kurz die Stirn und erklärte mir dann, dass ich am Ende der Gasse links und dann geradeaus und dann rechts bis zu einer Elf-Tankstelle gehen solle. An der Tankstelle soll ich nach Marcel, dem Tankstellenpächter fragen. Der hat für Feriengäste zwei Privatzimmer in seinem Haus. Vielleicht hat er ja was frei. Zu guter letzt bot er mir noch einen Calvados an. Da die beiden anderen Männer auch ein Glas in der Hand hielten, wollte ich nicht unhöflich sein. Ich nahm auch ein Glas. Das war allerdings ein Cola Glas und ich musste drei mal „Bon“ sagen, damit er mir nicht zu viel in das Glas kippte. Ich hätte von vornherein wegen dem fehlenden Etikett auf der Flasche misstrauisch sein müssen. Was ich da jetzt in mich hinein kippte, war selbst gebrannter Schnaps. Ich hatte das Gefühl, dass mir für einen Moment die Nackenhaare horizontal standen und ein Feuer durchzuckte meinen Hals. Die drei Männer bemerkten das, beobachteten meine Gesichtszüge und grinsten anerkennend. Ich bedankte mich vielmals und trollte mich von dannen. Ich vertrage eh´ keinen Alkohol und merkte schnell, dass ich von dem halben Glas Calvados „einen im Tee“ hatte. Ich schaffte es heil bis zu der beschriebenen Tankstelle. Ein Mann in blauem ölverschmierten Overall werkte an einer Zapfsäule rum. „Das muss Marcel sein“ vermutete ich und lag richtig. Ich bestellte ihm schöne Grüße von dem Zigarettenladenbesitzer und trug meinen Wunsch nach einer Übernachtungsmöglichkeit vor. Er bat mich in einer halben Stunde noch mal vorbei zu kommen, da seine Frau einkaufen und sonst keiner im Moment zuhause wäre. Ich nahm mein Fahrrad und ging wieder Richtung Ortsmitte, machte aber einen großen Bogen um den Tabakladen. Noch einen Calvados würde ich nicht heil überstehen. Ich schob mein Rad, bis die halbe Stunde um war durch die Gegend und merkte, dass ich wieder nüchtern wurde. Marcel schloss gerade den Laden in der Tankstelle ab und sah mich kommen. Gemeinsam gingen wir zu seinem in der Nähe liegenden Haus. Mein Fahrrad durfte ich in die hinter dem Haus befindliche Garage stellen. Dann führte er mich in das Dachgeschoss des Wohnhauses. Dort waren zwei kleine Zimmer, einfach aber urgemütlich eingerichtet. Er fragte noch, wie lange ich bleiben wolle. Ich sagte nur für eine Nacht. Dann musterte er mich kurz und fragte ob 15 € ok wäre. Ich antwortete „Naturelement“. Da er mit seiner Frau morgen schon sehr früh nach Mont-de-Marsan zum Arzt müsse, bat er mich um Vorauszahlung. Dann bat er mich noch, wenn ich abreise den Zimmerschlüssel in den Briefkasten zu werfen und die Haustür gut zuzuziehen. Dann wünschte er mir noch eine Gute Nacht. Ich bekam noch mit, wie er mit dem Auto wegfuhr.
Vom Fahrrad holte ich mir noch eine Cola und mein Waschzeug und machte es mir in dem Zimmer bequem. Es war mittlerweile dunkel und gegen 21 Uhr schaltete ich noch was den Fernseher ein. Dank Satellitenschüssel konnte ich auch ARD und ZDF empfangen. Im „Heute – Journal“ wurde ich noch daran erinnert, dass das was ich jetzt erlebe, nicht dauerhaft sein wird. Eigentlich schade!
Ich war schon fast am Schlafen als ich unten vom Hof her ein Auto hörte und danach Marcels Stimme wieder erkannte. Er war mit seiner Frau zusammen Nachhause gekommen.
Auch wenn ich mich wiederhole, aber was ich bis jetzt in Frankreich an Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit erlebt habe, werde ich so schnell nicht vergessen. Ich habe auch schon in Deutschland Urlaub mit dem Fahrrad gemacht, aber irgendwie sind die Menschen hier „anders“!!
[BREAK=14.Tag Freitag 12.Mai 2006 "St. Johann vor dem Pass"]

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

14. Tag. Freitag, 12. Mai 2006 „St. Johann vor dem Pass“
Hagetmau – Saint-Palais - Uhart-Mixe – Larceveau-Arros-Cibits – St. Jean-Pied-de-Port
88 Tageskilometer

Gegen 7 Uhr wachte ich –auch dieses mal ohne Hilfe des Handy-Weckers- auf. Ich hatte den Akku über Nacht aufgeladen. Da ich das Telefon zwischendurch immer wieder ausgeschaltet hatte, musste ich heute zum ersten mal seit Zuhause aufladen. Der Blick aus dem Dachfenster beruhigte mich. Der Regen hatte sich verzogen und ich konnte mehr Blau statt weiß am Himmel erkennen. So. Das Bett ist gemacht. Es war mir eine heilige Pflicht gegenüber den Gastgebern, das Zimmer so zu verlassen wie ich es vorgefunden hatte. Mein Fahrrad war startklar und ich fuhr los. Für eine Zeitlang ging es bergab, dann fuhr ich parallel zu einer Bahnstrecke aus Hagetmau heraus. An einer Abzweigung hielt ich erst mal an, rauchte eine und dachte über das gestern erlebte nach. Das ist mir jetzt schon öfters passiert, dass ich am nächsten Tag noch eine zeitlang brauche, um das tags zuvor erlebte „aufzuarbeiten“.
Ich fuhr weiter. Noch waren die Anstiege akzeptabel. Aber je mehr die Kilometeranzahl Richtung Orthez schrumpfte, umso feindseliger wurden die Anstiege. Zwar fuhr ich durch eine landschaftlich abwechslungsreiche Gegend. Doch vier „Bergeroberungen“ auf ca. 25 Kilometer machte mir doch zu schaffen. Da schien es mir im Nachhinein gar nicht verwunderlich, dass ich dafür stolze 4 Stunden brauchte. Es war Punkt zwölf, als ich die Hauptstraße von Orthez befuhr. Ich hatte auch keinen Nerv anzuhalten. Stur mein Ziel im Kopf, nämlich St. Jean-Pied-de-Port trat ich stramm in die Pedalen. Heute sollten sportliche Motive mein Hauptantrieb sein. Ich hatte mich in dem Gedanken verbissen, morgen früh von dort in die Pyrenäen einzusteigen!
Ich fuhr jetzt einige Kilometer parallel zur Autobahn bis Bérenx. Auf der D 933 folgte ich den Schildern nach Salies-de Béarn. Die Steigungen waren wieder moderater und ich ließ es wieder ruhiger angehen, wollte ich doch ohne Blessuren in St. J.-P.-d.-P. ankommen. Als ich nach einer weiteren Stunde in Sauveterre-de-Béarn ankam, hatte ich schon ungefähr die Hälfte der heutigen Etappe geschafft. Ich war zuversichtlich, dass ich am frühen Abend an meinem Ziel ankam. Da ich noch was zu Essen und Trinken einkaufen wollte, machte ich einen kleinen Schlenker nach Saint-Palais. Hier fand ich auch einen Supermarché und konnte durch Kauf der entsprechenden Artikel dem Aufkommen von elementaren Bedürfnissen wie Hunger oder Durst gelassen entgegen sehen. Die Sonne shcien von einem fast wolkenlosen Himmel bei angenehmen 23°C.
Kurz vor dem nächsten Ort auf meiner Route Uhart-Mixe begegnete ich zwei seltsamen Gestalten. 2 hagere Männer, so um die 50 mit nackten Oberkörpern transportierten eine Schubkarre am Straßenrand lang. Der eine schob, der andere zog vorne an einem Strick, der an einer, extra dafür an die Schubkarre angeschweißte Öse befestigt war. An der Öse befand sich auch eine Jakobsmuschel. In der Schubkarre befand sich neben Schlafsäcken und Zelt scheinbar das ganze Hab und Gut der Beiden. Ich begrüßte die beiden. Sie grüßten freundlich zurück. Da ich neugierig geworden war, was das für seltsame Zeitgenossen sein könnten, hielt ich an. Dieses mal fragte ich als erster nach dem „Woher und Wohin“. Die beiden kamen aus der Nähe von Amsterdam und sind bekennende Aussteiger. Das heißt, sie hatten sich, nachdem sie beide arbeitslos geworden waren, dazu entschieden an diesem Status auch nichts mehr zu ändern und sich auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen. Auf meine Frage, wieso gerade Santiago De Compostela, antworteten sie nur kurz, dass schon viele Holländer dort gewesen wären. Ehrlich, wie Pilger sahen die beiden für mich nicht aus, eher wie Tippelbrüder. Der eine drehte mit Händen, die offenbar schon lange kein Wasser und keine Seife mehr gesehen hatten, eine Zigarette und bot sie mir an. Ich lehnte dankend mit der Ausrede, dass ich nur Filterzigaretten rauche, ab. Plötzlich kam von einem nahe liegenden Grundstück ein Mann mit ein paar Äpfeln, Bananen und Nüssen und drückte sie uns mit den besten Wünschen in die Hand und ging genau so schnell, wie er gekommen war. Von hinten sah in anseiner Kluft, dass es der örtliche Pfarrer gewesen sein musste. Eine feine Geste, fand ich. Die beiden warfen das Obst in die Schubkarre und der eine meinte, eine Einladung zu einem Essen wäre jetzt das beste gewesen. Jetzt schwoll mir wegen dieser undankbaren Äußerung der Kamm an. Ich sagte kurz tschüs und ließ die beiden stehen. Denen geht es wahrscheinlich zu gut. „Arbeitsscheues Gesindel“ regte ich mich noch auf und konzentrierte mich wieder auf die Landschaft, die ich durchfuhr. Ich las eine Tafel, die auf Ostabat-Asme hinwies. Ich erinnerte mich, dass doch dort die „Stele von Gibraltar“ als Markierungspunkt für die drei Französischen Wege, die sich hier vereinen, steht. Ich hatte aber keine Lust, wegen der Stele einen Umweg zu machen und fuhr weiter. In dem Ort mit dem komplizierten Namen Larceveau –Arros-Cibits entschloss ich mich erst mal, um auch ein bisschen aus der späten Mittagssonne zu kommen, in einer Bar einzukehren. Neben einem ältern Herrn war ich der einzige Gast. Ich bestellte mir eine Cola und musste erst mal für „kleine Mädchen“. Als ich wieder von der Toilette kam, waren im Gastraum zwei „große Mädchen“ mit noch größeren Rucksäcken eingetroffen. Sie saßen an einem Tisch und ich hörte englische Worte. Sie nahmen von niemandem anderen im Raum Notiz und waren auf ihre Wanderkarte konzentriert. Das zum Thema „Pilger sind alles Brüder und Schwestern“. Ich trank mein Glas leer, zahlte und fuhr weiter. Gegen 15 Uhr kam ich in einem Ort namens Mongellos an. Da war sie wieder, die pure Verführung. Ein großer alter baum, darunter eine Bank, daneben eine Telefonzelle. Die klassische Lokalität um meine müden Knochen etwas ausruhen zu lassen. Genau das war es. „Das Leben kann so schön sein, wenn man es ab und zu mal zulässt“. Es ist schon ein paar Tage her, als ich diese Gedanken in Pont-a-Mousson im Kopf verinnerlichte. Jetzt saß ich hier, fast schon in Spanien und konnte als Zwischenfazit feststellen, dass ich bis jetzt keinerlei Probleme mit Körper, Geist oder Material hatte. Nur die rechte Pedale am Rad knackte wieder ab und zu. Braucht vielleicht wieder was Öl. Mañana - dachte ich schon in Anlehnung an Spaniens berühmtesten Vertröstungsspruch. Ich rauchte eine, grüßte den einen oder anderen vorbei gehenden Passanten. Fast eine Stunde hatte ich hier gesessen und dabei was gedöst. Dann fuhr ich weiter. Es war jetzt 16 Uhr und ich hatte schon die erste Hinweistafel nach St. Jean-Pied-de-Port gesehen ( Noch 7 Kilometer). Ich kam gegen viertel vor fünf Uhr früher an, als erwartet. Das hat garantiert mit meinem forschen Fahrstil von heute Vormittag zu tun. So hatte ich heute Abend genügend Zeit den Ort, von dem ich schon viel gehört und viele Fotos gesehen hatte, näher zu erkunden.
Zuerst suchte ich die „Rue de la Citadelle“, die ich auch schnell fand. Man brauchte nur den vielen Pilgern und Tagestouristen in die steile gepflasterte Straße (besser gesagt Gasse) zu folgen. Die Gasse war so steil, dass ich mich kräftig gegen den Lenker stemmen musste, um vorwärts zu kommen. Hier befindet sich auch das örtliche Pilgerbüro, in dem man sich offiziell registrieren lässt. Von St. Jean-Pied-de-Port starten ca. 90 % aller Fußpilger auf den von hier ca. 800 Kilometer weiten Weg nach Santiago de Compostela. Ich hatte jetzt schon 1520 Kilometer seit Bergisch-Gladbach in 14 Tagen zurückgelegt. Das Pilgerbüro fand ich im haus Nr. 39. In dem nach außen offenem Büro befanden sich 3 Schreibtische. Es war gerade nicht viel los und ich bekam einen der wichtigsten Stempel in meinen Pilgerausweis. Ich füllte noch einen Fragebogen aus, in dem gefragt wurde woher man kommt, wohin man will. Welche Motive man für die Reise hat usw. usw. Da ich in keiner der beengten Pilgerherbergen übernachten wollte, fragte ich nach privaten Unterkünften. Der freundliche Mitarbeiter des Pilgerbüros wählte eine Telefonnummer. Nach dem kurzem Gespräch schrieb er mir die Hausnummer 19 auf, dort könne ich ein Zimmer für 18 € bekommen.
Ich musste also wieder bergab. An Hausnummer 19 klingelte ich. Eine ältere Dame bat mich herein. Mein Fahrrad durfte ich im Treppenhaus abstellen. Sie führte mich in die Küche und bot mir einen Kaffee an, den ich dankend annahm. Dann musste ich mich in ein dickes Buch eintragen. Mir fielen die vielen spanischsprachigen Einträge in dem Buch auf und murmelte „Muy españoles!“ Das bekam Madame Debrille mit und fragte mich auf spanisch „Hablar español? „Si Señora un poco“ antwortete ich. Das Eis war bebrochen. Madame Debrille heißt sie, da ihr Ehemann, der verstorben ist ein Franzose war. Sie gab mir zu verstehen, dass sie gebürtige Spanierin ist. Von da an pflegten wir so weit wie möglich Konversation in Spanisch. Das war auch für mich einfacher.
Sie bat um Verständnis wegen des Wunsches nach Vorkasse, weil sie wegen dem Bezahlen schon einige Probleme gehabt hätte. Ich gab ihr die 18 €. Wenn ich ein „Petit dejeneur“ wolle, koste das 4 € extra. Ich willigte ein und sollte dies nicht bereuen. Ich hatte für eine Nacht ein Zimmer gemietet ohne es vorher zu sehen. Doch die alte Dame war so vertrauenswürdig, was sollte es da für negative Überraschungen geben? Sie sagte, dass das Zimmer auf der 2. Etage sei und bat um Verständnis, das sie nicht mit hoch käme. Man sah ihr an, dass ihr das gehen Schwierigkeiten bereitete. Ich ging allein hoch. Wie von Madame Debrille geheißen, öffnete ich die linke Tür. Was ich da für 18 € für eine Nacht mein Eigen nennen durfte, war eine richtig rührige „Puppenstube“. Super-hyper-mega gemütlich! Nur die Dielen knarrten so fürchterlich, dass ich mich kaum zu bewegen traute. Ich ging wieder herunter und ließ sie wissen, dass ich mich sehr freue, hier übernachten zu dürfen. Das schmeichelte der alten Dame sichtlich. Ich ließ sie wissen, dass ich noch was in die Stadt wollte und hielt ihr die Schlüssel entgegen. Sie meinte aber, ich solle die Schlüssel mitnehmen, da sie von der Küche aus nicht immer die Türklingel hörte. Ich ging die Gasse hoch zur Burg. Von da aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Pyrenäen und über die Altstadt von St.Jean-Pied-de-Port. Ich ging wieder die Gasse herunter. In einer Querstraße fand ich einen Laden, der auch Ansichtskarten hatte. Ich schickte Sandra auch von hier eine Karte. Die erste schickte ich aus Trier, die zweite aus Vézelay und die dritte von hier. Die Gassen waren schon wesentlich leerer. An den Geräuschkulissen konnte man wahrnehmen, in welchen Häusern sich Pilgerherbergen befanden. Unten im Ort fand ich auch die Abbiegung, die ich morgen Richtung Pamplona, meinem nächsten Ziel fahren musste. Ich schoss noch ein paar Fotos und ging, da es leicht zu regnen begann, in mein heutiges Zuhause. Aus den Fahrradtaschen nahm ich mir eine Cola und meine Waschsachen mit aufs Zimmer. Hunger hatte ich keinen mehr, da ich mir vorhin bei meinem Stadtrundgang eine große Fritten mit Ketchup und Mayonnaise genehmigt hatte. Ich wollte noch eine rauchen, aber nicht im Zimmer. Ich nahm mir einen Stuhl, beugte mich aus dem Mansardenfenster heraus und qualmte gegen den dunklen Himmel. Es nieselte und leichter fast sommerlicher Wind wehte mir entgegen.
Ich ließ das Fenster auf, da es weit überdacht war. Ein kurzer Gang in das Bad, das sich so wie die Toilette auf dem Flur befand. Dabei begegnete mir mein, bis dahin mir unbekannter Zimmernachbar. Er hieß Mike und kam aus Kanada. „ Bey Mike, bey Juhrgen“ war unsere Verabschiedung für heute. Er verschwand ins Zimmer, ich ins Bad. Ich drehte den Wasserhahn auf und stellte fest, dass das Hämmern, das ich vorhin hörte nicht einem Heimwerker aus der Nachbarschaft zuzurechnen war, sondern aus der Wasserleitung kam. „Poltergeister“? Nein, Druckschwankungen die in alten Wasserleitungen Druckschwankungen erzeugen und zu diesen klopfenden Geräuschen führten. Um nicht die Hausgemeinschaft aus den Betten zu vertreiben, sparte ich mit dem Genuss von Leitungswasser und zog mich aufs Zimmer zurück.
Den Wecker stellte ich wie immer auf 7 Uhr. Ab 8 Uhr gab es unten in der Küche Desayuno, wie man auf spanisch zu Frühstück sagt. Es war ca. 22 Uhr. Ich dachte noch mal an die zwei seltsamen Gestalten mit der Schubkarre unterwegs. Bestimmt sind es zwei Halunken, die unter dem Deckmantel der Pilgerei ihr Pennerdasein rechtfertigen wollen. Ich dachte an Marcel, den freundlichen Tankstellenpächter in Hagetmau und ich dachte an Sandra, die jetzt ungefähr 1500 Kilometer von hier entfernt bestimmt schon schläft. Über Gedanken, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann, bin ich wohl eingeschlafen.