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Vollständige Version anzeigen : Professionelles Videomaterial - wieviel macht Sinn?


Nilsemann
20.03.2009, 01:05
Liebe Mitglieder des Trekkingforums,

heute muss ich mal wieder Eure Hilfe in Anspruch nehmen. Ich weiß, dass es hier viele Experten aus unterschiedlichsten Fachbereichen gibt. Meine Frage geht an diejenigen unter Euch, die bereits das Vergnügen bzw. die Möglichkeit hatten (bzw. berufsbedingt regelmäßig haben), eine halbwegs professionelle (d.h. broadcasttaugliche) Filmproduktion hinter sich gebracht haben. Leider ist meine Frage sehr schwammig und sowohl projektabhängig als auch eine Frage des persönlichen Geschmacks und entsprechender Erfahrung, das ist mir bewusst. Nichtsdestotrotz formuliere ich sie mal unter der Annahme, dass sie sowieso kaum beantwortet werden kann.

Es geht um die Frage, wieviel Videomaterial (in Stunden) während dokumentarfilmtechnischer Aufnahmen in hochalpinem Gelände während einer Dauer von beispielsweise einer Woche anfällt. Mir ist bewusst, dass man nun von "5 Stunden" bis angenommenen "100 Stunden und mehr" alles darauf antworten könnte. Also bitte keine schnippischen Bemerkungen deswegen. Mir ist auch klar, dass dies generell von sehr vielen Faktoren abhängt (Wetter, thematischer Fokus der Dokumentation, filmisches Können etc.). Mir geht es allerdings hier viel mehr darum, wieviel Material (auch hinsichtlich der Postproduktion für eine insgesamt etwa einstündige Dokumentation) Sinn macht, da natürlich während der Reise auch alles eine Frage der Speicherkapazität ist. Vielleicht gibt es ja gewisse Erfahrungswerte von erfahrenen Naturfilmern unter Euch. Wieviel Material sammelt man sinnvollerweise? Ich werde auf Mini-HDV-Kassetten mit einer Länge von je 90 Minuten aufnehmen und mich daher bereits vor Reiseantritt kapazitätentechnisch beschränken müssen, da ich unterwegs während der knapp dreimonatigen Reise kaum Möglichkeiten haben werde, an diese Kassetten heranzukommen.

Bin mal gespannt was für Rückmeldungen von Euch kommen. Ganz in dem Sinne: schwammige Frage - schwammige Antwort.
:D

Viele Grüße, Nils

OmaMone
20.03.2009, 01:35
hallo nils,
wir hatten mal versucht, eine aehnliche rechnung zu machen, um genuegend baender fuer eine 6 taegige tour mitzuehmen und eine vorstellung zu bekommen, wie das mit den akkus funktionieren wird. wir sind optimistisch von einem verhaeltnis von 1:7 ausgegangen - allerdings haben wir dabei auch unterwegs leute interviewt und dabei kamen wir mit dem 1:7 verhaeltnis ueberhaupt nicht mehr hin: entweder hatten sie viel zu erzaehlen oder haben mit sehr viel ruhe ihre geschichten erzaehlt. die natur spielte uns hin und wieder auch einen "lichtstreich"...und schlussendlich kam leider zu wenig material dabei raus und so war es eine anstrengende, aber interessante spielerei (wir haben die ausruestung ueber den westcoasttrail geschleppt) und im nachhinein haette ich mir noch eine zweite kleinere handkamera fuer zusatzaufnahmen gewuenscht (wir waren zu zweit unterwegs) - aber das haette nochmehr "schlepperei" bedeutet.
ich bin gespannt, wohin die diskussion fuehren wird.:coffee:
mit freundlichen gruessen
omamone
ps: wie loest du dein akku-problem?

Nilsemann
20.03.2009, 01:55
ps: wie loest du dein akku-problem?

Noch nicht ganz sicher. Als ich 2004 in die Digitalfotografie eingestiegen bin, habe ich mir für meine erste Himalaya-Reise billige Zusatzakkus (nicht die teuren Originalakkus von Sony) bei eBay gekauft und bin damit bestens klargekommen. Insgesamt fand ich die billigen Duplikate leistungstechnisch sogar solider. Nun stehe ich bei der HDV-Videokamera wieder vor dieser Entscheidung. Entweder massig Ersatzakkus einpacken und unterwegs bei jeder (raren) Möglichkeit aufladen, oder aber ein nicht unbedingt günstiges Solarladegerät anschaffen. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob sich die Anschaffung der ganz dicken Akkus (NP-F770) gegenüber der der kleinen Version (NP-F330) lohnt. Ich denke schon, aber letztlich ist es alles eine Kostenfrage. Bin noch nicht ganz sicher, was letztlich mehr Sinn macht. Habe aber zum Glück noch sechs Monate Zeit, um eine Entscheidung zu treffen.

PS: Verhältnis 1:7 würde also 24 Stunden Videomaterial für sieben Tage bzw. 3,43 Stunden pro Tag bedeuten? Oder wie ist das zu verstehen? Erscheint mir nämlich schon recht viel.

Andreas L
20.03.2009, 07:27
Wenn du schon Kontakt zu einer Produktionsfirma hast, dann frag die, wieviel Rohmaterial die gerne hätten, ausgehend von einer einstündigen Doku. Aber darauf bist du sicher schon selber gekommen.

Ansonsten kann ich nur Beispiele aus dem Printmedienbereich bringen: Für 6 Doppelseiten in einer Illustrierten (etwa 18 Bilder) habe ich in Afrika in 10 Tagen rund 60 Filme belichtet. Die Reaktion des Bildredakteuer war: "Na, das geht ja." In einem anderen Fall, gleicher Umfang, aber ganz anderer Schwierigkeitsgrad (Schachthöhle, 120 Meter, nass, ich musste alle 2 Stunden nach oben und die Kamera wechseln (wegen der Nässe) und hatte insgesamt nur 4 Tage a 8 Stunden zur Verfügung) hab ich beim selben Bildchef 15 Filme abgeliefert und die Reaktion war unter aller .... Als ich ihm die Schwierigkeiten geschildert hatte und ihm klargemacht habe, dass ich leistungsmässig in der Zeit gar nicht mehr hätte liefern können, war er zufrieden. Wichtig ist noch, dass zualler erst der Umfang des Materials begutachtet wurde, die Zufriedenheit bzw der Ärger wurde geäussert, bevor der sich auch nur ein Bild näher angeschaut hatte. War aber auch ein ganz besonderer ... Mensch. Es kann dir also eventuell passieren, dass du in der Angebotsphase sofort gefragt wirst, wie umfangreich dein Material ist und dann entschieden wird, ob oder ob nicht. Ist unlogisch, aber hab ich öfter so erlebt. Aber das war, wie gesagt, im Printbereich.

Viel Erfolg:
Andreas

tremendopunto
20.03.2009, 15:56
Hallo Nils,

eins vorweg: ich bin absolut kein Experte, mache nur meine privaten Hobbyfilmchen, aber auf einer 2-Wochen-Tour "verfilme" ich da schon manchmal 10h.....(da waren dann aber auch Zeitraffer dabei (Sonnenauf-/untergang, etc.) die sich im Endprodukt ja von selbst kürzen.
Ich denke mal die 1:7 Angabe von omamone bezieht sich auf die von Dir gefragte Roh- zu Endprodukt-Ratio, für Deine 60Min. Doku also 7h Rohmaterial.
Halte ich persönlich für sehr sehr optimistisch - ein Profi allerdings hat vielleicht auch das Händchen um Szenen auf Anhieb perfekt in den Kasten zu bekommen bzw. auch eine bessere Szenenauswahl zu treffen.
Hängt natürlich auch von der Art Deiner Doku ab - willst Du dort nur die Landschaft/Natur oder
z.B. eine Tourgruppe bzw. Land&Leute dokumentieren (wie in den anderen Beiträgen erwähnt: Interviews etc.)

Grundsätzlich trage ich lieber ein Bissl zuviel Speicherplatz mit mir rum und bringe es ungenutzt wieder zurück, als dass ich mir ärger etwas verpasst zu haben

PS: das mit den No-Name Ersatzakkus mach ich auch so, Hähnle und andere produzieren die baugleichen Sony-Akkus zum Bruchteil der Kosten. Bspws. Sony nahm für den NP-FP90 knapp 100-90 EUR, ohne Sony-Logo aus dem Fachmarkt (keine Ebay-Fälschungen) gibts die für 25-30 EUR.

Gruß,
Chris

tremendopunto
20.03.2009, 18:08
Hab nochmals genau nachgesehen, also die 1:7 Faustregel ist doch gar nicht so schlecht:

aus 7h Rohmaterial sind tatsächlich mal 1h Film geworden
aus 12h Material dann mal 2h
aus 10h dann mal 3h (nicht am Stück, waren unterschiedliche Episoden, kein Ben Hur Monumentalfilm ;) )

allerdings hab ich mir ja nie zu Beginn ein Limit von 1h Endprodukt gesetzt. Und besser man muss aus 10h Rohmaterial für 1h Endprodukt ein paar gute Szenen weglassen, als bei zuwenig Speicherplatz nachher die besten Szenen nicht mehr gefilmt haben zu können. Denn wenn man jedesmal, wenn man die Kamera anwirft oder etwas sieht abwägen muss "Na lohnt sich das jetzt, oder kommt später noch was viel besseres?" - dann verpasst man viel.

OmaMone
20.03.2009, 20:03
genauo war es gemeint: fuer 1h film 7h rohmaterial - hin und wieder schneide ich filme als lehrmaterial fuer seminare und davon kommt die verhaeltnisangabe. die szenen sind allerdings vorher durchdacht und vorbereitet. wir sind dabei alle keine profis und so kann es kommen, das trotzdem alle wissen, was zu tun ist, bestimmte aufnahmen wiederholt muessen, oder es wird eine nahaufnahme zusaetzlich aufgenommen. somit hat chris recht, wenn er sagt, das es unter umstaenden eine optimistische schaetzung sein kann. wenn du keine zeitvorgabe hast, kann das eine "richtlinie" sein - vielleicht 1 oder 2 baende mehr mitgenommen, sollte es gehen. wenn die stunde als "endfilm" feststeht, wuerde ich mehr baender mitnehmen.
wir hatten grosse akkus mit eine canon-kamera mit- 2002 gab es noch keine bezahlbaren solarladegeraete. zur zeit arbeite ich mit einer sony-camera und nutze die von dir angesprochenen akkus: der NPF770 haelt bei meiner sony-kamera bis zu 6h, wenn ich mit sucher und nicht mit monitor arbeite - der kleinere 330 haelt bis zu 4h.

gruesse
omamone

doro
22.03.2009, 18:37
Hi Nils,
ich zähle hier nur videos auf, die von einer person gedreht wurden:

für den film 110 min
http://www.cineman.ch/movie/2008/BergaufBergab/review.html
hat Hans Haldimann 90 stunden material bespielt

über den film nomadslandsland 90 min, findest du hier die angaben
http://outnow.ch/Movies/2008/NomadsLand/
Gael métro kannst du gerne auch um ratschläge bitten. ich kenne ihn jedoch nicht persönlich. aber er ist ein sehr freundlicher mensch, der dir sicher für dein projekt hilfreich sein könnte

für das making of 3 min
http://www.art-tv.ch/3397-0-making-of--boedele--step-it-out-2.html
habe ich mitgearbeitet und 1 stunde material verbraucht ohne die aussenaufnahmen, die gitta gsell gedreht hat

für eine dokumentation 5 min
über den paradeplatz zürich habe ich 10 stunden video gedreht. dieses video ist noch nicht öffentlich

für ein lehrmittel für die psychiatrie über eine methode von traumatherapien 20 min
habe ich 7 stunden material verbraucht

für ein lehrmittel über sexuellen missbrauch 9 min
habe ich 1 std material gebraucht

gerne mache ich dich noch auf den ton aufmerksam. diesem musst du grössere aufmerksamkeit schenken. ich verwende meistens einen eingang bei der kamera für ein richtmikrofon auf der kamera den anderen eingang für ein externes zusätzliches ms-mikrofon. videos werden immer nur mono aufgenommen. dazu brauchst du ein spezielles kabel mit einer verzweigung. du hast also dann zwei monospuren.

falls du im dunklen oder schlechtem licht filmen möchtest, brauchst du noch aufheller oder eine zusätzliches licht.

es gibt verschiedene mini-hdv-kassetten qualitäten. die profi in der schweiz brauchen für das master
http://www.schweizervideo.ch/web/produkte/?ARTNR=183.PHDVM-63DM2&h=15&u1=95&u2=0&u3=0&u2l=ja&u3l=ja&sid=857805935&sort=kat
wie du sehen kannst sind diese sehr teuer.

das a und o für einen doku ist ein ausführliches drehbuch. falls du möchtest, kann ich dir einige tipps dazu geben.

ich hoffe, du kannst etwas mit diesen angaben anfangen.

herzlich
doro

Nilsemann
12.04.2009, 16:56
Hi und vielen Dank für Eure Antworten. Bin noch bis kommenden Mittwoch schwer beschäftigt, aber danach wende ich mich gerne nochmal mit ein paar detaillierten Fragen insbesondere an Dich, liebe Doro. Bis dahin und schonmal Danke bis hier hin.

tombergy
10.05.2009, 17:34
Als professioneller Kameramann kann ich dir folgende Tips geben:

Wenn du einen fertigen Film verkaufen willst. ist es erstmal völlig egal uneter welchem sog. Drehverhältnis (also das Verhältnis von gedrehtem Material zu dem was im fertigen Film zu sehen ist) er entsanden ist.

Einem potentiellen Käufer, also i.d.R. einem Sender interessiert nur das Endprodukt.

Allerdings möchte ich dir gleich mal die Illusion nehmen, mit einem fertig gedrehtem Film bei einem Sender anzuklopfen a la "ich hab da was tolles gedreht - wollt ihr das nicht senden" Das gelingt unter 10000 Fällen vielleicht einmal; dann mauß es aber wirklich waqs außergewöhnliches sein.

In der Regel haben die Sender bestimmte Erwartungen - die solltest du auf jedem Fall im Vorfeld besprechen. Oder anders ausgedrückt: Wenn du nicht schon im Vorfeld einen Redakteur kennst, der deinen fertigen Film dann irgendwo im Programm unterbringt vergiß es ambesten.

Zum Drehverhältnis:
Früher, als auch die Dokumetarfilme noch auf Celluloid gedreht wurden, mußte man manchmal mit 3:1 auskommen.
Bei Video sollte man 1:10 nicht überschreiten - es sei denn man hat viele Interviews. (da sollte man sich allerdings überlegen, ob man die wirklich alle unbedingt in der Wildnis fernab jeder Steckdose drehen muß.

Gruß
Tom