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jrampe
15.02.2009, 22:29
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006

Meine Reisegeschichte
Einleitung

Schon länger hatte ich darüber nachgedacht, eine größere Reise mit dem Fahrrad zu unternehmen. Ein bisschen Erfahrung hatte ich schon durch eine Tour, die ich von Bonn über Trier nach Luxemburg hinter mich brachte.
Im Laufe der Zeit bemerkte ich eine immer größer werdende Unzufriedenheit in mir. Da war Fernweh und der immer stärker werdende Gedanke, nicht erst irgendwann mal als Pensionär die „große Tour“ zu starten.
Wer weiß, ob ich das auch dann überhaupt gesundheitlich noch konnte!?
Die obligatorischen Wochenendtouren mit dem Rad forderten mich auch nicht mehr sonderlich.
Klar, mein großer Traum eine Reise mit dem Fahrrad durch Europa zu unternehmen, nagte oft genug an mir. Doch verwarf ich solche Gedanken genau so schnell, wie sie gekommen waren.
Denn erstens bin ich berufstätig, was mir allein schon Grenzen für solch ein Unternehmen setzt und dann ist da noch meine Frau, der ich dann auch nicht einfach „Schatz, ich bin mal eben auf Europa-Reise“ entgegen werfen wollte. Und finanziell sollte es auch im Rahmen bleiben.
„Grübel, Grübel….. Und dann kam die Erleuchtung. Ich fahre nach Sizilien. Italien mochte ich sowieso, das ist weit weg und hinterlässt in meinem Radlerhirn bestimmt viele Eindrücke. Nee, irgendwie kriegte ich bei diesen Gedanken kein Herzklopfen!
Dann kam der Tag, als ich das erste mal im Fernsehen – mehr unfreiwillig- einen Bericht über den Jakobsweg sah. Er lief schon ein paar Minuten und faszinierte mich aus noch unbekannten Gründen dermaßen, dass ich die Fernsehzeitungen nach möglichen Ankündigungen weiterer Jakobsweg-Berichte durchforstete. Auf „Arte“ stand ein weiterer Bericht an. Der hatte zwar mehr historische Hintergründe, man sah kaum was von dem eigentlichen Jakobsweg. Doch eins war passiert: Ich war neugierig geworden und glaubte, das erste mal dieses verheißungsvolle Herzklopfen gespürt zu haben.
Ich wusste in jedem Fall, das ich diesen Weg mit dem Fahrrad entdecken und befahren wollte.
Jetzt wurde es ernst. Nach einigen Besuchen in Buchhandlungen, Recherchen im Internet und einigem Nachdenken tat ich den ersten Schritt. Ich sprach mit meiner Frau über meine Idee. Schließlich hatte sie das Recht, mit zu entscheiden. Ihre Reaktion war so positiv, dass ich kein schlechtes Gewissen mehr hatte und mit ihr ausführlich über meine Pläne reden konnte.
Als nächstes musste ich meinem Chef den Urlaubswunsch von vier Wochen (diese Zeit hatte ich eingeplant) vortragen. Da ich außerhalb der Kernurlaubszeit, nämlich Anfang Mai fahren wollte, genehmigte er mir den Urlaub ohne Widerstand.
Die wichtigsten Voraussetzungen für eine weitere Planung waren also geschaffen.
Doch eins will ich hier klipp und klar festhalten:
Nein, mich hat nicht Hape Kerkeling mit seiner "Reisegeschichte" „Ich bin dann mal weg“ inspiriert. Erstens weiß ich gar nicht, ob es diesen "Comic" 2006 schon zu lesen gab und zweitens verstehe ich noch heute nicht, was dieses Buch zum Bestseller machte.
Ob es Fehler in der Reihenfolge der Etappen, die er gegangen sein will sind oder dass immer da wo Hape war, ganz viele Schmetterlinge herum schwirrten, ist für mich nicht so von Bedeutung. Es ärgert mich, dass er den ernsthaften Freunden des Jakobswegs keinen Gefallen getan hat, da nun auch „Hans-Willi und Gerlinde“, die sonst immer auf Malle ihren Urlaub verbringen, plötzlich den Jakobsweg „klar machen“ wollten. Doch ich will hier keine Rezension über Hapes literarische Ambitionen ablegen, sondern von meiner Reise erzählen.
Es ist August 2005. Anfang Mai 2006 wollte ich meine Fahrt beginnen. Aus vorfreudebedingter Motivation heraus begann ich zu planen. Allerdings wollte ich nicht bis ins kleinste Detail gehen. Es sollte bei meiner Reise noch genug Spielraum für Fantasie, Überraschung und auch ein bisschen Abenteuer sein.
Besuche von Buchhandlungen, Studieren von Landkarten und Recherchen im Internet wurden nun fast Bestandteil meines Alltags.
Jetzt erfuhr ich auch, dass es nicht nur den Jakobsweg, sondern mehrere Strecken in Europa unter dem Sammelbegriff Jakobsweg gibt. Diese vereinigen sich in Südwest-Frankreich an der Stele von Gibraltar (hat nichts mit dem kleinen englischen Felsvorsprung im Südwesten Spaniens zu tun sondern stammt sprachlich aus dem baskischen). Die letzten beiden Wege, nämlich der von St. Jean-Pied-de-Port und dem Somport-Pass kommend, vereinigen sich vor Puente la Reina zum Camino Franches oder kurz Camino genannt.
Meine Planungen beinhalteten die Entscheidung, die Via Lemovinencis also den Weg über Limoges als Reiseweg zu wählen.
Dieser beginnt in Vezelay, einem auf einer hohen Bergkuppe thronenden Städtchen, das als Ausgangsort zweier der berühmt-berüchtigten Kreuzzüge ins Heilige Land bereits im 12. Jahrhundert zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Darüber hinaus sollen hier in der gleichnamigen Wallfahrtskirche Knochen von Maria Magdalena, der Geliebten Jesu liegen.
Anhand von Kartenmaterial, das ich mir besorgt hatte, legte ich ungefähre Tagesetappen fest. Ohne Reklame machen zu wollen, erwiesen sich die Michelin-Karten wegen ihres kleinen Maßstabes als sehr hilfreich.
Übernachten wollte ich in einem kleinen Wanderzelt auf Campingplätzen. Genau so einfach sollte auch die Verpflegung sein.
Obwohl für mich so weit klar war, welche Strecke ich gewählt hatte, wie ungefähr die Tagesetappen aussehen sollten, war mein Hunger nach Informationen groß. Das Internet war beim Stillen dieses Wissenshungers eine große Hilfe. Ich war schließlich nicht der Erste, der mit dem Fahrrad Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens ins Auge gefasst hatte.
Ich kann aber auch heute noch, nicht ohne dabei ein bisschen stolz zu sein dass es nicht all zu viele sind, die eine Reise über so eine Distanz (mehr als 2300 KM) in Angriff genommen haben.
Heute weiß ich auch noch, dass meine Aufregung angesichts des bevorstehenden Reisebeginns von Tag zu Tag größer wurde und ich irgendwann die Tage, bis es soweit war, zählte.
Overath, März 2009


Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006

Eine Reisegeschichte
Die Ausrüstung

Das Fahrrad:
KTM Veneto, 27 Gänge. Vorne und hinten mit geländetauglichen Reifen ausgestattet.
Alles in allem ein, auch für leichtes Gelände taugliches Fahrrad, das mich bis auf den Ausfall einer defekten Pedale unterwegs treu ans Ziel gebracht hat.
Packtaschen vorne und hinten:
Natürlich noch nicht Ortlieb, aber man lernt ja für zukünftige Touren nicht aus.
Ich hatte trotz Regenüberzieher Probleme mit Spritzwasser, das sich ungehemmt in den Boden der Taschen saugte. War nicht weiter problematisch da ich die Füllungen der Taschen separat in Tüten verwahrte.
Tachometer:
VDO 1.0, Temperaturanzeige, Höhenmesser und Steigungs- bzw. Gefälleanzeige obligatorisch. Die Temperaturanzeige ist launisch, der Höhenmesser ist je nach Luftdruck immer wieder zu kalibrieren. Hilfreich waren Höhenangaben an exponierten Stellen meiner Reiseroute. Alles in allem aber eine große Hilfe.
Das Zelt:
Von der Firma mit der Bärentatze. Eine große Enttäuschung hinsichtlich Belüftung und Komfort. Kein Wunder, das es bereits ein Jahr später wieder aus dem Programm genommen wurde. Nach 3maligem Gebrauch war es nicht mehr weiter zu benutzen, da es sich auch von Innen so mit Feuchtigkeit voll gesaugt hatte, was zu einem nicht mehr auszuhaltendem „Muffeln“ führte. Über meine Erlebnisse mit diesem Zelt ist in entsprechenden Passagen noch mehr zu lesen.
Campinggeschirr und Kocher, Schlafsack, Iso-Matte. Hier waren meine Ansprüche nicht so hoch, da ich ja in Spanien in Herbergen übernachten wollte.
Kleidung mäßig richtete ich mich auf alle Facetten des Wetters ein, das war auch gut so.
Richtig kalt war es die ganze Zeit nicht, aber teilweise reichte das Spektrum von 8°C und regnerisch bis 34° C bei strahlend blauem Himmel.
Die finanzielle Unabhängigkeit sicherte ich mir neben Bargeld mit EC- und VISA-Card.
Will man am Abend nach 22 Uhr in den französischen Eco-Hotels (z. B. Formule 1, Hotel Premiere classe) einchecken, ist eine Kreditkarte unbedingt erforderlich
Die medizinische Grundversorgung beinhaltete neben Kopfschmerztabletten, Mittelchen gegen unerwünschte Bauchschmerzen, und eine 1.Hilfe Box.
In der Apotheke riet man mir noch bezüglich eventuell auftretender Mangelerscheinungen zu Magnesium- und Multivitaminpräparaten.
Diese habe ich nach ersten negativen Erfahrungen auch ganz brav und regelmäßig genommen Ich muss auch sagen, dass ich hinsichtlich körperlicher Zipperlein, bis auf den ersten und vierten Tag keine Probleme hatte.

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006

Meine Reisegeschichte
Die geplante Route

In Deutschland:
Bergisch-Gladbach – Bonn – Bad Münstereifel – Blankenheim – Gerolstein – St. Thomas – Trier – Perl

In Luxemburg:
Schengen

In Frankreich:
Thionville – Pont-á-Mousson – Commercy – Vaucoleurs – Neufcháteau – Chaumont – Chátillon-sur-Seine – Nitry – Avallon – Vèzelay – Clamecy – La-Charitè-sur-Loire – Issoudon – Cháteauroux – Limoges – Thiviers – Perigueux – Bergerac – Marmande – Captieux – Mont-de-Marsan – Hagetmau – Orthez – St. Palais – St. Jean-Pied-de-Port

In Spanien:
Roncesvalles – Pamplona – Puente la Reina – Estrella – Los Arcos – Logroño – Nãjera – St. Domingo de la Calcada – Belorado – Burgos – Castrojeriz – Fromista – Carrión de los Condes – Sahagún – Leon – Astorga – Rabanal – Poferrada – Villafranca de Bierzo – Cebreiro – Triacastela - Samos – Sarria – Portomarin – Palas de Rei – Melide – Arzùa – Santiago de Compostela

Sonstiges:

Geplante Reisedauer: 24 Tage
Geplante Tagesetappen: ca. 80 KM
Geschätzte Gesamt-Kilometer: ca. 2300
Rückreise mit Eurolines Bus (Touring) nach Köln
Rücktransport des Fahrrades mittels Spedition

Erwähnenswert ist noch, dass ich zwar keiner religiösen Gemeinschaft angehöre. Um aber in den Genuss der Übernachtung in spanischen Herbergen (Refugios) zu kommen, beantragte ich bei den Jakobusfreunden in Trier den dafür notwendigen Pilgerausweis. Er gilt quasi als Einlassberechtigung in die spanischen Herbergen. Auch erhält man durch diesen Ausweis, soweit in ihm die Reiseetappen von den jeweils genutzten Herbergen per Stempel dokumentiert sind, im Pilgerbüro in Santiago de Compostela [B]die „Compostela“.
Durch diese Urkunde wird man offiziell als Pilger anerkannt.
Voraussetzung ist allerdings, dass man als Fußpilger die letzten 100 und als Radpilger die letzten 200 Kilometer bis Santiago de Compostela zurückgelegt hat.
Bemerkenswert ist, dass gerade so genannte „Pilger“ keinen Trick auslassen um auf bequemere Art und Weise an die begehrte „Compostela Urkunde zu kommen.
Mehr als einmal konnte ich beobachten, dass mich mit Rucksäcken bepackte Autos (Taxis) überholten. Zum „Service“ des Fahrers zählte offenbar, dass die Herrschaften noch nicht einmal persönlich zwecks Stempel in den Herbergen vorstellig werden mussten. Nun ja, jedem wie es ihm gefällt!

Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006
Meine Reisegeschichte

1. Tag Samstag 29. April 2006 „ABREISE“
Bergisch-Gladbach, Bonn, Bad Münstereifel, Blankenheim, Lommersdorf/Eifel
[B]110 Tageskilometer

Gegen 9 Uhr vormittags starte ich Zuhause bei leicht bewölktem Himmel. Das Thermometer zeigt 16°C. An und für sich ist es schon ziemlich spät, ich wollte früher los fahren. Doch wenn man sich vier Wochen lang nicht sieht, dauert der Abschied halt was länger.
Meine Frau und ich beherrschen die Kunst des „Festquatschens“ bis zur Perfektion.
Endlich geht es los. Ich fahre die ersten Kilometer und bin mir noch gar nicht so richtig bewusst, das ich heute Abend nicht Zuhause sondern irgendwo unterwegs auf dem Weg ins noch 2300 Kilometer entfernte Santiago de Compostela verbringe.
Ich fahre mit dem Fahrrad nach Spanien. Wahnsinn!!! Ich trete in die Pedale und weiß, dass ich vorher nicht sonderlich trainiert habe. Wie also meine Knochen auf die lange Reise reagieren ist noch unbekannt. Doch ich bin optimistisch. Viel mehr bin ich voller Motivation, die vor mir liegenden Kilometer – komme was wolle- zu schaffen!
Deutschland-Fahrradwegeland. Auf glatt gewalztem Asphalt radle ich Richtung Bonn.
Ich befinde mich noch in der Kölner Bucht, so das die nächsten 30 Kilometer nicht mit nennenswerten Steigungen zu rechnen ist. Ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, durchfahre ich zahlreiche Vororte Kölns. Gegen 11 Uhr lasse ich das Ortsausgangsschild Troisdorfs hinter mir.
Jetzt befindet sich der nicht sonderlich breite Fahrradweg zwischen links einem Geländer, dass einen davor schützen soll nicht in einen der Nebenarme der Sieg zu stürzen und rechts einer Doppelleitplanke, die den aktiven Radfahrer vor allzu forschen Automobilisten schützen soll. Diesen Parcours mit voll beladenem Rad hinter sich zu bringen ist eine Herausforderung. Ich meistere sie und befinde mich kurze Zeit danach an der Bonner Nordbrücke, die ich gegen 12 Uhr überquere.
Der Rhein ist immer wieder ein erhabener Anblick, doch auch mir, entgegen rasende i-Pod- bewaffnete Mountainbiker erfordern meine Aufmerksamkeit!
Innerhalb einer Stunde durchquere ich Bonn von Ost nach West. Hin und wieder sind schon am Horizont die Ausläufer der Voreifel zu sehen. Dort will ich hin.
Kurz nach dem Ortsende von Bonn erwischt mich ein Graupelschauer. Doch bevor ich die Regenklamotten überwerfen kann, zeigen sich schon wieder erste Sonnenstrahlen. Aprilwetter! Auch ist es merklich kühler geworden.
Jetzt geht es leicht bergauf, doch bei der Auswahl von 27 Gängen am Getriebe finde ich immer den richtigen Gang um komfortabel voran zu kommen. Auf einem gut ausgebauten Fahrradweg fahre ich im Gedanken vor mich hin und bemerke trotzdem die bedrohlich dunkelgrauen Wolken, die sich von Norden her nähern. Es kam, wie es kommen musste.
Eine überdachte Bushaltestelle ist meine Rettung. Ein Regenschauer, der allmählich in feinen Bindfadenregen übergeht, wird bis Bad Münstereifel mein Begleiter. Dort nutze ich das Vordach einer Raiffeisenbank um den Wetterlaunen zu trotzen.
Doch Petrus zeigt sich mir gegenüber gnädig und lässt den Himmel in einen Mix aus Sonne und Wolken wechseln. Am Ortsende von Bad Münstereifel besuche ich einen überregional bekannten Discounter mit „A“ am Anfang um meine Getränkevorräte zu optimieren.
Und jetzt erwarten mich auf die nächsten 2 Kilometer direkt 7% Steigung, die ich vorwiegend schiebend hinter mir lasse.
Klar, jetzt bin ich fast schon mitten drin in der Eifel und die erfordert nun mal semialpine Fähigkeiten.
Nachdem ich weiterhin in Bergsteigermanier einige weitere Hügel erklommen habe, ruhe ich mich auf einer, am Straßenrand stehenden Bank aus.
„Das Leben kann schön sein, wenn man es hin und wieder zulässt“ philosophiere ich so vor mich hin. Danach geht es weiter. Es ist mittlerweile schon 17 Uhr und ich überlege, wie und wo ich die Nacht verbringen soll. Es ist kühl und feucht. Ursprünglich wollte ich im nahe liegenden Ahrhütte den Campingplatz ansteuern. Doch sehnt es mich auch nach einer trockenen und warmen Übernachtungsmöglichkeit. In Blankenheim befindet sich in der Burg eine Jugendherberge. Ich rufe dort an. Doch mein Wunsch wird nicht erfüllt. „Leider voll belegt“ wird mir am Telefon begegnet. Eine alternative günstige Übernachtungsmöglichkeit wird mir auch nicht genannt.
Ich fahre erst mal weiter Richtung Ahrhütte. Es geht weitestgehend bergab, so dass meine Füße den Segen des Nicht-Treten-Müssens für einige Kilometer genießen können.
Es ist schon nach 19 Uhr und ich werde langsam nervös. Im Gedanken nächtige ich schon im Schlafsack in einer Scheune oder ähnlichem.
Dann wird meine Aufmerksamkeit jäh gefordert. Am rechten Straßenrand steht ein Schild mit dem Hinweis auf eine Pension und dem einladenden Satz „Bikers welcome“. Nun, ein Biker bin ich ja auch, auch wenn hier wegen des nicht allzu weit entfernten Nürburgrings, die motorisierten Zweirad-Piloten gemeint sind.
Ich werde bei der Wirtin des Hauses mit meinem Übernachtungswunsch vorstellig.
Ohne ein Wörterbuch „Eifelänisch-Deutsch“ zu benötigen verstehe ich, was die Wirtin mir unmissverständlich zu verstehen gibt: „Junger Mann, do hättense fröher kumme mösse, mir sin voll beläscht“ Und tatsächlich hat vor einer Stunde eine größere Gruppe Motorradfahrer eingecheckt, die mich jetzt neugierig musternd aus dem Gastraum anstarren. Aber als Hoffnungsschimmer drückte mir die Wirtin ihre Visitenkarte mit dem Hinweis in die Hand, dass im „unjefär zwey“ Kilometer entfernten Lommersdorf Gästezimmer wären und ich soll dort mit der Visitenkarte vorstellig werden. Aha, gastronomische Seilschaften in den Eifeler Bergen.
Nun, aus den 2, von der Wirtin geschätzten Kilometern wurden laut meinem Tacho 5,4.
Nicht an der Angabe meines Tachos zweifelnd gehe ich eher davon aus, dass die Wirtin die hiesigen Strecken nur aus der Perspektive ihres Autos kennt. Da werden die Strecken alt schnell mal was kürzer.
Es ist fast schon dunkel als ich gegen halb neun in Lommersdorf ankomme. Ich finde auch schnell das Schild mit dem Hinweis auf Fremdenzimmer. An einer Tür klingele ich und eine freundliche ältere Dame hört sich meinen Wunsch, die ihr entgegen gereichte Visitenkarte achtlos wegsteckend, nach einer Übernachtungsmöglichkeit geduldig an. Die Frau wirkt auch bezüglich meines doch ziemlich späten Erscheinens gar nicht überrascht. Sie weist mir ein Zimmer zu. Ich glaube, ich bin der einzige Gast heute Abend. Es ist totenstill, bis auf die akustisch erkennbaren „SAT1-Nachrichten“ im Haus. Es handelt sich bei dem Gästehaus um den Teil eines landwirtschaftlich betriebenen Gehöftes, was dem ganzen einen gewisse Urigkeit verleiht.
Mein Fahrrad darf ich auf der, zum Zimmer gehörenden Terrasse abstellen, was das Abladen und Verstauen des Gepäckes ungemein erleichtert.
So, geschafft! Noch ein kurzer Abstecher ins Bad und dann ab ins Bett. Ich habe einen langen Tag hinter mir und spüre das auch in den Knochen.
Doch was war los? Nachdem ich unter die Decke des wirklich superbequemen Bettes gekrochen war, begann ich zu frösteln. Es wurde ein Zähneklappern, der mir vollkommen unbekannten Art. Das ganze dauerte ca. fünf gefühlte Minuten und wird –so glaube ich zumindest- in medizinischen Kreisen als „Unterzuckerung“ bezeichnet.
Das hatte ich bis heute noch nicht erlebt. War wohl doch was anstrengend – der Tag!?
Nachdem der Spuk vorüber war, dachte ich noch ein ganz kleines bisschen über das heute Erlebte nach. Mehr war nicht drin, weil mich der wohlverdiente Schlaf aus weiteren Gedanken entführte.

[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006
Meine Reisegeschichte

2. Tag Sonntag 30. April 2006 „Es geht weiter“
Lommersdorf, Gerolstein, St. Thomas, Kyllburg, Dudeldorf, Speicher
76 Tageskilometer

Meinen Handywecker hatte ich am Abend zuvor auf 7 Uhr eingestellt. Ich wachte auf und stellte verwundert fest, dass ich gar keine Nachwirkungen körperlicher Art nach der gestrigen Tour hatte. Im Gegenteil, ich fühlte vollen Tatendrang. Doch nach der morgendlichen Körperpflege lockte mich erst mal der Duft fisch aufgebrühten Kaffees in den Frühstücksraum. Normalerweise kann ich um die Uhrzeit noch nichts essen, doch trieb mich die Erfahrung des Zähneklapperns von gestern Abend dazu an, doch von dem angebotenen Frühstück Gebrauch zu machen.
Danach lud ich mein Gepäck auf das Rad. Ich bemerkte die noch mangelnde Routine, was zu einer Gesamtzeit von einer halben Stunde führte, bevor das Rad wieder reisefertig war.
Ich bat die Wirtin des Hauses noch um einen Stempel in meinen Pilgerausweis. Nachdem sie ihn in einer Schublade des Wohnzimmerschrankes gefunden hatte, konnte ich anschließend lesen, wo ich übernachtet hatte: „Pension Drei Birken“, Elvira Gossen, Lommerstdorf“.
Wieder auf der Straße angekommen, bemerkte ich die leichte Wärme der Sonnenstrahlen, die aus dem blau-weißen Himmel angenehm wärmend auf mich wirkten. Meine Hoffnung, dass nach dem gestrigen feucht-kühlen Tag besseres Wetter mein Begleiter werden sollte, erfüllte sich leider nicht.
Upps, es war ja Sonntag. Unterwegs Proviant zu fassen, sollte sich heute als sehr eingeschränkt erweisen. Doch zur Not werde ich schon irgendwo eine Pommes Bude oder ähnliches finden.
Nach kurzer Abfahrt geht es den Hinweisschildern nach Gerolstein folgend, wieder bergauf.
Doch in einem der kleineren Gänge fahrend, ist die Strecke zu meistern.
Ich durchquere offensichtlich auf dem Fahrradweg einen Golfplatz. Anders kann ich mir die zahlreichen am Wegesrand und im Straßengraben liegenden Golfbälle nicht erklären. Ich nehme 2 der am besten erhaltenen als Souvenir mit und ziehe vorsichtshalber meinen Schutzhelm an. Man weiß ja nie, ob hier nicht schon ein Frühaufsteher seinem Lieblingssport nachgeht und ich dann so einen Ball an den Kopf kriege. Doch nichts dergleichen passiert und ich erreichte nach ein paar Kilometern den nächst größeren Ort Hillesheim. Mehrere Ausfallstraßen standen mir zur Verfügung. Doch fand ich keine Hinweistafel Richtung Gerolstein. Ich fragte einen Passanten, der mir erzählte dass die Hinweistafel geklaut worden sei und in Gerolstein erst eine neue gefertigt werden müsste. Freundlicherweise erklärte er mir gestenreich wie ich nach Gerolstein finden würde. Was mir dann auch nach ca. 10 Kilometern gelang. Ich passierte den Ortseingang. Linkerhand das Gelände einer bekannten Limonadenfabrik sehend und über das riesige Areal, das mit leeren Limokästen zugepflastert ist staunend, erreiche ich die Ortsmitte von Gerostein. Dort befindet sich ein großer, die Ortsmitte markierender Lavafelsen, der im Moment meine volle Aufmerksamkeit genießt. Fast verpasse ich deswegen die Abbiegung, die mich in Richtung meines nächsten Zieles St. Thomas führen soll. Nach ca. 5 weiteren Kilometern biege ich links in das Kylltal ab. Die Kyll, ein munterer Gebirgsbach soll für einige weiteren Kilometer mein linkerhand befindlicher Begleiter sein.
Nach 22 Kilometern erreiche ich St. Thomas. Der kleine, hübsche Ort wird von einer großen Klosteranlage beherrscht. Ich entschließe mich hier Mittagpause zu machen.
Ach ja, ich hatte ja in Gerolstein in einer Bäckerei Essbares gefunden, was mir hier nun zu einer Mahlzeit reichte. Das Wetter war leicht grau in grau, doch noch akzeptabel.
Ich konnte jetzt schon sehen, dass am Ortsende von St. Thomas nach überqueren der Kyll erst mal Schieben abgesagt war. 5 Kilometer, von denen ich die meisten zum Glück fahren konnte, erreichte ich Kyllburg.
Wohl wissend, dass in Bitburg die Straße Richtung Trier in die für Radfahrer nicht zugelassene Bundesstraße 51 mündete zog ich es vor, der Landstraße L 257 zu folgen.
Diese Entscheidung ließ mich die Eifel noch mal von ihrer „hügeligsten“ Seite kennen lernen. Es war mittlerweile 15 Uhr und es trat ein, was ich nicht gehofft hatte: Bindfadenregen. Ich schob, das Wasser tropfte von meinem Helm als kleines Bächlein Richtung Lenker und ich erinnerte mich wieder an Flüche, die ich lange nicht mehr ausgesprochen hatte.
Zum Glück gab es immer wieder fahrbare Passagen. Einen Moment stellte ich mich untere eine Brücke, über die die A 60 führte. Es nützte aber nicht viel, weil der Wind von der Seite her unter die Brücke trieb.
Ich erreichte das Dorf Badem. Camping (bei dem Sch…. Wetter) konnte ich vergessen. In Badem wollte ich noch nicht übernachten. Es war ja erst 17 Uhr. Über die L 36 fuhr ich Richtung Dudeldorf, von da nach Phillipsheim. Und immer noch keine Wetterbesserung in Aussicht. Ich fuhr weiter in Richtung Speicher. Hier sollte meine Geduld noch mal richtig schön geprüft werden. Was war das?
Eine steil empor gehende mehrkurvige Serpentine. Ich konnte keine Abkürzungen zwischen den Kehren gehen, da ich dann durch hohes, nicht durch schaubares Gras hätte waten müssen. Langsam hatte ich die Schn….. voll.
Schließlich erreichte ich den Ortsausgang von Speicher, einem Dorf mit Haupt- und Nebenstraßen und…….? einer Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern. Das Lokal, dass einfallsreicher Weise den Namen „Zum grünen Baum“, obwohl sich kein ebengenannter vor ihm befand, bezeichnet wurde sollte meine heutige Herberge werden. Komme, was wolle.
Langsam musste ich mir aber Gedanken machen, denn Hotellerie war in meinem Reisebudget nicht vorgesehen und sollte mich nicht ein Insolvenzverwalter auf dem Rest meiner Reise nach Santiago begleiten, musste ich mir was einfallen lassen.
Ok, darüber wollte ich mir später Gedanken machen. Erst mal ins Trockene. Der Wirt zeigte mir ein Zimmer auf der ersten Etage. Ich ließ mich dort häuslich nieder und positionierte erst mal nasse Klamotten auf dem Heizkörper, der zum Glück wohlige Wärme verbreitete.
Das Fahrrad konnte ich über Nacht in einer Scheune, die zur Gaststätte gehörte und ansonsten nur dem Unterstellen von Gartenmöbeln und anderen Utensilien diente, verwahren.
Ich hatte Hunger. Neben der Gaststätte befand sich eine Pizzeria, bei der ich mich mit was Essbarem versorgte. Ich ging auf mein Zimmer zurück, betrachtete die Einrichtung. Es war so eine Mischung aus Möbeln der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Die abgegriffenen Messingapplikationen an den Möbeln erinnerten mich an das frühere Schlafzimmer meiner Eltern. Aha, 60er Jahre. Nun war das auch geklärt. Ein Besuch im Bad und ab ins Bett. Durch das halbgeöffnete Fenster konnte ich hören, dass es immer noch regnete. Aber das war mir jetzt egal. Unten aus dem Schankraum klang leise Musik. Ich glaube, es war Peter Maffay, der mich in den Schlaf sang.

[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela 2006
Meine Reisegeschichte

3. Tag Montag 01. Mai 2006 „Auf nach Trier“.
Speicher – Zemmer – Kordel – Trier-Ehrang - Trier
36 Tageskilometer

Es sollte die kürzeste Tagesetappe meiner Reise werden. Trier ist eine meiner Lieblingsstädte in Deutschland. Daher wollte ich dieser Stadt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit widmen.
Doch noch bin ich in Speicher, in der Gaststätte. Das Zimmer war geräumt, das Fahrrad bepackt und der Kaffee getrunken.
Ich merke aber jetzt schon, dass es recht mühsam ist mit insgesamt 5 Taschen + Lenkertasche auf Reisen zu gehen. Ich wurde das Gefühl nicht los, zuviel mitgenommen zu haben. Aber der Bestand meiner Reiseutensilien sollte sich ja im Laufe der Tage noch radikal ändern.
Erwähnenswert ist, dass es zurzeit nicht regnet. Die Straßen sind zwar noch feucht, doch die blau-weiße Färbung des Himmels ließ Optimismus in mir aufkommen.
Im Ort war erst mal wieder Schieben angesagt. Eine kurvenreiche Steigung ließ keine Pedaltritte zu. Schon nach dem Ortsausgang ging es ohne Steigungen weiter.
Alles in allem scheine ich mich nach den gestrigen „Erfahrungen“ heute auf einer Art Hochebene zu befinden. Hier und da mal 1 bis 2%ige Steigungen, die aber ohne Jammern zu meistern waren.
Mir begegnete auf der durch Wälder führenden Strecke kein Auto. Das scheint damit zusammen zu hängen, dass heute Feiertag ist. Ich halte an einer geeigneten Stelle an um die Ruhe bei einer Zigarette zu genießen. Ich hatte gerade die Spuren meiner Raucherei beseitigt, als aus einem nahen Waldweg ein Förster nebst Dackel trat, er überquerte die Straße ohne von mir Notiz zu nehmen. Wahrscheinlich macht die Einsamkeit in den Wäldern hier etwas eigenbrödlerich. Ich war ja nicht zu übersehen.
Vielleicht auch besser so, dass er mich ignorierte. Ein paar Minuten zuvor hätte ich seine Aufmerksamkeit vielleicht wegen meiner Zigarette erworben und mir den Ruf eines potenziellen Brandstifters eingehandelt.
Ich fuhr weiter. Nach den Orten Zemmer und Kordel ging es mehrere Kilometer bis fast Trier-Ehrang bergab. Nur war der Fahrtwind bei Tempo 35 noch recht kühl.
Ich kam nach rasanter Talfahrt wohlbehalten in Trier-Ehrang an.
Einen Moselradweg konnte ich nirgends ausmachen. Dementsprechend nutzte ich einen zwischen steilen Hängen und der Landstraße eingezwängten Fahrrad- oder Fuß- oder Beides-Weg. Die hohe Bürgersteigkante im Vergleich zu der geringen Breite des Weges machte die Fahrt zu einem spannenden Erlebnis. Entweder ich lief Gefahr dauernd mit den Taschen an der Mauer zu schleifen oder mit dem Hinterrad über die hohe kante auf die Straße zu surfen. Es ging alles glatt und ich erreichte nach wenigen Kilometern das Ende dieses halsbrecherischen Parcours.
Mangels weiteren Fahrradweges musste ich auf die Straße ausweichen. Zu meiner Überraschung wurde ich von allen Autofahrern als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer akzeptiert. Lediglich das Umfahren parkender Autos forderte immer noch meine volle Aufmerksamkeit.
Gegen 12 Uhr kam ich mit meinem voll bepackten Rad an der Porta Nigra in der Innenstadt an. Ich wollte mich nebst aktueller Situation fotografisch vor dem alten römischen Stadttor verewigen. Anschließend ging ich nebst Rad zu dem am Trierer Dom befindlichen Büro der Trierer Jakobsgesellschaft. Es hatte geöffnet.
Ich erhielt den gewünschten Stempel in meinen Pilgerausweis. Anschließend fuhr ich zu dem auf der anderen Moselseite etablierten Campingplatz. Den Platz kannte ich noch von früheren Aufenthalten in Trier. Ich meldete mich an der Rezeption und erhielt ein Nummernschild(!) für mein Zelt. Den Sinn dieses Verwaltungsaktes verstand ich nicht ganz, da sich außer mir nur noch 3 Zelte und ein paar Wohnmobile auf dem Platz, der erst vor ein paar Tagen geöffnet hatte, befanden.
Wie vieles im Leben: Ist halt eben so!
Nachdem das Zelt aufgebaut und das Gepäck verstaut war ging ich einer mittlerweile zur Pflicht gewordenen Tätigkeit nach: Getränkevorrat optimieren. Früher gab es mal gegenüber des Campingplatzes auf der anderen Straßenseite eine Tankstelle mit großem Supermarkt. Doch das war Vergangenheit.
Ich musste stadtauswärts in südliche Richtung fahren um meinem Wunsch nach Trinkbarem nachzukommen. Doch diesen Wunsch hatten an diesem Feiertag wohl auch viele andere Trierer Bürger und Bürgerinnen. Die Warteschlange an der Kasse reichte fast bis zu den Zapfsäulen. So ist das halt mit den Feiertagen. Nach 20 Minuten war ich an der Reihe. Ich erwarb 2 der rar gewordenen kohlensäurehaltigen Limonaden. Mein Wunsch nach einer Plastiktragetasche wurde nicht erfüllt. Stattdessen musste ich mich mit einer Papiertüte zufrieden geben. Ob das wohl gut geht? 3 Liter Limonade in einer Papiertüte und das gut 2 Kilometer bis zum Campingplatz zurück. Es ging gut, mehr schlecht als recht. In der linken Hand die Tüte, mit der rechten Hand lenkend kam ich ermattet am Campingplatz an.
Es war bereits nach 20 Uhr und ich dachte langsam daran, mich für die Nachtruhe ins Zelt zu verkriechen. Von der Campinggaststätte wehte der verführerische Duft von Pommes zu mir herüber. Ich gab der Verführungskunst der Friteuse nach und genehmigte mir noch eine Portion mit Mayo. Ich suchte an einem Ständer mit Ansichtskarten eine schöne für die Liebste zuhause, versah sie mit der ebenfalls vom Platzwart angebotenen Briefmarke und warf die Karte beschrieben in den ebenfalls auf dem Platze befindlichen Briefkasten. So viel Service? Und das in Deutschland!
Jetzt besuchte ich noch die sanitären Anlagen des Platzes, die 4**** Niveau haben. Anschließend rauchte ich noch ganz in Gedanken an - das am Tag erlebte- versunken, eine Gute-Nacht-Zigarette.
Das Wetter soll die nächsten Tage besser werden, wie mir der Campingplatzwart im Vorbei gehen mitteilte. Auch in Trier hatte es die letzten Tage viel geregnet. Na, das waren ja mal gute Nachrichten. Ich kroch in mein Zelt. Mit all dem Gepäck ist es ja schon was eng. Doch das 3,5 kg schwere und komfortable Vaude-Zelt, das jetzt zuhause unter dem Bett lagert, wollte ich nicht mehr als 2000 Kilometer durch Europa transportieren. Jetzt hatte ich ungefähr 240 Kilometer hinter und noch ca. 2000 Kilometer vor mir. Verrückt und faszinierend zugleich.
Nach mehrmaligen Hin- und Herdrehen fand ich endlich die geeignete Haltung um Ruhe zum Schlafen zu finden.
GUTE NACHT TRIER.

[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

4. Tag Dienstag 02. Mai 2006 „Bon jour Frankreich“
Trier – Perl – Schengen – Thionville
74 Tageskilometer

Am frühen Morgen wachte ich ohne Handywecker durch Vogelgezwitscher auf. Auf der nahen Mosel tuckerten die ersten Frachtschiffe. Heute wurde zum ersten mal mein Gaskocher in Betrieb genommen. Capuccino, angenehm duftend im Freien zu sich genommen, eine Wohltat. Ich packte bis auf Handtuch und Waschsachen schon mal alles ein und besuchte, die schon abends zuvor gelobten Sanitäreinrichtungen. Anschließend Fahrrad bepacken. Ich hatte mittlerweile Routine. Nur mit den Hecktaschen ist das so eine Sache. Das Fahrrad eiert dabei immer so rum und droht um zu kippen. Aber nicht mit mir. Kurzerhand gegen eine Wand gelehnt, klappt es auch mit dem Beladen der hinteren Taschen.
Nummernschild abgeben, bezahlen und ab auf die Piste, die hier Moselradweg heißt und eine passable Art des Weiterkommens verspricht. Die Namen der Orte, an denen ich vorbei fahre kenne ich nicht, da die Ortsschilder meistens zu weit vom Fahrradweg weg stehen. Nach ungefähr 35 Kilometern ist Schluss, der Weg endet abrupt an einer Baustelle. Eine Uferpromenade wird ausgebaut. Zu allem Überdruss wird auch noch die Uferstraße geteert. Ich verlasse den Fahrradweg, da auch neben der Straße ein ca. 1m breiter und 50 cm tiefer Graben ausgehoben wurde, schultere ich das Fahrrad kurzerhand und trage es die Böschung hinauf. Dabei haut mir noch der Lenker gegen die Stirn. „Verda…. Sch…..! Nur das schöne Wetter bessert wieder meine Laune und ich werfe nicht den Bauarbeitern ein paar Steine hinterher, die meine akrobatischen Künste mit hämischen Grinsen verfolgten.
Auf der Straße angekommen radle ich vor mich hin und sehe anhand eines Ortschildes dass ich mich schon in Luxemburg befinde. Plötzlich bin ich schon in Schengen, einem geschichtsträchtigen Ort wo bereits 1985 das berühmte Schengener Abkommen unterzeichnet wurde. Dies bescherte zunächst in Europa Grenzenfreiheit und später sollte es - wie mir jetzt- zum Vorteil gereichen, dass es nur noch eine Währung gibt. Ich mache eine kurze Pause um dann ein paar 100m weiter Deutschland für ein paar Wochen zu verlassen.
Ich entscheide mich auf der in Fahrtrichtung Süden rechten Moselseite zu bleiben. Kurz vor der Moselbrücke halte ich mich rechts und folgende nach Instinkt einem der vielen Wegemöglichkeiten. In jedem Fall scheint mir –warum auch immer- das rechte Moselufer vertrauter. Ich fahre am Ort Contz-les-Bains vorbei durch eine zum Teil von Landwirtschaft geprägte Auenlandschaft. Vor mir liegt Haute-Kontz auf einer kleinen Anhöhe. Der Ort macht einen einladenden Eindruck und ich deshalb einen kleinen Abstecher dort hin. Der Ort wird von einer alten Kirche beherrscht. Ich nehme in der Nähe auf einer Bank Platz, von der ich einen Blick auf das noch weit entfernte Atomkraftwerk von Cattenom habe. Die vier in den Himmel ragenden Kühltürme wirken schon von hier aus gesehen bedrohlich. Ich hoffe, sie funktionieren so lange, bis das Kraftwerk seinen Zweck erfüllt. Ich fahre weiter, jetzt leicht bergab und orientiere mich, so weit möglich am Flusslauf der Mosel. Wieder fahre ich durch eine landschaftliche Mischung aus Flussauen und bestellten Äckern. Ich komme an einer vermeintlichen Seenlandschaft vorbei, die sich als von Menschenhand erschaffene Teichkonstruktion (?) entpuppt. Welchem Zweck diese Teiche dienen, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf einer Landkarte steht die Bezeichnung „Etang tilly“ für diese hier in großer Anzahl und Größe vorkommenden Teiche.
Einen muss ich über eine abenteuerlich wirkende sehr schmale Eisenbrücke überqueren. Die Eisenplatten, die die Fahrbahn bzw. den Fußweg bilden, klappern bedrohlich unter den Rädern. So langsam zeigen sich am Horizont die Vororte von Thionville. Immer wieder sehe ich rechts – die scheinbar mit mir ziehenden- Kühltürme von Cattenom. Irgendwie faszinierend und gleichzeitig fremdartig.
Themenwechsel: Vom Wetter habe ich heute noch gar nicht gesprochen. Die Sonne scheint von einem fast wolkenlosen Himmel. Das Thermometer zeigt 24°C. Die geteerte schmale Straße verwandelt sich in einen Feldweg. Ich kann trotzdem im Sattel bleiben. Nach dem Überholen von zwei älteren Damen, die hier spazieren gehen höre ich aus deren Unterhaltung die Wortfetzen „Tournee“ und „St. Jacques“. Ich glaube, ich wurde das erste mal als Jakobspilger erkannt. Ich hatte bei meiner Abreise am Haltegriff der, auf dem Gepäckträger befindlichen Tasche eine Jakobsmuschel befestigt. Das Erkennungszeichen der Jakobspilger. Vielleicht in der Hoffnung, unterwegs von seinesgleichen erkannt zu werden. Ich erreiche den Stadtrand von Thionville und bleibe auf dem geradeaus weiter führenden Feldweg. Wer weiß, wenn ich jetzt auf eine der vom Feldweg abbiegenden Straßen wechsele, verpasse ich nachher noch die schon in der Ferne erkennbare Moselpromenade. Der Campingplatz, der heute mein Ziel ist liegt in der Rue du Parc. Diese Straße ist laut Stadtplan, den ich mir schon vor längerer Zeit per Post hatte schicken lassen, direkt vom Moselufer aus ansteuerbar.
So ist es dann auch. Rechts von einem kleinen und sehr schönen Park befindet sich die Einfahrt zum Campingplatz. Ich halte an der im Eingangsbereich stehenden Rezeption und spreche den ersten zusammenhängenden Satz in Französisch: „Bon Jour Madame, avez vous un place pa ma tende?“ Ob ich mich korrekt ausdrückte, weiß ich nicht. Die freundlich wirkende Dame an der Rezeption schien mich aber verstanden zu haben. Ich aber ihre Worte, die unmittelbar einem Wasserfall gleich über mich herein brachen, nur zu einem geringen Teil. „Oui“ entgegnete sie mir innerhalb diese Wortschwalls. Wir verstanden uns, trotz meiner fehlenden Französischkenntnisse und ihrer charmanten Art, dieses Manko zu ignorieren. Nachdem ich ihre Frage, woher ich komme und wohin ich wolle wahrheitsgemäß beantwortet hatte, stand sie auf, eilte zu einem Regal und zog eine Art Formular aus einem Karton. Anschließend schrieb sie Daten aus meinem Personalausweis in dieses Formular und überreichte es mir freundlich lächelnd. Voila, sie hatte mich in den ritterstandähnlichen Zustand eines „Super-Tourist“ erhoben. Ich nahm die Urkunde an, empfand die Situation der Verleihung eines Adels gleich und bedankte mich mit einem freundlichen „Merci“. Doch sonderlich Zeit zum Nachdenken hatte ich keine. Denn just im nächsten Augenblick fasste sie mich am Arm und zog mich weiter erzählend (wovon und was, verstand ich nicht) zu einem Areal wo schon 2 Zelte und 1 Wohnmobil standen. Sie zeigte mir einen Platz unter einem Baum mit dem Hinweis, dass ich dort mein Zelt aufbauen könne. Anschließend zeigte sie mir noch die Sanitären Anlagen, drückte mir einen Schlüssel für diese in die Hand und…..entschwand. Jetzt stand ich, konnte erst mal tief Luft holen. Das mit dem Schlüssel fand ich Klasse, da dies manche Mitmenschen zu etwas mehr Ordnung und Gemeinschaftssinn anhält, als so eine „Offen-Holland-Einrichtung“.
Ich ging zu dem Platz, der mir zugewiesen wurde, baute mein zelt auf, verstaute das Gepäck, schloss mein Fahrrad ab(man weiß ja nie…) und ging an die unweit entfernt, vom Campingplatz aber durch eine Mauer abgetrennte Uferpromenade. Es war ein milder frühlingshafter, aber ansonsten ganz normaler Dienstagabend. Doch hier waren so viele Spaziergänger unterwegs wie Sonntags am Rheinufer in Köln. Manche grüßten sogar freundlich. Ich erwiderte ein ebenso freundliches „Bonsoir“. Die Lebensart der Franzosen unterschied sich durch solch kleine Gesten doch schon merklich von der deutschen.
Ich bin zwar ziemlich geschafft und spüre trotzdem merklich ein Gefühl von Hunger. Ich entschloss mich in die Innenstadt zu gehen und notfalls auch bei McDo….. einzukehren. Auch in der Innenstadt waren viele Menschen unterwegs, die Straßencafes gut besucht. Eine Besonderheit für mich ist die Tatsache, dass hier schon alle Geschäfte um 18:30 Uhr geschlossen hatten. Dies erinnerte mich an alte Zeiten in Deutschland, wenn man als Berufstätiger durch die Gegend hecheln musste, sollten noch irgendwelche Kaufbedürfnisse befriedigt werden. Eine Frittenbude mit dem großen „M“ über der Tür fand ich nicht, doch aus einer Seitenstraße lockte ein orientalisch anmutender Grillimbiss mit verführerischen Düften. Ich betrete das kleine Lokal und finde mich als einziger Zentraleuropäer unter einer Handvoll Gästen, die sich zwar Französisch, aber mit arabischem Einschlag verständigten. Da die erhältlichen Speisen auf kleinen Bildern abgebildet waren, fiel es mir nicht schwer etwas für mich Essbares zu finden. Ich erhielt einen randvoll mit Reis, Fritten und Geschnetzeltes(Rindfleisch?) gefüllten Teller und eine Dose Cola. Als Krönung noch einen gemischten Salat. Als ich danach zahlen wollte, fiel ich fast vom Hocker. 5,70 € für diese opulente Mahl. Und es hatte einfach köstlich geschmeckt. Der Wirt ließ mich erst aus dem Lokal, nachdem ich noch einen Cafe´ akzeptierte, der mir allerdings die Sohlen von den Schuhen riss.
Nach einer gefühlten Stunde verließ ich das Lokal satt und müde Richtung Campingplatz. In dem kleinen Park neben dem Campingplatz setzte ich mich auf eine Bank, rauchte eine und beobachtete die Menschen um mich herum. Ein paar ältere Männer spielten trotz fortgeschrittener Dämmerung (wie könnte es in Frankreich auch anders sein?) Boules? Sie warfen die Eisenkugeln in den Sand, lachten und alberten dabei. Just in diesem Augenblick denke ich wieder an meinen Leitspruch: „Wie schön das Leben sein kann, wenn man es hin und wieder zulässt.“ Ich gehe zu meinem Zelt. „Das kleine Teil ist wirklich nur zum Schlafen gedacht“ sinniere ich vor mich hin und gehe noch mal an die Moselpromenade, gönne mir noch eine Zigarette und beschließe den Abend mit einem Gang unter die Dusche. Erfrischt krabbele ich in mein Zelt und finde schnell die richtige Position, was dazu führt das ich schnell einschlafe. In der Nacht werde ich irgendwann von einem Ohren betäubendem Lärm vom gegenüberliegenden Ufer geweckt. Ein Frachtschiff wird mit Kies oder was Ähnlichem beladen. Zum Glück habe ich die Ohropax mitgenommen. Ich stopfe sie in meine Ohren und der Rest der Nacht verlief ohne wiederholtes Aufwachen.

[B]Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

5. Tag Mittwoch 03. Mai 2006 Au revoir Thioville
Thionville – Pont-a-Mousson – Commercy – Vaucoleurs
123 Tageskilometer

Am nächsten Morgen wurde ich schon, bevor der Handywecker loslegte von warmen Sonnenstrahlen geweckt. Ich kroch aus dem Zelt heraus und kochte heißes Wasser für einen Cappuccino. Danach ging ich ins Badehaus um mir den Schlaf vom Körper zu duschen. Auch hier vergebe ich 4**** an die sanitären Anlagen. Den 5.* spare ich mir, da das Wasser etwas wärmer hätte sein können. Das Duschen tat gut. Jetzt noch die Klamotten und das Zelt zusammen packen. Dann auf das Fahrrad damit. Das ging mittlerweile so zügig voran als wenn es zu meinem täglichen Leben gehörte. Kurz nach 8 Uhr komme ich an der Rezeption vorbei, gebe den Schlüssel des Badehauses ab. Die sympathische Frau von gestern Abend ist leider nicht da. Ein noch müde wirkender junger Mann nimmt den Schlüssel an, erfüllt meinen Wunsch bezüglich eines Stempels in den Pilgerausweis widerwillig und begegnet meinem freundlichen Au revoir nur mit einem durch eine hochgezogene Augenbraue ummaltes „Salut“ um seine Aufmerksamkeit anschließend wieder der lokalen Tagespresse zu widmen.
Ich habe zwar ein Handy dabei, will mir aber trotzdem eine Telefonkarte für Telefonzellen besorgen. So mache ich mich auf die Suche nach einem Tabakladen, wo man diese Karten bekommen soll. Da es sich aber in dieser Gegend mehr um ein Wohnviertel zu handeln scheint, finde ich in unmittelbarer Nähe zunächst keinen Laden. Ich frage einen älteren Herrn, der mir zufällig entgegen kommt. Kaum hatte ich ihn auf Französisch angesprochen, meinte er ich könne ruhig Deutsch sprechen da er mich verstehen würde. Ich erzählte ihm von meiner Suche nach einem Tabakladen und er bot sich an, mich zu einem entsprechenden Laden zu begleiten. Wir waren ein paar Minuten gemeinsam unterwegs und er erzählte mir, dass er nach Kriegsende in Französische Gefangenschaft genommen wurde, dass er aus Bochum stamme und nach seiner Freilassung keine Lust mehr auf Bochum und Deutschland überhaupt gehabt hätte. Gerne hätte ich mehr von seinen Erlebnissen erfahren, doch waren wir an einem Schreibwarengeschäft, dass Telefonkarten im Warensortiment hatte, angekommen. Ich bedankte mich für seine Hilfe und er wünschte mir für meine weitere Reise alles Gute. Solche Begegnungen hinterlassen bei mir immer einen lang anhaltenden Eindruck. Fast fällt es mir schon schwer, Thionville zu verlassen. Doch ich will weiter. Eine Telefonkarte für 20 € hatte ich gekauft und nun stieg ich aufs Rad und fuhr Richtung Mosel, weil ich da schon tags zuvor einen Fahrradweg ausgemacht hatte. Es ist ein schöner Radweg, der aber schlagartig an einem Brückenkopf endet. Schade, ich muss zurück auf die Straße.
Da ich davon hörte, dass man wegen des Straßengewirrs in Metz auch mit dem Fahrrad orientierungsmäßig in Bedrängnis kommen kann, entschloss ich mich auf eine „Sightseeing-Tour“ nach Metz zu verzichten. Ich wollte heute eh Kilometer „machen“ und entschied mich Metz auf einer westlich gelegenen Route zu umfahren. Als Zwischenziel wählte ich Woippy und überließ es dem Zufall, auf welchen Straßen ich dorthin gelange. Zunächst fahre ich nach dem Ortsende von Thionville durch eine Mischung von Industrie- und Gewerbegebiet. Die Staraße gabelte sich nun. Geradeaus schien die Straße in eine gut ausgebaute Schnellstrasse zu münden. Ich sehe zwar kein Verbotsschild für Radfahrer, traue aber dem Braten nicht und biege rechts ab und überquere eine Brücke. Am Ende der Brücke öffnet sich wieder ein Gewerbegebiet. An einem großen Verteilerkreis orientiere ich mich weiter nach Süden zu fahren. Diese Entscheidung war richtig, denn die lang gezogene Hügelkette, die meiner Orientierung diente, lag immer noch im Westen. Die Landschaft hier ist stark zersiedelt und eine Ortschaft folgt nach der anderen. Nach einer Stunde Pedale treten durchquerte ich Woippy. Danach fahre ich durch Moulins-lès-Metz, As-sur-Moselle, Amaville und komme seit dem ich in Thionville nach 60 Kilometern Distanz und 4 Stunden Fahrzeit in Pont-à-Mousson an. In der Ortsmitte befindet finde ich so eine Art Mini-Park. Dort stehen 2 Bänke, 1 Papierkorb, eine Telefonzelle und schatten spendende Bäume. Das gefällt mir, auch weil die Sonne ziemlich gnadenlos brennt. Ich lasse mich auf einer Bank nieder, nehme einen erfrischenden Schluck aus der Flasche, strecke die Beine von mir und rauche gemütlich eine Zigarette. Wie war das noch? „Das Leben kann so schön sein, wenn……..!
Nach einer guten halben Stunde mache ich mich wieder auf den Weg. Wohl wissend, dass es jetzt für ein paar Kilometer bergauf geht. Ich will in Richtung Commercy also Richtung Westen und verlasse daher das Moseltal. Die Steigungen sind gut zu bewältigen. In einem Waldstück halte ich für einen Augenblick an. Von gegenüber kommen 2 Jungs mit Mountainbikes geradewegs auf mich zu. Einer hat am Vorderreifen einen Platten. Sie fragen mich, ob ich eine Luftpumpe habe. Witzig, ich verstand kein Wort, wusste aber was sie meinten. Leider passte der Stutzen nicht richtig auf das Ventil. Ich pumpte, ein Jung hielt das Rad, der andere das Ventil. Beim Pumpen entwich zwar mehr Luft seitlich der Luftpumpe als im Schlauch des defekten Rades. Doch mit halbwegs aufgepumpten Rad konnten die Beiden den Nachhauseweg antreten. Sie bedankten sich freundlich und wünschten mir eine Gute Reise.
Ich fuhr weiter, trat die Pedale in ruhigem Takt. Das hatte auch folgenden Grund: Mir war seit dem Anstieg aus dem Moseltal aufgefallen, dass die Straßen hier einen sehr groben Straßenbelag haben. Beim Näheren Hinschauen bemerkte ich, dass ca. 1 cent große rundliche Kieselsteine die Grundsubstanz dieses Straßenbelags waren. Daher die grobe Rauhigkeit. Das fraß natürlich am Wirkungsgrad meines „in die Pedale Tretens“. Ich schätze, dass mir so bei Fahrt auf ebener Strecke von der Durchschnittsgeschwindigkeit bestimmt 10-15% verloren gehen. Wenn man das bis an die spanische Grenze rechnet, kommen ein paar Stunden verlorene Netto-Fahrzeit zusammen. Aber: Ich bin ja nicht auf der Flucht und zerstreue weitere Bedenken über Wirkungsgrade usw.. Ich fahre durch Dörfer mit sandbraunen Fassaden, die Fensterläden sind geschlossen und würde ich nicht immer wieder die Hunde, die mein Eintreffen immer wieder lautstark quittieren, hören müsste ich davon ausgehen, durch Geiserdörfer gefahren zu sein. Das ist aber gar nicht gut. Meine Getränke gehen zu Neige und ich habe seit Pont-à-Mousson kein Geschäft mehr gesehen. Gerade fuhr ich durch Flirey, als ich durch eine offene Tür eine Ladentheke sah. Ich bremse, voll der Hoffnung was Trinkbares kaufen zu können und fahre die paar Meter bis zu dem Haus zurück. Ich betrete das vermeintliche Ladenlokal, das wirklich ein Original war. Links die Wohnküche. In der Ecke sitzt ein älterer Herr und schaut Fernsehen. Rechts an der Wand befinden sich ein paar Regalbretter, bestückt mit Konserven, Nudeln und anderen Lebensmitteln. Hinter einer kleinen Theke stehen auf dem Boden verschiedene Getränke. Wasser, Limo und Säfte. Ich entscheide mich für 2 Flaschen Vittel, für die ich 2,70 € zahlen muss (Schluck, hier hat es ja Preise wie am Frankfurter Flughafen).
Dafür bekomme ich quasi als kostenlose Zugabe den Tipp, mir eine Kopfbedeckung zuzulegen, da mein Sonnenbrand auf der Stirn der netten Dame des Hauses eine Sorgenfalte ins Gesicht legte. Sie hatte Recht, im nächsten größeren Supermarkt werde ich mir ein Käppi zulegen. Den Helm wollte ich nicht als Sonnenschutz einsetzen, da er andere Nachteile besaß.
Mit frischem Getränkeproviant versorgt, setzte ich meine Fahrt fort. 17 KM in 2 Stunden von Pont-à-Mousson bis hier hin. Das hatte ich nur der Berg- und Talfahrt, die mir die hiesige Landschaft bescherte, zu verdanken. So was hatte ich bei all meinen Touren vorher noch nicht erlebt. Über 20 KM, wie bei einer alten Römerstraße fast nur geradeaus. Das Gelände wird durch die Fahrbahn regelrecht durchschnitten. Dabei sind Berg- und Tahlbahn ähnliche Situationen zu meistern. Steht man oben auf einer Kuppe, kann man schon die nächsten 2 Anhöhen sehen. Bis man aber die letzte erreicht hat, geht es 2mal in rasanter Fahrt bergab, genau so wird man für den Spaß an der Abfahrt mit strengen Anstiegen, die zum Teil nur schiebend zu überwinden sind, „bestraft“. Diese Forderungen an meine Nerven und meine Kondition sollten sich noch in leicht modifizierten Formen bis zum Eintreffen in Vaucoleurs fortsetzen. Nach weiteren 25 Kilometern traf ich in Commercy ein. Hier sah ich eine typisch französische Kleinstadt mit einem Hôtel de Ville, was nichts mit einer Übernachtungsmöglichkeit zu tun hat, sondern so viel wie Rathaus bedeutet. Es ist bereits 17 Uhr und ich schaue einfach mal, ob es hier im Ort einen Campingplatz gibt. Gibt es nicht. Der nächste liegt Richtung Joinville. Nachdem ich mich bezüglich Orientierung etwas verfranst hatte und keine Schilder mir den rechten Weg nach Vaucoleurs zeigten, fragte ich eine Passantin. Die erklärte mir in einem für nicht verstehbarem aber „verständlichen“ Französisch, wo ich lang fahren muss. Ich mache noch eine kleine Pause und setzte mich wieder in den Sattel. Die Frau sagte, das es bis Vaucoleurs noch ca. 20 Kilometer seien. Vaucoleurs stand deshalb bei mir als heutiges Ziel hoch im Kurs, weil sich da ein Campingplatz befinden soll. Bei dem Wetter war Zelten ohne Probleme möglich. Nach ca. 10 KM leicht hügeliger Strecke kam ich durch Void-Vacon. Dieser Ort liegt direkt an der Nationalstraße 4, einer autobahnähnlichen Schnellstraße. Dem entsprechend unruhig ist es hier. Ich fahre schnell weiter, wollte ich doch auch vor Einbruch der Dunkelheit in Vaucoleurs ankommen. Gerade, als ich wieder mal schieben muss, überholt mich in langsamer Fahrt ein Auto. Im fahrzeug sitzen ein in Grün gekleideter älterer Herr und sein –vermutlich- kleiner Neffe. Durchs Beifahrerfenster fragt er mich nach dem „Woher und Wohin“. Die erste Antwort: „Alemagne“, die zweite „Espagne“. Ich verstehe neben einem „Uii“ noch die Worte „qui outre un long“-was soviel wie was für ein langer oder weiter Weg“. „Stimmt“, dachte ich nach meinem Blick auf den Tacho, der mir als bisher gefahrene Gesamtkilometer die Zahl 445 entgegen strahlte. Ich fragte den neugierigen Autofahrer, ob er mir sagen könnte, wo in Vaucoleurs der Campingplatz zu finden sei. Er antwortete, dass es dort bereits seit 3 Jahren keinen Campingplatz mehr gäbe. Das ärgerte mich, war mein Campingplatzverzeichnis für Frankreich doch angeblich im Jahr 2005 gedruckt worden. Der Mann muss meine betretene Miene bemerkt haben. Mit fast tröstenden Stimmlage erklärte er mir, dass es in Vaucoleurs 3 Häuser zum Übernachten gäbe. Dann hatte er noch die Idee, dass ich ja wild Zelten könnte. Diese Idee schob ich als ein doch ein bisschen auf Sicherheit bedachter Erdenbürger weit von mir. Winkend und hupend verabschiedete sich mein vorübergehender Begleiter um hinter dem nächsten Hügel zu verschwinden. Gegen 20 Uhr kam ich in Vaucoleurs an. Die Dämmerung war schon fort geschritten. An der Hauptstrasse erkannte ich ein Hotel. Ich fragte nach dem Preis. Ein zweites mal fiel mir heute die Kinnlade runter. 50 € sollte mich ein Zimmer kosten. Ich fragte nach einem einfacheren Zimmer zu einem günstigeren Preis. Der Mann überlegte, meinen Pilgerausweis hatte ich „scheinheilig“ auf die Theke gelegt, das Dokument betrachtend und bot mir an in einem Nebengebäude für 27 € (icl. Frühstück!) zu nächtigen. Allerdings in einem Zimmer ohne Fenster. Ich willigte ein und wurde, so wie es aussah in einem ehemaligen oder vielleicht noch benutzten Bedienstetenzimmer untergebracht. Zu dem kleinen Anbau gehörte ein Schuppen, in dem ich mein Fahrrad unterstellen konnte. Da auch dieser Schuppen von außen nicht zugänglich war, ließ ich mein Gepäck auf dem Rad und nahm nur das notwendigste mit auf das Zimmer. Kein Bad, aber ein Waschbecken und die Toilette im Flur. Das reichte mir auch für heute, denn ich war hundemüde und wollte nur noch schlafen. Nach heute 123 zurück gelegten Kilometer schlief ich auch sehr gut. Nur ein in der Ferne fast pausenlos bellender Hund erlangte noch meine Aufmerksamkeit. Es war 23 Uhr, als ich das letzte mal für heute meinen Handywecker in die Hand nahm. Gute Nacht, Vaucoleurs, gute Nacht Jürgen.
[BREAK=6.Tag Donnerstag 04.Mai 2006 "Bienvenue en Chatillon-sur-Seine"]
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

6. Tag Donnerstag 04. Mai 2006 Bienvenue en Chatillon-sur-Seine
Domrémy-la-Pucelle - Neufchâteau – Chaumont – Châtillon-sur-Seine
146 Tageskilometer

Ich hatte sehr gut geschlafen. Nachdem ich eine kleine Morgentoilette hinter mich gebracht hatte, ging ich gegen 8 Uhr ins Haupthaus zum Frühstücken. Frühstücken in Frankreich ist für mich eine neue Erfahrung. Man bekommt auf einem ca. DIN A4 großem Stück Papierserviette ein Croissant, ca. 10 cm Baguette. Dazu ein Röhrchen Zucker und ein ebensolches mit Marmelade, die man wie aus einer Tube herauspressen muss. Dies gelingt mir auch mehr oder weniger, so dass die im Miniformat zur Verfügung gestellte Serviette schnell verbraucht ist. Aber der Kaffee schmeckt sehr gut. Ich bringe das Frühstück hinter mich. Das Fahrrad hatte ich vorhin schon abreisefertig gemacht. Dann bezahle ich das Zimmer, bekomme noch einen Stempel in meinen Pilgerausweis. „Hotel Restaurant Le Relais de la Poste 55140 Vaucoleurs“. Ich fahre erst mal los. Am Ortsende lädt mich eine Bank zum Verweilen ein. Ich lasse mich nieder und rauche erst mal eine Zigarette. Ich verlasse heute den Ort, der in den Kriegswirren Anfang des 14. Jahrhunderts Bedeutung als Ausgangsort des Feldzuges der Jeanne d´Arc (Jungfrau von Orléans) gegen die englischen Besatzer Berühmtheit erlangte. Der hiesige Stadtkommandant half Jean (die seinerzeit gerade mal 17 Jahre alt war) durch Feindesland nach Chinon zu kommen, wo sie die dortigen Obermacker davon überzeugen, dass sie diejenige sei, die Frankreich retten und zur Einheit führen würde. Man schickte sie mit einer kleinen Armee nach Orléans. Ihr Auftreten muss so überzeugend gewesen sein, das die Engländer dann Orléans in Ruhe ließen und abzogen. Nach einigem Hin und Her passte ihre Arbeit aber nicht mehr in die französische Zukunft und man ließ sie 1431 verbrennen. Sie war damals gerade mal 19 Jahre alt.
Nach diesem kleinen Exkurs in die französische Geschichte fahre ich weiter. Die Strecke ist eben bis leicht abfallend so dass ich sehr gut vorankomme. Bereits nach 1 Stunde Fahrt durchquere ich den Ort Domrémy-la-Pucelle, wo Jeanne d´Arc 1412 geboren wurde. Ich fühle regelrecht Geschichte. Auf der ruhigen Landstraße fahre ich über Coussey Richtung Neufchâteau. Dort angekommen, suche ich einen Supermarkt um Proviant zu fassen und ein Käppi gegen die Sonne zu finden. Ich entdecke einen „Supermarché“. Hierbei handelt es sich um eine Ladenkette, die in Frankreich in allen größeren Orten vertreten und mit dem „HIT-Markt“ vergleichbar ist. Die in Deutschland so beliebten Discounter mit dem „A“ oder dem „L“ als Anfangsbuchstaben findet man hier auch zahlreich. Doch fahre ich nicht nach Frankreich um ohne bedeutenden Orientierungssinn zu wissen, wo sich das Brot oder der Kaffee finden lässt.
Proviant und ein Käppi, das meine Gesichtspartie vor der Sonne schützt sind schnell gefunden. Es schmeichelt mir, wie selbstverständlich ich an der Kasse abgefertigt werde. „Bon Jour“, „Merci“, „Au revoir“ alles so selbstverständlich, dass ich mich gar nicht als Tourist fühle. Von der Kasse aus beobachte ich 2 ältere Herren, die mein Fahrrad mustern und sich dabei gestikulierend unterhalten. Aus „sicherer“ Entfernung beobachte ich das Spiel und gehe dann zu meinem Rad. Ich grüße freundlich, packe das eingekaufte in die Packtaschen und mache mir eine Zigarette an. Da ich nicht zu den kontaktscheuen Menschen gehöre, biete ich den beiden Herren auch eine Zigarette an, die sie dankend annehmen. In einer mit „Händen und Füßen“ unterstützten Aussprache unterhalten wir uns und ich erfahre, dass Reisetouren mit dem Fahrrad eigentlich unbekannt sind. Radfahren sei in Frankreich mehr eine Art der sportlichen Betätigung (Tour de France lässt grüßen) sei. Unser Gespräch wird leider unterbrochen, da die Frau eines der Herren mit einem voll beladenen Einkaufswagen aus dem Supermarkt kommt. Wir verabschieden uns und ich mache mich wieder auf den Weg. Auffällig war noch, dass es hier gang und gäbe zu sein scheint, das die Frauen einkaufen gehen und die Männer auf dem Parkplatz im Auto sitzen und warten oder in Unterhaltungen vertieft, die Wartezeit bis die Frauen wieder aus dem Markt kommen, verbringen. Da geht es in Deutschland doch etwas emanzipierter zu.
Über welliges Land fahre ich jetzt Richtung Chaumont, was ich nach weiteren 59 Kilometern erreiche. Es ist jetzt 15 Uhr und ich muß sagen, heute bin ich gut voran gekommen. In 6 Stunden 87 Kilometer. Als heutige Tagesziel habe ich Châtillon-sur-Seine ins Auge gefasst. Bis dahin sind es noch 59 Kilometer. Daher halte ich mich gar nicht lange in Chaumont auf, bestaune für einen Augenblick dieses gigantische 3etagige Eisenbahnviadukt und fahre weiter. Ich komme durch zahlreiche Dörfer. Die Landschaft ist wieder etwas hügeliger geworden und ich gebe trotzdem ein wenig Gas, damit es nicht zu spät wird. In Châtillon-sur-Seine gibt es laut meinem Verzeichnis einen Campingplatz, der mein heutiges Quartier werden soll. Mit den zu durchfahrenden Dörfern habe ich so meine „Probleme“. Die Ortszentren liegen fast ausnahmslos in einer Senke. Normalerweise nehme ich auf den Kuppen Schwung, „heize“ durch die Senken um die dann immer folgenden Steigungen möglichst „energiesparend“ zu bewältigen. Doch in den Dörfern, an das Wohl von Mensch und Tier denkend und keinen Unfall riskieren wollend, geht das nicht. Das heißt, dass ich von der Dorfmitte bis zum Dorf-Ende schieben muss. Keine Menschenseele auf der Straße und nur die bellenden Hunde, die immer mitkriegen, wenn ich komme künden davon, dass ich kein Geisterdorf durchfahre. Durch die vielen Steigungen, die ich nun mehr schiebend als fahrend überwinden muss, zieht sich die Strecke wie Kaugummi. Es ist bereits 18 Uhr und ich habe immer noch 34 Kilometer bis Châtillon-sur-Seine vor mir. Das könnte knapp werden. Ich fahre, schiebe, fahre und es ist mittlerweile fast halb acht und ich habe noch 16 Kilometer vor mir. Wenn das so weiter geht, brauche ich bestimmt noch 2 Stunden bis ans Ziel. Unterwegs gibt es auch nicht die geringste Chance auf eine alternative Unterkunft. Kein Gasthaus oder gar eine Pension oder Hotel.
Ich sehe mich schon wieder in meinen Schlafsack gekauert, von Ungeziefer umgeben die Nacht totschlagend. Doch jammern nutzt nichts, weiter in die Pedale tretend kämpfe ich mich voran. Dann sehe ich endlich, es ist tatsächlich 21 Uhr, von einer Anhöhe aus die Einfahrt von Châtillon-sur-Seine. Durch die vorherige Berg- und Talfahrt sah ich ab und zu immer nur eine Kirchturmspitze ohne zu wissen, dass er zu meinem heutigen Ziel gehört. Auf einem Campingplatz brauche ich mich jetzt gar nicht mehr blicken lassen. Ich finde auch gar kein Hinweisschild. So fahre ich in das Zentrum und sehe ein preiswert wirkendes Hotel. Die Tür ist verschlossen, ich klingele. Keine Reaktion. Im haus brennen aber Lichter. Gegenüber auf einem kleinen Platz sitzt ein Pärchen auf einer Bank. Ich gehe hin und frage nach einem Hotel oder Pension. Die beiden hatten mich bei meinem erfolglosen Versuch ins Hotel zu gelangen, beobachtet. Der junge Mann zückte sein Handy, telefonierte kurz und winkte dabei zum Hotel. Ich schaute auch dorthin und sah, wie ein Mann in der 1. Etage das Fenster öffnete und ebenfalls zu uns herüber winkte. Der junge Mann deutete mir an, dass ich nun eine Übernachtungsmöglichkeit hätte. Ich bedankte mich tausendmal für die Hilfe. Der vorher winkende Mann öffnete mir die Tür. Ich hatte das Glück, nun ein für die Nacht ein dach über dem Kopf zu haben. Mein Fahrrad durfte ich in den Gastraum des zum Hotel gehörenden Bistros stellen. Müde und kaputt schleppte ich wieder den nützlichen Teil meines Gepäcks auf das Zimmer. Ich duschte, ging dann noch mal an das Fenster um eine zu rauchen und fiel dann in das heute, mit Sicherheit wohlverdiente Bett. Ich dachte noch „Schade“, denn die Fahrt bis hier zum Hotelm führte mich an einem schönen Park und attraktiven Straßen vorbei. Gerne wäre ich noch was spazieren gegangen. Doch nach den heutigen EINHUNDERTSECHSUNDVIERZIG war ich fix und alle.
[BREAK=7.Tag Freitag 05.Mai 2006 "AVALLON"]
Mit dem Fahrrad nach Santiago de Compostela
Meine Reisegeschichte

7. Tag Freitag 05. Mai 2006 AVALLON
Châtillon-sur-Seine – Nitry - Avallon
87 Tageskilometer

Mann-o-Mann. Das war absoluter Tiefschlaf, der mich heute ans Bett gefesselt hat. Ich komme kaum aus den Federn. Der gestrige Tag hatte es in sich. Doch ich sehe durch das Fenster, dass schon ein wolkenloser Himmel meine heutige Abfahrt erwartet und das weckt ganz schnell die müden Knochen und den auch noch müden Geist. Mit dem Chef des Hauses wollte ich mich um 8 Uhr zwecks Frühstücks vor dem Bistro, in dem auch mein Fahrrad „übernachtet“, treffen. Doch erst um viertel nach acht kommt er freundlich lächelnd mit einem Baguette und einer Zeitung unter dem Arm über die Straße gelaufen. „Bon Jour“ ruft er mir strahlend entgegen. Wir betreten beide das Bistro und er bringt sofort die Kaffeemaschine in Gang. Zu meiner angenehmen Überraschung deckt er für uns beide den Tisch. Auch hier mit den obligaten Papiertischdeckchen statt Tellern. Dann gesellt er sich nebst gefüllter Kaffeekanne zu mir und bemüht sich wirklich langsam zu sprechen, damit ich wenigsten einigermaßen verstehe, was er mir mitteilen will. Aber auch hier bemerke ich zu meiner Freude, dass es gar nicht so schwer ist mit der Verständigung. Was mit Worten nicht klappt, wird auf die Serviette geschrieben oder gemalt. So einfach ist das. Mir ist jetzt, seit ich durch Frankreich fahre, ein paar mal aufgefallen das ich gar nicht versuchen brauchte, eine Konversation in Englisch zu führen. Jüngere Leute verneinten einfach, wenn ich sie fragte, ob sie englisch sprächen. Bei älteren brauche ich es erst gar nicht versuchen. Auch in der Öffentlichkeit wird man nicht - so wie in Deutschland mit diesem „Denglisch“, das von Plakatwänden oder anderen Werbeträgern als Sprachverballhornung trieft, belästigt. Ich will damit nicht sagen, dass Englisch als vermittelnde Sprache zwischen sprachlich unterschiedlichen Nationen seinen Sinn hat. Doch was irgendwann mal eine Gilde von Marketing- und Werbefuzzies in die Welt gebracht hat und von jedem vorpubertären und auch anderen Mitmenschen nachgeäfft wird, nervt mich schon. Da gefällt mir diese Form des auf einem gewissen Patriotismus in Frankreich aufbauenden Sprachprotest schon eher.
Doch geistig zurück ins Bistro. Vom Chef des Hauses erfahre ich noch bei einer zweiten Tasse Kaffee, dass es, je weiter ich Südwesten fahre, umso bergiger wird. Besonders im Perigord, einer Provinz deren Hauptstadt Perigueux ist. Doch auch die Gegend um Vézelay würde meine Kondition fordern. „Gucken wir mal“, denke ich und bin schon wieder voller Spannung angesichts der heute vor mir liegenden Route. Der Chef des hauses verabschiedet mich herzlich mit einer Umarmung und wünscht mir alles Gute für die weitere Reise. Ich bin gerührt von solch menschlicher Nähe, wie ich sie auf meiner Reise schon ein paar mal erfahren durfte. Manchmal denke ich, dass das Arbeiten müssen, dieser tägliche Krampf einem die Sinne vernebelt und das man unter anderen Umständen auch in Deutschland mehr Menschlichkeit erleben könnte. Doch STOP STOP STOP, ich wollte hier kein philosophisches oder gar tiefenpsychologisches Werk verfassen, sondern von meiner Reise ins –immer noch weit entfernte- Santiago de Compostela berichten.
Nachdem ich mein Fahrrad wieder startklar gemacht hatte, fuhr ich los. Vom Hotel aus der Straße, der D 965 nach rechts folgend, fahre ich Richtung Cérilly. Immer wieder sehe ich auf einer geradeaus durch das Gelände verlaufenden Bahnstrecke blau lackierte Schnellzüge fahren. Ob es sich um regional verkehrende Züge oder einen Fernexpress handelt, weiß ich nicht. Jedenfalls imposant, dass ich diese Züge immer wieder sehe, auf Grund der Entfernung aber nicht höre. Weier geht es über Laignes, immer mehr D 965 folgend Richtung Pimelles. Warum fallen mir zu manchen Ortsnamen immer irgendwelche Vergleiche ein? Egal, ich genieße die fahrt durch leicht hügeliges Gelände. Auf den Feldern um mich herum dominiert blühender Raps. Es ist ca. 13 Uhr. Ich erreiche, nach heute schon 50 zurückgelegten Kilometern Tonnere. Nicht auf „Sightseeing“ aus umfahre ich den Ort auf der D 965 bleibend. Der Ort bedarf hier keiner weiteren Erwähnung. Außer, das ich hier auf die D 944 Richtung Nitry wechsele. Ich fahre durch ein Dorf Yrouerre. Auch wenn ich nie erfahren werde, wie man diesen Ortsnamen ausspricht finde ich in der Ortsmitte eine, unter einer großen Kastanie stehende –und mich zum Verweilen- einladende Bank. Ich halte an, setze mich und befriedige sowohl Durst als auch Nikotinentzug. Ich erschrecke fast, als sich zwei Kinder zu mir gesellen. Ein Junge und ein Mädchen, so ca. 8 Jahre alt (scheinen Geschwister zu sein). Ohne was zu sagen, schauen sie mich neugierig an. Ich sage freundlich „Bon Jour“. Die Beiden kichern und antworten ebenfalls mit einem „B´ju“. Aha, jetzt kann ich sogar schon örtliche Dialekte erkennen. Sie stellen sich als Marie und René vor und fragen mich, was das Zeug hält. Woher ich komme, wohin ich fahre. Ob das Fahrrad gut sei, was ich in den Taschen hätte und und und. Und……? So sind sie, die Kinder. Genau so schnell, wie sie gekommen waren, sind sie auch schon wieder weg. Ich sehe, dass sie ihrer Mama, in meine Richtung zeigend von dem eben Erfahrenen berichten. Ich grüße auch die Mama, die mit einem kleinen Winken zurückgrüßt. Dann gehen die Drei in ein Haus. Ich will heute bis Avallon oder Vézelay kommen. An beiden Orten gibt es einen Campingplatz. Wenn……., meine Gedanken werden von leisen Donnergrollen unterbrochen. Auch glaube ich blitzartige Aufhellungen am Himmel gesehen haben. Was mich wettermäßig erwartet, kann ich nicht sehen, da das Dorf in einer Senke liegt. Ich muss erst zum Dorfausgang auf einer Anhöhe um mir ein weiteres Bild machen zu können.
Nach ein paar Minuten des Berg hinauf Schiebens stelle ich erleichtert fest, dass das Unwetter Richtung Osten, also nicht Süden, wohin ich will, abzieht. Ich trete wieder in die Pedale. Ob allein sein, einen ein bisschen sonderbar macht? Ich habe jetzt schon öfters gemerkt, dass ich anfange zu labern, wenn mir das Pedale treten zu monoton wird. Bei Commercy habe ich einen Berganstieg immer wieder „Petit Pan“ flüsternd erobert. Bei jedem Pedaltritt „Petit Pan“. Ich weiß heute noch nicht, was kleines Brot bzw. Brötchen mit rhythmischem Pedale treten zu tun hat, aber mir hat es geholfen. Im Moment denke ich beim treten dauernd an Edith Piafs Lied „Non je ne regrette rien“. Ja, ich kann im Moment auch sagen, dass ich nichts, was meine jetzige Reise anbelangt, bereue. Weiter geht es auf der D 944 Richtung Nitry. Die Steigungen sind moderat, so dass ich gut voran- komme. Ich durchquere Nitry. Es ist ein im Kern rechteckig geformt und nicht eindeutig als größeres Dorf oder kleinere Stadt einstufbar. Kurz nach Vitry fahr ich unter der A6 die in den Süden Richtung Dijon führt durch. Ich erinnere mich an die Zeit als ich noch mit dem Auto nach Alicante in Spanien fuhr und zeitweise auf einem Teilstück der A 6 verbrachte. Das ist einige Jahre her. Damals war es für mich schon etwas besonderes, wenn ich von Motorradfahrern hörte,die mit ihren Maschinen nach Spanien gefahren sind. Und ich mache das jetzt mit dem Fahrrad!
Von Nity bis Avallon sind es laut einer Richtungstafel noch ca. 29 KM. Es ist jetzt ungefähr halb fünf. Mal sehen, ob Avallon mein heutiges Ziel ist oder ob ich noch bis Vézelay fahre. Ich afhre weiter durch eine Landschaft, die durch Landwirtschaft und kleine Wälder geprägt ist. Dann…. An einer Kreuzung entscheide ich mich durch eine Fehldeutung für die falsche Fahrtrichtung. Das Schild, das den Weg nach Avallon zeigen soll, steht leicht nach links weisend. Statt anzuhalten und auf der Karte zu prüfen, ob ich wirklich nach links abbiegen muss, folge ich dem vermeintlichen Hinweis und…. Das war falsch, wie ich nach 11 Kilometern Umweg und dem unfreiwilligen Besuch von kleinen Dörfern mit ebenso kleinen Sträßchen, bemerke. Nach mehr als einer Stund lande ich wieder auf der Hauptstraße Richtung Avallon. Glück gehabt, es hätte schlimmer kommen können. Warum das Schild an der Kreuzung nach links zeigte? Scherzkekse, Wind was weiß ich?
Später als geplant treffe ich in Avallon ein. Über eine Hauptstraße mit großen alten Häusern nähere ich mich der Innenstadt. Ich frage einen Passanten nach dem Standort des Campingplatzes. Der Himmel hatte sich zwar zugezogen, die Luft war feucht geworden doch wollte ich im Zelt übernachten. Gemäß der Angaben des freundlichen Informanten bog ich kurz vor dem Kern der Innenstadt links ab, dann nach hundert Metern wieder rechts und konnte nun in steiler Abfahrt Richtung Parc de Chaumes düsen. In diesem Park Befindet sich der Camping Municipal, der städtische Campingplatz. Die steile Abfahrt beträgt, Kurven eingerechnet bestimmt 2 Kilometer. Oje, die muß ich morgen Früh wieder rauf (schiebend). Ich treffe am Campingplatz ein. Die Rezeption, in einem Pavillon untergebracht, ist nicht besetzt. Eine Klingel neben dem Eingang lädt zum Bedienen ein. Ich klingele, warte eine Minute - nichts rührt sich. Meine mitteleuropäisch geprägte Ungeduld wird gefordert. Dann kommt eine junge Frau. Ich begrüße sie und formuliere meinen Wunsch nach einem Stellplatz für eine Nacht. Gesprächig ist sie nicht, englisch kann sie, wie ich als Antwort auf meine Frage feststelle, auch nicht und was sie kann, ist wortlos eine Quittung über 2 € Platzgebühr ausstellen. Das ist mir recht, so kann ich am nächsten Morgen ungehindert abreisen. Voller Güte stempelt sie mir noch meinen Pilgerausweis ab um sich dann von mir zu verabschieden. Ich schiebe mein Rad zu einer Wiese, wo sich schon ein paar Motorradfahrer mit ihren Zelten nieder gelassen haben. Dort baue ich das Zelt auf und gehe erst mal in die Telefonzelle um nach Nachhause zu telefonieren. Danach koche ich mir einen mitgebrachten Konserven-Eintopf, der leider im Alu-Topf anbrennt. „[B]Mist!!“ Ich versuche den Topf in der Spülküche wieder trocken zu kriegen. Das gelingt mir leidlich. Ich komme zum Zelt zurück, meine Klamotten stehen alle noch im Freien und es hat geregnet. „Mist, Mist!!!!“ Dann will ich zu den Duschen. Die sind aber um 20 Uhr schon verschlossen. Im Vorraum befinden sich 2 Waschbecken, die nur Anschlüsse mit kaltem Wasser haben. Auf dem Boden liegen zahllose tote Motten. So große Motten habe ich zuvor noch nie gesehen. Zu Lebzeiten müssen die eine Flügelspannweite von ca. 6-8 cm gehabt haben. Ich bin noch zu aufgedreht um Schlafen zu gehen. Aber was soll ich hier noch machen - um die Uhrzeit? Draußen sitzen? Es ist frisch geworden, der in der Nähe fließende Bach und die Lage des Platzes fördern feuchte, frische Luft. Und es ist ja auch schon ziemlich dunkel. Das Gras ist nass. Ich setze mich auf mein mitgebrachtes 3Bein-Höckerchen und rauche noch eine. Ich sehe, das es zusammen mit dem Gepäck verdammt eng in dem Zelt wird. Am Gepäck vorbei schiebe ich mich in das Zelt. Da es sich um ein reines Schlafzelt handelt, dass über keine erwähnenswerte Sitzhöhe verfügt, berühre ich bei jeder Bewegung Zeltwände, die von Außen klatschnass sind. Ich kann mich kaum, ohne irgendwas anderes vom Gepäck in Mitleidenschaft zu ziehen, bewegen. „Mist Mist Mist!!!“ Ich sehne mich nach meinem guten Mark II von Vaude. Das hätte zwar 1,5 kg mehr Gewicht auf dem Fahrrad, dafür für mich aber auch mehr „Lebens- und Schlafqualität“ bedeutet. Nun ja, ist jetzt auch nicht mehr zu ändern. Ich stelle fest, dass ich jetzt schon eine Woche unterwegs bin, schon eine Menge erlebt habe. Damals bei meiner Planung hatte ich überlegt, ob ich Ruhetage einplanen soll. Angesichts der zu bewältigenden Kilometer, die im Verhältnis zu 21 verfügbaren Fahrtagen standen, war keine Zeit für Ruhetage. Damit aber keine Missverständnisse entstehen: Im Nachhinein war es für mich aber auch kein Verlust, dass ich ohne Ruhetage bis Santiago durchgefahren bin. Auch körperlich fühlte ich mich durch die täglich zu bewältigenden Kilometer nicht so erschöpft, dass eine längere Pause als die obligaten Übernachtungen nötig gewesen wären. Irgendwo in den Bäumen gurrt eine Taube vor sich hin. Ich höre das Plätschern des nahen Baches. Die Motorradfahrer haben sich auch schon zum Schlafen zurückgezogen.
7 Tage, während denen ich laut meinem Tachometer schon 654 Kilometer von Zuhause bis hierhin zurückgelegt habe. Noch daran denkend dass ich somit ein schon mehr als ein Viertel der Gesamtstrecke nach Santiago de Compostela bewältigt habe, schlafe ich ein. Irgendwann in der Nacht beginnt es zu regnen. Ich wache davon auf und versuche keinen Kontakt mit der Zeltwand zu bekommen, da ich sonst das Gefühl kriege dass das Zelt von Innen genau so nass wie von außen zu sein scheint. „Mist, Mist, Mist, Mist!“