Manali90
31.08.2008, 23:49
Spiti: Die Buchhen
Obwohl das rituelle Spalten von Steinen als Fähigkeit von Nyingmapa-Mönchen und Bönpos auch noch in anderen Regionen des buddhistischen Kulturkreises bekannt ist (Auskunft u.a. von Phurpa Tamang, Thulo Bharku, Rasuwa-Distrikt/Nepal), gelten die Buchhen-Gruppen von Mikkim, Ghungri und Guling heute als die einzigen, die das lange als ausgestorben betrachtete, auf Thangtong Gyalpo, den „Leonardo Tibets“ (Wolf Kahlen) zurückgehende Zeremoniell der Austreibung eines Dämonen aus einem Steinblock beherrschen.
Thangtong Gyalpo lebte zur Zeit des Gelugpa-Reformators Tsongkapa im 12.Jh. und ist als Konstrukteur von Kettenbrücken mit Eisenlegierungen, die bis in unsere Zeit rostfrei überdauert haben, als Sozialreformer und als Begründer des (religiös gebundenen) tibetischen Theaters berühmt. Das Ritual des Steinespaltens praktizierte er, von seinem Gegenspieler Tsongkapa um Hilfe gerufen, um einen Dämon aus der Steinschwelle des Potala auszutreiben, der Lhasa mit einer Seuche plagte. Die Texte des Rituals sind von Svetoslav Roerich, dem Sohn des russischen Malers und Anthropologen Nicolai Roerich, gesichert worden. Wolf Kahlen aus Berlin ist den Spuren nach Spiti gefolgt und hat die Bucchen in Mikkim 1988 erstmals filmisch dokumentiert – dieselbe Gruppe, die ich im Juli 1999 sehen konnte.
Die Buchhen sind eigentlich keine Mönche, das Wissen wird, oft vom Vater zum Sohn, von Bucchen-Meister zu Buchhen-Meister weitergegeben. Die Zeremonie ist eine (religiöse) Theaterinszenierung. In den Wintermonaten zogen die Gruppen aus dem Pin Valley in die benachbarten Regionen (bis Ladakh und Kinnaur) aus und führten, bis zu zehnmal, das Ritual aus, gegen Bezahlung, die üblicherweise vor dem finalen Spalten des Steins von den Zuschauern eingesammelt wurde. Heute droht die Tradition leider der modernen Kommerzialisierung zu verfallen, mit Preisen von 4000 bis 7000 Rupies in der Sommersaison und in gekürzter Fassung. In deutschen TV-Berichten (Radke-Gerlach 1998, Riedel 1999) waren die Buchhen zu sehen.
Das Zeremoniell dauert im Original über drei Stunden und beginnt mit dem Herbeischaffen der Steine, der an Schamanen erinnernden Buchhen-Kleidung und des Schreins mit der Figur des Thangtong Gyalpo. Der legendäre Mahasiddhi wacht über die ganze Dauer des Rituals. Der Buchhen-Meister zeichnet mit Holzkohle den Dämonen auf den großen, flachen Stein und ein OM auf einen kleineren, runden Stein. Nach Anlegen der Kleidung beginnt der Meister mit langen Gebeten mit Dorje und Drilbu bzw. kleiner Handtrommel, wobei mir besonders oft das Mantra des Guru Rinpoche, OM MANI PEME HUM, auffiel. Da sich der Dämon von dieser wichtigsten Formel des tibetischen Buddhismus nicht beeindrucken lässt, folgt eine Serie abgestufter Methoden zur Dämonenaustreibung, deren Höhepunkt für die Zuschauer erreicht ist, wenn der Buchhen-Meister sein Obergewand ablegt, sich mit Eisennadeln ein Tuch auf dem nackten Rücken fixieren lässt, eine Nadel durch Hals oder Wangen sticht und mit zwei Schwertern tanzt, bis er sich in sie stürzt, ohne verletzt zu werden. Zwischendurch tritt ein mit Fellmantel und weiß getünchtem Gesicht als nomadischer Hirte verkleideter Verächter des Buddhismus auf, der alles ins Lächerliche zu ziehen versucht und die Zuschauer als Spaßmacher zum Lachen bringt. Er wird aber schließlich vom Meister entlarvt, der ihm als Zeichen dessen die Mütze vom Kopf schlägt. Kurz vor dem Ende versucht der Meister den Dämon mit dem Phurba, dem Ritualdolch, auszutreiben, zeichnet aber auch schon als Drohung die Bruchstelle in der Taille der Dämonenfigur auf dem Stein an. Für das Spalten des Steins (das einzige, was dem Dämon beikommt) wird auf einer Decke eine Swastika aus Gerstenkörnern ausgelegt, auf die sich einer der Darsteller mit dem Rücken legt. Der Stein wird auf seinen Brustkorb gehievt, ein Helfer legt sich schützend über seinen Kopf. Nun geht es blitzschnell: Der Meister hebt den runden OM-Stein beidhändig hoch über den Kopf und schmettert ihn auf den Dämonenstein, der exakt in der Mitte glatt zerbricht. Der Dämon ist freigesetzt, die Zuschauer stürzen sich auf die Gerstenkörner, und Meister und Helfer legen die Buchhen-Gewänder ab und verpacken Ritualgegenstände und Thangtong Gyalpo-Schrein.
Traditionell folgt, wie nach allen religiösen Zeremonien in Spiti, ein ausgelassener weltlicher Volkstanz, an dem sich auch die Darsteller beteiligen.
Harish Kapadia berichtet von einem anderen Ursprung der Buchhen-Zeremonie, wie man ihn sich im Pin Valley erzähle. Als nach der Zeit des tibetischen Königs Langdarma, der den durch Guru Rinpoche gerade erst eingeführten Buddhismus blutig wieder abgeschafft hatte, die Bewohner Spitis weiter dem alten Bön-Glauben anhingen, habe Thangtong Gyalpo die Menschen über die Buchhen-Gebete wieder zum Rezitieren des buddhistischen OM MANI PEME HUM überlistet.
Obwohl das rituelle Spalten von Steinen als Fähigkeit von Nyingmapa-Mönchen und Bönpos auch noch in anderen Regionen des buddhistischen Kulturkreises bekannt ist (Auskunft u.a. von Phurpa Tamang, Thulo Bharku, Rasuwa-Distrikt/Nepal), gelten die Buchhen-Gruppen von Mikkim, Ghungri und Guling heute als die einzigen, die das lange als ausgestorben betrachtete, auf Thangtong Gyalpo, den „Leonardo Tibets“ (Wolf Kahlen) zurückgehende Zeremoniell der Austreibung eines Dämonen aus einem Steinblock beherrschen.
Thangtong Gyalpo lebte zur Zeit des Gelugpa-Reformators Tsongkapa im 12.Jh. und ist als Konstrukteur von Kettenbrücken mit Eisenlegierungen, die bis in unsere Zeit rostfrei überdauert haben, als Sozialreformer und als Begründer des (religiös gebundenen) tibetischen Theaters berühmt. Das Ritual des Steinespaltens praktizierte er, von seinem Gegenspieler Tsongkapa um Hilfe gerufen, um einen Dämon aus der Steinschwelle des Potala auszutreiben, der Lhasa mit einer Seuche plagte. Die Texte des Rituals sind von Svetoslav Roerich, dem Sohn des russischen Malers und Anthropologen Nicolai Roerich, gesichert worden. Wolf Kahlen aus Berlin ist den Spuren nach Spiti gefolgt und hat die Bucchen in Mikkim 1988 erstmals filmisch dokumentiert – dieselbe Gruppe, die ich im Juli 1999 sehen konnte.
Die Buchhen sind eigentlich keine Mönche, das Wissen wird, oft vom Vater zum Sohn, von Bucchen-Meister zu Buchhen-Meister weitergegeben. Die Zeremonie ist eine (religiöse) Theaterinszenierung. In den Wintermonaten zogen die Gruppen aus dem Pin Valley in die benachbarten Regionen (bis Ladakh und Kinnaur) aus und führten, bis zu zehnmal, das Ritual aus, gegen Bezahlung, die üblicherweise vor dem finalen Spalten des Steins von den Zuschauern eingesammelt wurde. Heute droht die Tradition leider der modernen Kommerzialisierung zu verfallen, mit Preisen von 4000 bis 7000 Rupies in der Sommersaison und in gekürzter Fassung. In deutschen TV-Berichten (Radke-Gerlach 1998, Riedel 1999) waren die Buchhen zu sehen.
Das Zeremoniell dauert im Original über drei Stunden und beginnt mit dem Herbeischaffen der Steine, der an Schamanen erinnernden Buchhen-Kleidung und des Schreins mit der Figur des Thangtong Gyalpo. Der legendäre Mahasiddhi wacht über die ganze Dauer des Rituals. Der Buchhen-Meister zeichnet mit Holzkohle den Dämonen auf den großen, flachen Stein und ein OM auf einen kleineren, runden Stein. Nach Anlegen der Kleidung beginnt der Meister mit langen Gebeten mit Dorje und Drilbu bzw. kleiner Handtrommel, wobei mir besonders oft das Mantra des Guru Rinpoche, OM MANI PEME HUM, auffiel. Da sich der Dämon von dieser wichtigsten Formel des tibetischen Buddhismus nicht beeindrucken lässt, folgt eine Serie abgestufter Methoden zur Dämonenaustreibung, deren Höhepunkt für die Zuschauer erreicht ist, wenn der Buchhen-Meister sein Obergewand ablegt, sich mit Eisennadeln ein Tuch auf dem nackten Rücken fixieren lässt, eine Nadel durch Hals oder Wangen sticht und mit zwei Schwertern tanzt, bis er sich in sie stürzt, ohne verletzt zu werden. Zwischendurch tritt ein mit Fellmantel und weiß getünchtem Gesicht als nomadischer Hirte verkleideter Verächter des Buddhismus auf, der alles ins Lächerliche zu ziehen versucht und die Zuschauer als Spaßmacher zum Lachen bringt. Er wird aber schließlich vom Meister entlarvt, der ihm als Zeichen dessen die Mütze vom Kopf schlägt. Kurz vor dem Ende versucht der Meister den Dämon mit dem Phurba, dem Ritualdolch, auszutreiben, zeichnet aber auch schon als Drohung die Bruchstelle in der Taille der Dämonenfigur auf dem Stein an. Für das Spalten des Steins (das einzige, was dem Dämon beikommt) wird auf einer Decke eine Swastika aus Gerstenkörnern ausgelegt, auf die sich einer der Darsteller mit dem Rücken legt. Der Stein wird auf seinen Brustkorb gehievt, ein Helfer legt sich schützend über seinen Kopf. Nun geht es blitzschnell: Der Meister hebt den runden OM-Stein beidhändig hoch über den Kopf und schmettert ihn auf den Dämonenstein, der exakt in der Mitte glatt zerbricht. Der Dämon ist freigesetzt, die Zuschauer stürzen sich auf die Gerstenkörner, und Meister und Helfer legen die Buchhen-Gewänder ab und verpacken Ritualgegenstände und Thangtong Gyalpo-Schrein.
Traditionell folgt, wie nach allen religiösen Zeremonien in Spiti, ein ausgelassener weltlicher Volkstanz, an dem sich auch die Darsteller beteiligen.
Harish Kapadia berichtet von einem anderen Ursprung der Buchhen-Zeremonie, wie man ihn sich im Pin Valley erzähle. Als nach der Zeit des tibetischen Königs Langdarma, der den durch Guru Rinpoche gerade erst eingeführten Buddhismus blutig wieder abgeschafft hatte, die Bewohner Spitis weiter dem alten Bön-Glauben anhingen, habe Thangtong Gyalpo die Menschen über die Buchhen-Gebete wieder zum Rezitieren des buddhistischen OM MANI PEME HUM überlistet.