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Vollständige Version anzeigen : Maoisten in Nepal


Andreas
17.09.2002, 17:05
Hallo,

Nachdem jetzt wieder die Trekkingsaison in Nepal anbricht, häufen sich die Berichte und Anfragen über die Aktivität der Maoisten in potentiellen Trekkinggebieten!

Aus diesem Anlass habe ich hier mal eine Karte online gestellt, die »Kampfgebiete« und Gebiete mit »Incidents« (Vorfälle) zeigt. ACHTUNG: den Medien entnommen!
KEINE GARANTIE AUF RICHTIGKEIT!

Soll nur zum Überblick dienen! Nagelt mich nicht fest, wenn es anders sein sollte!

Hier die Karte:
http://www.trekkingforum.com/grafiken/g/nepaldistrikte-maoisten2.gif

Bezüglich allgemeiner Sicherheit gilt nach-wie-vor: Touristen / Trekker sind nicht Ziel der Maoisten!
Verweisen möchte ich auch auf das Auswärtige Amt Berlin(den Link dorthin findet ihr hier: http://www.trekkingforum.com/links/infolinks.html)

Ich persönlich bin der Meinung, dass sich niemand von einer Nepalreise abhalten lassen soll! Ich war im Juni / Juli dort und die Leute sind sehr freundlich und froh über jeden Tourist der trotzdem kommt.
Bei 'speziellen' Trekkingzielen sollte man sich allerdings an eine Agentur wenden. Eine Auswahl findet sich hier:
http://www.trekkingforum.com/links/veranstalterlinks.html

Grüße,
Andreas

phacops
26.11.2002, 19:25
Leider kein Ende ...


es ist zwar schon ein paar Tage her daß die nepalesischen und indischen Zeitungen (u.a.Kantipur, ToI) darüber berichten, trotzdem ist die Info noch interessant:

Am 22./23.11.02 hat es blutige Zusammenstöße zwischen Rebellen und Armee im Lamjung-Distrikt zwischen Gorkha und Besisahar gegeben.
Die army will eine Gruppe von 300 Maobadis angegriffen, ca . 50 getötet , den Rest in höhere Regionen verfolgt und große Mengen Waffen und Munition erbeutet haben. Angeblich hätten die Maobadis einen Angriff auf Besisahar geplant.

Nördlich Besisahar hat es bereits Ende letzten Jahres einen Zusammenstoß mit Rebellen gegeben, Touristen sind dabei aber nicht geschädigt worden.
Die aktuellen Meldungen sind vor allem für den Trek um den Manaslu und über den Rupina La relevant.

Mitte November hat es bereits schwere Kämpfe in Jumla gegeben mit hohen Verlusten auf beiden Seiten.

Trotzdem darf die Hoffnung auf Gespräche, Verständigung und friedlichere Zeiten nicht sterben!


phacops

phacops
06.12.2002, 18:01
Ist das Verhandlungsangebot der Maobadis ernstgemeint und mehr als eine Finte?
Bei den beiden untenstehenden Meldungen aus Kantipuronline über Angriffe am 5. und 6.12. kommen doch Zweifel, ob das die richtige Begleitmusik zu Friedensangeboten ist.
Wenn beide Seiten ihre Muskeln spielen lassen, bleibt die Bevölkerung auf der Strecke und die Touristen zunehmend außer Landes.

phacops

Auszüge aus KOL:

""
..... attacks on infrastructure
By Surendra Phuyal
KOL Report
KATHMANDU, Dec 6 - Norway is deeply concerned over worsening security situation in Nepal, and Norwegian people want peace in the Himalayan Kingdom especially in and around hydropower installations here so that more private sector investors can come in, Norwegian ambassador to Nepal Ingrid Ofstad said here today, ...
hours after a group of Maoist rebels torched two trucks carrying hydropower generation equipment headed towards Kirnetar in Dolakha district.
...
The Norwegian ambassador was referring to the rebel attack early Thursday near Barhabishe along Charikot-Manthali highway, which saw two trucks and the generation equipment loaded in it completely destroyed.
The Rs 25 million (US $ 200,000) worth equipment, imported by the Himal Power Limited (HPL) from United Kingdom, was headed towards Kirnetar to re-install it and run the 600 KW hydro scheme so as to power 11,000 households of poor villagers there.



Maoists attack police posts in Lahan, Kapilavastu
KOL Report

KATHMANDU, Dec 5 - Large groups of armed Maoists have launched fresh attacks against police posts in Siraha and Kapilavastu districts.
First reports from Siraha district say Maoists attacked area police post in Lahan at around 11 p.m. yesterday and destroying it completely.
...
According to the Chief District Officer, about 15 policemen are missing in that fighting....

The attacks comes less than 48 hours after the outlawed CPN-Maoists said they had formed a negotiating committee to hold possible peace negotiations with the government. (rk)

""

Guest
07.12.2002, 02:56
Nun die musik macht nicht das ganze Konzert. Bede Seiten versuchen natürlich Positionen zu gewinnen. Jedoch scheint sich doch einiges zu tun, die Regierung hat ein neues Reform Paket zur Schulbildung erlassen, das weitgehend de Forderungen der Maoisten erfüllt.

Die vermisten Polizisten sind aufgetaucht, das meiste Geld, Gold und Silber ebenso. Die Maoisten auf der Flucht.

Ich denke nicht, dass sich die Situation in wenigen Tagen oder Wochen dramtisch zum positiven ändert, jedoch glaub ich, kommt es langsam zur Entscheidung, entweder ernsthaft Frieden oder Krieg zu "spielen".

Trotzdem bleibt die Lage unübersichtlich, mit leichten Vorteil für die Regierung und die hoffentlich sich verwirklichenden Gespräche.

Navyo

phacops
30.01.2003, 19:39
Hallo Nepal-Freunde,

hier im topic "Maoisten in Nepal" will ich auf die Frage von Peter im topic "Verhandlungen in Aussicht...?" zur politischen Entwicklung und den Zielen der Maobadis zurückkommen. Hat zwar etwas gedauert ¤*#(berufliche u. technische Gründe), aber das Thema ist von grundsätzlichem Interesse, meine ich und deswegen auch heute noch interessant oder gerade deswegen, um in Zeiten neuer hoffnungsvoller Verhandlungen nicht aus den Augen zu verlieren, was geschehen ist.

Unser Administrator Andreas hat im topic "Verhandlungen in Aussicht...?" auch die von Navyo gemeldete homepage der Maos eingestellt - sehr interessant und einen Besuch wert!

... und besuchens- und lesenswert sind natürlich auch die links auf der hervorragenden homepage von andrees!!


Ich möchte hier auf den Artikel von Karin Steinberger in der Süddeutschen Zeitung vom 13.07.2002 hinweisen, der einen dramatischen Einblick in die Situation gibt. ¤*#Den Artikel poste ich hier mit freundlicher Genehmigung der Süddeutschen Zeitung und der DIZ München einmalig kostenlos
www.sueddeutsche.de
www.diz-muenchen.de
Copyright beachten!

Aus technischen Gründen - Danke Andreas für den Tip! - kommt der Artikel in zwei Portionen.

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Der Krieg zwischen Armee und Maoisten in Nepal: „Wir stehen dazwischen und versuchen zu überleben“

Die Vergessenen der Berge

Im Himalaja-Königreich ist die Demokratie am Ende, die Touristen bleiben aus - und auf dem Land sind die Menschen dem Terror ausgeliefert

Von Karin Steinberger

Kathmandu , im Juli - Diese Geschichte sollte man dort beginnen, wo sie nach Meinung vieler ohnehin enden wird: in den Sternen - vielmehr im Büro von Mangal Raj Joshi. Der Mann ist zuständig für die Zukunft dieses Landes. Zumindest war er das einmal. Und hatte er, der königliche Astrologe, nicht prophezeit, dass im Königshaus etwas passieren wird, kurz bevor König Birendra, Inkarnation des Hindu-Gottes Vishnu, Abkömmling der mächtigen Shah-Familie, König der letzten Hindu-Monarchie auf Erden, mitsamt seiner Familie im Palast von Kathmandu ermordet wurde? Ein Jahr ist es jetzt her, dass man den Nepalesen den König wegschoss. Und eigentlich wartet Mangal Raj Joshi noch immer auf hohen Besuch. Doch bislang wollte nicht einmal ein einfacher Minister seinen Rat. „Nur die BBC war da.“

Da standen die Reporter nach dem Massaker in seinem Büro mit Mikrophonen und Scheinwerfern, ihren Werkzeugen der Neuzeit, stellten Fragen zu Demokratie und Monarchie, ohne die Bedeutung der Mondphasen zu kennen. Für Mangal Raj Joshi war das ein weiterer Beweis dafür, dass Nepal auf seinem Weg nach vorne nicht voran kommt. Der Fortschritt ist für ihn Rückschritt, was schon daran zu erkennen ist, dass die neue Zeit der nepalesischen hinterherhinkt. Man war hier dem Rest der Welt schon immer 57 Jahre voraus. Es ist das Jahr 2059 in Nepal - und es ist kein gutes Jahr.

Dem König ist ein neuer König gefolgt, doch die Demokratie ist am Ende, die Armee schießt zum ersten Mal auf das eigene Volk, die Maoisten rufen in den unzugänglichen Regionen Nepals einen Parallelstaat aus - und keiner ruft an bei Mangal Raj Joshi. Vorbei sind die Zeiten, in denen er und der Vollmond noch mächtig waren in diesem Land.

Königlicher Kleinkram

Es ist ja nicht so, dass er nichts zu tun hätte. Termine gibt es nur nach Voranmeldung. Über eine steile, alte Holztreppe muss man hochsteigen in sein Büro. Junge Männer rechnen laut endlose Zahlenreihen durch, und Mangal Raj Joshi erklärt einer Kundin, welche Gebete bei ihrem Problem Abhilfe schaffen werden - Kleinkram. Um die Zukunft des Landes berechnen zu können, sagt er, bräuchte er Zeit, viel Zeit. Und Geld. Für die Voraussage eines Erdbebens verlangt er 1350 Euro. Und die Anfrage müsste natürlich vom Premierminister kommen - aber sie kommt nicht. Dann verabschiedet er sich, der neue König braucht ihn, es geht um den günstigsten Termin für die nächste Reise - Kleinkram auch das, aber immerhin königlicher.

Es ist der Menschenrechtler Kapil Shrestha, ein kleiner, energischer Mann, der den Zustand der Nation pragmatischer zusammenfasst: „Alles ist in den letzten Monaten zusammengebrochen.“ Die Regierungspartei hat sich gespalten, die Intelligenzia wandert aus, das Schulsystem ist das schlechteste Asiens, die Entwicklungshilfe korrumpiert das Land, die Medien machen pure Unterhaltung, der neue König hat ein Imageproblem, die Wirtschaft liegt am Boden, die Menschenrechtler sind zu Flughafenaktivisten verkommen - „und in den Bergen richten die Maoisten in aller Ruhe ein Blutbad an“.

Nepal ist auseinander gebrochen, hat sich aufgeteilt in Stadt und Land. Während die Politiker in der Hauptstadt mit teuren Jeeps durch die Straßen fahren, Minister wegen der von Premier Sher Bahadur Deuba geforderten vorgezogenen Wahlen zurücktreten, leben die meisten auf dem Land noch immer ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne medizinische Versorgung - Welten entfernt von der nächsten Straße und der Zivilisation, terrorisiert von dem, was sie hier „Maoistenproblem“ nennen und bedroht von den Kugeln der eigenen Armee, die noch unerfahren ist und nicht unterscheiden kann zwischen Maoist und Zivilist.

„Kathmandu ist eine andere Welt, ein anderes Universum. Glauben Sie mir, da draußen geht es zu wie im Wilden Westen“, sagt Kapil Shrestha. Es gibt nicht viele, die wie er hinausgehen in die Berge und versuchen, sich ein Bild zu machen. Dann zieht er einen Kalender aus der Schublade. Dort, wo normalerweise Bilder der mächtigen Gipfel des Mount Everest oder des Annapurna-Massivs prangen, wo Klöster, Stupas und diverse Gottheiten von der religiösen und ethnischen Vielfalt des Landes erzählen, sieht man Leichen ohne Kopf, Lehrer, an Bäumen aufgehängt - ein Kalender der Opfer des Maoismus, den sich nicht einmal Kapil Shrestha aufhängen mag.

Es ist das Jahr 2059, und es herrscht seit sieben Monaten Ausnahmezustand im Himalajakönigreich - und das, was Kapil Shrestha den „Wilden Westen“ nennt, bezeichnen die Maoisten als „befreite Gebiete“. 1996 begannen sie ihren „Peoples War“, den Krieg des Volkes. Damals machten die Politiker sich noch lustig über die Typen in den Bergen, während Journalisten von den Robin Hoods der Neuzeit schwärmten. Es gab nur wenige, die das von den Maoisten veröffentlichte 40-Punkte-Programm lasen, in dem von Gleichberechtigung der Frauen, der Religionen, der Sprachen und der Kasten die Rede ist, vom Verbot von Alkohol und Glücksspiel, von einer Befreiung von den indischen Knebelverträgen, einer Enteignung der Großgrundbesitzer und dem Ende der Monarchie. Doch dann haben sich die 40 Punkte in Terror aufgelöst. Anfangs bestraften Maoisten Lehrer, die betrunken zum Unterricht kamen. Mittlerweile töten sie Lehrer, weil sie Sanskrit lehren, die Sprache der Elite.

Rakesh Sharma nennt den Krieg „die Befreiung des nepalesischen Volkes“ und sieht dabei so harmlos aus wie die Bauern, die mit ihm in dieser Lehmhütte sitzen, weil es ihre Hütte ist, in der er sitzt. Für die Armee sind sie Mittäter. Der Mann und seine jungen „Mitbrüder“ haben sich einfach einquartiert, haben den Frauen befohlen, etwas zu kochen, und die schreienden Kinder in die Hitze des Nachmittags hinausgejagt. So sieht es also aus, was die Zeitschrift Himal als Pol-Pot-Terrain bezeichnet: das Gebiet der Maoisten, die Volksrepublik, die in weiten Teilen des Landes ausgerufen wurde, ein Staat im Staat, unkontrollierbar und bedrohlich. Es ist ein kleines Wunder, dass Rakesh Sharma hier sitzt, in diesem Dorf, das keinen Namen haben darf und über das Armeehubschrauber kreisen in irritierender Ahnungslosigkeit. Rakesh Sharma ist einer der politischen Führer der Maoisten, einer, für den die Regierung vor kurzem ein enorm hohes Kopfgeld ausgesetzt hat: tot oder lebendig.

Ein wenig müde sieht er aus, dieser magere Mann, auch nervös. Seit vielen Jahren ist er im Untergrund, zieht jede zweite Nacht in eine andere Hütte, ein anderes Dorf, ständig auf der Flucht, tagsüber als Bauer, nachts als Terrorist. Aber er macht nicht den Eindruck, als hätte er Angst davor, dass ihn einer der armen Dorfbewohner in diesem Ort für 3,5 Millionen Rupien, immerhin fast 50000 Euro, verraten würde. „Das Volk steht zu uns“, sagt Rakesh Sharma - er glaubt daran. Von den bewaffneten „Brüdern“, die die Bauern bedrohen, erzählt er nichts. Man habe auf Seiten der Maoisten nun übrigens auch ein Kopfgeld auf den Premierminister ausgesetzt, sagt er. In einem Eimer wird Brunnenwasser mit Limonensaft und Zucker angerührt, und Rakesh Sharma entschuldigt sich dafür, dass man stundenlang an absurden Treffpunkten hatte warten müssen. „Vorsichtsmaßnahmen.“

Seit die Maoisten am 21. November 2001 die Waffenstillstandsverhandlungen abgebrochen haben, gelten sie als Terroristen. Fünf Tage später wurden der Notstand ausgerufen, die Armee das erste Mal seit ihrer Existenz mobilisiert, Gesetze außer Kraft gesetzt. Rakesh Sharma ist der erste Distriktkommandeur der Maoisten, der seit Beginn des Notstands mit einem Journalisten redet, und er sagt, dass der Eintritt der Armee in den Krieg nichts verändert habe. Nun gut, sie seien besser ausgerüstet als die Polizisten, mit denen man bislang gekämpft habe; er hat auch schon gehört, dass Amerikaner, Engländer und Inder der Armee helfen sollen - aber am Ende werde das Volk siegen.

Kekse bei der Guerilla

Vom Boykott der Wahlen redet er und vom baldigen Zusammenbruch der Monarchie. Dass mehr als 4000 Menschen umgekommen sind seit 1996, sei bedauerlich, aber nicht zu vermeiden beim Aufbau der Volksrepublik. Dass man Dorfbewohner als „menschliche Schutzschilde“ missbrauche, sei eine Lüge. „Wir mischen uns unter sie, weil sie unsere Freunde sind, sie helfen uns.“Die Dinge klingen einfach bei ihm, das Problem Nepals sind in dieser Hütte allein die korrupten Politiker und das reaktionäre System. Kein Wort von Blut, Mord und Terror hört man hier, von ermordeten Politikern, erschlagenen Zivilisten, entvölkerten Dörfern, zwangsrekrutierten Kindern. Der Krieg ist für ihn Befreiung, das Morden eine Notwendigkeit. Nun gut, manchmal würden die „Brüder“ ein wenig über die Stränge schlagen, aber letztlich beschütze dieser Krieg das Volk. „Comrade Himal“, ein junger, drahtiger Mann, sitzt daneben und spielt mit einem Stoffbündel herum, dann wickelt er es aus: es ist eine der selbst gebauten Handgranaten, Dinger, die schnell in die Luft gehen. Genosse Himal zieht den Zünder raus, „jetzt muss man sie nur noch werfen“, sagt er, alle lachen: der Kommandant, die Bauern, die Kinder. Kriegsspielzeug. Zum Abschied gibt es Reis mit Gemüse, ein paar Kekse und die Versicherung, dass man die Infrastruktur Nepals so lange zerstören werde, bis das Land auseinander breche. Dann stehen die Maoisten vor der Hütte und winken zum Abschied - es sieht aus wie ein Familienfoto.

Upendra P. Devkota sagt, dass er lange genug Gewehrkugeln aus Körpern herausgepult habe, dass er zu oft Blut von Mitbürgern aufgewischt habe, um das romantisierende ¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*#¤*# über die Maoisten noch länger ertragen zu können. Er ist Arzt in Kathmandus ältestem Krankenhaus, dem Bir-Hospital, und er ist ein Mann, dem man nachsagt, unkorrumpierbar zu sein. Das reicht an einem Ort wie diesem bereits, um zu einer Art Volksheld zu werden. Seinen enormen Ruf hat er auch deswegen, weil er derjenige war, der Kronprinz Dipendra, den vermeintlichen Amokläufer des Palastmassakers, in den wenigen Tagen seines Komas behandelte und somit den königlichen Geheimnissen näher ist als der Rest des Landes.

„Es gibt andere Wege, eine Revolution zu führen und sich gegen die korrupten Politiker und das verrottete Establishment zur Wehr zu setzen.“ Auch er sieht sich als Revolutionär, als Robin Hood des maroden Gesundheitsapparats. „Ich arbeite 18 Stunden am Tag, um Menschenleben zu retten. Wie kann es irgendjemand wagen, ein Leben in ein paar Sekunden zu beenden? Beide Seiten sind schuld an diesem Wahnsinn.“

Dann zeigt er einen der Körper, aus dem er Gewehrkugeln herausgepult hat. Til Bahadur Gurung liegt mit dem Bauch auf dem Bett, sein Körper ist eine einzige Narbe. Die Kugeln sind vorne rein und hinten raus, das Problem sind die Beine, die mit Messern zerlegten Kniescheiben, die mit Hämmern zerschlagenen Unterschenkel - daran erkennt man die Opfer der Maoisten. Ohne Beine ist man in Nepal verloren, in diesem Land ohne Straßen, in dem sie Dreitausender als Hügel bezeichnen und in dem die Menschen ihren Heimweg in Busstunden und Tagesmärschen berechnen. Tagesmärschen, die Til Bahadur Gurung nie mehr wird gehen können. Früher oder später landen sie alle dort, wo die wenigen Straßen des Landes enden: im Kathmandu-Tal.

Und während in den Bergen Nepals der Krieg weitergeht, ist Kathmandu mit sich beschäftigt. Die Stadt liegt wie gelähmt da in ihrer wirtschaftlichen Agonie und man hat es zu einer Art Volkssport gemacht, Schuldige für die momentane Misere zu benennen: die Politiker, die Polizei, die Korruption, die Armee, die Maoisten, die Armut, die Brahmanen, die ausländische Presse, der König, die Inder. Alle sind schuld, alle unfähig, alle korrupt - und alle leiden.

Die Geschäftsleute in den historischen Tempelbezirken schimpfen auf die Touristen, die nicht mehr kommen. Generäle der Armee machen sich lustig über die schlecht ausgebildete Polizei, Menschenrechtler klagen über die Brutalität der Armee, Politiker reden bei einer teuren Flasche Rotwein von der Korruption anderer Politiker. Journalisten erzählen von Drohanrufen, die sie bekommen, falls sie einmal das tun, was ihre Aufgabe ist: die Wahrheit herausfinden und schreiben. Vergessen ist die Aufbruchstimmung, die das Land durchdrang, als der ermordete König vor zwölf Jahren die konstitutionelle Monarchie einführte und nach langem Widerstand Parteien zuließ. Der Glaube an die Demokratie ist mittlerweile erschüttert, für viele ist sie der Grund allen Übels. Manche fordern die parteilosen Zeiten zurück, andere sagen, dass jetzt der König einschreiten müsse. Aber genau weiß keiner, wie es weitergehen soll.

phacops
30.01.2003, 19:54
Hier Teil zwei des SZ-Artikels von Karin Steinberger:
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Ein Ort voller Frauen

In der anderen Welt, außerhalb des Kathmandu-Tals, dort, wo die Vergessenen leben, das Volk, um das sich keiner kümmert, dessen Alltag in der Hauptstadt nur als Gerücht, als unbeschreibbare Tortur existiert - dort, in der anderen Welt weit im Westen des Landes, stehen Frauen vor einem Haus, das ein großes Loch hat und das Einblick gewährt in fremde Intimität: das Wohnzimmer, die Schlafzimmer, die Küche. Es gibt nur noch Frauen in dem Ort Nimuwa, ihre Männer sind alle in Kathmandu, für sie ist es hier zu gefährlich. Für die Frauen wohl auch, aber was bleibt ihnen übrig, jemand muss bleiben, die Felder bestellen, das Vieh hüten; keine Familie hier hat das Geld, um auch sie aus der Angst zu holen.

Über das Loch will niemand reden, sie tun so, als existiere es nicht. Man muss ein bisschen sitzen bleiben, dann erst kommen sie, erzählen leise von der Nacht, als die Maoisten kamen. Sie zerren zwei kleine Jungen vor das Haus, ihre Köpfe sind rasiert, ein Zeichen der Trauer. Ihr Vater ist in jener Nacht ermordet worden.

Ein paar Kilometer weiter, in einem Raum, dessen Fenster verrammelt sind, redet eine der Frauen. Jung ist sie, 24 Jahre alt, die Maoisten haben sie in jener Nacht nur am Leben gelassen, weil sie versprochen hat, niemandem zu erzählen, wie sie ihren Bruder erschlagen haben. Wenn sie zur Polizei ginge, wäre sie tot. Wenn einer der Maoisten das Gefühl hätte, dass sie es machen wollte, auch. Es war acht Uhr abends, als die Maoisten kamen, Hunderte, alle vermummt. Der Vater, sagten sie, sei Informant der Armee. Der Vater war nicht zu Hause, also musste der 22-jährige Bruder dran glauben. Mit Khukuri-Messern, Waffen der Gurkha-Milizen, hätten sie ihm die Beine abgeschlagen, sagt das Mädchen. „Dann prügelten sie mit Bambusstöcken und Steinen auf ihn ein, bis er tot war. Ich habe sie angefleht, aber sie haben nur geschrien: ,Lang leben die Maoisten.‘ Dann haben sie das Haus in die Luft gejagt.“ Ihr kleiner Sohn schläft in ihrem Schoß, es ist seine Gute-Nacht-Geschichte.

Wo man auch hinfährt im Bezirk Banke, trifft man auf Angst - vor der Armee, vor den Maoisten, es macht keinen Unterschied. In einer kleinen Hütte sitzen die Opfer der anderen Seite. Soldaten hätten ihren Mann vor drei Monaten mitgenommen, sagt eine Frau, seitdem ist er verschwunden, auf ihre Fragen bekomme sie nur die Antwort, dass er Maoist sei: „Könnten Sie nach ihm suchen?“ Die Frau zeigt Fotos von ihrem Mann, jung ist er, sehr mager. „Mit der Armee sind die Dinge schlimmer geworden“, sagt sie.

Hier auf dem Land, ganz im Westen von Nepal, ist es eine Sache des Zufalls, wer der Feind ist. Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, ist Maoland, hier ist Armeeland. Es ist wie ein Spiel, das Land ist aufgeteilt, wer dazwischengerät, endet als menschlicher Kollateralschaden. Am schlimmsten ist es in den Gebieten, um die noch gekämpft wird: „Jeden Abend kommen die Maoisten und verlangen Essen von uns, und am nächsten Tag kommen die Soldaten, schlagen uns, verhaften uns, weil wir den Maoisten helfen. Wir stehen dazwischen und versuchen zu überleben“, sagt ein Mann am letzten Tisch in einem Restaurant, gleich bei der Müllkippe. Der Gestank ist bestialisch, aber vorne wollte er nicht reden. „Für uns sind beide gleich schlimm. Wir trauen keinem und keiner traut uns“, sagt er, „die Politiker kommen nur vor den Wahlen. So viele Versprechen haben wir gehört, passiert ist nichts.“ Dann bedankt er sich fürs Essen und verschwindet.

Es ist das Jahr 2059, und es herrscht seit sieben Monaten Ausnahmezustand im Himalajakönigreich - manche nennen es Krieg, andere Befreiung, der Astrologe Mangal Raj Joshi nennt es eine Rechenaufgabe, die er, wenn man ihn bitten würde, auch etwas zügiger erledigen könnte.


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Eine andere Meldung der SZ vom 09.01.03 über Praktiken der Maobadis ist noch ziemlich frisch und so bedrückend wie aufschlußreich:

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Zitate (Auszüge):

Rebellen in Nepal entführen Jugendliche
Kathmandu (dpa/AFP/SZ) - Die Maoisten in Nepal haben nach einem Zeitungsbericht 150 Jugendliche aus Schulen im Westen des Landes entführt. Sie wollten die zwölf bis 15 Jahre alten Schüler zwangsrekrutieren, hieß es am Mittwoch in der nepalesischen Zeitung Samacharpatra.
...
Mehr als ein Dutzend Schulen im Westen des Landes hätten bereits geschlossen werden müssen, weil die Klassenzimmer verwaist seien. Die Rebellen würden den Schülern mit Folter drohen, sollten sie ihnen nicht gehorchen, sagten Landbewohner. Einer der Studenten, der nach einem mehr als einwöchigen politischen Training nach Hause zurückkehren durfte, sagte, die Maoisten hätten ihm unter Androhung von Gewalt verboten, über das Programm und den Ort der Schulung zu sprechen.
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Dazu paßt noch eine Meldung aus Kantipur online vom 21.01.03:


Rebels coerced women for ‘volunteer service’
KOL Report
SALYAN, Jan 21 - Maoist rebels recently coerced at least 17 women, one from each household in the remote Tharmare Village Development Committee, for what they called a “voluntary work”, according to locals.
A local who arrived at the district headquarters said the rebels took the women along with them for a 17-day volunteer service. ....(yo)

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Hoffen wir, daß solche Vorkommnisse mit den beginnenden Verhandlungen aufhören (länger als nur ein paar Wochen) und Reisen nach Nepal unbeschwerte Begegnungen mit den Menschen dort ermöglichen.

Würde mich freuen, wenn einige der jetzt Reisenden über die Reaktion der Nepali berichten würden.


Hoffnungsvolle Grüße

phacops

phacops
03.03.2005, 13:27
Der Tod des Hofastrologen Prof. Mangal Raj Joshi


(s. Meldung in KOL heute: http://www.kantipuronline.com/kolnews.php?&nid=33254

KATHMANDU, March 3 - Renowned astrologer Prof. Mangal Raj Joshi passed away Thursday. He was 85.



Joshi was rushed to Bir Hospital on Wednesday afternoon after his health deteriorated. He died at around 1 a.m., family sources said.

Joshi was the chairmen of the National Calendar Council and Astronomy and Astrology Subject Committee based at Mahendra Sanskrit University. Joshi, like his father, was also the Royal astrologer and together they published Nepali Calendar. )

veranlaßt mich, den alten Maoisten-thread mit dem SZ-Bericht von Karin Steinberger nochmal hochzuholen.

Ob der alte Joshi wohl den König beraten hat???

(Ansonsten enthalte ich mich jeglicher Kommentare zu den aktuellen Vorgängen - außer daß es seit 2002 nur schlimmer geworden ist...)

phacops