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Manali90
07.03.2008, 01:25
Die Gaddis
Zwei Bilder prägen sich in den Hochregionen Himachal Pradeshs besonders ein: Hunderte Schafe und Ziegen ziehen über einen Pass, begleitet von schnauzbärtigen Männern mit wettergegerbter Haut, die auf dem Rücken ein Bündel und im Ausschnitt ihres hellbraunen Jacketts oder ihres noch traditionelleren mantelartigen Gewands, des Chola, ein neugeborenes oder krankes Lämmchen tragen. Das andere Bild: Drei Gaddis hocken im Halbkreis im Schutz eines Steinwalls bei einem kleinen Feuer und rauchen gemeinsam die Hookah, eine lange Pfeife mit großem Kopf, auf den ab und zu mit Hilfe einer Zange Glut zum Entzünden des Tabaks balanciert wird.
„Halbnomaden“ werden die Hirten, die mit ihren Herden von bis zu 300 Tieren im Frühjahr im südlichen Hügelland zu den Hochweiden Kullus, Lahouls und Spitis aufbrechen und rechtzeitig vor den ersten herbstlichen Schneefällen den Rückweg antreten, in manchen Publikationen genannt. Aber das passt nicht, denn die Gaddis haben ihre festen Anwesen in Kangra und Bharmour, und die Routen und Weideflächen sind abgesprochen und unterliegen festen Regeln. Zu Hause bewirtschaften die Frauen weiter das Land, und es gibt Hilfe auf dem Zug und regelmäßige Kontakte. Ob es sich um einen „Stamm“ („Tribe“) oder eine „Kaste“ handelt, ist müßig zu fragen. Ihre Herkunft verliert sich wie vieles in Nordindien in der Zeit der Moslem-Invasionen, die ganze Bevölkerungsgruppen in die Berge drängte. Im Kastensystem Himachals nehmen sie einen hohen Rang ein; sie sind indoarischen Ursprungs (und könnten vom Aussehen her mit Griechen oder Kurden verwechselt werden). Meist sind sie Anhänger Shivas und leben auch heute noch streng in religiösen Gebräuchen und Ritualen.
Die wichtigsten Routen der Gaddis führen von Kangra über den Jhalsu-Pass nach Bharmour und weiter über den Kugti Galu und andere Pässe in westliche Lahoul (u.a. Miyar Valley), durch das Kullu-Tal und über den Rohtang-Pass ins nördliche Lahoul (u.a. Bartsi Nalla) und zum Baralacha La und weiter bis in die Region des Phirtse La (bis hoch zu Chumikmarpo) oder über den Hamta Jot ins oberste Chandra Valley (also bis an den Rand Spitis); auch im obesten Parbati Valley kann man Gaddis antreffen.

Auf ihrem Zug halten sich die Gaddis an traditionelle Rituale, wozu v.a. Gebetshandlungen und Tieropfer gehören, und auch ihr Leben auf den Hochweiden ist von ruhiger Routine geprägt. Das gilt v.a. für die Zubereitung von Essen am Morgen und am Abend, wenn die Herden noch um die einfachen, aus Steinen errichteten Unterstände (oder Felsüberhänge) versammelt sind. Langsam und sorgfältig werden Chapati, Reis und Dal am Feuer zubereitet, für den Chhai wird eine Mutterziege gemolken (Mutterschafe niemals). Wichtig sind ihre Vorräte (Mehl, Reis, Dal, Kartoffeln, Salz, Zucker), die manchmal in Säcken zum Schutz um die Unterstände gelagert sind. Wichtige Requisiten sind ein handschuhartiger Lederbeutel mit Gewürzen in den Kammern und natürlich die Zange der Hookah, die auch zum Garen der Chapati am Feuer Verwendung findet.
Tagsüber ziehen die Gaddis mit ihren Herden in die Hänge der Umgebung, in z.T. schwindelerregende Höhen, die nach einem festen System (eingeteilt in „Runs“) abgeweidet werden. Ihre manchmal gefährlichen Hunde haben nicht die Aufgabe, die Herde zusammenzuhalten, sondern sollen Feinde abwehren (Schakale, Bären, Schneeleoparden...).
Treffpunkte der Gaddis sind die obersten Dörfer der Einheimischen, z.B. im Miyar Valley in Lahoul, und heute auch die Dhabas entlang der Manali-Leh Road und der SS 30 nach Spiti. Hier können Vorräte ergänzt, Briefe abgeholt, Nachrichten ausgetauscht werden. Im Dhaba von Batal ist z.B. auch Medizin für die Tiere erhältlich. Legendär sind aber auch die Trinkgelage, wenn die Männer nach Tagen oder Wochen der Einsamkeit zu den Dörfern bzw. Dhabas herabsteigen.
Für das Abweiden der Runs müssen die Gaddis zahlen, meist in Naturalien: 1993 war ich nahe Chandertal Zeuge, als eine Herde zuerst im Hammelsprung gezählt wurde und danach 24 Tiere nach Lossar in Spiti getrieben wurden, zu dem die Weideflächen gehören.
(vgl. auch Christina Noble, Over the High Passes, Glasgow: FONTANA Collins 1987)
Auf die moslemischen Gujjars, die man mit ihren Büffeln überall in den Bergen Himachals antreffen kann, trifft die Bezeichnung „Nomaden“ sicherlich eher zu.