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Vollständige Version anzeigen : Trekkingrouten: Chandertal-Trek


Manali90
03.03.2008, 00:04
Chandertal (auch: Chandra Tal, übersetzt "Mondsee"; 4270m), See im oberen Chandra Valley in Himachal Pradesh im District Lahoul&Spiti (zu Spiti gehörig).
Der Chandertal ist Pilgerziel für gläubige Hindus aus Himachal; seine Umgebung gehört zu den Weidegebieten der Gaddi-Hirten aus den südlichen Regionen mit ihren Schafs- und Ziegenherden.
Der See als solcher ist seit einigen Jahren zwar durch eine Jeep-Piste von der Straße Manali-Kaza (Staatsstraße 30) erreichbar (Abzweig in einer Kehre zwischen Batal und dem Kunzom La), die Wanderung zum See von Batal (3980m) oder auf dem Höhenweg vom Kunzom La (4551m) aus bleibt aber ein lohnendes Trekkingziel, v.a. für die Akklimatisierung für Spiti.
Im Westen stehen die Eisgipfel der östlichen Chandrabhaga (CB) Range mit CB 13 und CB 14 (6078m), das Chandra Valley selbst ist beeindruckend v.a. durch seine Öffnung in weite Verzweigungen in Schuttebenen.
Herausfordernder ist der Trek über den Chandertal zum Baralacha La (4891m).
Der Chandertal-Trek vermittelt (mit einfacher Zugänglichkeit: Linienbus von Manali nach Batal oder zum Baralacha La) den leichtesten Zugang in eine tibetische Landschaft in Indien.
Zu warnen ist davor, den Trek ohne vorhergehende Akklimatisierung anzugehen; insbesondere von "oben", vom Baralacha La aus. (Akklimatisierung durch Wandern vom Rohtang Jot aus, Überschreitung des Hamta Jot bzw. Kulturtouren in Lahoul und Wanderungen auf dem Wege zum Baralacha La.)

Der Chandertal-Trek verläuft fast gänzlich auf dem Gebiet Spitis und besticht v.a. durch seine grandios weite, tibetische Szenerie. Von einem möglichen Zeltplatz in der Mitte zwischen den beiden Tokpos (Gebirgsflüssen) sind sowohl die Gletscherregion über dem südlichen Endpunkt, dem Kunzom La, als auch die beiden Felserhebungen nördlich des Baralacha La zu sehen. Faszinierend kommen die Nahblicke auf die - unerreichbaren, weil auf der gegenüberliegenden Seite des Chandra gelegenen - Eisgipfel der Chandrabhaga- (CB-) und Koa Rong- (KR-) Range und die aus ihnen herausfließenden weißen Gletscherströme hinzu. Nicht weniger interessant für kulturell interessierte Besucher ist die sommerliche Besiedlung der scheinbar öden Berghänge durch die Gaddis, die traditionellen Hirten aus dem Hügelland im Süden Himachal Pradeshs, meist aus dem Kangra-Distrikt, mit ihren Tausenden von Schafen und Ziegen. - Wie die Region ohne die Jahrhunderte der Überweidung aussehen würde, darüber lässt sich nur spekulieren. Für europäische Touristen mag es tröstlich sein, dass die Tiere Edelweiß nicht anrühren - es gibt Passagen, in denen man nicht vermeiden kann, auf die weißen Teppiche zu treten. Eine andere prominente Blüte im Sommer ist die Aster flaccidus, die bis auf 4800m Höhe wächst.
So einfach die Strecke zwischen Batal oder Kunzom La und Baralacha La zu laufen ist - der Trek darf nicht unterschätzt werden. Die vorliegenden Beschreibungen unterschätzen v.a. die Strecke zwischen dem Mondsee und dem "unteren Fluss" Tokpo Yongma. Der Abschnitt nördlich des Chandertal der deutlich längste, und es ist völlig unpassend, dabei irgendwo “relief“ zu suchen (vgl. Lonely Planet-Führer): Trekking in einer tibetischen Landschaft bedeutet essentiell Weite in großer Höhe, und das macht seine Qualität aus. Wir haben genug Leute gesehen, die dort ein bisschen wandern wollten und dann frustriert waren, als es anstrengend wurde. Es kommt eben darauf an, sich auf die Welt einzulassen. Und genug relief kann es geben, wenn man a) auf die Regeln der Akklimatisierung achtet, b) mit Guide und Horsemen trekkt und c) sein Wandern und seine Zeltplätze entsprechend zelebriert.
Aber natürlich ist dieser Trek für konditionsstarke Bergwandergruppen (mit Zelt und Proviant)auch ohne Helfer beherrschbar - die werden sich aber der Lust an der Anstrengung bewusst sein, nicht stattdessen nach relief suchen - und sollten sich klarmachen:
Schlüsselstellen der Strecke sind die Flussdurchquerungen. Tokpo Yongma und Tokpo Gongma sind berüchtigt, Todesfälle (aufgrund Unterschätzung) sind bekannt, nach Schneebrücken sucht man ab Mitte Juli meist vergebens (oder stundenlang oberhalb), erst ab Ende August wird es einfacher. Vorher sollte keine Gruppe ohne Seil gehen (30m Reepschnur), und an schönen Sommertagen gilt: Nach 12 Uhr mittags steht das Wasser um 20-50cm höher als am Morgen. Das legt üblicherweise die Etappen fest; und da die besten Zeltplätze jeweils nördlich der beiden Tokpos liegen, ist (was natürlich eine entsprechende Akklimatisierung voraussetzt) die entgegengesetzte Richtung (vom Baralacha La ausgehend) sinnvoll; auch sind in dieser Richtung die Blicke schöner. Allerdings eröffnet die Richtung auf den Baralacha La hin (v.a. in Verbindung mit dem Start in Manali über den Rohtang-Pass oder den Hamta-Pass) das Erlebnis, in die unendliche Weite des indischen Tibet hinein zu wandern.
1.Tag: Batal - Chandertal (4270m) 16 km, relativ flach, 5-6 Stunden (reine Gehzeit 260'/290')
Die Jeepstraße zum Mondsee ist in den 90er Jahren tatsächlich fertig geworden; so ist es sicherlich für Starter zu überlegen, vom Kunzom La aus zu wandern. Trotz mancher Stolperei über den Schotter der Piste hat die Route auch ihre Reize, v.a. durch die Nahblicke auf die Gletscher von CB 13 und 14 und den Aussichtspunkt auf die Mäanderebene des Chandra-Flusses.
Von Batal über die Brücke und auf der Straße, eine weite Kehre auf direktem Wege abkürzend, zur Abzweigung der Schotterpiste (30', 4100m). Auf dieser weiter, den Bach vom Kunzom La kreuzend, zum Aussichtspunkt über dem Chandra-Fluss (4120m, 100' von Batal). Am Hang entlang hinunter und später nach Osten das Haupttal verlassen. Nach 70' über Packlagenbrücke des Bachs, der vom Chandertal herab kommt (früher zweigte hier der Weg zum See ab) und in Kehren hoch und über Plateau in 90’ zum Südende des Sees (4270m), in weiteren 30' zum Nordende (an beiden Stellen Tea-Shops in der Saison).
Ich würde, gegen Lonely Planet, allen empfehlen, am Südufer zu zelten. Zwar ist hier die Fläche kleiner, nur garantiert dieser Platz, dass der See nicht weiter belastet wird. Am Nordufer campende Gruppen drohen mit ihren Abwässern den ökologisch sensiblen See zum Umkippen zu bringen - oder man zeltet am Nordufer und achtet bewusst darauf, dass der (auch von anderen Gruppen) nicht belastet wird. Vom Blick (und den Lichtverhältnissen für Aufnahmen) ist das Südufer jedenfalls besser.
2.Tag: Chandertal (Ruhetag, Exkursionen)
Die Umrundung des Sees dauert ca. 60-70', die Wege über das Ost- und Westufer sind in etwa gleich. - Auf dem kleinen Rücken im Westen spiegeln sich in kleinen Seeaugen die Eisriesen der CB Range, besonders eindrucksvoll ist der CB 14 mit seinem scharfen Nordostgrat.
Die Bergkette östlich des Sees ist schuttig, oben gefährlich brüchig und erreicht auf dem niedrigsten Punkt etwa 5000m. Extrem schöne Einblicke in die Gletscherwelt des Chandrabhaga-Dreiecks, v.a. auf den Sammuder Tapu-Gletscher, und hinauf über die KR Range bis zum Baralacha La. Der lange Sammuder Tapu-Rücken ist im Sommer Weideland für Tausende von Schafen und Ziegen der Gaddis aus dem Hügelland. Beeindruckend ist aber auch die karge, aber blühende Flora zwischen den Felsschollen.
3.Tag: Chandertal - Tokpo Yongma (4400m) 8-10 Stunden (6 ½ bzw. 7 Std. reine Gehzeit)
Die Strecke wird wegen der irreführenden Darstellungen oft unterschätzt. Sie besteht aus zwei Abschnitten: Dem Weg über die weite Hochebene, die immer wieder von Einschnitten unterbrochen werden, zum Chautara (Rastplatz) am Anfang der Verengung des Tals, und einem Hangweg weitgehend durch Blockgelände über dem Fluss. Nur kleine Zeltplätze vor dem "unteren Fluss", der allerdings oft eine passable Schneebrücke aufweist (und weniger mächtig als der "obere Fluss" ist).
Vom Nordufer des Chandertal nordwärts über eine weite Edelweißwiese, bis man die Wegspur findet. Auf dieser gleich abwärts und über einen Wasserlauf, wieder aufsteigen und über eine Ebene, und immer so weiter in 200' zum Ende der großen Ebene, steinerner Rastplatz (4350m), herrlicher Rückblick auf die Gipfel am Kunzom La. Weiter im steilen Hang, hoch über dem Chandra, mit dem vom CB 57 Tapu Giri kommenden Hängegletscher gegenüber, und wieder abwärts zu Bachlauf (60', 4320m, Weideflächen, Schutt). Auf und ab durch schuttige Flächen zum nächsten Bachlauf (45', 4325m). Weiter durch steiniges Gelände zur Mündung des Tokpo Yongma und diesen aufwärts zur Schneebrücke (65', 4370m). Auf der Gegenseite im Hang westwärts leicht ansteigend, über kleine Hochfläche und kurz hinunter zum Zeltplatz am Tokpo Yongma (20', 4400m).
4.Tag: Tokpo Yongma - Tokpo Gongma (4640m) 5-6 Stunden (4 Std. reine Gehzeit)
Der Abschnitt ist relativ kürzer und führt größtenteils über Wiesen und Weiden mit vielen Zeltmöglichkeiten.
Nordwärts fast eben in 40' zu einem Gaddi-Unterstand (4400m) und in weiteren 30' zum Ende der Weideflächen (4440m). Nach weiteren 10' kleiner Zeltplatz in einem Sekundärtal (4460m), nach 30' wieder schöner kleiner Zeltplatz mit Gaddi-Unterstand (4500m, von hier sind die Gipfel am Baralacha La genauso wie die Gipfel am Kunzom La zu sehen, s.o.). 40' dahinter muss ein Gletscherbach gequert werden (4550m), von dort hoch durch Geröllfelder zu einer Ebene vor dem Tokpo Gongma; am Fluss aufwärts zu einer Stelle, wo er sich in sechs Arme teilt, Flussquerung (4600m, 100' vom Ende der Weideflächen). Gegenüber diagonal westwärts am Hang hoch und in 20' zum Zeltplatz auf einer Almfläche (4640m). - Für die Flussquerung muss man, inklusive Abtrocknen, eine Stunde rechnen, 30m Reepschnur sind nötig. Wo am Tokpo Gongma die Schneebrücke sein sollte, haben wir Anfang Juli 1999 nicht sehen können. Vor dieser Flussdurchquerung sei ausdrücklich gewarnt!
5.Tag: Tokpo Gongma - Baralacha La (4891m) 4 ½-5 ½ Stunden (3 ½ Std. reine Gehzeit)
Auch diese Passage ist normalerweise eine Halbtagestour, vor und auf dem Pass sind jedoch noch Bäche zu waten. Im Westen begleiten die Eisgipfel und Gletscher der Koa Rong-Gruppe; der Pass selbst nimmt die Hälfte der Wanderstrecke ein. Das südliche Ende des Baralacha La liegt im Übrigen nicht höher als das nördliche, entsprechende Angaben ("5100m") gehören, wie oft auch anderswo, in den Bereich der Fehlangaben, die auch dadurch nicht richtig werden, dass sie immer wieder abgeschrieben werden.
Vom Zeltplatz in 30' zu einem Bachlauf (4720m) und langsam hoch, auf ein Plateau in insgesamt 120' zu einem breiteren Quellbach des Chandra (4900m), der durchwatet werden muss (kurz, aber reißend; Seil durchaus empfehlenswert). Von hier in 10' zum südlichen Ausgang des Baralacha La (4920m, Steinzeichen). Auf dem Weg zur Passstraße muss noch der Quellfluss des Yunan durchwatet werden (50', 4850m; flach, unschwierig), bevor man nach insgesamt 90' über die Edelweißebene die Lhatses auf dem eigentlichen Baralacha La (4891m, National Highway Manali-Leh, km 189) erreicht.
Interessant ist am Baralacha La ("Pass mit Wegekreuzungen auf großer Höhe") neben eben diesen Kreuzungen alter Karawanenwege/Grenzen zwischen Lahoul, Spiti, Zanskar und Ladakh, dass hier auf wenigen hundert Metern eine dreifache Wasserscheide und das Quellgebiet dreier bedeutender Ströme liegt: Nach Süden fließt der Chandra, nach Nordwesten der Bhaga; beide vereinigen sich nach mehr als 100 Kilometern bei Tandi zum Chandrabhaga, der dann als Chenab einer der fünf Ströme des Punjab ("Fünfstromland"; neben Sutlej, Jhelum, Ravi und Indus) ist. - Der Yunan bringt sein Wasser nach Norden als Quellfluss des Tsarap, später Zanskar, der beim Zusammenfluss mit dem Indus in Ladakh der eigentlich mächtigere ist, und schließlich auch im heutigen Pakistan in den Punjab. - Für die, die Blumen mögen, ist der Baralacha La ab Mitte/Ende Juli nicht nur wegen tausender Edelweißsterne ein Paradies kleiner Blütenpflanzen, die sich in der steinigen Öde halten.
Über dem Pass sind über Schutt und Schnee/Eis für gut Akklimatisierte einige lohnende 5000er mit hervorragender Aussicht relativ leicht zu besteigen. Ausländische Bergsteiger sind auf diesen selten, eher Expeditionsgruppen zu den höheren und schwierigeren KR-Gipfeln (bevorzugt Japaner).
Von der Passhöhe entweder Trekking westwärts hinunter am "Sonnensee" Suraj Tal (4730m) vorbei in Richtung Zingzingbar und Darcha oder Rückfahrt/Weiterfahrt auf dem National Highway (zurück nach Manali/weiter nach Leh) oder (v.a. für Solo-Touristen und für Gruppen, die noch am Baralacha La bleiben und Tagestouren unternehmen oder über den Phirtse La nach Zanskar wollen) in einer guten Stunde Gehzeit nordwärts ab zu den Dhabas von "Bharatpur":
"Bharatpur City" heißt eher scherzhaft die Sommersiedlung 6 km nördlich des Passes, auf 4700m wohl die höchstgelegene Hotelsiedlung der Welt, wenigstens von dieser Qualität. Für Tourismus- und Linienbusse, Truckfahrer und Mountainbiker/innen, aber auch Trekker und Bergsteiger liegt hier ein Stützpunkt, auf dem es nicht nur Chai und Omelette Chapati und Dal Chawal, sondern auch alle Arten von Vorräten zwischen Tomaten und Streichkäseschachteln gibt. Die ca. fünf Wirtschaften haben unten Steinmauern und sind oben mit Fallschirm-Zeltdächern (aus dem Gebirgskrieg am Siachen-Gletscher) gedeckt. Man kann übernachten darin, in der Nähe aber auch Zelte aufschlagen. Geöffnet ist die Siedlung Anfang Juli bis Anfang September, je nach Schneelage und Öffnung der Manali-Leh Road.