HerrOlliB
23.11.2007, 13:39
http://picasaweb.google.de/beckmann.oliver/HimalajaKarakorumHindukuschPakistan2007/photo#s5108918139387993266
Das Flugzeug ächzt, ruckelt, aus den Fenstern lässt sich nicht viel, außer die steilen Wänden des Karakorum erkennen. Mitten zwischen den gewaltigen Felsmassiven des zweithöchsten Gebirges der Welt sucht die kleine Propellermaschine aus Islamabad die Landebahn in Gilgit, dem Ausgangspunkt für eine einwöchige Reise in die Northern Areas Pakistans.
Hier am Scheidepunkt zwischen Hindukusch, Karakorum und Himalaja verspricht unser Plan2759 auch ohne gewaltige Expedition und ohne tagelange körperliche Strapazen die Schönheit der höchsten Berge der Welt zu erfahren. Wir wollen uns auf Jeeptouren und öffentliche Verkehrsmittel beschränken, eine Rundreise unternehmen. Mal etwas anderes ausprobieren. Nicht die sonst hier üblichen – teuren – Trekkingabenteuer auf Sechs- bis Achttausender versuchen.
Zunächst geht es per „Publicbus“ von Gilgit in das Hunzatal. Bis 1974 war Hunza ein quasi-autonomes Fürstentum im äußersten Nordosten Pakistans. Im Norden grenzt die Region an Afghanistan, im Osten an China. In der Hauptstadt Baltit, heute besser bekannt als Karimabad, lässt sich die 900-jährige Geschichte der Region erleben. Das beeindruckende Baltit-Fort, der ehemalige Sitz des Mir von Hunza, thront auf einem Felsen über der Stadt. Heute ist es ein Museum. Eine Führung erläutert die Geschichte des Fürstentums voller Sagen um Kriege, Verrat, Familienstreitigkeiten. Weiter ist Hunza bekannt für seine getrockneten Aprikosen.
Auf unzähligen Dächern der am Hang gelegenen Häuser trocknen die gelbroten Früchte in der Sonne. Sie sind ein Gedicht für jeden Gaumen. Neben den Aprikosenbäumen ragen schlanke Pappeln im gesamten Tal gen Himmel. Steile Berghänge, hohe Pappeln, satte Aprikosenbäume, verschachtelte Bergdörfer – und das gesamte Tal wird überragt vom Rakaposhi, einem 7790 Meter hohen schneebedeckten Massiv. Atemberaubend.
In den Bergen müssen die Piloten auf Sicht fliegen
Nach einer Übernachtung sind wir zurück in Gilgit, um von dort die weitere Reise bis Skardu zu planen. Skardu ist der zweite Ort mit Flughafen im gebirgigen Nordosten Pakistans. Und wir hoffen inständig, dass es einen Rückflug nach Islamabad geben wird. Da die Piloten hier in den Bergen auf Sicht fliegen müssen, ist der tägliche Flugbetrieb vom Wetter abhängig. Und vom Piloten. „Es gibt einen älteren, der landet eigentlich bei jedem Wetter. Und einen jüngeren, der hat keinen Mumm und dreht bei der ersten Wolke sofort um“, erklärt uns ein Einheimischer.
2760 Die Alternative zum Flug, eine 26-stündige Busfahrt durch den Himalaja, wollen wir allerdings auch nicht in Anspruch nehmen. Nicht mit diesen Bussen, nicht mit diesen halsbrecherischen Fahrern.
Wir suchen uns in Gilgit das Madina Hotel aus. In diesem Traveller Hotel ist eine Reiseagentur untergebracht, von der wir Unterstützung erhoffen. Und wieder einmal werden wir von der unfassbaren Gastfreundschaft überrascht. Die Hotelbediensteten und die beiden Brüder der Reiseagentur reißen sich das sprichwörtliche Bein für uns aus.
Das Essen ist – für pakistanische Verhältnisse – köstlich, die Zimmer sauber und für rund fünf Euro die Übernachtung weitaus komfortabler als alles, was wir zuvor gesehen haben. Die beiden Brüder planen und überlegen, wie sie unseren Wunsch erfüllen könnten. In den nächsten drei Tagen würden wir gerne den deutschen Schicksalsberg, den Nanga Parbat, sehen, im Naturreservat Deosai Plains auf über 4000 Meter Höhe zelten und am folgenden Tag Skardu erreichen.
Gastfreundschaft auf pakistanische Art
Die Brüder bieten uns einen Jeep samt Fahrer, der sich bestens im gesamten Gebiet auskennt, für volle drei Tage. Bequemer und unabhängiger kann man wohl kaum reisen. Der Preis ist akzeptabel. Dass wir allerdings nicht in Bar zahlen können, da der einzige Geldautomat der Stadt defekt ist, und Kreditkartenzahlung nicht möglich ist, stellt kein Problem da. Wir können zahlen, wenn wir zurück in Islamabad sind. Man vertraut uns, obwohl man uns nicht kennt. Gastfreundschaft nennt man das in Pakistan.
Die nächsten Tage sind aufregend. Wenn man auf einer Höhe von 2000 Metern gen Süden fährt, links und rechts nur steile Felsmassive sieht, die sich weitere 4000 Meter in den Himmel ziehen, und plötzlich alles überragend die mächtige Spitze des Nanga Parbat mit seinen 8125 Metern erblickt, stockt einem der Atem. Kein Vergleich lässt sich konstruieren, um diesen Anblick zu beschreiben.
2761Wir unterbrechen die Fahrt um zu wandern, um dem Schicksalsberg näher zu kommen. Hinter jeder Abbiegung erscheint seine Pracht größer, präsentiert er sich mächtiger. Bis zu einem Hochplateau, den Fairy Meadows ("Märchenwiesen"), auf 3306 Meter erklimmen wir seine Ausläufer, nehmen uns eine Auszeit, essen und verweilen mit Blick auf den Koloss. Doch unser Zeitplan ist straff, wir müssen schon bald weiter.
Mit unserem Fahrer wollen wir noch bis auf die Ostseite das Massiv des Nanga Parbats umrunden, dort übernachten und am nächsten Tag das Naturreservat erreichen. Als wir wieder im Jeep sitzen zieht ein Unwetter auf. Gewitter, Sturm und Regenmengen, die ihresgleichen suchen. In den Bergen sind die Naturgewalten immer intensiver. Doch diese in Mitten des Himalajas sind beängstigend. Auf den schmalen, zur Seite tief abfallenden Straßen schlagen Steine aus den Höhen auf. Unser Fahrer zeigt sein Können.
Trotz miesester Sicht weicht er jedem weiteren Steinschlag aus, rast durch Sturzbäche, die, durch die Regenmengen ausgelöst, die Felsen runter stürzen. Sechs Stunden später erreichen wir tief in der Nacht Tarashing, ein kleines Bergdorf an der Ostflanke des Nanga Parbats. Im Hotel Mountain Inn wird uns mit Öllampen ein Zimmer gezeigt. Strom gibt es nicht. Wir bekommen noch einem warmen Tee serviert. Nach den letzen Stunden im Unwetter, der Achterbahnfahrt auf den teils unbefestigten in den Fels geschlagenen Pfaden, sind wir froh, in die weichen Betten zu fallen.
Durch üppig grüne Täler fährt uns unser Fahrer am nächsten Morgen Richtung Deosai Plains, dem 3600 Quadratkilometer großen Naturreservat im Norden Pakistans. Auf über 4000 Meter gelegen, reicht es im Süden von der Kaschmir Grenze, der international überwachten „Line of Control“, bis 40 Kilometer nördlich an die nächst größere Stadt Skardu.
Im Sommer strahlt die Hochebene in allen Farben
Von Mai bis Mitte September ist es erreichbar, in den restlichen Monaten verhindern die harten Wintermonate jeglichen Zugang von Besuchern. In den Sommermonaten strahlt die Hochebene in allen Farben. Über 300 verschiedene Pflanzenarten gibt es auf dieser Höhe, klare Hochgebirgsseen, die die Finger vor Kälte taub werden lassen. Reißende Bäche, Flüsse, die sich teils nur per Jeep durchqueren lassen.
2762 An der einzigen Brücke über den größten Fluss mitten im Reservat, ein morsches Hängekonstrukt, liegt ein Zeltplatz, den wir zur Übernachtung nutzen. Hier auf 4200 m wird die Luft bereits dünn, die Schritte werden schwerer, doch die Landschaft ist von wahrer Schönheit und die Stille ungemein entspannend. Hier kann man – mit etwas Glück – den Himalaja Braunbär, Steinböcke, Rotfüchse, Wölfe, Wiesel, Murmeltiere und Schneeleoparden beobachten. Ein Naturparadies.
Am darauf folgenden Mittag erreichen wir Skardu, von hier soll es in zwei Tagen zurück nach Islamabad gehen. Die Hauptstadt der Region Baltisan ist der Ausgangspunkt für Expeditionen und Trekkingtouren. Der zweithöchste Gipfel der Welt, der K2, wird von hier aus angegangen. Auf dem Basar wird modernstes Equipment feilgeboten. Doch wir benötigen dies nicht.
Die nächsten Tage verbringen wir mit der Erkundung der Umgebung, besichtigen eine 600 Jahre alte hölzerne Moschee, erklimmen den steilen Pfad zum Fort von Skardu und schauen uns in Fels gemeißelte Buddhadarstellungen an. „Windowshopper Touristen“ werden wir von den Einheimischen genannt, da wir keinen vierwöchigen Aufenthalt planen um die majestätischen Berge zu erkunden. Sondern von Ort zu Ort fahren, kurze Wanderungen unternehmen, versuchen Moscheen, Schreine und alte Forts in dieser großartigen Bergkulisse zu erkunden.
Wir stellen ein ungewohntes Bild für die Einheimischen dar
Wie Frauen, die nur über einen Basar schlendern, die nur schauen ohne einzukaufen. Doch es muss kein Extremtrekking sein, um die Pracht und Schönheit dieser Region wahrzunehmen. Hier gibt es mehr als das wohl unbeschreibliche Gefühl, die höchsten Berge der Welt zu besteigen. Alleine ihnen so nah zu sein, an ihren Wurzeln die prächtige Kultur der hier lebenden Minoritäten zu erkunden, ist eine Reise wert.
2763 Natürlich gibt es einige Einschränkungen, denen man sich in diesem Land bewusst sein muss. Der unsichere Flugbetrieb kann beispielsweise alle Pläne zu Nichte machen. Wir haben allerdings Glück, der ältere Pilot ist am Tag unseres Abfluges im Dienst. Er fliegt Skardu an. Darüber hinaus ist die Sicherheitslage hier im Nordosten zwar weitgehend ruhig. In diesen Tälern ist der Nachrichten bestimmende Kampf gegen den Terror im Nordwesten Pakistans weit entfernt. Doch ist das gesellschaftliche Bild der Mehrheit auf den Strassen ähnlich rückständig wie in den an Afghanistan grenzenden Gebieten.
Das zeigt sich besonders im traditionellen Geschlechterverhältnis. Unsere Begleiterin wird trotz Kopftuch permanent angestarrt und angegafft. Darauf muss man sich einlassen können, in den nächsten Jahrzehnten wird sich das Frauenbild nicht ändern. Das teilweise völlige Fehlen von Respekt gegenüber westlichen Frauen ist dennoch lästig, anstrengend.
Ferner darf man keinen Luxus erwarten. Die wenigen Hotels in dem Gebiet sind spartanisch, doch verhältnismäßig sauber, das Essen einfach, doch ausreichend. Dafür laden die Landschaft, die kulturellen Güter, die Fauna und Flora zur unbedingten Schwärmerei ein. Erinnert man sich dann an die vielen freundlichen, respektvollen Menschen in den Hotels, Museen, Moscheen und Restaurants, und nicht an die auf den Basaren stierenden, dumpfen Männer, bleibt der unbedingte Wunsch, diese Region jedem Menschen der Welt zeigen zu wollen. Denn ihre Schönheit ist wohl einzigartig.
Copyright Oliver Beckmann (http://www.welt.de/reise/article1163107/Im_Bus_durch_die_hoechsten_Gebirge_der_Welt.html)
Das Flugzeug ächzt, ruckelt, aus den Fenstern lässt sich nicht viel, außer die steilen Wänden des Karakorum erkennen. Mitten zwischen den gewaltigen Felsmassiven des zweithöchsten Gebirges der Welt sucht die kleine Propellermaschine aus Islamabad die Landebahn in Gilgit, dem Ausgangspunkt für eine einwöchige Reise in die Northern Areas Pakistans.
Hier am Scheidepunkt zwischen Hindukusch, Karakorum und Himalaja verspricht unser Plan2759 auch ohne gewaltige Expedition und ohne tagelange körperliche Strapazen die Schönheit der höchsten Berge der Welt zu erfahren. Wir wollen uns auf Jeeptouren und öffentliche Verkehrsmittel beschränken, eine Rundreise unternehmen. Mal etwas anderes ausprobieren. Nicht die sonst hier üblichen – teuren – Trekkingabenteuer auf Sechs- bis Achttausender versuchen.
Zunächst geht es per „Publicbus“ von Gilgit in das Hunzatal. Bis 1974 war Hunza ein quasi-autonomes Fürstentum im äußersten Nordosten Pakistans. Im Norden grenzt die Region an Afghanistan, im Osten an China. In der Hauptstadt Baltit, heute besser bekannt als Karimabad, lässt sich die 900-jährige Geschichte der Region erleben. Das beeindruckende Baltit-Fort, der ehemalige Sitz des Mir von Hunza, thront auf einem Felsen über der Stadt. Heute ist es ein Museum. Eine Führung erläutert die Geschichte des Fürstentums voller Sagen um Kriege, Verrat, Familienstreitigkeiten. Weiter ist Hunza bekannt für seine getrockneten Aprikosen.
Auf unzähligen Dächern der am Hang gelegenen Häuser trocknen die gelbroten Früchte in der Sonne. Sie sind ein Gedicht für jeden Gaumen. Neben den Aprikosenbäumen ragen schlanke Pappeln im gesamten Tal gen Himmel. Steile Berghänge, hohe Pappeln, satte Aprikosenbäume, verschachtelte Bergdörfer – und das gesamte Tal wird überragt vom Rakaposhi, einem 7790 Meter hohen schneebedeckten Massiv. Atemberaubend.
In den Bergen müssen die Piloten auf Sicht fliegen
Nach einer Übernachtung sind wir zurück in Gilgit, um von dort die weitere Reise bis Skardu zu planen. Skardu ist der zweite Ort mit Flughafen im gebirgigen Nordosten Pakistans. Und wir hoffen inständig, dass es einen Rückflug nach Islamabad geben wird. Da die Piloten hier in den Bergen auf Sicht fliegen müssen, ist der tägliche Flugbetrieb vom Wetter abhängig. Und vom Piloten. „Es gibt einen älteren, der landet eigentlich bei jedem Wetter. Und einen jüngeren, der hat keinen Mumm und dreht bei der ersten Wolke sofort um“, erklärt uns ein Einheimischer.
2760 Die Alternative zum Flug, eine 26-stündige Busfahrt durch den Himalaja, wollen wir allerdings auch nicht in Anspruch nehmen. Nicht mit diesen Bussen, nicht mit diesen halsbrecherischen Fahrern.
Wir suchen uns in Gilgit das Madina Hotel aus. In diesem Traveller Hotel ist eine Reiseagentur untergebracht, von der wir Unterstützung erhoffen. Und wieder einmal werden wir von der unfassbaren Gastfreundschaft überrascht. Die Hotelbediensteten und die beiden Brüder der Reiseagentur reißen sich das sprichwörtliche Bein für uns aus.
Das Essen ist – für pakistanische Verhältnisse – köstlich, die Zimmer sauber und für rund fünf Euro die Übernachtung weitaus komfortabler als alles, was wir zuvor gesehen haben. Die beiden Brüder planen und überlegen, wie sie unseren Wunsch erfüllen könnten. In den nächsten drei Tagen würden wir gerne den deutschen Schicksalsberg, den Nanga Parbat, sehen, im Naturreservat Deosai Plains auf über 4000 Meter Höhe zelten und am folgenden Tag Skardu erreichen.
Gastfreundschaft auf pakistanische Art
Die Brüder bieten uns einen Jeep samt Fahrer, der sich bestens im gesamten Gebiet auskennt, für volle drei Tage. Bequemer und unabhängiger kann man wohl kaum reisen. Der Preis ist akzeptabel. Dass wir allerdings nicht in Bar zahlen können, da der einzige Geldautomat der Stadt defekt ist, und Kreditkartenzahlung nicht möglich ist, stellt kein Problem da. Wir können zahlen, wenn wir zurück in Islamabad sind. Man vertraut uns, obwohl man uns nicht kennt. Gastfreundschaft nennt man das in Pakistan.
Die nächsten Tage sind aufregend. Wenn man auf einer Höhe von 2000 Metern gen Süden fährt, links und rechts nur steile Felsmassive sieht, die sich weitere 4000 Meter in den Himmel ziehen, und plötzlich alles überragend die mächtige Spitze des Nanga Parbat mit seinen 8125 Metern erblickt, stockt einem der Atem. Kein Vergleich lässt sich konstruieren, um diesen Anblick zu beschreiben.
2761Wir unterbrechen die Fahrt um zu wandern, um dem Schicksalsberg näher zu kommen. Hinter jeder Abbiegung erscheint seine Pracht größer, präsentiert er sich mächtiger. Bis zu einem Hochplateau, den Fairy Meadows ("Märchenwiesen"), auf 3306 Meter erklimmen wir seine Ausläufer, nehmen uns eine Auszeit, essen und verweilen mit Blick auf den Koloss. Doch unser Zeitplan ist straff, wir müssen schon bald weiter.
Mit unserem Fahrer wollen wir noch bis auf die Ostseite das Massiv des Nanga Parbats umrunden, dort übernachten und am nächsten Tag das Naturreservat erreichen. Als wir wieder im Jeep sitzen zieht ein Unwetter auf. Gewitter, Sturm und Regenmengen, die ihresgleichen suchen. In den Bergen sind die Naturgewalten immer intensiver. Doch diese in Mitten des Himalajas sind beängstigend. Auf den schmalen, zur Seite tief abfallenden Straßen schlagen Steine aus den Höhen auf. Unser Fahrer zeigt sein Können.
Trotz miesester Sicht weicht er jedem weiteren Steinschlag aus, rast durch Sturzbäche, die, durch die Regenmengen ausgelöst, die Felsen runter stürzen. Sechs Stunden später erreichen wir tief in der Nacht Tarashing, ein kleines Bergdorf an der Ostflanke des Nanga Parbats. Im Hotel Mountain Inn wird uns mit Öllampen ein Zimmer gezeigt. Strom gibt es nicht. Wir bekommen noch einem warmen Tee serviert. Nach den letzen Stunden im Unwetter, der Achterbahnfahrt auf den teils unbefestigten in den Fels geschlagenen Pfaden, sind wir froh, in die weichen Betten zu fallen.
Durch üppig grüne Täler fährt uns unser Fahrer am nächsten Morgen Richtung Deosai Plains, dem 3600 Quadratkilometer großen Naturreservat im Norden Pakistans. Auf über 4000 Meter gelegen, reicht es im Süden von der Kaschmir Grenze, der international überwachten „Line of Control“, bis 40 Kilometer nördlich an die nächst größere Stadt Skardu.
Im Sommer strahlt die Hochebene in allen Farben
Von Mai bis Mitte September ist es erreichbar, in den restlichen Monaten verhindern die harten Wintermonate jeglichen Zugang von Besuchern. In den Sommermonaten strahlt die Hochebene in allen Farben. Über 300 verschiedene Pflanzenarten gibt es auf dieser Höhe, klare Hochgebirgsseen, die die Finger vor Kälte taub werden lassen. Reißende Bäche, Flüsse, die sich teils nur per Jeep durchqueren lassen.
2762 An der einzigen Brücke über den größten Fluss mitten im Reservat, ein morsches Hängekonstrukt, liegt ein Zeltplatz, den wir zur Übernachtung nutzen. Hier auf 4200 m wird die Luft bereits dünn, die Schritte werden schwerer, doch die Landschaft ist von wahrer Schönheit und die Stille ungemein entspannend. Hier kann man – mit etwas Glück – den Himalaja Braunbär, Steinböcke, Rotfüchse, Wölfe, Wiesel, Murmeltiere und Schneeleoparden beobachten. Ein Naturparadies.
Am darauf folgenden Mittag erreichen wir Skardu, von hier soll es in zwei Tagen zurück nach Islamabad gehen. Die Hauptstadt der Region Baltisan ist der Ausgangspunkt für Expeditionen und Trekkingtouren. Der zweithöchste Gipfel der Welt, der K2, wird von hier aus angegangen. Auf dem Basar wird modernstes Equipment feilgeboten. Doch wir benötigen dies nicht.
Die nächsten Tage verbringen wir mit der Erkundung der Umgebung, besichtigen eine 600 Jahre alte hölzerne Moschee, erklimmen den steilen Pfad zum Fort von Skardu und schauen uns in Fels gemeißelte Buddhadarstellungen an. „Windowshopper Touristen“ werden wir von den Einheimischen genannt, da wir keinen vierwöchigen Aufenthalt planen um die majestätischen Berge zu erkunden. Sondern von Ort zu Ort fahren, kurze Wanderungen unternehmen, versuchen Moscheen, Schreine und alte Forts in dieser großartigen Bergkulisse zu erkunden.
Wir stellen ein ungewohntes Bild für die Einheimischen dar
Wie Frauen, die nur über einen Basar schlendern, die nur schauen ohne einzukaufen. Doch es muss kein Extremtrekking sein, um die Pracht und Schönheit dieser Region wahrzunehmen. Hier gibt es mehr als das wohl unbeschreibliche Gefühl, die höchsten Berge der Welt zu besteigen. Alleine ihnen so nah zu sein, an ihren Wurzeln die prächtige Kultur der hier lebenden Minoritäten zu erkunden, ist eine Reise wert.
2763 Natürlich gibt es einige Einschränkungen, denen man sich in diesem Land bewusst sein muss. Der unsichere Flugbetrieb kann beispielsweise alle Pläne zu Nichte machen. Wir haben allerdings Glück, der ältere Pilot ist am Tag unseres Abfluges im Dienst. Er fliegt Skardu an. Darüber hinaus ist die Sicherheitslage hier im Nordosten zwar weitgehend ruhig. In diesen Tälern ist der Nachrichten bestimmende Kampf gegen den Terror im Nordwesten Pakistans weit entfernt. Doch ist das gesellschaftliche Bild der Mehrheit auf den Strassen ähnlich rückständig wie in den an Afghanistan grenzenden Gebieten.
Das zeigt sich besonders im traditionellen Geschlechterverhältnis. Unsere Begleiterin wird trotz Kopftuch permanent angestarrt und angegafft. Darauf muss man sich einlassen können, in den nächsten Jahrzehnten wird sich das Frauenbild nicht ändern. Das teilweise völlige Fehlen von Respekt gegenüber westlichen Frauen ist dennoch lästig, anstrengend.
Ferner darf man keinen Luxus erwarten. Die wenigen Hotels in dem Gebiet sind spartanisch, doch verhältnismäßig sauber, das Essen einfach, doch ausreichend. Dafür laden die Landschaft, die kulturellen Güter, die Fauna und Flora zur unbedingten Schwärmerei ein. Erinnert man sich dann an die vielen freundlichen, respektvollen Menschen in den Hotels, Museen, Moscheen und Restaurants, und nicht an die auf den Basaren stierenden, dumpfen Männer, bleibt der unbedingte Wunsch, diese Region jedem Menschen der Welt zeigen zu wollen. Denn ihre Schönheit ist wohl einzigartig.
Copyright Oliver Beckmann (http://www.welt.de/reise/article1163107/Im_Bus_durch_die_hoechsten_Gebirge_der_Welt.html)