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Joachim1
18.10.2007, 02:55
Meili Xue Shan - Die kleine Kora

Im September 2006 flogen wir von Hong Kong aus über Kunming nach Lijiang. Von dort weiter mit dem Bus über Zhongdian nach Deqin. Von der Passhöhe zwischen Zhongdian und Deqin in über 4000 Meter windet sich die Straße hinab, entlang schütter bewaldeter Berghänge. Der Bus schaukelt heftig auf dem Kopfsteinpflaster. Immer wieder lösen sich Gepäckstücke aus den „Gepäcknetzen“ über den Sitzen, und fallen zur großen Überraschung den Fahrgästen auf den Kopf oder in den Schoß. Gespannt blicken wir nach vorn. Wenige Kilometer vor Deqin durchfahren wir zwei hintereinander liegende große Tore. Zwischen beiden liegen linker Hand eine Reihe weißer, strahlender Stupas. Ihnen gegenüber eine Reihe geschlossener Verkaufsstände. 2674 Für einen Augenblick bin ich irritiert und glaube dass wir Feilaisi schon erreicht habe. Zu sehr erinnert mich der Eindruck an das, was ich über Feilaisi bisher im Internet gelesen bzw. gesehen habe. Weiße Stupas aneinandergereiht und in der Ferne, auf der anderen Seite des Tales die weißen Spitzen des Meili Xue Shan. Von denen allerdings ist im Augenblick nichts zu sehen. Sie sind allesamt in graue Wolken gehüllt aus denen weißgraue Gletscher träge herauszufließen scheinen. 20 Minuten später erreichen wir Deqin.

Am Busbahnhof in Deqin warten bereits Mietwagenunternehmer und bieten ihre Dienste an. Wir beeilen uns. First come first served. Das Umsteigen in kleine Mini-Taxis klappt reibungslos und 5 Minuten später sind wir bereits auf dem Weg nach Feilaisi. Die Fahrt dauert maximal eine halbe Stunde. Den Fahrpreis teilen wir uns mit den anderen Fahrgästen, insgesamt 4 Personen samt Gepäck. 6 Yuan pro Person. Das Taxi setzt uns direkt vor dem Hotel ab, welches wir letztlich auch gebucht haben, nachdem wir zuvor zwei weitere aufgesucht und nicht so attraktiv gefunden haben. Wir zahlen für den Standard-Room mit fließend warm und kalt Wasser 130 Yuan. Vor dem Fenster unseres Zimmers im ersten Stock liegt eine breite mit Tischen und Bänken ausgestattete Terrasse, von welcher aus man einen wunderbaren Blick auf den Meili Xue Shan haben muss, wenn er sich zeigt. Feilaisi ist in etwa ein Straßendorf mit hangseitiger Bebauung. 2675 Kommt man von Deqin, so liegen rechter Hand ein halbes Dutzend Hotels an der Hauptstraße. Talseits liegt am Rande einer unbefestigten Freifläche etwas zurückgesetzt jene Reihe von Stupas die auf einigen eindrucksvollen Bildern im World Wide Web zu sehen sind. 2676 Sie bilden regelmäßig den stimmungsvollen Vordergrund für den heiligen Meili Xue Shan, der etwa 8 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Am nördlichen Ende der Stupa-Reihe liegt ein kleines Aussichtstürmchen, das zu besteigen sich nicht wirklich lohnt, da die Sicht auf den Meili Xue Shan an vielen Stellen vom Boden aus gleichgut ist. Im September 2006 waren in Feilaisi weitere Hotels im Bau. Allein Drei Hotelnamen beginnen hier mit „Meili“ was die Hotelsuche nur interessanter macht.



Nach guter Nacht und gutem Frühstück fahren wir mit dem „Minibus-Taxi“ die Hauptstraße in nördlicher Richtung immer an der Bergflanke entlang. In großzügigen Schwüngen führt die Straße durch das Tal des Mekong Rivers flussaufwärts und immer weiter bergab. Wir passieren die Lamzon Bridge. Die ansonsten gut befahrbare, zweispurige Straße weist hinter der Brücke und wenige Kilometer weiter ein paar erhebliche Straßenschäden aus. Rutschungen haben das Straßenbett einfach hinweggewischt. Auf einer einspurigen Schotterpiste werden diese Stellen überquert. Nach etwa 6 - 7 km zweigt linker Hand in einer scharfen Rechtskurve eine asphaltierte, zweispurige, gut befahrbare Straße ab und führt in entgegengesetzte Richtung, also flussabwärts zum Mekong hinunter, den wir nach etwa 5 km hinter einer Flussbiegung erreichen. Wenige Meter vor einer Straßensperre liegt an der Talseite zwischen Straße und Mekong ein kleiner, wunderbarer Wald mit einigen herrlichen, riesigen Bäumen in dem ein kleiner, tibetischer Tempel über eine kunstvoll gestaltete Brücke, die mit etlichen Gebetsmühlen an Stelle eines Geländers versehen ist, zu erreichen ist. Hinter dem kleinen Tempel befindet sich eine weitere mannsgroße Gebetsmühle. Zeit für Muße und ein Gebet. Ein wunderschöner Ort zum Verweilen in dieser mächtigen Landschaft. 2677 Auf einer Tafel sind alle mit dem Auto befahrbaren Strecken gut markiert. Leider ist die Beschriftung nur auf Chinesisch. Zur Hilfe sei gesagt, dass rechts unten, der große weiße Punkt Deqin ist. Bei der Höhenangabe 3.613,6 m liegt Feilaisi, bei 2.040 m geht es über den Mekong. Dann zweigt sich die Straße auf. Nach links (Süden) geht es Richtung Wenquan. Nach rechts(Norden) Richtung Melang und Sainang. Die durchgehenden dicken weißen Linien beschreiben die mit Autos befahrbaren Straßen und Schotterpisten. Am Schlagbaum halten wir an und zahlen 60 Yuan. Gegen einen Aufpreis von 3 Yuan ist eine Unfallversicherung inbegriffen. Sie umfasst den Versicherungsschutz für "Schäden", die man beim Benutzen eines Reitpferdes/Maultieres erleiden kann. Der Schlagbaum öffnet sich und wir überqueren den Mekong auf einer nicht mehr ganz frischen Betonbrücke, die sich in kühnem Schwung an einer günstigen Stelle über den Fluss spannt. Die auf der Karte nicht eingezeichnete Brücke, liegt südwestlich des angegebenen Ortes Bang gleich hinter der Rechtsbiegung des Flusses. Weiter geht die Fahrt flussaufwärts auf einer zweispurigen Schotterpiste, die direkt nach Melang führt. Kurz vor Erreichen des Dorfes wandelt sich die Schotterpiste in eine gut zu befahrende, zweispurige Asphaltstraße. Sie führt durch das Dorf und endet schließlich bei einer Stupa nebst Gebetsmühle, die man mit dem Auto im Uhrzeigersinn umfahren kann. Hier an dieser Schleife liegt auch die Poststation des Ortes, ein auffälliger, robuster Naturstein-Bau. 2678 Den Fahrpreis in Höhe von 200 Yuan teilen wir uns mit den anderen Fahrgästen des Minibusses. Dann verabschieden wir uns voneinander. Entlang der Straße reihen sich zu beiden Seiten ein paar Gebäude, darunter einige Hotels. 2679 Auch wenn keine Außenwerbung zu sehen ist, erkennt man die Hotels immer an ca. 30x 50 cm großen Messingtafeln mit entsprechender Beschriftung, die irgendwo außen am Gebäude angebracht sind. Wir quartieren uns in einem dieser Hotels ein. Das Zimmer etwa 3,5 x 5 Meter groß. Ausgestattet mit sauberen, weiß bezogenen Betten, Schreibtisch, Fernseher, zwei kleinen Sesseln an einem Cocktailtischchen, Wannenbad mit fließend Warm- und Kaltwasser, dem Gletscherbach vor dem großen Fenster im Hinterhof und einem gerahmten Alpenpanorama an der gegenüberliegenden Wand.

Wir wollen zum Mingyong/Melang Gletscher und brechen gegen 11.00 Uhr mit kleinem Gepäck auf. Der Weg führt auf der orografisch rechten Seite des Gebirgsbaches flussaufwärts bis zu einer kleinen, in tibetischem Stil erbauten Steinbrücke. Auf der anderen Seite führt der Weg zu einem kleinen Schalter, an dem man sich ein Lasttier mieten kann. Entweder man reitet selbst oder bindet den Rucksack auf den Rücken des Tieres. Ein paar Dutzend Pferd stehen herum und warten auf ihren Einsatz. 2680 Nach Überqueren dieses Startplatzes für das „Maultier-Trekking“ gelangen wir auf einen ausgetretenen Maultierpfad. Gut 1,5 Meter breit und eigentlich nicht zu verfehlen. Sieht man doch, wo im Gelände Reittiere verschwinden oder auftauchen. Dieser Pfad wird uns ohne Umschweife zu unserem ersten Ziel, dem Taize Tempel bringen. Er führt stetig und mehr oder minder gleichmäßig bergan. Im unteren Wegabschnitt verläuft diese "Mulatiera" in einigen mächtigen Kehren im oberen Abschnitt werden die Serpentinen kleiner und liegen dichter beieinander. Aber immer ist die Steigung moderat und durchgehend auch von den Lasttieren gut zu bewältigen. In etwa 2.950 Metern Höhe gibt es eine schwierige Stelle, die aber bequem zu umgehen ist. 2681 Unterwegs sieht man überall die Hinterlassenschaften der Pilger: Gebetsfahnen, die den Weg säumen. Mani-Steine in allen erdenklichen Größen. Aufgestapelt zu kleinen, bunten Steinhaufen des Glücks. Kleine Steinchen, aufgehängt an bunten Wollfäden. All das in einer großartigen Natur. Ein wunderbarer, scheinbar intakter Waldbestand – nicht abgeholzte Baumriesen. Herrliches grün leuchtendes, bemoostes Unterholz. Einem weichen Teppich gleich, dessen Betreten verboten ist. Nachzulesen auf kleinen, weißen Schildern mit der roten Aufschrift „Passenger No Entry“, die hier und da, weiter hinten im Gelände aufgestellt sind. Im Geäst, besonders des oberen Wegabschnittes hängen massenhaft Bartmoose, leuchten sanft im durchscheinenden Sonnenlicht und wiegen sich leicht im Wind. Märchenhaftes Licht umgibt uns. In etwa 2.700 Meter Höhe zweigt nach Links gut sichtbar ein Weg ab, der zu einem kleinen Tempel unterhalb der Gletscherzunge des Mingyong Gletschers führt. Die schuttbedeckte, graue Gletscherzunge selbst hat sich mittlerweile ein ganzes Stück weit von diesem Tempel zurückgezogen. Auch hier Folge des Klimawandels? Wir lassen diesen Seitenweg aus und wandern weiter bergauf. Gelegentlich werfen wir einen Blick zurück durch das Laub des Waldes auf diesen Tempel, der immer kleiner wird und langsam tief unter uns im Wald verschwindet. Plötzlich stehen wir inmitten eines riesigen, bunten Fahnenmeeres. Der breite Weg gabelt sich, wobei es egal scheint, welchen Schenkel man nimmt. Man umläuft einen riesigen Haufen aufgetürmter weißer Stoffbahnen. 2682 Im Uhrzeigersinn umgehen wir diesen Haufen und gelangen so zum Rastplatz der Lasttiere, die bis hierher zahlende Gäste transportieren. Hier liegt auch der Taize Tempel. 2683 Wir betreten den kleinen Vorplatz, der flankiert von einem Holzbau mit kleiner Veranda in der Sonne liegt. Eine ältere Tibeterin hockt dort und schaut aufmerksam herüber. Ich denke, es ist der Fotoapparat, der sie wachsam werden lässt. Ich lasse ihn baumeln. Ein paar Pferdetreiber, Jungen wie Mädchen hocken auf der Veranda. Zwischen Tempeleinfriedung und dem Holzhaus stoße ich auf einen kleinen Verkaufsstand. Hier bekommt man Wasser, Softdrinks und auch etwas zum Knabbern. Ein paar Stufen führen hinauf zum Tempel. Ich betrete den Eingangsbereich. Links ein Raum – voller Abfall überwiegend leere Pet-Flaschen. Zurückgelassen von durstigen Pilgern und anderen Besuchern. Rechts ebenfalls ein dunkler Raum, in dem eine große Gebetsmühle steht. In der Mittelhalle, die in der Gebäudeachse etwas zurück im Dunklen liegt, kaum erkennbar Gottheiten, umhängt mit Stoffbändern und Fahnen. Meine Augen brauchen einen Augenblick, um alles in seiner Größe und Schönheit erfassen zu können. Wir folgen dem Weg um den Tempel im Uhrzeigersinn. Dabei passieren wir große Mengen gestapelter Mani-Steine unter flatternden Gebetsfahnen. Hinter dem Tempel befindet sich ein kleiner, knapp 1 Meter hoher, aufgerichteter schlanker Fels. Geschmückt mit weißen Stoffbahnen und über und über mit kleinen Münzen beklebt. Davor, auf dem Boden stehend, eine weiße Emailschüssel mit einer Sammlung unterschiedlichster, blassbunter, zerknüllter, zerknitterter und verschlissener Banknoten. Eine weitere kleine Geldnote kommt hinzu. Wenige Meter weiter weist ein kleines Schild in zwei Richtungen. Links zum Gletscher und rechts zum oberen Tempel. Wir nehmen erst einmal den Weg zum Gletscher.
Bereits nach kurzer Wegstrecke gelangen wir zu einer mächtigen Stahlkonstruktion, die auf die Bergflanke aufgesetzt wurde um Massen von Touristen an den Gletscher heranführen zu können. Über unzählige Treppen geht es hinauf bis wir schließlich am obersten Punkt angelangt, auf einer recht geräumigen Aussichts-Plattform landen. 2684 Das schützende Geländer teilweise mit Gebetsfahnen geschmückt, erschließt sich von hier oben ein prächtiger Ausblick auf den unteren und mittleren Abschnitt des weiter oben hinter Kuppen und Biegungen zwischen den Felsen verschwindenden Gletschers. Der Kontrast ist einzigartig. Tief gleitet der Gletscher in seinem Trog ins bewaldete Tal hinab, während die Wälder weit über 3.000 Meter hinauf reichen. Die oberste Plattform liegt laut GPS in einer Höhe von 2.996 m (N 28°27’ 20.3“ / E 098°45’26.5“). Für kurze Zeit ist das Glück auf unserer Seite und der 6.740 m hohe Hauptgipfel wird sichtbar. Auf demselben Weg geht es nach einer Stunde "Genuss-Sehens" wieder zurück zum Taize Tempel. Dort an der Weggabelung (Höhe 2.876 m, N 28°27’25.1“, E 098°45’50,0“) hinter dem Tempel angelangt wechseln wir die Spur und steigen den anderen Ast hinauf. Wir wollen den oberen Tempel erreichen. Meines Wissens auch Lotus Tempel genannt. Es geht durch wunderschönen hochstämmigen Wald mit teilweise uraltem Baumbestand. Mächtige Bäume flankieren den Weg. Atemlos und höchst beeindruckt schauen wir an ihnen empor. Laut Karte liegt dieser Tempel in einer Höhe von 3.480 Meter. So richten wir uns auf gut 2 Stunden Gehzeit ein. Aber bereits nach nicht einmal 60 Wanderminuten erreichen wir in 3.214 Metern Höhe den Lotus Tempel (N 28°27’26,3“, E 098°45’42,1“) 2685. Zwei ältere Frauen, die sich in der Nähe aufhalten, begleiten uns zum Tempel und um ihn herum. Im Tempel kaufe ich ein Bündel Raucherstäbchen entzünde die Stäbchen und sende angenehm duftende Wünsche und Grüße, von allen vier Seiten der kleinen Buddha-Statue in die Welt. Schließlich verbeuge ich mich mehrmals vor ihr und platziere die Räucherstäbchen in einer kleinen, sandgefüllten Opferschale vor der Statue. Dann wandern wir im Uhrzeigersinn außen um den kleinen Tempel herum. Angeführt von den beiden Frauen. Hinter dem Tempel führen sie uns zu einer Stelle, von wo aus wir einen schönen Blick auf den Mingyong/Melang Gletscher werfen können. 2686 Ein steiler Pfad führt von hier aus hinab zum Gletscherrand. Die Zeit ist bereits fortgeschritten. Daher verzichten wir auf den Besuch des Eisrandes. Wir beenden unsere Runde um den Tempel vor dem Haupteingang, verabschieden uns und machen uns auf den Rückweg. Nach wenigen Metern bemerke ich den Verlust meiner Brille. Irgendwo im oder um den Tempel herum muss ich sie abgesetzt und liegengelassen haben. Eine der beiden Frauen eilt mit einer Taschenlampe herbei. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche. Im Tempel: Nichts! Um den Tempel herum: Auch Nichts!! Nach einem Augenblick des Überlegens machen wir uns erneut auf den Weg. Mit Taschenlampe, Gebetskette und Gebetsmühle umrunden wir ein zweites Mal den Tempel, ohne fündig zu werden. Ich versuche mich zu erinnern. Jedoch ohne Erfolg. Und ein drittes Mal zieht unsere kleine Prozession los. Immer im Uhrzeigersinn und immer mit den Augen auf dem Boden. Ich habe die Hoffnung schon aufgegeben, als mein Blick auf ein paar bemooste Steine am Wegesrand fällt. Freudig greife ich nach meiner Brille und strahle meine beiden Helferinnen glücklich an. Sie teilen die Freude uneingeschränkt. Ich danke Buddha, danke den Frauen, verabschiede mich und mache mich eilig an den Rückweg. Mein Wanderfreund ist bereits auf dem Heimweg. Relativ schnell geht es bergab, hinter ihm her, bis ich ihn schließlich eingeholt habe. Dabei leisten meine Wanderstöcke gute Hilfe. Für den ganzen Rückweg vom oberen Lotus-Tempel vorbei am Taize Tempel bis zum Hotel in Melang brauchen wir keine 2 Stunden. Kurz vor Erreichen des Ortes überqueren wir wieder den „Parkplatz der Lasttiere“. Er scheint wie ausgestorben. Keine Lasttiere mehr zu sehen, keine Treiber. Nur die kleine, verlassene, unter einem Felsüberhang liegende Kasse und ein kleines, grünes Hinweisschild erinnern an die Funktion dieses Ortes. 2687

[break= Melang – Xardang]

Wir haben gut geschlafen und verlassen Melang gegen 10.00 Uhr um unser Etappenziel Xardang noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Wie am Vortag geht es die ersten Schritte flussaufwärts. Auf der orografisch rechten Seite des Wildwassers wandern wir an der kleinen, tibetischen Brücke vorbei, die wir Tags zuvor überschritten hatten. Wir lassen sie rechterhand liegen und steigen auf gut sichtbarem Weg auf. Nach einiger Zeit erreichen wir in 2.505 Metern Höhe eine kleine Steinbogenbrücke (N 28°27’38.9“, E 098°46’20.0“) mit rostigem Eisengeländer, die über den Wildbach führt, der vom Mingyong (Melang) Gletscher gespeist wird. 2688 Diese Brücke wird nicht überschritten. Gleichwohl erblickt man von ihr aus das untere Ende des Mingyong/Melang Gletschers. Vielmehr nehmen wir den Weg linkerhand, der fast in die entgegengesetzte Richtung führt, aus der wir gekommen sind. Dieser Weg verläuft über Stunden in etwa 2.495 ± 5 Metern Höhe, ohne Steigungen und Gefälle durch die Bergflanken. Es ist insofern ein bemerkenswerter Weg, als er in meinen Karten nicht verzeichnet ist. Auffallendes Merkmal dieses Weges ist eine fast durchgängige an der Krone ca. 50 – 60 cm breite und im Schnitt vielleicht 50 cm hohe Steinmauer Talseits. Dahinter der gut einen Meter breite, oftmals auch weitere, komfortable Weg, der rechter Hand von Felswänden begrenzt und langsam von jungen Bäumen überwuchert wird. Entlang dieses Weges verläuft eine Leitung, deren Betonmasten man schon vom Tal (Melang) aus sehen kann. Der Einstieg ist ein wenig unübersichtlich. 2689 Aber die Suche nach dem leicht zu findenden Weg lohnt sich allemal. Ist man auf diesem Weg, hat man einen wunderschönen Wandertag vor sich. An einigen Stellen bietet die leicht überhängende Felswand Schutz vor Regen. 2690 Spuren auf dem Boden verraten die Nutzung des Weges durch Einheimische. Aus dem Laubdach des Waldes heraus hat man immer wieder einen wunderbaren Blick auf das Tal und die gegenüberliegende Hänge an denen weiter oben aufgelassene Parzellen langsam im Buschwerk verschwinden. Einzige stete Wiederholung an diesem Wandertag sind die Betonpfähle, die sich entlang dieses Pfades aufreihen und uns dreiviertel des Tages begleiten. Die Vegetation ist faszinierend. Ein Band voller Pfingstrosen entlang des Weges lassen ahnen, was für eine Blütenpracht hier im Frühjahr herrschen muss. Nadelbäume die ich noch nie gesehen habe mit schlanken, grünen, 20 cm großen Zapfen, von denen das Harz nur so tropft. Ein schütterer Thuja Wald mit bizarren, zerzausten Baumkronen. Dann wieder nur einen Meter hohe Bäume mit millimetergroßen dunkelgrünen Blättern in dichtem, knorrigem, uraltem Geäst. Und immer wieder dornige Sträucher, die einem das Wandern erschweren. All das und mehr im steten Wechsel. An wenigen Schlüsselstellen ist der eigentliche Weg durch Rutschungen verloren gegangen. 2691 Eine schmale Spur verrät jedoch, wo man diese schwierigen Stellen queren kann. Hier ist vielleicht ein wenig Trittsicherheit erforderlich. Das schiefrige Gestein ist recht rutschig und bei Nässe sicherlich kein guter Wegbereiter. Ansonsten ein grandioser Weg mit herrlichen, immer wieder wechselnden Aussichten auf das Dorf Melang, umgeben von sattgrünen Anbauflächen. Oberhalb Melangs zeugen alte Flussterrassen vom einstmals viel höher gelegenen Talboden. 2692 Unterhalb des kleinen Ortes säumen Laubbäume die Feldgrenzen. Über den Thuja Wald hinweg blicke ich zurück zum Mingyong/Melang Gletscher, der zwischen dunkelgrünen Berghängen träge zu Tale fließt. Im östlichsten Punkt dieses Weges erreicht man einen kleinen, vierseitigen, aus Felssteinen errichteten Steinturm. Vielleicht 1,50 Meter hoch mit einem stacheligen Haupt aus Grassoden und feinem Wurzelwerk in denen unzählige lange Holzstäbe stecken. An einigen Stecken wehen kleine Gebetsfahnen.2693 Von hier aus kann man das ganze Panorama entlang des Mekongs genießen. Wir erkennen die Straße wieder, auf der wir gestern von Feilaisi nach Norden und dann wieder nach Süden hinab zum Mekong gefahren sind. Unten im Tal, 500 Meter tiefer, gurgelt der rotbraune Mekong. 2602 Ich erkenne den dürren Wanderpfad, der von Faileisi kommend zur Brücke hinunterführt und bei Benutzung dem Wanderer angeblich die „Eintrittsgebühr“ erspart. Sturmzerzauste Baumkronen ducken sich unter einen weiten, wolkenverhangenen Himmel. In einer riesigen Schleife umfließt der Mekong einen von Faileisi kommenden, auslaufenden Bergrücken. 2603 Nördlich des Rückens liegt Bucun/Bang inmitten grüner saftiger Felder, eingekeilt zwischen steilen, kargen Bergwänden und dem wild schäumendem Fluss auf einer alten Flussterrasse. Nach Süden schlängelt sich die Schotterpiste nach Xardang auf unserer Seite den Fluss entlang.

Wir wandern in das nächste Tal. Einer gewaltigen Flussschleife, deren Entstehung die Natur Jahrmillionen gekostet hat. In immer gleichem Abstand zum Fluss umrunden wir das Tal. Etwa 500 Meter vor einer am Horizont auftauchenden kleinen Scharte ein wenig oberhalb unseres Weges verlassen wir diesen. Es geht etwa 30 Meter steil bergan. Dabei schwenkt der Weg aber schon nach wenigen Metern nach links in die vorherige Richtung und führt geradewegs zu dieser Scharte in 2.582 m hinauf (N 28°26’57.1“, E 098°48’48,5“). Auch die „Stromleitung/Telefonleitung“ führt hier durch. Hinter dem Grat folgen wir der unruhigen Wegspur etwa 100 Höhenmeter bergab 2604 und gelangen schließlich zu einem kleinen Grasplatz. Hier treffen gleichzeitig eine in Serpentinen aufsteigende Schotterpiste, aus dem Tal hochkommend, und ein Wanderweg, der waagerecht durch die gegenüberliegende Bergflanke dieses Seitentales verläuft, in 2.482 Metern Höhe auf unseren Wanderweg. 2605 Wir queren den Wildbach (Ougor Lungba) bei N28°26’30.5“, E 098°48’33.6“. ohne nasse Füße zu bekommen und verlassen das Seitental auf dem von der Scharte aus bereits sichtbaren, waagerechten verlaufenden Weg in östliche Richtung. Der Weg verläuft jetzt in einer Höhe von etwa 2.425 m und ähnelt dem bereits beschriebenen vorher begangenen Weg. Wir umrunden die Bergflanke und gelangen so direkt über den kleinen Ort Xardang, der sich auf einer Flussterrasse westlich des Mekongs zu unseren Füßen ausbreitet. 2606 Unser Weg endet an der Einmündung in die wohl 5 Meter breite Schotterpiste von Xardang nach „Hot Springs/Wenquan /Xidang“ in 2.409 Metern (28°26’14.1“ E 098°49’28.8“). Kurz darauf überholt uns ein kleiner, barfüßiger Mann. Auf dem Rücken einen gewaltigen Heuballen. Freundlich lächelnd spricht er uns an und versteht, was wir wollen. Er stellt sich an den Rand der Straße und ruft einige Male hinunter ins Dorf. Schließlich erscheint aus einem der Häuser eine Gestalt mit blauem Kopftuch. Ein zwei kurze Zurufe und schon hebt die Gestalt einladend ihre rechte Hand. Wir sind willkommen. Während wir uns an den Abstieg machen sucht der Bauer seinen Weg in anderer Richtung. Schließlich erreichen wir die Dorfstraße. Nun müssen wir noch den Hof finden, aus dessen Mitte heraus freundlich gewunken wurde.

Der Zugang zu dem Gehöft ist versperrt um herumlaufendes Vieh am ausbrechen zu hindern. Eine kleine, zierliche Frau eilt uns freundlich lächelnd entgegen, nimmt ein, zwei Balken aus der Sperre und heißt uns willkommen. Offensichtlich wird neben der Bauerei auch noch ein kleines Hotel betrieben. 2607 Die Zimmer sind sehr sauber und aufgeräumt. Die Bettwäsche wird erst bei unserer Ankunft in die Zimmer gebracht und aufgezogen. Wir können das Familienbad mitbenutzen. Lediglich für das menschlichste Bedürfnis weist man uns das Maisfeld direkt vor dem Haus zu. Das ist ok. Es gibt kein elektrisches Licht im Zimmer. Dafür reicht man aber gratis Haushaltskerzen herein. Und die erfüllen voll und ganz ihren Zweck. Eine herzhafte Mahlzeit mit köstlichem Reis und Gemüse wärmt zum Abschluss dieses Tages unsere Mägen. Als wir am nächsten Morgen nach einem warmen Frühstück das Quartier verlassen, zahlen wir für alles 40 Yuan pro Person. Wahrlich nicht viel. Statt einer Visitenkarte führt mich unsere Gastgeberin zur Außenwerbung. Sie kann nicht schreiben. Also muss ein Foto helfen.

[break=Xardang – Hot Springs/Wenquan/Xidang - NazonglaPass - Lagerplatz[B]]

Wir verlassen Xardang in Begleitung unserer Gastgeberin und wandern durch kleine Gassen zum oberen Ausgang des Dorfes. Dabei kommen wir an einer kleinen, wunderschön geschmückten, wassergetriebenen Gebetsmühle vorbei. Schnell gewinnen wir an Höhe. Und erreichen schließlich die Straße nach Hot Spring/Wenquan/Xidang. Auf breiter Schotterpiste folgen wir der stetig ansteigenden Straße. 2608 Nicht unbedingt der schönste Weg. Aber er führt sicher zum Ziel. Nach einiger Zeit auf dieser Piste, die wir mit einer Herde Ziegen teilen, verlassen wir in einer Rechtskurve, am Ende einer kleinen Steinmauer die im Außenbogen die Schotterpiste begrenzt, diese Straße und folgen einer Wegspur, die sich nach wenigen Metern hinter einem kleinen Steg aus drei Baumstämmen im Wald verliert. 2609 Ihr folgen wir weiter bergan und es dauert nicht lange, da taucht vor uns eine merkwürdige mit Zinnen bewehrte Mauer zwischen den Blättern des Waldes auf. Davor ein leerer Platz. Oben auf der Mauer erkennen wir ein kleines Holzgebäude. Aber uns ist im ersten Augenblick nicht klar, um was es sich hier handelt. Erst als wir seitwärts weiter hinaufsteigen, erkennen wir, wo wir gelandet sind. Wir haben Hot Springs/Wenquan in 2.591 m Höhe erreicht
(N 28°25’30.8“, E 098°48’45.9“). Wie dieser Ort genau heißt, war auch auf intensives Nachfragen nicht eindeutig zu klären. Niemand hier konnte was mit der Bezeichnung Hot Springs anfangen. Stattdessen wurde immer wieder auf Wenquan als Name verwiesen. Die zinnenbewehrte Mauer entpuppt sich als Stützwand eines leeren Autoparkplatzes. Oberhalb dieses Parkplatzes befindet sich ein weiterer Gebäudekomplex, der aus mehreren Gebäuden besteht, die sich an drei Seiten um einen von Autos bestandenen Hof scharen, der zum Tal hin offen ist. Ein wenig abseits, nahe der öffentlichen aber nicht zu empfehlenden Toilette liegt der Platz, an dem man Reit- oder Packtiere für den Aufstieg zum Nazongla Pass mieten kann. Ein grünes Hinweisschild mit weist darauf hin, mit einer stilisierten Hand, die einen Yuan-Geldschein hält und einem Pferd und Reiter. Über diesen Startplatz hinweg gelangen wir auf den etwas höher gelegenen Innenhof. Linker Hand liegen ein kleiner Verkaufsstand, ein Raum mit niedrigen Bänken und Tischen – wohl die Gaststätte und eine dunkle Küche, in welcher sich mehrere freilaufende Hühner tummeln.2610 Daneben befindet sich noch ein aus brüchigen Dachwellbahnen zusammengehauenes Gebäude. Auf der anderen Seite des Hofes liegt ein von außen recht hübsch anzusehendes zweigeschossiges Gebäude. In ihm befinden sich etliche Mehrbettzimmer, die man mieten kann. 2611

Gegenüber der Talseite und oberhalb einer dort verlaufenden Mauer aus Felssteinen liegen in einer Reihe fünf kleine Gebäude mit flachen Satteldächern. Diese gleichen Gebäude beherbergen jeweils einen kleinen Übernachtungsraum und immer ein kleines Bad. Ihr Zustand ist für unsere Verhältnisse wohl nur als bescheiden zu bezeichnen. 2612 2613 2614 2615 Über Kosten dieser Quartiere konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Sie dürften aber nicht all zu teuer sein.

An der Außenwand des Verkaufsstands ist eine große, weiße Tafel angebracht, auf der die Mietpreise für die einzelnen angebotenen Wege/Etappen pro Tier und Treiber ausgewiesen sind. 2616 Wir mieten uns ein Packtier, verstauen unsere Rucksäcke und machen uns auf zum Nazongla Pass. Auf gut sichtbarem Weg geht es bergan. Ein Treiber begleitet uns und führt gelegentlich das Tier am Zügel. Die meist Zeit jedoch werden die Zügel unter das Tragegeschirr geklemmt während das Tier in gemütlichem Tempo bergauf geht. Laubwald wechselt mit Nadelwald. Hochwald mit niedrigem. Gelegentlich kommen uns ganze Maultierkarawanen entgegen. Überwiegend mit Gästen aus dem asiatischen Raum beladen. Europäer treffen wir kaum. Nach einem Drittel der Wegstrecke erreichen wir einen kleinen Platz mit einem Gebäude, Eine bunte Werbetafel grüßt in großen Lettern und verrät uns den Namen dieses angenehmen Ortes. Wir haben das Easy Teahouse erreicht. 2617 Und in der Tat. Der Tee schmeckt ausgezeichnet. Wir kaufen uns eine Nudelsuppenterrine, die hier überall angeboten wird. Man kann Coca Cola, Zitronensprudel aber auch Wasser kaufen. An warmen Getränken gibt es Tee, Kaffee oder auch Yak-Butter-Tee. Unter einem überdachten Bereich nehmen wir Platz und lassen es uns gut schmecken. Das Pferd wird von seiner Traglast befreit, bekommt einen Futtersack umgehängt und darf sich ausruhen. Zwischen den umstehenden Bäumen entdecken wir weitere Hinweistafel für Quartiere in dieser Region:

The Yupungfirst HKME Meili Guest House Dhundup Gyantso mit den Telefonnummern 013988702432 und 08879411081 sowie

Mystic Waterfall Hotel Add: Yubeng Down Village Tel. 0887-8411082 Contact Aqingbu.

Nach etwa 45 Minuten geht es dann weiter. Geduldig lässt sich das Packtier die Rucksäcke wieder auf den Rücken schnallen. Freundlich verabschiedet uns der Mann in seinem kleinen Verkaufsstand. 2618 Wir wandern weiter. Ein Bauer kommt uns mit seinem Rindviech entgegen und unser Treiber führt zur Vorsicht das Packtier an die Hand. Er kennt es und weiß, dass es nicht gut auf Rindviecher zu sprechen ist. Turmhoch ragen die Bäume am Wegesrand in den blauen Himmel. Mächtige Stämme flankieren die Mulatiera, die bestens zu begehen ist. Natürlich wird solch ein Weg schwierig, wenn es regnet. Aber Verlaufen kann man sich auf diesem Weg nicht. An wenigen Stellen steht das Wasser in der Spur des von unzähligen Pferdehufen in seiner ganzen Breite aufgeweichten Weges. 2619 Diese Stellen kann man umgehen ohne in Gefahr zu geraten. Über den größten Teil der Strecke verläuft der Weg unter einem Blätterdach das einen guten Schutz gegen zu viel Sonne bietet. Der Wald selbst scheint unberührt. Im Unterholz liegen umgestürzte Baumriesen. Teilweise schon vergangen und von wunderbaren leuchtendgrünen Moosteppichen überzogen. In den licht durchfluteten Baumkronen hängen Bartmoose von den Ästen herab. 2620 Birken wechseln ständig mit anderen mir unbekannten Baumarten. Nach weiteren ca. 250 Höhenmetern erreichen wir unseren zweiten Rastpunkt. Der Weg führt zwischen ein paar einfachen Behausungen hindurch. Rotblaugestreifte Planen schützen gegen Wind und Regen. Durch das holzgedeckte Dach der Hütten dringt Rauch. Der Gastwirt bietet an seinem Verkaufsstand die gleiche schon bekannte Palette an. Diverse alkoholfreie Getränke. Ich entdecke aber auch etwas Alkohol. Des Weiteren kleine runde Käse, einige Kekssorten, Äpfel und sogar Zigaretten. Hinter dem Verkaufstresen wird im Butterfass Yakmilch gestampft. Auf einem offenen Feuer wird anschließend der Yak-Butter-Tee zubereitet. Rußgeschwärzte Töpfe und Kannen sind neben dem Feuer abgestellt. Daneben eine Bettstelle, deren vier Beine aus Felsblöcken bestehen, die ein einfaches Holzgestell mit einer dünnen Matratze tragen. Neben dem Verkaufsstand kann man in dem überdachten Bereich Platz nehmen, ausruhen und wenn man will, etwas Nahrung zu sich nehmen. Draußen ziehen derweil schwer bepackte Lasttiere in beide Richtungen vorbei und bringen Matratzen und Sperrholz zu ihrem Bestimmungsort. Auch an diesem Stopp grüßt eine bunte Leuchtreklame die Gäste und weist auf das „Ba Yiga Guest House“ hin. 2621 Nach kurzer Rast verlassen wir diesen Ort. Es ist nicht mehr all zu weit bis zum Nazongla Pass. Und ich bin schon voller Erwartung. Von den Birkenbäumen hängt die rotbraune Rinde in dicken Fetzen herab. Moosteppiche bedecken tote Wälder. Mitunter kann man nur noch ahnen, was an Totholz hier im Untergrund liegt. Baumpilze sprießen an vielen Stellen aus den vergehenden, umherliegenden Baumstämmen. 2622 Und gelegentlich wischt man sich einen Bartmoosfaden aus dem Gesicht. Eine zauberhafte Welt. Weiter oben werden die Baumstämme immer dünner. Immer mehr Flechten siedeln auf den Baumstämmen. Immer mehr Bartmoose hängen herab. Und immer niedriger wird der Wald. Plötzlich kommen erste Gebetsfahnen entlang des Weges in Sicht. Schnell ändert sich jetzt das Bild und bereits zwei Minuten später säumen Tausende dieser pastellfarbenen, teilweise schon verblichenen Fähnchen den ca. 2 Meter breiten Weg. 2623 Ein buntes, im Wind zappelndes Gewirr aus vielen mit guten Wünschen beschrifteten Fähnchen in einem moosgrünen Wald. Noch einmal umgehen wir ein Schlammloch, in dem sich hunderte von Trittsiegeln der Lasttiere und Treiber verewigt haben. Nachdem wir dieses Fahnenmeer durchschwommen haben erreichen wir den Sattel, den Nazongla Pass und dahinter eine kleine Freifläche, die als Ruhefläche den Lasttieren dient. 2624 Rechter Hand liegen zwei Hütten. In beiden sind Verkaufsstände mit den bereits beschriebenen Sortimenten untergebracht. Beide haben überdachte Bereiche, wo man sich setzen und ausruhen kann. Wem kalt ist, der setzt sich ans offene Feuer. Vor den Hütten ein paar Balken, die als Sitzflächen dienen. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf die weißen Perlen des Meili Xue Shan: Die herrliche Pyramide des Miancimu/Maicomo (6.054 m), 2625 die schroffen Felsenmauern vom mehrgipfeligen Buddhas Head/Gyalwarignga (5.470 m), den wuchtigen Xaiunang Peak (6.000 m) von dem aus ein weicher weit nach Norden auslaufender Schneesattel zum Hauptgipfel, dem Kawa Garbo/Kawa Karpo/Kawa Gebo (6.470 m) führt. Unterhalb dieser Gipfel hängen mächtige Gletscher bis weit unterhalb der Baumgrenze in die Täler herab. Eine Besonderheit am Nazongla Pass nehme ich schmunzelnd zur Kenntnis: Billardtische. Wer Lust hat auf eine Partie, kann gegen die Treiber antreten. Ein Tisch steht gänzlich im Freien, der andere in „Hinterzimmer“ der unteren bewirtschafteten Hütte. Lasttiere dösen vor sich hin. Gelegentlich ein Schrei und für einen Augenblick hektische Betriebsamkeit bei den Treibern weil ein Tier wieder einmal versucht, sich auf den Boden zu wälzen, obwohl es noch das Lastgeschirr mit oder ohne Traglast aufgeschnallt hat. Dann eilt der jeweilige Treiber zu dem Tier um es wieder auf die Beine zu stellen. Natürlich fehlt auch hier die obligatorische Außenwerbung nicht. Zwischen den beiden Hütten ist eine große, recht neue Tafel aufgestellt, auf der die Preise für die Mietung der Lasttiere für die einzelnen Routen angegeben sind. 2626 Der Nazongla Pass scheint eine Art Drehscheibe zu sein, auf welcher sich mehrere Pfade kreuzen. Entsprechend viel ist hier los. Ein dauerndes Kommen und Gehen. Packtiere werden entladen, beladen oder ziehen ruhigen Schrittes vorbei. Gäste kommen, ruhen sich aus und ziehen weiter. Gelegentlich kommt es zu einem Small Talk. Jeder interessiert sich für jeden. Eine bunte Mischung aus Einheimischen und asiatischen und vereinzelten europäischen Touristen.

Nachdem wir uns am Verkaufsstand mit ausreichend Wasser eingedeckt haben, schnallen wir uns die Rucksäcke auf und marschieren in westliche Richtung. Auf der von uns verwendeten Karte haben wir eine feine, rot gestrichelte Linie entdeckt, die in etwa dem Verlauf des Berggrates folgt. Diesen Weg suchen wir. Es ist nicht schwer, ihn zu finden. Man folgt im Grunde dem aufwärts strebenden Bergrücken und hält sich dabei links des Grates. 2627 Der Weg führt anfangs, nachdem wir unter und zwischen wehenden Fahnengirlanden hindurch die Richtung gen Westen eingeschlagen haben, über eine kleine kurzgrasige Wiese. Ein paar Reste aufgelassener Feuerstellen verraten, dass hier gelegentlich Zelte aufgeschlagen werden. 2628 Wir überqueren diese Wiese und tauchen in den Bergwald ein. Am Boden immer wieder unbekannte Pflanzen. Der niedrige Wald, verhangen mit Bartmoosen, die im lieblichen Kontrast zum grellen Licht stehen, welches das dichte Blätterdach des Waldes an vielen Stellen durchdringt. Unser Weg schlängelt sich sanft die Bergflanke hinauf. Liebevoll umschlossen von einem Märchenwald, wie er schöner nicht sein kann verliert er sich immer wieder im Grün des Waldes. 2629 Unzählige Menschen und Tiere haben lange vor uns mit ihren Füßen diese Trasse durch den Wald getrampelt. Auch auf ihr kann man sich eigentlich nicht verirren. Wir bleiben auf diesem Weg. Bringt er uns doch in die gewünschte Richtung. Das Unterholz versperrt den Blick nach vorne. Es ist still hier oben. Vereinzelt dringen Vogellaute an unser Ohr. Unbekannte Melodien, wie wir sie nie zuvor gehört haben. Was mögen das für Vögel sein. Gelegentlich öffnet sich der dichte Wald seitwärts und gibt an diesem späten Nachmittag den Blick auf den Miancimu und Buddhas Head, 2630 auf Xaiunang 2631 und die von ihm zum Kawagarbo verlaufende, im Dunkeln leuchtende Ridge frei. Ein wunderschöner Anblick auch wenn die Sonne bereits hinter dem Meili Xue Shan versinkt. Wir schicken uns an, einen geeigneten Rastplatz zu finden. Und haben Glück. Zwischen den niedrigen Baumkronen entdecken wir gleich neben dem Weg eine kleine ebene Stelle. Geradezu ideal für unser kleines Zelt. Schnell ist unsere Lagerstatt aufgebaut und eingerichtet. Zwei Jahrzehnte stecken in dieser Routine. Und immer noch erledige ich sie mit großer Freude. Das Essen wird bereitet und wärmt von Innen, während die Kälte bereits an den Händen zwackt. Kauend genießen wir von einem kleinen, vorgelagerten und baumfreien Erdwall aus die Aussicht auf die grandiose Landschaft, die langsam im Dunkel versinkt. Letzte Sonnenstrahlen einer längst hinter den Bergen untergegangenen Sonne mühen sich vergeblich hinab ins Tal. Und plötzlich, als hätte jemand den Lichtschalter umgelegt geht auch dieses Restlicht aus. Sprachlos stehen wir da. Müde und nachdenklich gehen wir hinüber zu unserem Zelt: wie wundersam ist doch die Welt. In der Behaglichkeit des Schlafsacks fallen wir beide schon bald in einen tiefen Schlaf.

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Bereits vor Sonnenaufgang bin ich aus dem Zelt. Die Götter meinen gut mit uns. Keine Wolke am schwarzblauen Himmel. Dafür leuchtet die schneeweiße Pyramide des Miancimu im Morgenlicht. Es ist eiskalt. Über Nacht sind die Temperaturen auf unter 0° C gefallen und so legen wir uns unsere Schlafsäcke über die Schultern und wandern in unserem Hightech. Federkleid zur kleinen Aussichtsplattform. Auf einem kleinen Stein lassen wir uns nieder und genießen den anbrechenden Morgen. Immer heller glühen die gegenüberliegenden Bergspitzen auf. Unten im Tal bilden sich blassgraue Federwolken, steigen langsam auf und verschwinden lautlos im Nichts des dunkelblauen Morgens. Das Tal liegt noch im Dunkel, während sich die Sonne anschickt, den Tag zu erobern. Wie ein Paukenschlag erstrahlt plötzlich der Kawagarbo im grellen Morgenlicht. Weiß leuchtend seine Bergspitze, darunter zartrosa seine mächtige Südostflanke. Noch schöner der Miancimu, dessen schneebedeckter Gipfel in fließenden Farben von Grell bis Pastell über dem Tale thront. Eine imaginäre waagerechte Grenze trennt für Augenblicke den gesamten im hellsten Sonnenlicht liegenden Gipfelaufbau des Meili Xue Shan von seiner gewaltigen, noch im Dunkel liegenden felsigen Basis, die bis in die dicht bewaldeten Täler hinabreicht. Unaufhörlich kriecht die Sonne weiter ins Tal. Wir sind ungeduldig. Wohl wissend, dass die Sonne auch Wärme bringt, erwarten wir ihre Ankunft in unserem Lager. Ein bisschen Bewegung tut gut und so bereiten wir schon einmal unsere heutige Wanderung vor. Erst einmal ein warmes Frühstück. Anschließend Abbau des Zeltes. Bestimmung des Ortes per GPS. Verstauen der Rucksäcke an einem sicheren Ort. Mit leichtem Gepäck geht es los. Der Weg gibt die Richtung an. Harmonisch schlängelt er sich durch den Zauberwald. Lichtreflexe tauchen ihn in ein ganz besonderes Licht. An manchen Stellen hängen federleichte, im Sonnenlicht gelbgrün leuchtende Bartmoose in dichten Girlanden von den dürren Ästen bis fast auf den Waldboden herab. 2632 Der Weg gibt uns die Möglichkeit, ohne der wundervollen Natur zu schaden, durch diesen Wald zu laufen. Der Waldboden, ein Patchwork aus braunem Laub und Moospolstern. Die Bäume, dürr, Moos- und Flechten bewachsen, dicht an dicht stehend und keine 10 Meter hoch. 2633 Dazwischen Sträucher mit kleinen Früchten, die verlockend im Morgenlicht leuchten. Die Blätter der Bäume ledrig, noch dunkelgrün. Aber der Herbst kündigt sich schon in Goldgelben Farben an. Wolken ziehen über das Tal. Hinterlassen eindrucksvoll ihre dunkle Vergänglichkeit im Tal. Der Weg über und über mit Laub bedeckt. Gedämpfte Schritte auf weichem Untergrund. Plötzlich öffnet sich der Wald und gibt eine Wiese frei. Die Gräser, nur wenige Zentimeter hoch. Das ganze durchsetzt von Tausenden von blau blühenden Enzianen. 2634 Der gegenüberliegende Waldesrand eine kleine „Avenue of the Giants“. Unzählige uralte Nadelbäume recken ihre schütteren Häupter in den blassblauen Himmel. So große Bäume hätte ich hier oben nie vermutet. Immerhin sind wir her in etwa 4.000 Metern Höhe. Eine Hütte am Hang. Und ein wenig weiter an einer nassen Stelle der Wiese ein grasendes Rind. 2635 Ferdinand der Stier lässt grüßen. Wir beäugen uns gegenseitig. In sicherem Abstand laufen wir am Waldesrand an diesem Tier vorbei. Und wieder nimmt der Wald uns auf. Der Weg schlängelt sich um Nassstellen herum. Zwischen uralte Bäume hindurch. Überall umgestürzte Stämme, die den Weg nicht mehr versperren. 2636 Hat doch ein Unbekannter kleine Segmente aus dem Holz geschnitten, damit Mensch und Tier ungehindert passieren können. Kreuz- und quer verläuft die Wegspur durch diesen Teil des Waldes. Mächtige, am Boden liegende und vom Moos sanft überwachsene Baumstämme stehen im Kontrast zum neuen, noch jungen aufstrebenden Wald. Ich entdecke Beeren und nimm mir Zeit ein paar von diesen aromatischen Früchten zu kosten. Moltebeeren? – Vielleicht. Aber die Blätter sehen anders aus. Diese hier sind winzig kaum größer als die Beeren selbst. Immer in der Spur bleiben, die sich an mächtigen Nadelbäumen vorbei unaufhörlich durch das Totholz windet. Plötzlich stehen wir an einer steilen, grasbewachsenen Bergflanke. 2637 Wollen wir unseren Weg fortsetzen, müssen wir da hinauf, da sich die Spur, in der wir uns seit einiger Zeit befinden langsam zu Tale senkt. Oben, unter dem Grat eine abgestorbene Baumgruppe. Dahinter unser grasbewachsenes Etappenziel. Im weglosen Gelände steigen wir auf. Den Blick auf den Boden vor unseren Füßen gerichtet gibt es unzählige Blumen zu entdecken. Wie kurz muss hier oben die Vegetationsperiode sein. Immer wieder halte ich die Luft an, lege mich auf den kalten Boden und versuche, die Hand ruhig zu halten. Höher und höher steigen wir auf. In diesem Abschnitt haben wir die Wegspur verloren. Aber wir sind sicher, sie oben auf dem Grat wieder aufnehmen zu können. Auf einem kurzen Sattel unter uns entdecken wir eine weitere Hütte, die uns bisher entgangen war. 2638 Tief unten das dunkelgrüne, dicht bewaldete Tal. Mittendrin Lower Yubeng umgeben von landwirtschaftlich genutzten Flächen. Aufwärts blickend weiße, schäumende Gletscherbäche, die das Tal zittrig durcheilen. 20 Minuten später haben wir den Grat erreicht. Und auch die Wegspur zeichnet sich hier oben deutlich am Untergrund. Weiter geht es bergauf. Links und recht begleitet von kaum 1 Meter hohen Rhododendren mit knorrigen Stämmen und vom Winde zerzaustem, verkrüppeltem Geäst. 2639 Nur noch vereinzelt erheben sich Nadelbäume wenige Meter in den Himmel. Auf einem Grat entdecken wir die letzten Bäume in dieser Höhe. 2640 Wir sind jetzt bei über 4.000 Meter angelangt. Bei etwa 4.250 Metern ist auch mit Bäumen und Sträuchern endgültig vorbei. Wir haben die Waldgrenze, nicht aber die Vegetationsgrenze erreicht. Die letzten 250 Höhenmeter geht es auf dem grasbewachsenen Rücken bergauf. Wolken ziehen auf und hüllen die ersehnten Gipfel mehr und mehr ein. 2641 Blaue Schatten liegen über dem Tal. Schwarze, spitze Felszacken stehen im Kontrast zu den schneeweißen Gipfeln, die immer wieder durch die zerrissene Wolkendecke zu sehen sind. Zwischen den letzten Rhododendren entdecke ich dodger-blaue Beeren. In der Ferne schwarze und graue Felsenmauern und Türme. Schuttablagerungen, die von vergangenen Gletschern zeugen. Schließlich erreichen wir eine sanfte Graskuppe, nach allen Seiten abfallend, die uns einen atemberaubenden Blick auf die Gletscherwelt unterhalb des Kawagarbo gewährt. 2642 Ein dürrer Stock an ihrer höchsten Stelle in den Boden gerammt markiert unseren Umkehrpunkt (Höhe 4.501 m, N 28°24’56.2“, E 098°46’21.9“). Hier rasten wir und genießen wieder in vollen Zügen die Bergwelt. Es ist bereits 15.00 Uhr. Ein Weitergehen Richtung Gletscher ist zwar möglich. Die Wegspur entlang des Grates ist deutlich zu erkennen. Die Verlockung, weiterzugehen, ist riesengroß. Wir entschließen uns jedoch zur Umkehr, da wir unsere gesamte Ausrüstung zurückgelassen haben. Hier möchte ich ein weiteres Mal herkommen. Und dann so weit es geht an die Eiswelt heranrücken. Während die Südflanke des Bergrückens, auf dem wir wandern, hier oben eine baumlose, braune schiefe Ebene ist, kriechen in der zergliederten Nordflanke die Büsche bis fast an den Grat heran. Ungehindert schweift der Blick nach Norden, Osten und Süden über das blaue Land. Irgendwo dort unten liegt der Mekong in seinem Bett. Die aufgelassenen Felder an dem bewirtschafteten Südhang oberhalb Melangs sind zu sehen. Genauso wie die Straße von Feilaisi nach Norden und hinunter zum Fluss als auch der zarte Fußpfad hinunter zur Brücke über den Mekong. Im fernen Osten grüßen schneebedeckte Berge. Im Südwesten der Miancimu, umspielt von mächtigen Kumuluswolken. 2643 Ein blauweißer, weicher Flickenteppich auf schwarzem Grund. Daneben Buddhas Head. Wild aufragende, im Gipfelaufbau grob zerklüftete, schneefreie Felsenmauern. An deren Basis diverse Gletscher. Ihre gewaltigen Zungen haben den darunter liegenden Fels glattgeleckt. Zurückgezogen hängen sie hoch über dem Tal. 2644 Nugser, Xaiunang und weitere namenlose Gletscher fließen von den steilen Bergflanken herab. Was für ein Schauspiel. Schwer fällt der Abschied. Aber die Zeit drängt.

Bergab geht es leichter. Wir nehmen denselben Weg. Und bereits nach kurzer Zeit haben wir den mühsam hinter uns gelassenen Waldrand wieder erreicht. Weitere 200 Meter tiefer tauchen wir immer noch auf dem Grat entlanggehend wieder ein in diesen wunderbaren hochstämmigen Wald. Der Weg verläuft abwärts durch die steile Bergflanke. Der Blick verliert sich im dichten Wald. Wir erreichen eine Abzweigung, die wir beim Aufstieg übersehen hatten (Höhe 4.066 m, N28°24’45,6“, E098°47’17,3“) und wechseln auf den abwärts, in östliche Richtung führenden Abschnitt. Und weiter geht’s. Der Wald wird lieblicher. An manchen Stellen erreichen die Bäume gerade einmal 2 m Höhe. Es ist eher dichtes Buschwerk, gelegentlich abgelöst wird von einem Jungwald. 2645 Und auf dem letzten Stück bis zu unserem gestrigen Lagerplatz gleißt der Wald, in allen erdenklichen Grün und Brauntönen im späten Gegenlicht des Tages. Mit zusammengekniffenen Augen betrachten wir dieses Spiel aus Licht und Farben. Schließlich haben wir unseren Lageplatz wieder erreicht. 2646 Schnell sind die Rucksäcke herbeigeschafft und das Zelt wieder aufgebaut. Während mein Wanderfreund müde an seinem Rucksack lehnt und von der recht anstrengenden Wanderung ausruht, mache ich mich auf den Weg zum Nazongla Pass. Unser Vorrat an Trinkwasser ist aufgebraucht. Weitere 40 Minuten geht es leicht bergab. Freundlich werde ich am Nazongla Pass von Einheimischen begrüßt. Und auch das Wasser ist heute 1 Yuan billiger als noch vor zwei Tagen. Ich verschnaufe erst einmal, genehmige mir eine Flasche Wasser (5 Yuan) und mehrere hartgekochte Eier (1 Yuan/Stck.) sowie etwas Yak-Butter-Tee. Dann schultere ich meinen Tagesrucksack, gut gefüllt mit Trinkwasser, Eiern und zwei Rollen Keksen (2 Yuan/Stck.) Eine davon bereits von Mäusen angeknabbert. Nach gut 2 Stunden bin ich zurück. Das Wasser wird schon sehnsüchtig erwartet. In der Dämmerung des Tages bereiten wir das Abendessen und genießen es bei grandioser Aussicht auf die Berge. Wolkentürme, von hinten beschienen ragen über die Gipfel hinaus. Ihre Ränder hell aufleuchtend im untergegangenen Sonnenlicht. Die Bergflanken im dunklen Schatten, das Tal bereits im Dunkel der hereinbrechenden Nacht.





Der nächste Morgen. Kein Wölkchen trübt den Himmel als wir noch vor Sonnenaufgang schlaftrunken zum Rande unserer kleinen Aussichtsplattform eilen. Den Schlafsack um den Leib gewickelt genießen wir die Geburt des Tages. 2647 Zählen die Minuten und die Meter, der immer kürzer werdenden Schatten in den gegenüberliegenden Tälern. Blicken uns um in Erwartung der ersten wärmenden Sonnenstrahlen, die noch unerreichbar hoch über uns hinweg zu Tale streichen. So schlürfen wir unseren heißen Morgentee an unserem eiskalten im Schatten liegenden Lagerplatz. Es braucht eine Zeit, bis die Zelte abgebaut, die Rucksäcke gepackt und wir abmarschbereit sind. Die Sonne hat mittlerweile unseren Lagerplatz erreicht. Schnell steigt das Thermometer auf über 10° C. Der Meili Xue Shan liegt jetzt im gleißenden Morgenlicht. Wir treten den Rückweg an. Genießen noch einmal den herrlichen, kaum berührten zotteligen Bergwald. 2648 Nach gut einer Stunde Marsche künden erste größere Bäume mit weit ausladenden, lichtdurchfluteten Kronen vom Erreichen des in strahlender Sonne liegenden Nazongla Passes. Wir tauchen ein in das bunte Fahnenmeer, in welchem der Pass liegt. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Schwer bepackte Maultiere mühen sich in gleichmäßigen Schritt an uns vorbei über den Pass. Dabei wird alles transportiert: Touristen, Sperrholzplatten, Matratzen, Lebensmittel usw. Freundlich begegnen uns die Menschen hier oben am Pass. Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin. Ist es nicht gefährlich im Wald? Hier soll es doch wilde Tiere geben? So lauten einige von Touristen gestellten Fragen. Genug Gesprächsstoff um zwischen Tee und Frühstücksei keine Langeweile aufkommen zu lassen. Von Einheimischen kommt gar ein Lob: Dass wir ohne Lasttier den beschwerlichen Weg vom Pass nach Westen aufgenommen haben. Der „Gastwirt“ errichtet gerade gegenüber seinem Verkaufsstand eine neue Aussichtsplattform für seine Gäste. 2649 Mit der Axt werden die kurzen Baumstämme fachgerecht von der Borke befreit. Keine Kettensäge, kein Motorlärm. Hin und wieder ein kurzer Schrei, wenn wieder einmal ein Lasttier versucht, sich mit Tragegeschirr im Staub zu wälzen. Ansonsten eine gelöste, freundliche Atmosphäre. Der Ausblick auf die südöstliche Flanke des Kawagarbo überwältigend. Wir machen uns auf ins Tal. Wir wollen heute Yubeng erreichen. Direkt am Pass ist der Weg mehrere Meter breit, tief ausgelatscht und Fahnenverhangen. Nach wenigen Metern folgt eine tiefe Erosionsrinne dem Verlauf des Weges durch den niedrigen Wald. 2650 Letzte Fahnenreihen im grün gelben Laub grüßen in weißblau die in Sichtweite kommenden Gipfel des Miancimu und Buddhas Head, bevor der Weg hinter einer Biegung im Wald verschwindet. Ein Stück weiter passieren wir ein Felsstück, dessen Wand an einer Stelle mit Devotionalien behängt ist und dessen Überhang bei Schlechtwetter spärlichen Schutz bieten würde. Tücher, Kettchen, Papierschnipsel, kleine Steinchen an Bindfäden aufgereiht. Dann öffnet sich das Tal und gibt den Blick frei auf das Kerbtal Tal unterhalb Buddhas Head an dessen tiefsten Grunde Lower Yubeng liegt. Ein paar Wölkchen ziehen vorbei. Zu wenig, um den Blick zu trüben. Wir steigen weiter bergab. Der Wald ändert sich. Hochstämmig, knorrig, mit herrlichen ausladenden Baumkronen. Schatten nimmt uns auf. Der alte Weg führt gleichmäßig bergab. Breit genug, um lässig vierbeinigen Gegenverkehr passieren zu lassen. 2651 Nur vereinzelt treffen wir auf Wanderer, die zum Pass hinaufwollen. Und immer die gleichen Fragen: Ist es noch weit? Ist es schwer? Erste hölzerne Hinweisschilder an Bäumen - ich kann kein chinesisch. Weiter geht’s durch den grünen Tunnel. Sonnenlicht bricht durch die grünen Wände und fällt in Tausend Stücken auf den Waldboden. Unser Weg: ein stetiger Wechsel von Hell und Dunkel. Sanft schwingen Bartmoose über unseren Köpfen im Wind. Zarte grüne Schleier, die dem Wald etwas Mystisches, Geheimnisvolles geben. Dir Rinde der Bäume flirrt im Sonnenlicht. Eine Karawane mit Lasttieren kündigt sich klingelnd an, eilt an uns vorbei und ist kurz darauf bereits hinter der nächsten Biegung verschwunden. Stille liegt über dem Tal. Gelegentlich treffen wir auf Baumstümpfe abgesägter Bäume. Stets auf der Talseite. Wohl um den Blick auf die grandiose Bergwelt nicht zu behindern. Weitere Holzschilder tauchen auf. Ihre Schriftzeichen sagen uns nichts. Dann öffnet sich der Blick auf das Tal hinter Upper Yubeng. Ich bin ganz hingerissen, halte inne und sauge diesen Augenblick tief in mich ein. Die Kuppe, auf welcher wir den Gipfeln gestern so nah waren, taucht in der Ferne auf. 2652 Davor bewaldete Berghänge. Dahinter Eis und Schneewelten. Einen besonders steilen Abschnitt können wir über einen Parallelweg, der in zwei drei Serpentinen vorbeiführt, umgehen. Geschälte Baumstämme liegen verdächtig labil am Wegesrand. Ausgerechnet an der steilsten Stelle des Weges. 2653 Endlich taucht Upper Yubeng auf. Vielleicht ein Dutzend Häuser. Und auch Lower Yubeng, umgeben von sattgrünen Terrassen wird sichtbar. Alles scheint greifbar nah. Und doch werden wir noch eine Weile wandern müssen, um Lower Yubeng zu erreichen. Wir durchqueren eine Herberge, die über den Weg hinweg errichtet wurde.2654 Und gleich werden wir empfangen. Man bietet uns Quartier. Wir aber wollen uns noch nicht festlegen. Erst einmal wollen wir nach Upper Yubeng. Vielleicht können wir dort Quartier beziehen. Wir passieren einen staubigen Platz, der wohl für Basketballspiele genutzt wird. Neben dem Basketballkorb flattert die chinesische Fahne im Wind. Unter einem einfachen, aus dicken Stämmen zusammengefügten, gras bewachsenen Dach dösen Maultier und Schweine. Während mein Freund hinter der nächsten Hausecke verschwindet um ein Quartier in einem typischen Bauernhaus zu erkunden betrete ich den Schulhof der kleinen Schule von Yubeng. Kinder tollen im Hof herum. 2655 Die Klassenräume sind winzig. Eine große Weltkarte an der weißgetünchten Steinwand. Vor der anderen die große schwarze Wandtafel. Im Raum nur fünf einfache, hölzerne Schulbänke. Ein wenig Licht dringt durch das kleine Fenster in den Klassenraum und taucht ihn in ein Dämmerlicht. Selbst bei geöffneter Tür wird es nur geringfügig heller. Zwei Leuchtstoffröhren hängen an der Decke. Der andere Raum ein wenig größer. Das Ofenrohr des vor den Klassenzimmern stehenden Kanonenofens führt in etwa 1,5 Metern Höhe diagonal durch den Klassenraum und verlässt diesen durch ein Fenster an der Rückseite des Raumes. Über dem Eingang zum größeren Klassenzimmer hängt zur Begrüßung eine kleine Schiefertafel mit der Aufschrift Yu Beng Ka wa ge bo primary school. Ich unterhalte mich mit der Lehrerin auf Englisch. Sie erlaubt ein paar Aufnahmen. Mittlerweile ist mein Freund zurückgekehrt. Wir erhalten noch einen Tipp, welches Hotel im Ort zu empfehlen sei. Dann ziehen wir weiter die Straße hinunter. Weiter unten pflügt ein Bauer mit seinem Ochsengespann. 2656 Auf Bitten der Lehrerin soll uns ein Dorfbewohner zu einem bestimmten Hotel bringen. Der aber weicht von der Empfehlung ab und bringt uns zu dem ersten Hotel, welches wir beim Betreten des Dorfes durchwandert hatten. Damit sind wir nicht einverstanden und machen uns selbständig auf den Weg zum empfohlenen Quartier. Und in der Tat, es lohnt sich. Die sanitären Einrichtungen gefallen uns besser. Die Aussicht ist hervorragend. Das Zimmer spartanisch, aber wie immer sehr sauber. In jeder Hinsicht geben sich unsere Gastgeber große Mühe. Das Zimmer ist sogar mit einer Glühlampe ausgestattet, deren abenteuerliche Verdrahtung mich nachdenklich werden lässt. Leider gibt es nicht zu jeder Zeit Strom. Trotzdem hat unser Quartier etwas von einem potemkinschen Dorf. Die Fassade ist wunderschön verziert und aufwendig gestaltet. 2657 Die Trennwände zwischen den einzelnen Räumen, wie auch die Rückwand unseres Raumes bestehen hingegen aus einfachen Holzplatten. Tageslicht fällt durch die Ritzen in den Raum. 2658 Aber das stört uns nicht. Schnell haben wir uns einquartiert und da es noch nicht einmal Mittag ist, entschließen wir uns zur…

[break=Yubeng – Mystic Waterfall]

… Wanderung zu den heiligen Wasserfällen. Der Weg vor der Haustür führt hinab zum Bach, der sich hier einige Dutzend Meter tief in die alte, gegenüberliegende, gut sichtbare Flussterrasse eingefressen hat. Wir nehmen ein paar steile Abkürzungen und gelangen nach ca. 10 Minuten an eine kleine hölzerne Brücke, die hinüberführt. 2659 Hier unten umgehen wir diesseits und jenseits des Baches kleine Matschstellen. Ansonsten ist der Weg fest und trocken. Dann geht es wieder steil bergauf und über den Rand der Flussterrasse gelangen wir in das kleine Bauerndorf Lower Yubeng. Dicht beisammen liegen die einfachen Bauernhäuser am Rande eines ebenen Talbodens. Wir schlängeln uns durch ein paar kleine Gässlein und verlassen wenige Minuten später diese kleine Ansiedlung. Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Doch Stromdrähte und Sattelitenschüssel verraten etwas anderes. 2660 In der Ferne locken die schroffen Wände von Buddhas Head, im Dorf das Werbeschild vom Mystic Waterfall Hotel. Aqingbu ist sogar im WWW anzutreffen. Zeichen der Zeit. Wir ziehen vorbei, wohl wissend, dass wir bereits ein hervorragendes Quartier gefunden haben. Über eine winzige Holzbrücke gelangen wir auf den bewirtschafteten Talboden, passieren eine Stupa und wandern auf ein farbenprächtiges Gebäude zu, dessen Dach in der Sonne grell leuchtet. 2661 Am Wegesrand links und rechts geschlagenes Holz. Teilweise bereits zu langen, eleganten, vierkantigen Balken geschlagen. Weiße Fahnen an dürren Holzstangen säumen den Weg. Ein Haufen aufgeschichteter Mani-Steine lugt zwischen kleinen, grünen Büschen hervor. Im Hintergrund eingezwängt zwischen ein paar Balken und Brettern und angetrieben vom abgezweigten Wasser des Baches dreht eine kleine Gebetsmühle stetig ihre Runden. Fast hätten wir sie übersehen. Stehen wir doch kurz darauf vor einem alles dominierenden, im traditionellen Stil erbauten und bunt bemalten Gebäude, dessen Funktion sich mir nicht erschließt. Das ganze ist eingezäunt von einer
1 Meter hohen Natursteinmauer. Vor dem Eingang ein kleiner, karger Platz. Aufkeimende Vegetation verrät, dass dieser Ort nicht ständig genutzt wird. Dieses Gebäude konnten wir bereits von unserem Lager oberhalb des Nazongla Passes aus sehen. Vielleicht ist es ein Tempel. Vielleicht der Gemeindesaal der Dorfbewohner. Der von zwei roten Säulen getragene Zugang war verschlossen und so hielten wir uns nicht länger vor dem Eingang auf. Gleich hinter dem Gebäude stehen zwei mächtige Bäume Spalier. Einer toter links, ein grüner, lebender Baum rechts. Im Hintergrund grüßen die Berge. Der Weg ist breit. Fahrspuren deuten auf landwirtschaftliche Fahrzeuge hin. Ein paar weiße und blassblaue Gebetsfahnen sind über dem Weg aufgespannt. Geradewegs steuern wir im hinteren Teil des Talbodens auf den Waldrand zu. Er überrascht uns mit einem uralten Baumbestand entlang des Bachbettes. 2662 Aus einem aufgebrochenen, nach beiden Seiten weg gekippten Baumstamm, sprießt eine rotstämmige schlanke Birke empor. Mächtige Bäume tot und lebendig säumen den Weg, der sich immer wieder im Wald verliert. Epiphyten sitzen in den Ästen. Die Baumrinden voller Flechten und Moose. Das Unterholz weich und moosbedeckt. Felsbrocken erscheinen in grünem Gewand. Fügen sich harmonisch ein in diese Natur. 2663 Vereinzelt hängen an den Baumstämmen und kleinen Felswänden Steinchen. Gehalten von farbigen Wollfäden. Werk zahlloser Pilger. Plötzlich treten wir aus dem Wald auf eine vom Bach durchflossene Lichtung. Wir stehen da und staunen. Flusskiesel zu unzähligen kleinen Steinmännchen aufgeschichtet geben der Lichtung etwas Fernes, Unwirkliches. 2664 Wie viele Pilger haben hier ihr Werk verrichtet. Spätestens mit der nächsten Schneeschmelze wird der Bach die Pracht zerstören, wenn die Wassermassen über die flachen Ufer treten. Und im Frühjahr werden dann neue Steintürmchen aufgerichtet. Wir verlassen das Ufer des Baches. Es geht langsam bergauf. Der Weg ist an manchen Stellen ausgetreten, hohl. An anderen mit kleinen Felsplatten hergerichtet. Aber immer bestens sichtbar. Am Wegesrand Bäume mit meterdickem Umfang. 2665 Staunend blicke ich an ihnen empor. Irgendwo im Wald das hölzerne Skelett eines Shelters. Weiter oben wird der Wald lichter. Immer noch treffen wir auf Baumriesen. An einem Felsblock, der spärlichen Schutz unter einem kleinen winzigen Überhang bietet, entdecken wir unzählige Devotionalien: kleine Geldscheine, Münzen, farbige Wollfäden, kleine Perlenketten, Schlüssel, Filmdöschen, Visitenkärtchen, Knöpfe, Ringe …. Fromme Wunschperlen. Harmonisch eingefügt in einen blaugrünen Flechtenteppich auf schwarz verwittertem Fels. Vor einer buschigen Kuppe werden ein paar flache Holzhütten sichtbar.2666 Der Weg führt an ihnen vorbei und geradewegs in einen großen Felskessel hinein. Rechts oben am Berghang schmiegt sich ein reich verziertes steinernes Gebäude an die graue Felswand. 2667 Irgendwo an unserem Weg gibt es einen Abzweig dorthin. Im letzten Abschnitt steigt der Weg steil an. Es geht über gras bewachsenen Moränenschutt, der sich hier zu einem mächtigen Wall aufgehäuft hat. Der Weg ist jetzt sehr steil. Von den heiligen Wasserfällen ist noch nicht viel zu sehen. Schließlich gelangen wir zu einem kleinen Birkenwäldchen. Die Grasnarbe ist zertrampelt. Totholz liegt herum. Wohl eher Brennholz. Gebetsfahnen durchziehen in langen Reihen das Wäldchen und flattern in den Fallwinden des nahen Wasserfalls. 2668 Ein letzter Wall vielleicht 10 Meter hoch muss erklommen werden. Dann endlich haben wir Sicht auf das Felsenrund und die heiligen Wasserfälle. Die Schutt bedeckte graue Gletscherzunge wird von wenigen großen Spalten durchzogen. Auch hier reicht der Wald an den gegenüberliegenden Hängen noch ein Stück über das zu Tale fließende Eis hinaus. Aus großer Höhe stürzen die Wassermassen an mehreren Stellen zu Tal, zerfallen im Fluge vor schwarz glänzenden Felswänden zu sprühenden, ausgedehnten Gischtfahnen, die bis zu uns herüberreichen. Wir nähern uns auf einem Moränenwall diesen Wasserfällen. An seinem Endpunkt steht ein kleiner Schrein. Hier endet auch unser Weg. Gläubige nehmen an diesem Ort unter den Wasserfällen ihre rituellen Handlungen vor. Nach einer kurzen Rast machen wir uns auf den Rückweg und erreichen in weniger als zwei Stunden nach Einbruch der Dämmerung Lower Yubeng.

[B][break=Yubeng – NazonglaPass – Wequan – Deqin]

Der folgende Morgen wartete mit einem Wetterumschwung auf. Dräuend hingen Wolken über den beiden Talböden von Upper und Lower Yubeng. Zwar drang die Sonne gelegentlich durch die Wolkendecke in das Tal und spannte einen spektakulären Regenbogen auf. 2669 Aber eine letzte Wanderung zum Ice-Lake wäre eine Wanderung in die Wolken hinein geworden. Regen, Kälte, keine Aussicht. Wir kommen wieder. So entschließen wir uns zur Rückkehr nach Deqin. Schnell sind die Sachen gepackt. Nach dem Frühstück dauert es eine Weile, bis der Treiber mit seinem Maultier eintrifft. Er scheint nicht sehr motiviert und unerfahren. Gelingt es ihm doch nicht, unsere Rucksäcke vernünftig auf dem Tier zu befestigen. Erst als eine andere Frau hinzukommt klappt es. So ziehen wir los. Wir nehmen denselben Weg über den Nazongla Pass, auf dem wir auch in das Tal gekommen sind. Es geht langsam voran. Zu langsam. Und so übernehme ich die Führung. Eile dem Maultier voran und erreiche 15 Minuten früher den Pass. Lachende Gesichter empfangen mich als ich mich zu einem Glas Tee und gekochten Eiern niederlasse. Man erkennt uns wieder. Wie schon die ersten Male so herrscht auch diesmal eine ausgelassene Stimmung. Ein paar Einheimische spielen Pool Billard. Touristen suchen in den Wolken vergeblich nach den Gipfeln, deren Pracht wir in den vergangenen Tagen so sehr genießen konnten. Die üblichen Fragen werden beantwortet und nach 45 Minuten Rast und einem Tausch von Maultier und Treiber geht es bergab. Noch einmal passieren wir Stationen, an denen wir vor Tagen weilten. Noch einmal begegnen uns diese Karawanen mit klingelnden, bepackten Lasttieren. Noch einmal grüßen Touristen aus den Sätteln. Und ein letztes Mal begegnen uns Bauern, die ihr Vieh auf diesem Weg über den Pass bringen. Wir genießen den Abstieg, der sich recht zügig gestaltet. Unser jugendlicher Treiber, hoch motiviert eilt schnellen Schrittes voran. Ein Maultier, beladen mit 8 zusammengerollten Matratzen zwingt uns, den Weg kurz verlassen, zu einer kleinen Verschnaufpause. Und wieder fällt uns dieser wunderbare Wald mit seinen mächtigen Stämmen auf. Ein letztes Mal kehren wir ein in das Easy Teahouse, nehmen Platz in der kleinen, gemütlichen Gaststube. Ein letzter Yak-Butter-Tee. Das letzte Stück des Weges ist schnell bewältigt. Kurz vor Wenquan fällte ein alter, aufgelassener Ziegelofen am Wegrand auf 2670 wie er noch heute andernorts in Yunnan verwendet wird. 2671. Von Wenquan bringt uns ein Taxi am späten Nachmittag zurück nach Deqin, wo wir unser Quartier in einem kleinen Hotel nahe der Busstation beziehen. 2672 2673

[break=Nachwort]

Sinn dieser Reise war, vor Ort zu erkunden, wie die Voraussetzungen für eine Durchführung der großen Kora sind. Über das Internet ließen sich nur wenige Erfahrungsberichte finden. Und in diesen wurde überwiegend und unisono erklärt, dass es sich um schwere Bergtouren handelt, dass die Wege nur schwer zu finden und wegen des immensen Morastes kaum zu begehen sind, das man zumindest beim ersten Mal einen Guide nehmen sollte und das es ohnehin sehr schwierig sein sollte, dieses Gebiet überhaupt zu bereisen.

Letztlich stellten wir vor Ort fest:
Die Ortschaften Sainang, Melang, Xardang sind von Deqin aus mit dem Auto/Bus zu erreichen. Die Haupt-Wanderwege
vom Ort Melang zum Mingyong Gletscher,
von Melang nach Xardang
von Xardang über Nazongla Pass nach Yubeng
sind gut sichtbar und gut zu begehen. Am ehesten sind sie zu vergleichen mit alpinen Mulatieras. Lediglich die Querverbindung von Melang nach Xardang weist zwei bis drei kleine Problemstellen auf. Dafür verläuft sie mehr oder weniger waagerecht vermutlich einem alten, künstlichen Wasserlauf folgend. Verlaufen kann man sich auf diesen Wegen nicht. Zwischen Xardang und Yubeng gibt es etliche Versorgungsstellen, an denen man sich mit Mineralwasser, Cola, Sprudel Kaffee Tee, Nudelsuppen, Keksen, Eiern usw. versorgen kann. Die Preise sind für unsere Verhältnisse mehr als niedrig. Ein Verkaufsstand in Yubeng wies auf einer kleinen Tafel auf seine Funktion hin: Pilgrims Embarkment. Die Quartiere entlang dieser Strecken, soweit wir sie in Augenschein nehmen oder gar beziehen konnten, sind nach unserem Standard schlicht. Trotzdem - ist man auf einen Standard Room aus - bekommt man durchweg akzeptable, saubere Zimmer. Die Bettwäsche wurde immer er bei der Ankunft ausgegeben. Fast alle Gastgeber versuchen, fließend warm und kalt Wasser (Dusche) bereitzuhalten. Die heimische Kost in den unterschiedlichen Quartieren war stets gut. Und die Einheimischen sind überall bemüht, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Auf der Wanderung kann man eigentlich nicht verhungern, da zumindest an den Knotenpunkten der Hauptrouten kleine Läden mit einem bescheidenen Angebot eingerichtet sind. Der Transport mit lokalen Taxis klappt reibungslos. Nur einmal war die Wartezeiten mit 3 Stunden über den Abholungszeitpunkt hinaus zu lang.

Das Kartenmaterial ist nicht auf dem neuesten Stand. Selbst die aktuell scheinende Karte:

Kawagarbo, The Map Of Snow Mountains in China, Published by Xi’an Cartographic Publishing House, First Edition and Impression by August 2001, ISBN 7-80545-148-6/K‧148

ist nicht aktuell. Trotzdem ist sie sehr hilfreich und weitaus besser als die 100.000 Karten aus der russischen Serie aus den 40er Jahren. Leider hat sie kein Gitternetz, was bei der Übertragung von GPS Daten von großem Nachteil ist. Auf dieser Karte ist nur die kleine Kora komplett drauf. Wer die große Kora gehen will kann diese Karte nur zum Teil verwenden. Der gesamte westliche Teil der Kora verläuft außerhalb des Kartenblattes. Bei meinen Recherchen habe ich bisher keine detaillierten, chinesischen Wanderkarten finden können, die unserem gewohnten Standard entsprechen. Weder in Kunming, Zhongdian noch in Lijiang.

Es gibt in diesem Gebiet neben den o. g. „Hauptwanderwegen“, eine Vielzahl weiterer Wege, die von den Einheimischen auch heute noch genutzt werden, die aber auf den von uns verwendeten Karten (s. o.) nicht eingetragen sind. Die Erkundung dieser Wege dürfte jedem Wanderer außerordentlich viel Freude bereiten. Führen sie doch zu ungeahnten Schönheiten in dieser grandiosen Landschaft.

Die in diesem Bericht verwendeten geografischen Namen sind zum Teil der Karte: „Kawagarbo, The Map Of Snow Mountains in China“ entnommen. Andere Namen werden in diversen im Netz stehenden Routenbeschreibungen verschiedenster Veranstalter erwähnt. Es empfiehlt sich im Internet unter weiteren Suchbegriffen nach Informationen zu suchen: Als kleine Auswahl soll gelten:

Kawa Garbo (auch zusammengeschrieben)
Kawa Gebo (auch zusammengeschrieben)
Kawa Karpo (auch zusammengeschrieben)
Mt. Mainri
Yulong Mountains
Snowy Mountains etc